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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreiundvierzigstes Kapitel.

Noch einmal Gott und Teufel.

Sie hörten in Raynham, daß Richard kommen würde. Lucy erhielt die Nachricht zuerst durch Ripton Thompson, der ihn in Bonn getroffen hatte. Ripton schrieb nicht, daß er seinen Urlaub absichtlich dazu benutzt hätte, um sich zu bemühen, seinen lieben Freund zur Rückkehr zu seiner Frau zu bewegen. Als er Richard schon auf dem Heimwege fand, hatte ihm Ripton natürlich nichts gesagt, sondern vorgegeben, nur auf einer Vergnügungsreise zu sein, wie jeder beliebige Londoner. Richard schrieb auch an sie. Für den Fall, daß sie an die See gegangen sein sollte, bat er sie, ihm Nachricht nach seinem Hotel zu schicken, damit er keine Stunde verlöre. Sein Brief war ruhig im Ton, unendlich süß für sie. Von ihrer treuen Berry unterstützt, kämpfte sie einen siegreichen Kampf mit dem Aphoristen.

»Die Vernunft der Frauen liegt in der Milch ihrer Brüste,« war eine seiner flüchtigen Notizen, die durch die Beobachtung von Lucys mütterlicher Sorgfalt hervorgerufen wurde. »Vergessen wir deshalb nicht, wir Männer, die wir reichlich davon getrunken haben, daß sie sie besitzen.«

Mrs. Berry teilte ihm pflichteifrig mit, wie frühe schon des kleinen Richard Erziehung angefangen hätte, und was für ein großer Historiker er infolgedessen in der Zukunft sein würde. Dieser Zug in Lucys Charakter war ganz allein genügend, um Sir Austin zu gewinnen.

»Darin war mein Plan mit Richard falsch,« überlegte 636 er, »daß ich annahm, daß irgend etwas außer dem blinden Zufall ihm die Gefährtin bringen würde, deren er bedurfte.« Später kam er so weit, hinzuzufügen, »und die er erlangt hat.«

Es war ihm jetzt möglich, zuzugestehen, daß hierin der Instinkt die Wissenschaft geschlagen hätte; denn da Richard jetzt zurückkam, da nun alle glücklich werden sollten, umfaßte seine Weisheit sie alle väterlich und er fühlte sich als den Urheber ihres Glückes. Zwischen ihm und Lucy entwickelte sich eine zarte Vertrautheit.

»Ich sagte dir schon, daß sie zu reden versteht, Onkel,« sagte Adrian.

»Sie denkt,« sagte der Baron.

Die zarte Frage, wie sie sich ihrem Onkel gegenüber zu benehmen hätte, ordnete er großmütig. Farmer Blaize sollte so oft nach Raynham kommen, wie er wollte. Lucy mußte ihn wenigstens dreimal wöchentlich besuchen.

Er hatte Farmer Blaize und Mrs. Berry zu studieren, und wirklich vortreffliche Aphorismen entsprangen von der einfach menschlichen Basis, auf der diese beiden Naturmenschen standen.

»Es wird uns nicht schaden,« dachte er, »wenn etwas von dem ehrlichen Blut der Landbewohner in unsern Adern fließt.« Und er fühlte sich zufrieden, wenn er über die Verwandtschaft des kleinen Knaben in der Wiege nachsann. Für diejenigen, die Zutritt zu der Bibliothek hatten, wurde es ein gewohnter Anblick, daß der Baron die Hand seiner Schwiegertochter zärtlich in der seinen hielt.

Nun kreuzte Richard schon das Wasser und mit den fortschreitenden Minuten schlugen die Herzen in Raynham in schnellerem Tempo. Heute Abend würde er bei ihnen sein. Sir Austin küßte Lucy länger und herzlicher, als sie an diesem Morgen zum Frühstück herunterkam. Mrs. Berry war verliebter als je. »Es ist Ihre zweite 637 Hochzeit, Sie süße, lebende Witwe!« sagte sie. »Gott sei Dank! es ist auch derselbe Mann. Und hinter dem Bettpfosten noch ein Kind obendrein,« fügte sie ernsthaft hinzu.

»Sonderbar ist es,« erklärte Berry, »sonderbar, ich fühle jetzt gar nicht so was für meinen Berry. Alle meine Gefühle für Liebe scheinen in Sie zwei süße Kinderchen übergegangen zu sein.«

Der treulose Berry beklagte sich, daß er schlecht behandelt würde, und stellte sich, als wenn er schrecklich eifersüchtig auf den Kleinen wäre; aber die gute Frau erklärte ihm, daß, wenn er überhaupt litte, er nur das erduldete, was ihm zukäme. Berrys Stellung war entschieden unbehaglich. Es konnte dem niedern Haushalte nicht verborgen bleiben, daß er eine Frau im Hause habe, und für die Verwicklungen, die entstanden, wollte ihn seine Frau nicht so trösten, wie es ihre Pflicht gewesen wäre. Lucy suchte zu vermittele, aber Mrs. Berry war eigensinnig. Sie behauptete, daß sie den Kleinen nicht verlassen wollte, so lange er nicht entwöhnt war. »Dann vielleicht,« sagte sie mit einem Blick in die Zukunft, »Sie sehen, ich bin nicht so gutmütig, wie Sie gedacht haben.«

»Sie sind eine sehr unfreundliche, rachsüchtige alte Frau,« sagte Lucy.

»Vielleicht bin ich das,« gab Mrs. Berry mit Stolz zu. Es gefällt uns dann und wann neue Charaktereigenschaften zu zeigen. Berry war zu lange fern geblieben.

Wüßte man nicht, daß die prüden, sittenstrengen Leute es nicht wagen, auf die natürlich Keuschen zu hören, so könnte man hier verschiedene Dinge mitteilen, welche Mrs. Berry für richtig hielt der jungen Frau zu erzählen in betreff von Berrys Untreue und der Nachsicht, die Frauen mit sündigen Männern haben sollten. Genug, daß sie es für angebracht hielt, den Gegenstand zur Sprache zu bringen und ihre eignen christlichen Gefühle 638 zu erwähnen, jetzt, da sie in gewisser Beziehung gleichgültiger geworden war.

Glatte Ruhe liegt auf dem Meere. In Raynham blicken sie nach dem Himmel und berechnen, daß Richard mit günstigem Winde herüber kommt. Er kommt, um sich seinem Lieb auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Lucys Licht erstrahlt über Wald und See, über Sturm und Frieden – demütig naht sich ihr der Held. Bedeutungsvoll ist der Tag, an dem wir unsere Torheit erkennen! Ripton und er waren vertraut mit einander, wie in alten Zeiten. Richard ermutigte ihn dazu, immer von neuem über die beiden zu sprechen, über die er beredt werden konnte, und Ripton, der sich im geheimen etwas auf die Kraft seiner Rede einbildete, wurde niemals müde, Lucys Tugenden aufzuzählen und die besonderen Eigenschaften des Kleinen.

»Sie hat nichts gegen mich gesagt, Rip?«

»Gegen dich, Richard! Von dem Augenblick, in dem sie wußte, daß sie Mutter werden sollte, dachte sie an nichts, als an ihre Pflicht gegen das Kind. Sie gehört zu denen, die nicht an sich selbst denken können.«

»Du hast sie in Raynham besucht, Rip?«

»Ja, einmal. Sie luden mich ein. Und dein Vaters hat sie so gern, ich bin überzeugt, er glaubt, daß keine andere Frau ihr gleichkommt, und darin hat er recht. Sie ist so schön, so gut.«

Richard war zu sehr von Selbstanklagen erfüllt, als daß er seinen Vater anklagen konnte: er war zu sehr Engländer, um seine Gefühle zu zeigen. Ripton erriet aus seiner ganzen Art, wie tief sie waren, und wie er sich geändert hatte. Er hatte das Heldenhafte von sich abgetan, und wie sehr Ripton auch in den herrischen Zeiten ihm gehorcht und zu ihm aufgeblickt hatte, er liebte ihn jetzt zehnmal mehr. Er erzählte seinem Freunde, wie viel 639 Lucys einfache weibliche Anmut und Vortrefflichkeit für ihn getan hätten, und Richard verglich sein eignes, zweckloses Umherschweifen mit der geduldigen Schönheit seines Engels in der Heimat. Er war nicht der Mann, der wieder eins mit ihr werden wollte auf die leichten Bedingungen hin, die ihm geboten wurden. Bei dem bloßen Gedanken an das was er durchzumachen hatte brannten seine Wangen. Aber er wollte es durchmachen, selbst wenn sie ihm dadurch verloren gehen sollte. Nur sie sehen und vor ihr knien dürfen, diese Aussicht war Glück genug, um ihn aufrecht zu erhalten und sein Blut zu erwärmen. Schon sahen sie die weißen Kuppen aus dem Wasser emporwachsen. Als sie näher kamen, glühten sie in der Sonne. Häuser und Menschen schienen den wilden Jüngling zu begrüßen und zu Einfachheit, Natürlichkeit und Heimat zurückzuführen.

Zur Mittagszeit waren sie in der Stadt. Richard dachte einen Augenblick daran, nicht im Hotel anzusprechen. um nach Briefen zu fragen. Nach kurzer Überlegung beschloß er doch, es zu tun. Der Portier sagte, er hätte zwei Briefe für Mr. Richard Feverel – einer hätte schon längere Zeit gewartet. Er gingen den Kasten und holte sie. Der erste, den Richard öffnete, war von Lucy, und Ripton beobachtete, wie sich die Farbe in seinem Gesichte verdunkelte, als er ihn las, während ein zitterndes Lächeln um seinen Mund spielte. Gleichgültig öffnete er den andern. Er fing ohne eine Anrede an. Richards Stirn verdüsterte sich, als er die Unterschrift las. Der Brief war in einer schrägen Damenhand und voller Schnörkel, wie ein in Ähren stehendes Gerstenfeld. Er lautete wie folgt:

»Ich weiß, daß Du mir zürnst, weil ich nicht einwilligen wollte, Dich zu ruinieren, Du törichter Junge. Wie nennst du es? Nach dem häßlichen Ort sollen wir 640 zusammengehen. Ich danke, meine Putzmacherin ist noch nicht fertig, und ich will gut aussehen, wenn ich überhaupt dahin gehe. Eines Tages werde ich es wohl tun müssen. Auf Deine Gesundheit, Sir Richard! Nun laß mich ernsthaft mit Dir reden. Gehe sofort nach Hause zu Deiner Frau. Aber ich weiß, was Du für ein Bursche bist, und ich muß ganz offen mit dir sein. Habe ich Dir jemals gesagt, daß ich Dich liebe? Du magst mich hassen, so viel Du willst, aber ich will Dich davor bewahren, ein Narr zu sein. Nun höre mal zu. Du kennst meine Beziehungen zu Mount. Das Biest von Brayder bot mir an, alle meine Schulden zu bezahlen und mich wieder flott zu machen, wenn ich Dich in der Stadt zurückhielte. Ich erkläre auf Ehre, daß ich keine Ahnung hatte, weshalb, und ich verpflichtete mich zu nichts. Aber Du warst solch ein schöner Junge – Du warst mir schon im Park aufgefallen, ehe ich noch ein Wort von Dir gehört hatte. Und dann warst Du so schüchtern, Du warst grade so verführerisch wie ein junges Mädchen. Du reiztest mich. Weißt Du, was das bedeutet? Ich wollte Dich dahin bringen, daß Du Dir etwas aus mir machtest, und wir wissen, wie es endete, ohne meine Absicht, schwöre ich. Ich hätte mir lieber die Hand abgeschnitten, als Dir irgend ein Leid zugefügt, auf Ehre. Die Umstände! Dann sah ich, daß alles zwischen uns aus war. Brayder kam und fing an, über Dich zu spotten. Ich schlug ihn mit der Reitpeitsche ins Gesicht und brachte ihn schnell genug zum schweigen. Denkst Du, ich würde irgend einem Mann gestatten, über Dich zu sprechen? – Ich hätte beinahe geflucht. Du siehst, ich habe Dicks Lehren nicht vergessen. Ach mein Gott! ich bin unglücklich. – Brayder bot mir Geld an. Geh und bilde Dir, wenn Du willst, ein, ich hätte es genommen. 641 Was mache ich mir daraus, was irgend ein Mensch denkt! Etwas in dem, was der Schurke sagte, erregte meinen Argwohn. Ich reiste nach der Insel Wight, wo Mount war, und Deine Frau war gerade abgereist, mit einer alten Dame, die gekommen war, um sie abzuholen. Ich hätte sie so gerne gesehen. Du sagtest, wie Du Dich erinnern wirst, daß sie mich wie eine Schwester aufnehmen und behandeln würde, – damals lachte ich darüber. Mein Gott, jetzt könnte ich weinen, wenn Wasser einem Teufel helfen könnte, wie du mich Arme höflicherweise genannt hast. Ich sprach an Deinem Hause vor und sprach Deinen Diener, der mir sagte, daß Mount grade dagewesen wäre. Sofort fiel es mir auf. Ich war überzeugt davon, daß Mount hinter einer Frau her war, aber es war mir niemals eingefallen, daß diese Frau Deine Frau sein könnte. Nun verstand ich, warum sie wollten, daß ich Dich fern hielte. Ich ging zu Brayder, Du weißt, wie ich ihn hasse. Ich tat schön mit dem Mann, um es aus ihm heraus zu bekommen. Richard! auf Ehrenwort, sie hatten den Plan gemacht, sie fort zu bringen, wenn es Mount nicht gelingen sollte, sie zu verführen. Wir sprechen von Teufeln! Er ist einer; aber er ist nicht so schlimm wie Brayder. Ich kann einem gemeinen Hunde seine Schurkerei nicht vergeben.

Nach alle diesem bin ich überzeugt, bist Du Mann genug, nicht einen Augenblick länger von ihr fern zu bleiben. Ich vermute, wir werden uns nicht wiedersehen, daher lebe wohl, Dick! Ich stelle mir vor, wie Du mich verfluchst. Warum kannst Du nicht darüber denken, wie andere Männer? Aber wenn Du wie die übrigen gewesen wärest, hätte ich mir nichts aus Dir gemacht. Seit ich Dich zuletzt gesehen habe, habe ich kein lila Kleid mehr getragen. Ich werde mich in Deiner 642 Farbe begraben lassen, Dick. Das kann Dich doch nicht beleidigen – nicht wahr?

Du wirst doch nicht glauben, daß ich das Geld genommen habe? Wenn ich denke, daß Du das denken könntest – ich werde zum Teufel, wenn ich mir nur vorstelle, daß Du das denken könntest.

Das erste Mal, wenn du Brayder triffst, prügele ihn öffentlich.

Adieu! Sage ihm nur, Du tätest es, weil sein Gesicht Dir nicht gefiele. Ich glaube, Teufel dürfen sich nicht Adieu! sagen. Deshalb also ein einfaches Lebewohl zwischen Dir und mir. Lebe wohl, lieber Dick! Du wirst das nicht von mir denken?

Ich will lieber trocknes Brot essen, bis zu meinem letzten Lebenstage, als jemals einen Pfennig von ihrem Gelde annehmen.

Bella.«

Richard faltete den Brief schweigend zusammen.

»Springe in einen Wagen,« sagte er zu Ripton.

»Ist irgend etwas los, Richard?«

»Nein.«

Der Kutscher erhielt seine Weisung. Richard saß, ohne ein Wort zu sprechen. Sein Freund kannte diesen Ausdruck in seinem Gesicht. Er fragte, ob der Brief schlechte Nachrichten enthalten hätte. Zur Anwort erhielt er die den Umständen angepaßte Lüge. Er wagte zu bemerken, daß sie nach der falschen Richtung führen.

»Es ist richtig so,« sagte Richard, sein Mund war fest geschlossen, seine Augen hatten einen tiefen, harten Ausdruck.

Ripton sagte nichts weiter, machte sich aber seine eignen Gedanken.

Der Kutscher hielt vor einem Klubhause. Ein Herr, in welchem Ripton den ehrenwerten Peter Brayder 643 erkannte, war grade im Begriff sich auf sein Pferd zu schwingen, mit einem Fuß im Steigbügel. Er hörte sich angerufen, drehte sich um und streckte liebenswürdig seine Hand aus.

»Ist Mountfalcon in der Stadt?« sagte Richard und faßte die Zügel des Pferdes statt der Hand des Herrn. Stimme und Ausdruck waren ganz freundlich.

»Mount?« erwiderte Brayder und beobachtete neugierig Richards Bewegungen; »ja. Er reist heute Abend.«

»Er ist allein in der Stadt?« Richard ließ das Pferd los. »Ich muß ihn sprechen. Wo ist er?«

Der junge Mann sah liebenswürdig aus; das, was Brayders Verdacht hätte erwecken können, war in seinem Parasiten-Register schon eine alte abgetane Sache. »Sie wollen ihn sprechen? Worüber?« sagte er sorglos und gab ihm die Adresse.

»Übrigens,« rief er, »wir dachten daran, Ihren Namen auf die Liste zu setzen, Feverel.« Er zeigte auf das stolze Gebäude, »Was meinen Sie dazu?«

Richard nickte ihm zu und rief dem Kutscher zu, sich zu beeilen. Brayder erwiderte den Gruß, und die Spaziergänger sahen bald darauf seinen Körper in eleganter Bewegung auf dem Rücken seines wohlverdienten Pferdes.

»Was hast du mit Lord Mountfalcon zu reden, Richard?« sagte Ripton.

»Ich möchte ihn nur einen Augenblick sprechen,« erwiderte Richard.

Ripton wurde im Wagen gelassen, vor der Tür von Lord Mountfalcons Haus. Er hatte ungefähr zehn Minuten gewartet, als Richard zurückkam, mit einem klaren Ausdruck, obgleich etwas erhitzt. Er stand am Wagen, und Ripton fühlte, daß die ausdrucksvollen, grauen Augen ihn scharf prüften. So deutlich, als wenn es in Worten ausgedrückt worden wäre, verstand er es, daß sie sagten: 644 »Du genügst nicht,« aber welchem von allen denkbaren Zwecken er nicht genügte, konnte er sich nicht vorstellen.

»Fahre nach Raynham, Ripton. Sage, ich käme bestimmt heute abend. Quäle mich nicht mit Fragen. Fahre gleich – oder warte. Nimm dir einen andern Wagen. Ich werde diesen benutzen.«

Ripton wurde hinausgesetzt und fand sich allein auf der Straße. Grade, als er im Begriff war, dem galoppierenden Droschkenpferde nachzustürzen, um ein Wort der Erklärung zu erhalten, hörte er, daß ihn jemand anredete.

»Sie sind Feverels Freund?«

Ripton verstand sich auf Lords. Ein bezaubernder Lakai, der vor der offenen Tür von Lord Mountfalcons Hause stand, und der Herr auf der Schwelle belehrten ihn, daß er von dem vornehmen Herrn selbst angeredet wurde. Er wurde gebeten, einzutreten. Als sie allein waren, sagte Lord Mountfalcon leicht erregt: »Feverel hat mich gröblich beleidigt. Ich muß mich ihm natürlich stellen. Es ist eine verflucht törichte Sache! – Ich nehme an, daß er nicht ganz verrückt ist?«

Riptons einzige deutliche Antwort darauf, war der entsetzte Ausruf: »Mein Lord!«

Lord Mountfalcon fuhr fort: »So viel ich weiß, habe ich ihn in keiner Weise beleidigt! Ich hatte ihn im Gegenteil gerne. Neigt er zu ähnlichen Anfällen?«

Da Ripton noch immer nicht wußte, was er dazu sagen sollte, stammelte er nur: »Anfälle, mein Lord?«

»Ach,« fuhr der andere fort und sah Ripton in vornehm überlegener Weise an. »Vielleicht wissen Sie von der ganzen Angelegenheit nichts?«

Ripton sagte, daß er nichts wüßte.

»Haben Sie irgend welchen Einfluß auf ihn?«

»Nicht viel, mein Herr. Nur dann und wann – ein wenig.«

645 »Sie sind nicht in der Armee?«

Die Frage war ganz überflüssig. Ripton gestand, daß er Jurist wäre, und der Lord zeigte keine Überraschung.

»Ich will Sie nicht länger aufhalten,« sagte er mit einer förmlichen Verbeugung.

Ripton erwiderte dieselbe auf bürgerliche Art; aber auf dem Wege zur Türe wurde ihm der Sinn der Angelegenheit klar.

»Handelt es sich um ein Duell, mein Herr?«

»Wir können es nicht vermeiden, wenn ihn seine Freunde nicht bis morgen früh in ein Irrenhaus einsperren.«

Von allen schrecklichen Dingen war in Riptons Vorstellung ein Duell das schrecklichste. Er stand und hielt den Griff der Türe und überdachte im Geiste dies neue Kapitel von Unglück, das sich plötzlich eröffnete, wo nun alles so glückverheißend aussah.

»Ein Duell! aber er wird nicht – er darf nicht fechten, mein Herr!«

»Er muß auf dem Kampfplatz erscheinen,« sagte Lord Mountfalcon. »Ich bin von meiner Gewohnheit abgewichen, indem ich mit Ihnen gesprochen habe, mein Herr. Ich sah Sie vom Fenster. Ihr Freund ist verrückt. Verflucht überlegt in seinem Handeln, gebe ich zu, aber doch verrückt. Ich habe besondere Gründe, weshalb ich wünsche, dem jungen Manne nicht zu schaden, und wenn man ihn zu einer Abbitte bewegen könnte, sobald wir zusammentreffen, so werde ich sie annehmen, und wir können den verdammten Skandal womöglich verhindern. Verstehen Sie? Ich bin der beleidigte Teil und ich werde von ihm nur verlangen, daß er förmliche Worte der Entschuldigung sagt, um zu einem freundschaftlichen Übereinkommen zu gelangen. Lassen Sie ihn nur sein Bedauern aussprechen. Im übrigen, mein Herr,« der Edelmann 646 sprach sehr ernst, »sollte irgend etwas passieren, ich habe die Ehre mit Mrs. Feverel bekannt zu sein – dann bitte ich Sie, sie zu benachrichtigen. Ich wünsche ausdrücklich, daß Sie sie davon unterrichten, daß mich kein Vorwurf träfe.«

Mountfalcon klingelte und verbeugte sich.

Und mit diesem Druck seiner Seele eilte Ripton zu denen, die mit freudigem Vertrauen in Raynham warteten.

 

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