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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundvierzigstes Kapitel.

Austin kehrt zurück.

Es war im hellen Mittagsglanz von Piccadilly, als ein Mann mit einem Barte den weisen Jüngling Adrian durch einen Schlag auf die Schulter begrüßte. Adrian blickte sich gemächlich um.

»Willst du meine Nerven auf die Probe stellen, alter Junge? Glücklicherweise bin ich kein moderner Mann, sonst würdest du mein Nervensystem erschüttert haben. Wie geht es dir?«

Das war sein Willkommen für Austin Wentworth nach seiner langen Abwesenheit.

Austin nahm seinen Arm und fragte, was es Neues gäbe, mit dem Hunger eines Mannes, der fünf Jahre in der Wildnis gelebt hat.

»Die Whigs haben ihren Geist aufgegeben, mein lieber Austin. Das freie England soll die Perle der Freiheit, die geheime Wahl, erhalten.

»Die Monarchie und alter Madeira sterben aus; die Volksherrschaft und Kapweine bürgern sich ein. Man nennt es Reform. Du siehst also, deine Abwesenheit hat Wunder gewirkt. Verreise noch einmal für fünf Jahre und du findest bei deiner Rückkehr verdorbene Mägen, verdrehte Köpfe, einen vollständigen Umsturz und eine Gleichheit, die durch den allgemeinen Zusammenbruch vollkommen geworden ist.«

Austin lachte gutmütig. »Ich möchte von der Familie hören. Wie geht's dem alten Ricky?«

»Du weißt von seiner – wie nennt man's doch, wenn grüne Jungen die Erlaubnis erhalten, in die Milcheimer 606 der Bauernmädchen zu springen? – sie ist übrigens eine charmante kleine Frau – durchaus präsentabel! Ganz des alten Anacreons Milch und Rosen. Ja, also! Jedermann meinte, das System müßte daran sterben. Durchaus nicht. Es fuhr fort, trotz alledem zu blühen. Jetzt hat es indessen die Schwindsucht bekommen – abgezehrt, mager, kahl, geisterhaft! Ich bin heute morgen aus Raynham geflohen, um seinen Anblick zu vermeiden. Ich begleitete unsern fröhlichen Onkel Hippias zur Stadt – ein bezaubernder Gefährte! Ich sage zu ihm: ›Wir haben einen schönen Frühling!‹ ›Pah!‹ antwortet er, ›es kommt eine Zeit, wo es einem so vorkommt, als ob auch der Frühling alt geworden wäre!‹ Du hättest hören sollen, wie er das Wort alt in die Länge zog. Ich fühlte einen Verfall meiner Kräfte nur beim Anhören. In dem Wettkampf des Lebens, mein lieber Austin, ist unser Onkel Hippias unterhalb des Gürtels verletzt worden. Wir wollen uns davor hüten und unser Mittagessen bestellen gehen.«

»Aber wo ist Ricky jetzt, und was tut er?« fragte Austin.

»Frage lieber, was er getan hat? Der wunderbare Junge hat ein Kind!«

»Ein Kind? Richard hat eins?« Austins klare Augen glänzten vor Freude.

»Das ist unter deinen tropischen Wilden wohl nicht gebräuchlich? Er hat eins und eins so groß, wie zwei. Das war das Totensignal für das System. Es rechtfertigte die Heirat – das Kind war zu mächtig für das System. Wenn es das Kind verschlucken könnte, würde es weiter leben. Sie – die wunderbare Frau hat einen prächtigen Jungen geboren. Ich versichere dich, es ist ganz amüsant zu sehen, wie das System jede Stunde des Tages den Mund aufsperrt und versucht, ihn 607 herunterzuschlucken, da es sich bewußt ist, daß das eine endgültige Kur oder eine glückliche Befreiung sein würde.«

Allmählich erfuhr Austin von den Taten des Barons und lächelte traurig.

»Wie hat sich Ricky entwickelt?« fragte er, »wie ist sein Charakter?«

»Der arme Junge ist durch die übertriebene Sorge darum ruiniert. Charakter? Er hat den Charakter einer Flintenkugel mit einer dreifachen Ladung Pulver dahinter. Enthusiasmus ist das Pulver. Der Junge könnte sich für Jugendtage der Ops begeistern! Er wollte die Welt reformieren, nach deiner Art, Austin – du trägst etwas die Verantwortung. Unglücklicherweise fing er mit der weiblichen Hälfte an. Cupido, der stolz darauf war, daß Phöbus geschlagen werden sollte, oder vielleicht Pluto, der sein Königreich bevölkern wollte, setzte es einem dieser schuldlosen, dankbaren Geschöpfe in den sanften Kopf, ihn für sein gutes Werk zu küssen. Oh, Schrecken! das hätte er niemals erwartet. Stelle dir das verkörperte System vor, und du hast unsern Richard. Die Folge ist, daß dieser männliche Peri sich weigert, sein Paradies zu betreten, obgleich sich die Pforten für ihn öffnen, die Trompeten blasen und die schöne Unbefleckte ihn drinnen mit ihren Früchten erwartet. Wir hören, daß er jetzt die deutschen Heilquellen versucht, um sich vorzubereiten, die Befreiung Italiens von der Unterdrückung der Teutonen zu unternehmen. Wir wollen hoffen, daß sie ihn rein waschen mögen. Er ist in der Gesellschaft von Lady Felle – deiner alten Freundin, der glühenden Radikalin, die den altersschwachen Lord heiratete, um ihre Prinzipien ausführen zu können. Sie heiraten immer englische Lords oder ausländische Prinzen. Ich bewundere ihre Taktik.«

Judith ist keine gute Gesellschaft für ihn in diesem 608 Zustande. »Ich habe sie gern, aber sie war immer zu sentimental,« sagte Austin.

»Ihre Sentimentalität veranlaßte sie, glaube ich, dazu den alten Lord zu heiraten. Sentimentale Leute leben sicherlich lange und sterben fett. Gefühl schlägt uns tot, Vetter. Sentimentalität umschmeichelt unser Dasein; eine sanfte Blume und er oder sie, wer sie auch trägt, ist zu beneiden. Ich wünschte, ich hätte mehr davon!«

»Du hast dich nicht sehr verändert, Adrian.«

»Ich bin kein Radikaler, Austin.«

Durch weitere Fragen, die Adrian in seiner bilderreichen Sprache beantwortete, erfuhr Austin, daß der Baron in der Stellung einer Statue beleidigten Vater-Gefühls auf seinen Sohn wartete, ehe er seine Schwiegertochter und seinen Enkelsohn empfangen wollte. Das war es, was Adrian meinte, wenn er von den Anstrengungen des Systems sprach, das Kind herunterzuschlucken.

»Wir befinden uns in einer Verwicklung,« sagte der weise Jüngling. »Die Zeit wird uns daraus erlösen, hoffe ich, oder wozu wäre die ehrwürdige Dame sonst gut?«

Austin sann einige Minuten nach, dann fragte er, wo Lucy wohne.

»Wir wollen später zu ihr gehen,« sagte Adrian.

»Ich werde jetzt gleich zu ihr gehen,« sagte Austin.

»Ja wir wollen doch aber erst unser Essen bestellen, Vetter.«

»Gib mir ihre Adresse.«

»Wirklich, Austin, du bist zu unzivilisiert,« wandte Adrian ein. »Ist es dir denn ganz gleichgültig, was du zu essen bekommst?« rief er mit heiserer Stimme, mit einem humoristisch gekränkten Gesicht. »Ich glaube wirklich, es ist dir gleich. Eine Scheibe von dem, was grade bereit ist – sauce du ciel –! Geh und nähre dich 609 dem Kinde, du Kannibale. Das Diner ist um sieben.«

Adrian gab ihm seine eigne und Lucys Adresse und schlenderte weiter zu der angenehmeren Beschäftigung.

Am Abend vorher hatte Mrs. Berry aus ihrer Teetasse einen Fremdling geweissagt, der nach allen Anzeichen entschieden am nächsten Tage kommen würde. Sie hatte ihn wieder vergessen, denn sie hatte sehr viele Pflichten zu erfüllen und ihre Gedanken waren durch den unvergleichlichen Fremdling, mit dem Lucy die Welt beschenkt hatte, ganz in Anspruch genommen. Da hörte sie ein Klopfen an der Haustüre, das sie wieder daran erinnerte: »Da ist er,« rief sie und lief, um ihm zu öffnen. »Jetzt ist mein Fremdling gekommen.« Niemals wurde das Vertrauen einer Frau in Vorzeichen besser gerechtfertigt. Der Fremdling wünschte Mrs. Richard Feverel zu sehen. Er sagte, sein Name wäre Mr. Austin Wentworth. Mrs. Berry schlug in die Hände und rief: »Endlich zurückgekommen!« dann schoß sie wie ein Pfeil aus dem Hause, um die Straße auf und ab zu blicken. Sogleich kehrte sie aber wieder zurück mit vielen Entschuldigungen wegen ihrer Unhöflichkeit und sagte: »Ich glaube, ich würde sie schon nach Hause kommen sehen, Mr. Wentworth. Jeden Tag zweimal geht sie aus, um den gesegneten Engel an die Luft zu führen. Dem Kindermädchen das überlassen, das gibt's für sie nicht! Sie ist eine Mutter! Und gute Milch hat sie auch, Gott sei Dank, obgleich ihr Herz so traurig ist.«

In der Stube erzählte dann Mrs. Berry, wer sie wäre, erzählte die Geschichte des jungen Paares und ihren Anteil daran und bewunderte seinen Bart. »Obgleich ich darauf schwören könnte, daß Sie einer sind, der ihn nicht zum Schmuck trägt,« sagte sie, nachdem sie im ersten Impuls beabsichtigt hatte, die Eitelkeit des Mannes zu treffen.

610 Schließlich sprach Mrs. Berry von den Familienverwicklungen und sprach mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen düstere Vermutungen über Richard aus.

Während Austin seinem hoffnungsvolleren Ansichten über den Fall äußerte, kam Lucy herein und hinter ihr das Kind.

»Ich bin Austin Wentworth,« sagte er und nahm ihre Hand. Sie lasen in ihren Gesichtern, diese zwei, und lächelten sich verwandtschaftlich an.

»Dein Name ist Lucy?«

Sie bejahte mit sanfter Stimme.

»Und ich heiße Austin, wie du weißt.«

Mrs. Berry ließ Lucys Schönheit Zeit, Eindruck auf ihn zumachen, und dann führte sie Richards Repräsentanten vor, der, da er ein neues Gesicht sah, sich erst betrachten ließ, ehe er anfing, laut zu schreien und an den Pforten der Natur anzuklopfen, um das zu erhalten, was ihm zukam.

»Ist er nicht ein prächtiger Liebling?« sagte Mrs. Berry. »Ist er nicht ganz wie sein Vater? Daran kann keiner zweifeln, du, du, du, du Liebchen! Sehen Sie bloß seine Fäuste. Ist er nicht leidenschaftlich? Ist er nicht ein prächtiger Schreihals? Ach du, du« . . . und sie fuhr fort in ihrem Entzücken in Kindersprache mit ihm zu reden.

Ein schöner Knabe, das war gewiß. Mrs. Berry zeigte noch zum weiteren Beweis seine Beine und verlangte, daß Austin zugeben sollte, daß sie wie Würste aussähen.

Lucy murmelte ein Wort der Entschuldigung und trug den prächtigen Schreihals aus dem Zimmer.

»Sie hätte es ebensogut hier tun können,« sagte Mrs. Berry.

»Es gibt keinen schöneren Anblick, sage ich, als das! Er ist fort auf seine Heldentaten – er möchte alles 611 Mögliche tun: ich sage, er wird nie was Größeres zustande bringen als das Kind. Sie hätten ihren Onkel bei dem Kinde sehn sollen – er kam her, denn ich sagte: Sie müssen Ihre eigne Verwandtschaft sehen, meine Liebe, und das meinte sie auch. Er kam und er lachte über das Kind in der Freude seines Herzens, der arme Mann! er weinte, das tat er. Sie sollten Mr. Thompson sehen, Mr. Wentworth – ein Freund von Mr. Richard, ein sehr bescheidener junger Herr – er verehrt sie in seiner Unschuld. Das ist ein Anblick, er und der Junge. Ich glaube, er ist unglücklich, daß er nicht Kindermädchen bei ihm sein kann. Ach, Mr. Wentworth! was sagen Sie zu ihr?«

Austins Antwort war so zufriedenstellend, wie sie die armselige menschliche Rede nur machen konnte. Er hörte, daß auch Lady Feverel im Hause wäre, und Mrs. Berry ging, um sie auf seinen Besuch vorzubereiten. Dann eilte Mrs. Berry zu Lucy und das Haus hallte wieder von neuem Leben. Die einfachen Wesen fühlten, daß Austins Gegenwart ihnen etwas Gutes bedeutete. »Er spricht nicht viel,« sagte Mrs. Berry, »aber ich sehe es in seinen Augen, daß er sehr viel meint. Er ist keiner von den feinen Herren mit den langen, schönen Worten, die einen immer aufs schönste betrügen, jeder einzige von ihnen.«

Lucy drückte den herzigen Säugling an ihre Brust. »Ich möchte wissen, was er von mir hält, Mrs. Berry. Ich konnte nicht mit ihm reden. Ich liebte ihn schon, ehe ich ihn kannte. Ich wußte schon, wie er aussehen würde.«

»Er sieht anständig aus, selbst mit dem Bart, und das ist immer selten bei einem anständigen Manne,« sagte Mrs. Berry. »Bei ihm sieht man gradewegs durch das Haar. Was er denkt? Er denkt natürlich, was jeder einzige denken würde – Sie nähren das Kind, trotz all Ihrem Kummer, und da spricht mein Berry noch von römischen Matronen! hier ist eine englische Frau, die es mit ihnen 612 allen aufnimmt! das denkt er natürlich. Und das bißchen Schatten unter den Augen wird sich schon wieder aufklären, mein Liebchen, nun er da ist.«

Mehr erwartete Mrs. Berry nicht. Lucy war zufrieden mit dem Gefühl des Friedens, das sie empfand, Richards bestem Freunde nahe zu sein. Als sie sich zum Tee setzten, tat sie es mit dem Gefühl, daß das kleine Zimmer, das sie umgab, vielleicht noch für lange Zeit ihre Heimat bleiben würde.

Mrs. Berry hatte ein Kotelett besorgt und bereitet, das war Austins Mittagessen. Während der Mahlzeit erzählte er von seinen Reisen. Die arme Lucy fühlte sich nicht versucht, Austin für sich gewinnen zu wollen. Diese heroische Schwäche hatte sie überwunden.

Mrs. Berry hatte gesagt: »Drei Tassen müssen Sie trinken, mehr verlange ich ja nicht,« und Lucy hatte die dritte Tasse abgelehnt, als Austin, der grade in den brasilianischen Urwäldern war, sie plötzlich fragte, ob sie eine erfahrene Reisende wäre.

»Ich meine, könntest du im Augenblick zu einer Reise bereit sein?«

Lucy zögerte einen Augenblick und sagte dann entschieden: »Ja,« worauf Mrs. Berry noch hinzufügte, sie wäre durchaus keine Frau mit viel Gepäck.

»Ein Zug pflegte um sieben Uhr zu gehen,« sagte Austin und sah auf seine Uhr.

Die beiden Frauen schwiegen.

»Könntest du in zehn Minuten fertig sein, um mit nur nach Raynham zu reisen?«

Austin sah aus, als wenn er eine ganz alltägliche Frage gestellt hätte.

Lucys Lippen bewegten sich, als ob sie reden wollte. Sie konnte nicht sprechen.

Das Teebrett rasselte laut unter Mrs. Berrys Händen.

613 »Freude und Erlösung!« rief sie mit zitternder Stimme.

»Willst du kommen?« fragte Austin noch einmal freundlich.

Lucy bemühte sich, ihr heftig klopfendes Herz zu bezwingen, als sie antwortete: »Ja!«

Mrs. Berry versuchte die Unentschlossenheit in ihrem Ton dadurch zu erklären, daß sie ihm recht hörbar zuflüsterte: »Sie überlegte sich, was mit dem Kleinen geschehen soll.«

»Er muß es lernen zu reisen,« sagte Austin.

»Ach ja!« rief Mrs. Berry, »und ich werde Kindermädchen sein, und ihn tragen, den Süßen! Ach und wenn ich so denke! ich noch einmal wieder Kindermädchen auf Schloß Raynham! jetzt muß es allerdings Kinderfrau heißen. Lassen Sie uns nur gleich reisen.«

Sie sprang auf und ging in glühender Hast an die Vorbereitungen, da sie fürchtete, ein Aufschub könnte den vom Himmel gesandten Entschluß abkühlen. Austin lächelte, als er abwechselnd seine Uhr und Lucy ansah. Sie hätte eine Menge von Fragen stellen mögen. Der Ausdruck seines Gesichtes beruhigte sie, so sagte sie nur: »Ich werde gleich fertig sein,« und verließ das Zimmer. Sie hatten viel zu reden und hin und her zu laufen, zu packen, den kleinen Prinzen einzuhüllen und danach zu sehen, daß sie selbst ordentlich erschienen, und waren trotzdem in der von Austin festgesetzten Zeit fertig und Mrs. Berry stand leise summend mit dem Kind auf dem Arme.

»Er wird es verschlafen,« sagte sie. »Er hat wie ein Ratsherr geschmaust und schläft fest nach seinem Mittagessen, das tut er, das Liebchen!« Ehe sie fortfuhren, lief Lucy noch zu Lady Feverel hinauf. Dann kam sie noch einmal zurück, um den Kleinen zu holen.

614 »Eine Minute, Mr. Wentworth?«

»Noch grade zwei,« sagte Austin.

Der kleine Richard wurde hinauf gebracht, und als Lucy zurückkam, waren ihre Augen voller Tränen.

»Sie glaubt, sie wird ihn niemals wiedersehen, Mr. Wentworth.«

»Sie wird ihn wiedersehen,« sagte Austin einfach.

Fort fuhren sie, und mit Austin neben sich vergaß Lucy es vollständig über die mutige Tat nachzudenken, die sie ausführen wollte.

»Ich hoffe nur, der Kleine wird nicht aufwachen,« war ihre Hauptsorge.

»Der,« rief die Kinderfrau Berry aus der Nachhut. »Er ist so voll, wie er nur sein kann, der Liebling, das Lämmchen! das Vogelchen! die Schönheit! und Sie können darauf schwören, der wacht nicht auf, ehe er nicht wieder Hunger hat. Der weiß, was er will, das Goldkind!«

Es gibt ungeheure Festungen, die nur mit Sturm genommen werden können. Der Baron saß allein in seinem Studierzimmer, müde des Widerstandes und doch froh, daß er sich nicht übergeben hatte; ein Schrecken für seine Freunde und für sich selbst. Als er hörte, wie der Mann mit den Wadenstrümpfen mit feierlicher Stimme Austins Namen nannte, sah er von seinem Buche auf und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich freue mich, dich wiederzusehen, Austin.« Sein Aussehen zeigte, daß er sich vollständig sicher fühlte. Im nächsten Augenblick wurde er im Sturm genommen.

Ein Aufschrei von Mrs. Berry machte ihn zuerst darauf aufmerksam, daß noch andere Leute im Zimmer waren, außer Austin. Lucy war etwas durch die Lampe verdeckt, Mrs. Berry stand an der Türe. Die Türe stand halb offen, und man sah, wie ein versteinerter, schöner Mann eben hinausging. Als Mrs. Berrys Benehmen die 615 Gegenwart einer Frau ankündigte, stand der Baron auf und blickte über die Lampe hinweg. Austin trat zurück, nahm Lucy bei der Hand und führte sie zu ihm hin. »Ich habe Richards Frau hergebracht,« sagte er mit freundlichem Ausdruck, so ganz ohne jede Berechnung, daß jeder Widerspruch entwaffnet wurde. Lucy verbeugte sich, sie war sehr blaß. Sie fühlte, wie ihre beiden Hände ergriffen wurden, und hörte eine freundliche Stimme. Konnte es möglich sein, konnte sie dem gefürchteten Vater ihres Mannes gehören? Sie sah ängstlich auf; ihre Hände wurden noch festgehalten. Der Baron betrachtete Richards Erwählte. Hatte er jemals Eifersucht empfinden können auf diese reinen Augen? Er sah in der Bewegung ihrer Augenbrauen, wie schmerzlich sie ihre Lage empfand, fragte sie freundlich nach ihrem Befinden und führte sie zu einem Sessel. Mrs. Berry war gleich auf einen Stuhl gesunken.

»Welche Richtung haben Sie am liebsten für Ihr Schlafzimmer? – Osten?« fragte der Baron.

Lucy fragte sich erstaunt: »Soll ich denn hier bleiben?«

»Vielleicht wäre es besser, Sie bezögen sogleich Richards Zimmer,« fuhr er fort. »Sie haben da den Blick auf das Lobourner Tal und gute Morgenluft und werden sich mehr zu Hause fühlen.«

Lucy errötete. Mrs. Berry hustete leicht auf, als ob sie sagen wollte: »Der Sieg ist unser!«

Zweifellos – so seltsam es auch war – die Festung war gefallen.

»Lucy ist ziemlich müde,« sagte Austin, und als sie hörte, wie er ihren Vornamen aussprach, traten Tränen der Dankbarkeit in ihre Augen.

Der Baron wollte klingeln. »Aber sind Sie denn allein gekommen?« fragte er.

Darauf trat Mrs. Berry vor. Nicht sogleich; es schien 616 ihr Anstrengung zu machen, sich zu bewegen, und als sie in den Bereich der Lampe trat, konnte ihre Aufregung nicht unbemerkt bleiben. Das liebliche Bündel auf ihrem Arme bebte.

»Was geht er mich eigentlich an?« bemerkte Austin, als er hinzu trat und der jüngsten Hoffnung von Raynham den Schleier fortzog. »Ich bin doch nicht so nahe mit ihm verwandt wie du, Onkel.«

Ein Beobachter hätte annehmen können, daß der Baron seinen Enkelsohn nur mit der höflichen Gleichgültigkeit eines Mannes betrachtete, der der Mutter irgend eines Kindes etwas Schmeichelhaftes zu sagen wünscht.

»Ich glaube wirklich, er gleicht Richard,« sagte Austin lachend. Lucys Augen sprachen: er ist ihm sicher ähnlich!

»Sie gleichen sich auf ein Haar,« murmelte Mrs. Berry mit schwacher Stimme; aber da der Großvater nicht sprach, hielt sie es für ihre Pflicht, sich zusammenzunehmen. »Und er ist so gesund, wie sein Vater war, Sir Austin – trotz allem was möglich gewesen wäre. So regelmäßig wie 'ne Uhr. Seit er da ist, brauchen wir keine Uhr mehr. Wir wissen jede Stunde am Tage und in der Nacht.«

»Sie nähren ihn natürlich selbst?« sagte der Baron zu Lucy und wurde über diesen Punkt beruhigt.

Mrs. Berry wollte seine wunderbar kräftigen Beine zeigen, Lucy fürchtete die darauf folgende Wirkung der wunderbar kräftigen Lungen und bat sie, ihn nicht aufzuwecken. »Dazu würde viel gehören,« sagte Mrs. Berry und erging sich des weiteren über des kleinen Richards Gesundheit und wie das auch kein Wunder wäre, wenn man bedächte, wie prächtig er genährt würde und wie viel Sorgfalt seine Mutter auf ihn verwendete, und dann wurde sie plötzlich still und seufzte tief.

»Er sieht gesund aus,« sagte der Baron, »aber ich verstehe mich nicht auf Kinder.«

617 Nachdem er kapituliert hatte, erkannte Raynham auch seinen neuen Kommandanten an, der jetzt unter der Führung der Haushälterin fortgetragen wurde, um das Zimmer zu bewohnen, in dem Richard als Kind geschlafen hatte.

Austin dachte gar nicht darüber nach, was für einen Erfolg er errungen hatte. Der Baron sagte: »Sie sieht sehr gut aus.«

Austin erwiderte: »Eine Persönlichkeit, die sofort für sich einnimmt.« Dabei blieb es.

Aber eine viel lebhaftere Unterredung fand oben statt,. wo Lucy und Mrs. Berry mit einander allein waren. Lucy erwartete, daß sie über den Empfang sprechen würde, der ihnen zuteil geworden war, und über das Haus und die besondere Einrichtung des Zimmers und das ruhige Glück, das vor ihnen zu liegen schien. Mrs. Berry bestand die ganze Zeit darauf, in den Spiegel zu sehen. Ihre erste deutliche Antwort war, daß sie fragte: »Meine Liebe! sagen Sie mir aufrichtig, wie sehe ich aus?«

»Sehr nett, wirklich, Mrs. Berry, aber hätten Sie sich denken können, daß er so freundlich und rücksichtsvoll sein würde?«

»Ich sehe sicher wie 'ne alte Vogelscheuche aus,« erwiderte Mrs. Berry. »Ach, mein Himmel! Zwei Vögel auf einen Schuß! Was glauben Sie wohl?«

»Ich habe noch niemals eine solch wunderbare Ähnlichkeit gesehen,« sagte Lucy.

»Ähnlichkeit! Sehen Sie mich an.« Mrs. Berry hatte zitternde, glühende Hände.

»Sie haben Fieber, liebe Berry, was kann das sein?«

»Ist es nicht wie das Liebesfieber eines jungen Mädchens, meine Liebe?«

»Gehen Sie zu Bett, liebe Berry,« sagte Lucy in ihrer sanften, zärtlichen Weise. »Ich werde Sie ausziehen und bedienen, liebes Herz! Sie haben sich zu sehr aufgeregt!«

618 »Ha! ha!« Berry lachte hysterisch, »sie bildet sich ein, daß es um ihrer Angelegenheit willen ist. Ja, das ist Kinderspiel, mein Liebling. Aber eine Tragödie habe ich heute abend nicht erwartet. In diesem Hause schlafen kann ich nicht, meine Liebe.«

Lucy war erstaunt. »Sie wollen nicht hier schlafen, Mrs. Berry? – Aber warum nicht, Sie dummes, altes Ding. Ach, ich weiß!«

»So! wissen Sie!« sagte Mrs. Berry mit skeptischer Miene.

»Sie fürchten sich vor Gespenstern.«

»Vielleicht, ja, wenn sie sechs Fuß groß in ihren Schuhen stehen, und brüllen, wenn man ihnen eine Stecknadel in die Waden sticht. Ich habe meinen Berry gesehen.«

»Ihren Mann?«

»In Lebensgröße.«

Lucy dachte an Sinnestäuschung, aber Mrs. Berry beschrieb ihn als den Riesen, der sie in das Studierzimmer geführt hatte, und schwur, daß er sie erkannt und gezittert hätte. »Die Zeit hat ihn nicht gealtert,« sagte Mrs. Berry, »und ich dagegen! jetzt hat er seine Entschuldigung. Ich weiß, ich seh wie 'ne Vogelscheuche aus.«

Lucy küßte sie. »Sie sehen aus, wie das hübscheste, netteste, alte Ding von der Welt.«

»Sie können wohl sagen altes Ding, meine Liebe.«

»Und Ihr Mann ist wirklich hier?«

»Berry ist unten.«

Bei so feierlichem Ton mußte jeder Schatten von Zweifel schwinden.

»Was werden Sie nun tun, Mrs. Berry?«

»Gehen, meine Liebe. Es ihm überlassen, auf seine Art glücklich zu sein. Zwischen uns ist es aus, das habe ich gesehen. Als ich das Haus betrat, wußte ich, daß etwas über mich kommen würde, und sehen Sie, so war's! Kaum 619 waren wir in der Vorhalle, wenn es nicht für den Kleinen gewesen wäre, ich wäre umgefallen. Ich muß seinen Schritt erkannt haben, denn mein Herz fing an zu schlagen und ich wußte, daß mein Haar nicht glatt war – der Mr. Wentworth war ja in solcher Eile, ich hatte auch nicht mein bestes Kleid an. Ich wußte, er würde mich verachten. Er haßt Vogelscheuchen.«

»Sie verachten!« rief Lucy: »er, der sich so gottlos benommen hat!«

Mrs. Berry versuchte aufzustehen. »Ich kann ebensogut gleich gehen,« jammerte sie. »Wenn ich ihn wiedersehe, muß ich mich nur über mich schämen. Ich fühle schon, daß alles meine Schuld ist. Haben Sie ihn bemerkt, meine Liebe? Ich weiß, ich habe ihn manchmal geärgert, das weiß ich. Solche große Männer sind so empfindlich mit ihrer Würde – das ist ganz natürlich. Hören Sie! Ich werde ganz leise fortgehen. Lassen Sie mich das Haus verlassen, meine Liebe! Ich glaube wirklich, es war zur größten Hälfte meine Schuld. Junge Frauen verstehen die Männer nicht genug – nicht so ganz und gar – und ich war damals noch jung, und dann, was die Männer gehn und tun, dafür sind sie nicht ganz verantwortlich, sie fühlen, glaube ich, als wenn sie jemand von hinten stößt. Ja, ich werde gehen. Ich bin eine Vogelscheuche. Ich werde gehen. Es ist mir nicht möglich, im selben Hause zu schlafen.«

Lucy legte ihre Hände auf Mrs. Berrys Schultern und zwang sie, sitzen zu bleiben.

»Sie wollen den Kleinen verlassen, Sie ungezogne Frau? Ich verspreche Ihnen, er wird zu Ihnen kommen und Sie auf den Knien um Verzeihung bitten.«

»Berry auf den Knien!«

»Ja, und er wird bitten und flehen, daß Sie ihm vergeben.«

620 »Wenn Sie von Martin Berry mehr erlangen als ein geflüstertes Wort, dann werde ich mich sehr wundern,« sagte Mrs. Berry.

»Wir werden sehen,« sagte Lucy fest entschlossen, etwas für das gute Geschöpf zu tun, das ihr so viel Freundschaft erwiesen hatte.

Mrs. Berry besah ihr Kleid. »Wird es nicht so aussehen, als wenn wir ihm nachgelaufen wären?« murmelte sie mit schwacher Stimme.

»Er ist Ihr Mann, Mrs. Berry. Vielleicht wünscht er jetzt zu Ihnen zu kommen.«

»Ach! wo ist nun alles, was ich dem Manne sagen wollte, wenn mir uns widersähen!« rief Mrs. Berry. Lucy hatte das Zimmer verlassen.

Auf dem Korridor vor der Türe traf Lucy eine Dame in Trauer, welche sie anhielt und fragte, ob sie Richards Frau wäre, und sie küßte und dann gleich weiter ging. Lucy schickte nach Austin und erzählte ihm Berrys Geschichte. Austin ließ den großen Mann kommen und sagte: »Wissen Sie, daß Ihre Frau hier ist?« Ehe noch Berry Zeit hatte nach den längsten Ausdrücken zu suchen, wurde von ihm verlangt, daß er hinauf gehen sollte, und da ihn seine junge Herrin sogleich den Weg führte, konnte sich Berry nicht weigern, seine Beine in Bewegung zu setzen und seinen stattlichen Körper in die Höhe zu tragen.

Mrs. Berry gab Lucy spät am Abend eine kleine Skizze von der Unterredung. »Er fing an in der alten Art, meine Liebe, und da sagte ich: ein aufrichtiges Herz und einfache Worte, Martin Berry. So mußte er seine feinen Redensarten abkürzen und nieder fällt er – nieder auf seine Knie. Ich hätt' es niemals geglaubt. Ich hatte meine Würde als Frau bewahrt, bis zu dem Anblick, aber da war es aus mit mir. Ich fiel als reifer Apfel in seinem Arme, ehe ich noch wußte, wo ich war. Da ist etwas an 621 einem schönen Mann auf den Knien, was für uns Frauen zu viel ist. Und es war wirklich der Reumütige auf beiden Knien, nicht der Liebhaber auf einem. Wenn er es auch nur so meint! Aber ach! was meinen Sie wohl, daß er mich gebeten hat, meine Liebe? – es im Hause noch nicht bekannt zu machen! Ich kann, ich kann nicht sagen, daß das gut aussieht.«

Lucy schrieb es einem Gefühle der Beschämung über sein Benehmen zu, und Mrs. Berry gab sich auch Mühe, es in dem Lichte zu sehen.

»Hat der Baron Sie geküßt, als er Ihnen Gutenacht sagte?« fragte sie. Lucy sagte, er hätte es nicht getan. »Dann bleiben Sie wach, so lange Sie können,« war Berrys Erwiderung. »Und nun wollen wir allen Segen herabflehen auf den Herrn, der so einfache Worte macht und der so viel tut, weil er so wenig sagt.«

Wie viele andere einfache Leute war Mrs. Berry nur töricht, wo ihr eignes gutmütiges Herz in Betracht kam. Wie sie es im geheimen voraus gesehen hatte, kam der Baron in ihr Zimmer, als alles ruhig war. Sie sah, wie er sich über Richard den Zweiten beugte und stand und ihn lange ernsthaft betrachtete. Dann ging er an die halb offne Türe des Zimmers, in dem Lucy schlief, lauschte einen Augenblick, klopfte leise an und trat ein. Mrs. Berry hörte, wie leise Worte da drinnen gesprochen wurden. Sie konnte keine Silbe verstehen, doch hätte sie auf den Inhalt schwören können. Er wird sie seine Tochter genannt haben und versprochen haben, sie glücklich zu machen und ihr einen väterlichen Kuß gegeben haben. Als Sir Austin wieder durch das Zimmer ging, schlief sie fest. 622

 

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