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Richard Feverel

George Meredith: Richard Feverel - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleRichard Feverel
authorGeorge Meredith
year1904
firstpub1859
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleRichard Feverel
pages677
created20100628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Die Einwohner von Schloß Raynham.

Vor einigen Jahren erschien ein Buch unter dem Titel »Das Manuskript des Pilgers«. Es enthielt eine Auswahl origineller Aphorismen von einem Anonymus, der sein verwundetes Herz auf diese verschämte Weise der Welt offenbarte.

Er erhob nicht Anspruch darauf, neues zu bringen. »Unsere neuen Gedanken haben schon die Geister unserer Vorfahren bewegt,« schrieb er, und dieses Zugeständnis zeigte, daß er über die Jugendjahre offenbar hinaus war, da er aufgehört hatte, auf die alten Klassiker eifersüchtig zu sein. Ein leiser Seufzer schien über jenen Seiten zu schweben, die von den Tagen geistiger Unreife erzählten, wo neue Ideen uns unter dem Schein jungfräulicher Umarmungen aufsuchen und uns schwören, daß sie uns allein angehörten, daß sie niemand sonst je aufgesucht hätten: und wir glauben ihnen.

Um ein Beispiel zu geben von seinen Ansichten über das schöne Geschlecht, sagte er:

»Ich vermute, daß die Frau das letzte sein wird, was der Mann zivilisiert!«

Eine solch ungeheure Verspottung verursachte eine gewisse Erregung in den Herzen der Damen.

Eine unternehmungslustige Person begab sich nach dem Heroldsamt und stellte dort fest, daß ein Greif zwischen 2 zwei Weizengarben auf dem Titelblatt des Buches das Wappen Sir Austin Absworthy Bearne Feverels darstellte, des Barons von Schloß Raynham in einer westlichen Grafschaft an der Themse, eines reichen und angesehenen Mannes mit einer etwas traurigen Lebensgeschichte.

Der äußere Umriß dieser Geschichte war durchaus nicht neu. Er hatte eine Frau und einen Freund. Er hatte aus Liebe geheiratet; seine Frau war eine Schönheit, sein Freund war so etwas wie ein Dichter. Sein ganzes Herz gehörte seiner Frau, und sein volles Vertrauen dem Freunde. Als er unter seinen Universitätsgenossen Denzil Somers zum Freunde wählte, geschah es nicht, weil sie in ihren Ansichten übereinstimmten, sondern weil er eine große Verehrung für das Genie hegte, und weil er über den glänzenden Anlagen seines Freundes den gänzlichen Mangel an Charakter übersah. Denzil besaß beim Beginn seiner Laufbahn ein kleines Erbteil, aber er verschwendete es, ehe er die Universität verließ, und war nun ganz von seinem Verehrer abhängig, bei dem er jetzt lebte, dem Namen nach die Stelle eines Gutsverwalters ausfüllte und Verse voll satirischen und sentimentalen Inhalts vom Stapel ließ: denn da er zum Laster neigte und sich ihm auch hin und wieder verstohlen ergab, war er natürlich sentimental und satirisch und dazu berufen, das Zeitalter mit Geißelhieben zu züchtigen und über die menschliche Natur zu klagen. Seine Jugendgedichte, die er unter dem Pseudonym Diaper Sandoe herausgegeben hatte, waren in ihren Liebesstellen so rein und farblos gewesen und dabei so scharf in ihrem moralischen Ton, daß er sich des besten Rufes bei den Tugendhaften erfreute, die in England den größeren Teil des Bücher kaufenden Publikums bilden. Zur Zeit der Wahlen berief man ihn zum Balladendichter der Konservativen. 3 Diaper besaß zweifellos Gewandtheit des Ausdrucks, aber er schaffte wenig, obgleich Sir Austin nicht aufhörte, viel von ihm zu erwarten.

Eine schmachtende, unerfahrene Frau, deren Gatte in geistiger und moralischer Größe sie mehr als gewöhnlich überragt, und die, nachdem ihre erste romantische Bewunderung für sein edles hoheitvolles Benehmen sich abgestumpft hat, für ihre kleinen launenhaften Ansprüche auf Geschmack und Gefühl nicht immer gleich Befriedigung findet, sieht sich in ein ungesundes, häusliches Zusammenleben mit einem Manne versetzt, der Gewandtheit besitzt, Gewandtheit in Prosa und Poesie. Als Lady Feverel ihre Pflichten in Raynham übernahm, war sie zuerst eifersüchtig auf den Freund ihres Gatten. Allmählich duldete sie ihn. Dann fing er an, seine Laute in ihrem Zimmer ertönen zu lassen, und sie spielten Rizzio und Maria miteinander.

»Denn ich bin nicht der erste im Land,
Der den Namen Maria verhängnisvoll fand«,

singt ein späteres gefühlvolles Liebesgedicht Diapers.

Das war der äußere Umriß der Geschichte, zu der der Baron die Details hätte geben können. Er hatte diesen beiden sein Herz geöffnet, war ganz edle Liebe für die eine, ganz vollkommene Freundschaft für den andern gewesen. Er hatte die, die er liebte, gebeten, einander Bruder und Schwester zu sein und mit ihm in Raynham ein goldenes Zeitalter zu erleben. Er war mit den vortrefflichen Eigenschaften seines Charakters verschwenderisch umgegangen, was niemals gut tut, und wie Timon litt er Schiffbruch und wurde verbittert.

Die treulose Dame gehörte keiner bekannten Familie an; sie war die verwaiste Tochter eines Admirals, der 4 sie von seiner Pension hatte erziehen lassen, so traf ihr Benehmen nur den Mann, dessen Namen sie trug.

Nach fünf Jahren der Ehe und zwölf Jahren der Freundschaft sah sich Sir Austin der Einsamkeit überlassen, und nichts blieb ihm zum Troste für sein liebendes Herz als ein kleiner Knabe in der Wiege. Er verzieh dem Manne, er gab ihn auf als zu niedrig für seinen Zorn. Der Frau konnte er nicht vergeben, sie hatte nach jeder Richtung hin gesündigt. Einfache Undankbarkeit gegen einen Wohltäter war ein verzeihliches Vergehen: denn er war nicht der Mann, dem Schuldigen die Menge seiner Wohltaten vorzuzählen und ihn damit zu erdrücken. Aber sie hatte er zu seinesgleichen gemacht und beurteilte sie auch wie seinesgleichen. Sie hatte ihm den Glanz der Welt verdunkelt.

In den Augen dieser Welt, die nun ein so verändertes Aussehen für ihn hatte, bewahrte er seine gewohnte Haltung und verwandelte ihr gegenüber seine Gesichtszüge in eine gefügige Maske. Mrs. Doria Forey, seine verwitwete Schwester, meinte, Sir Austin solle sich eine Zeitlang von seiner parlamentarischen Laufbahn zurückziehen und Lustbarkeiten und dergleichen vermeiden: die Meinung aber, die sie sich von ihm bildete, wenn sie ihn in der Öffentlichkeit und im Privatleben beobachtete, war, daß das leichtfertige Wesen, das von ihm geflohen war, in dem Feverelherzen ihres Bruders leicht wie eine Feder wog, und daß er seine gewohnte Lebensweise wohl wieder aufnehmen werde. Es gibt Zeiten, in denen gewöhnliche Menschen nicht einmal so viel ertragen können. Hippias Feverel, einer seiner Brüder, fand, daß sein Unglück ihn sehr zu seinem Vorteil verändert hätte, wenn man den Verlust einer solchen Person überhaupt als Unglück bezeichnen könnte. Und wenn man in Erwägung zieht, daß Hippias infolge dieses Ereignisses freie Aufnahme in 5 Raynham fand und den Flügel des Schlosses bezog, den sie bewohnt hatte, so gewinnt es an Interesse, seine Gedanken kennen zu lernen. Hätte der Baron zwei oder drei prunkvolle Diners in der großen Halle des Schlosses gegeben, so hätte er die Menge wohl ebenso getäuscht wie seine Verwandten und intimen Freunde. Doch dazu war er zu tief verwundet; er war nur fähig zu passivem Widerstand.

Wenn das Kindermädchen nachts erwachte, sah sie, wie eine einsame Gestalt die Lampe über ihrem kleinen Schützling verdunkelte, und gewöhnte sich so sehr an diesen Anblick, daß sie gar nicht mehr erschreckt aufwachte. Eines Nachts wurde sie durch schluchzende Töne seltsam aufgestört. Der Baron stand in seinem langen, schwarzen Mantel und mit seiner Reisemütze auf dem Haupte neben dem Bettchen. Seine Finger beschatteten eine Lampe und leuchteten rot in dem dunkeln Schatten, der zuweilen an der Wand emporkroch. Sie traute kaum ihren Sinnen, als sie den strengen Herrn sah, wie er schweigend Träne auf Träne vergoß. Sie lag wie erstarrt, gebannt von Schrecken und Trauer und zählte mechanisch die fallenden Tränen, – eine nach der andern. Das verhüllte Antlitz, das Fallen und Leuchten der schweren Tropfen in dem Lichte der Lampe, die er hielt, die aufrechte, ehrfurchtgebietende Gestalt, die in regelmäßigen Zwischenräumen – wie durch ein Uhrwerk – durch den leisen, schweren, stockenden Atem bewegt wurde, erschien ihrer armen, menschlichen Natur so mitleiderregend, daß ihr Herz wild zu schlagen begann. »Ach Herr,« rief das arme Mädchen unwillkürlich und fing an zu schluchzen. Sir Austin richtete die Lampe auf ihr Kissen, hieß sie rauh wieder einschlafen und schritt sofort aus dem Zimmer. Am nächsten Morgen entließ er sie mit einem Geldgeschenk.

Als der kleine Bursche sieben Jahre alt war, erwachte 6 er einmal in der Nacht, wie sich eine Dame über ihn neigte. Er sprach am folgenden Tage darüber, aber man behandelte es als einen Traum, bis im Laufe des Tages sein Onkel Algernon mit einem gebrochenen Bein von dem Lobourner Kricketplatz nach Hause gebracht wurde. Da erinnerte man sich daran, daß es einen Familiengeist gäbe; zwar glaubte kein Mitglied der Familie an diesen Geist, aber es wollte doch auch niemand ein Ereignis fortleugnen, das sein Vorhandensein beweisen konnte; denn der Besitz eines Familiengeistes ist eine viel größere Auszeichnung als alle Titel.

Algernon Feverel verlor sein Bein und nahm seinen Abschied. Von den andern Onkeln des jungen Richard kam Cuthbert, der Seemann, bei einem kühnen Schiffsunternehmen gegen einen mit Sklaven handelnden Negerhäuptling auf dem Niger um. Einige Kriegstrophäen des tapfern Leutnants schmückten die Spielhütte des kleinen Knaben in Raynham, auch sein Schwert vermachte er Richard, dem er wie ein Held erschien. Vivian, der Diplomat und Stutzer, beendete sein Flattern von Blume zu Blume mit einer unpassenden Heirat, wie es schon manchem Stutzer vor ihm ergangen ist, und wurde von der Liste der Besucher gestrichen.

Algernon, der gewöhnlich das unbenutzte Stadthaus des Barons bewohnte, war ein unglücklicher Mensch, der seine Zeit zwischen Pferden und Karten teilte und der, wie man ihm nachsagte, die abgeschmackte Ansicht hatte, daß ein Mann, der durch den Verlust eines Beines sein Gleichgewicht eingebüßt hätte, es dadurch wiedererlangen könnte, daß er sich an die Flasche hielt. Wenn er und sein Bruder Hippias zusammenkamen, unterließen sie es wenigstens niemals den Versuch zu machen, ob ein oder zwei Beine der Flasche besser standhielten. Aber wenn Sir Austin auch in seinen Gewohnheiten viel vom 7 Puritaner hatte, so war er doch viel zu gastfrei und vornehm in seiner Gesinnung, um seine Gäste damit zu belästigen. Seine Brüder und andern Verwandten mochten tun was sie wollten, so lange sie ihrem Namen keine Schande machten: trat das ein, so war er mit ihnen fertig, sie durften ihm nicht mehr unter die Augen kommen.

Algernon Feverel war ein schlichter Mann und nach seinem Unfall wurde es ihm klar, wovon er vorher vielleicht ein unbestimmtes Gefühl gehabt hatte, daß seine Karriere von seinem Beine abhinge und nun unwiderruflich zu Ende war. Er lehrte den Knaben boxen, schießen und fechten und überwachte mit melancholischem Eifer die Ausbildung seiner physischen Kräfte. Die ihm noch bleibende Energie widmete Algernon der Kritik des Kricketspiels. Er belehrte die ganze Grafschaft darüber und quälte sich mit mühsamen Aufsätzen für Sportzeitungen über den Verfall des Spiels. Algernon war es auch, der von dem ersten Kampfe, den Richard mit dem drei Jahre älteren Tom Blaize von Belthorpe Farm ausfocht, Zeuge und Berichterstatter war.

Man hatte Hippias Feverel früher für das Genie der Familie gehalten. Sein Unglück war, daß er einen starken Appetit und einen schwachen Magen hatte, und da ein Mann, der dauernd im Kampfe mit seinen Mahlzeiten liegt, für den Kampf des Lebens nicht sehr geeignet ist, so ließ Hippias die Aussichten, die ihm die Richterlaufbahn bot, im Stich und verfaßte, von seinen Magenbeschwerden sehr in Anspruch genommen, ein gewichtiges Werk über die Feensagen Europas. Er kam mit dem hoffnungsvollen Erben von Raynham nur dann in Berührung, wenn er unter seinen jugendlichen Streichen zu leiden hatte.

Eine ehrwürdige Dame, bekannt als Großtante Grantley, eine Erbtante, wohnte mit Hippias in den 8 Hinterzimmern des Hauses und teilte ihre stärkenden Tränkchen mit ihm. Man sah diese beiden selten vor der Dinerstunde, für die sie sich tagsüber vorbereitete und an die sie wahrscheinlich die ganze Nacht über zurückdachten; denn Hippias war ein bewundernswerter Tellerheld und verleugnete seine Jahre, so lange noch eine Schüssel auf dem Tische erschien.

Mrs. Doria Forey war die älteste der drei Schwestern des Barons, eine blühende, liebenswürdige Frau mit schönen Zähnen, sehr schönem, hellem, lockigem Haar und einer normannischen Nase. Man sagte ihr nach, daß sie die Männer verstünde, was bei solch praktischen Geschöpfen die Kunst bedeutet, sie zu behandeln. Sie hatte den jüngern Sohn einer vornehmen Familie geheiratet, der gute Aussichten für die Zukunft hatte, aber starb, ehe sich diese erfüllten; und als sie die zukünftigen Chancen ihres einzigen Kindes, ihrer kleinen Tochter Klara, erwog, faßte sie eine Möglichkeit ins Auge. Der weite Blick, die feste Entschlossenheit, die zielbewußte Ausdauer, die ihr Geschlecht besitzt, wenn es sich darum handelt, eine Tochter zu versorgen und einen Mann zu besiegen, veranlaßten sie dazu, sich selbst in Raynham zu Gast zu laden und sich mit ihrer Tochter dort festzusetzen.

Die beiden andern Damen der Familie Feverel waren die Frau des Obersten Wentworth und die Witwe des Justice Harley. Das einzig Erwähnenswerte an ihnen war, daß sie Mütter nicht unbedeutender Söhne waren.

Austin Wentworths Geschichte war von jener traurigen Art, daß, wenn man sie verstehen und ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen will, sie offen erzählt werden müßte, und so etwas wagt heutzutage niemand mehr.

Für einen Jugendstreich, den er ehrenvoll gesühnt hatte, wurde er von der Welt hart verurteilt; nicht um des Fehlers – um der Sühne willen. – »Heiratete 9 das Stubenmädchen seiner Mutter,« flüsterte Mrs. Doria und schauderte voller Abscheu vor diesem jungen Manne mit republikanischer Gesinnung; denn die setzte man bei ihm voraus.

»Für die Ungerechtigkeit, die uns widerfährt,« sagt das Manuskript des Pilgers, »finden wir Entschädigung darin, daß wir in dieser dunkeln Prüfung die Würdigsten um uns versammeln.«

Und Lady Blandish, die schöne Freundin des Barons, sowie einige andere ehrliche Männer und Frauen stellten Austin Wentworth sehr hoch.

Er lebte nicht mit seiner Frau, und Sir Austin, dem die Zukunft des Menschengeschlechts am Herzen lag, machte es ihm zum Vorwurf, daß er der Nachwelt keine Erben gäbe, während Schurken sie bevölkerten.

Die Haupteigenschaft des zweiten Neffen Adrian Harley war sein Scharfsinn. Er war durch und durch der weise Jüngling, in Rat und Tat.

»Im Kampf des Lebens,« bemerkt das Manuskript des Pilgers, »entscheidet sich die Weisheit nach der Majorität.«

Adrian hatte den rechten Instinkt für die Majorität, und da man ihn immer in ihren Reihen sah, gestand man ihm ohne Ironie zu, daß er ein weiser Jüngling sei.

Der weise Jüngling hatte also die Welt auf seiner Seite, aber keine Freunde. Er sehnte sich auch nicht nach diesem lästigen Anhängsel des Erfolges. Er brachte es dahin, daß diejenigen Leute seinen Verkehr suchten, die ihm nützen konnten, und daß diejenigen, die ihm hätten schaden können, ihn fürchteten. Nicht daß er ungewöhnliche Mittel angewandt hätte, um sein Ziel zu erreichen, oder daß er Intriguen gewagt hätte. Er verrichtete seine Arbeit so leicht, wie er sein tägliches Brot aß. Adrian war ein Epikuräer, allerdings einer, den Epikur sicherlich aus seinem Garten gepeitscht hätte: er war Epikuräer nach 10 unsern modernen Anschauungen. Seine Neigungen zu befriedigen, ohne seinen Ruf unvorsichtig aufs Spiel zu setzen, war des weisen Jünglings Lebensaufgabe. Er hatte keinen intimen Verkehr außer mit Gibbon und Horaz, und die Gesellschaft dieser feinen Aristokraten der Literatur verhalf ihm dazu, die Menschheit als das anzusehen, was sie war und ist, eine erhabene ironische Prozession mit dem Gelächter der Götter im Hintergrunde. Aber warum nicht auch mit dem Gelächter der Sterblichen? Adrian lachte in seiner behaglichen Ecke. Er besaß die besondern Eigenschaften eines heidnischen Gottes. Er verstand die Menschen zu lenken: er genoß Eleganz, Luxus und Glück auf ihre Kosten. Er lebte in äußerster Selbstzufriedenheit, wie jemand, der in Sonnenschein eingehüllt auf sanften Wolken ruht. Weder Jupiter noch Apollo warfen ihre Blicke auf die irdischen Mädchen mit kühlerem Feuer, oder verfolgten sie im geheimen mit unverletzlicherer Straflosigkeit. Und sein Ruf der Tugendhaftigkeit erhöhte noch sein Vergnügen. Man sagt, daß gestohlene Früchte am süßesten sind; unverdiente Belohnungen sind köstlich.

Das beste von allem war, daß Adrian ganz ohne Ansprüche auftrat. Er warb nicht um das günstige Urteil der Welt. Die Natur und er verbargen sich nur unter der gewöhnlichen Maske, die die Menschen tragen, und doch hielt ihn die Welt für ebenso moralisch wie weise und in jeder Beziehung für das angenehme Gegenteil seines in Schande gefallenen Vetters Austin.

Kurz gesagt, Adrian Harley beherrschte seine Philosophie in dem jugendlichen Alter von einundzwanzig Jahren. Wie viele wären froh, wenn sie, doppelt so alt, dasselbe von sich sagen könnten, aber diese andern tragen in ihrer Brust eine Last, von der Adrian frei war. Mrs. Doria wußte ungefähr, wie es mit seinem Herzen 11 bestellt war. Ein sonderbares Mißgeschick (wahrscheinlich bei seiner Geburt oder noch vorher) hatte dieses Organ von seinem Platze entfernt und bis in den Magen herabgeschüttelt, wo es viel leichter wog, ja dazu beitrug, ihn anzufeuern und zu ermutigen, immer fröhlich so weiter zu streben. Da es dort herrschte, trat wenig in seinen Weg, das nicht dazu diente, ihm Befriedigung zu gewähren. Schon fing diese Region an bei dem weisen Jüngling etwas hervorzutreten und trug so zu sagen die Fahne seiner philosophischen Grundsätze vor ihm her. Nach dem Diner war er bezaubernd, mit Männern sowohl wie mit Frauen: entzückend sarkastisch, vielleicht ein wenig zu frei in seinem moralischen Ton, aber das mußte man seiner großmütigen Gesinnung zu gute halten, denn sein eigner moralischer Wandel strafte ihn Lügen.

Das war Adrian Harley, einer von Sir Austins klugen Lieblingen und aus der Menschheit dazu erwählt, die Erziehung seines Sohnes in Raynham zu überwachen. Adrian war für die Kirche bestimmt gewesen. Er wurde nicht ordiniert, und nachdem er eines Tages eine Unterredung mit dem Baron gehabt hatte, wurde er ein ständiger Bewohner des Schlosses. Sein Vater war gestorben, als der hoffnungsvolle Sohn noch auf der Universität war, und hatte ihm nichts hinterlassen als seine juristischen Neigungen; und so wurde Adriau ein bezahlter Beamter in seines Onkels Haushalt.

Ripton Thompson, der Sohn von Sir Austins Rechtsanwalt, ein Knabe ohne besondere charakteristische Merkmale, war gelegentlich Richards Spielgefährte und der einzige Altersgenosse, den er jemals sah.

Irgend ein Gefährte war nötig, denn Richard sollte weder die Schule noch die Universität besuchen. Sir Austin hielt die Schulen für verderbt und behauptete, daß väterliche Wachsamkeit dem Jüngling die Schlange so 12 ziemlich fern halten könne, so lange sich nicht Eva ihr zugeselle, eine Periode, die man hinausschieben könne, wie er meinte. Er hatte für seinen Sohn ein System der Erziehung. Wir werden sehen, wie es wirkte.

 

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