Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Dehmel >

Richard Dehmel: Erl

Richard Dehmel: Richard Dehmel: Erl - Der Wunschgeist
Quellenangabe
typepoem
authorR. Dehmel
titleDer Wunschgeist
booktitleErlösungen
publisherS. Fischer
year1920
senderhille@abc.de
firstpub1891
Schließen

Navigation:

Der Wunschgeist

Richard Dehmel

Und wieder saß ich spät mit mir allein,
im Lichtkreis meiner Lampe, Ausgeburten
sehnsüchtiger Not durchs Hirn vom Herzen wälzend
und wußte nichts von mir; ein krasser Wust
von Wünschen, schwirrt' ich vor mir selbst im Kreis
und sah die Wunschgespenster sich verknäueln,
sich würgen und sich fressen und in Qual
und zuckender Wollust mit einander paaren,
um neue Ausgeburten zu gebären.

Bis mir auf einmal, im verrückten Rausch
des Mitgefühls, die Nägel meiner Finger
in meine heißen Augenhöhlen fuhren,
daß ich aufwankte aus der Schwelgerei.
Und taumelnd fühlt ich mich zum Fenster hin,
und stand und atmete die sanfte Nacht.

Da dehnte sich im Dunstlicht um mich her
Berlin – mit seinen Dächern, seinen Türmen,
Schornsteinen, Schloten, Kuppeln, Ruhmessäulen
heraufgebaut ins fahre Blau, als langte
aus ihrem Grabe scheintot eine Riesin
und reckte alle Finger bettelnd hoch:
nur leben will ich, leben, atmen, essen!

Und wimmeln hört ich die Milliarden Wünsche,
die ungestillten, unter allen Mauern,
wie Würmer einer schattenvollen Gruft;
hörte den Hunger, der mit dürren Knöcheln
ins Grab sich trommelte auf nackter Diele,
die Not, die schamlos durch die Straßen lief,
das Elend, das im Flitterputz sich narrte.
Und ich erschrak, wie nichtig meine Not,
und ein Erbarmen, graunvoll, grenzenlos,
trieb mich zurück in meine Einsamkeit.

Und trübe saß und starrt' ich in die Lampe,
und trüber noch auf meinen Schatten, der
verschwimmend an der Wand hing, schwankend, nickend,
und starrte – und entsetzte mich: der Schatten
bewegte, drehte sich, und kam und schwebte,
und neigte sich vor mir, und winkte mir,
und eine Stimme tönte tief und hold:
"Komm, Wunsch ist Lust, Erfüllung Tod. Komm, schaue."

Wir wandelten. Ein bleicher Mittag lag
schwül auf dem gelben Sand der weiten Wüste.
Nichts rührte sich, nur mein vermummter Führer,
der stumm und schwarz vor mir die Glut durchschritt;
in seine Spuren trat ich wie gebannt,
da klaffte jäh ein Abgrund vor uns auf.
Ich fuhr zurück. Doch ruhig stand der Düstre
und wies zur Rechten, wo ein riesenhafter
verworrner Kuppelbau am Abhang hochwuchs,
und aus der Maske scholl es schwer und dumpf:
"der Tempel der Erfüllung" – daß ich bebte,
von ungewissen Schauern angefaßt.

Da tönte wieder die vermummte Stimme:
"drei Wünsche darf ich dir gewähren, wähle!"
und rasselnd sprang die Pforte oben auf.

Und grübelnd starrt' ich in die dunkle Öffnung.
Mir war, als wogten die Milliarden Wünsche
des Erdballs drin, die ungestillten alle.

Von Scham und Zorn erglüht' ich, strafen wollt ich
den höhnischen Versucher, selig rief ich:
So soll denn jeder höchste Wunsch auf Erden
erfüllt sein jedem Einzigen! -"Jedem Einzigen",
gleichgültig sprach es Der im Mantel nach.

Und rückwärts deutete der Ungerührte
dem Saum der Wüste zu; der regte sich,
und aus dem Staub erhob sich ein Getümmel,
als schwärmten feine Geier um ein Aas.
Und fort vom Horizont her schob sich's schwärzlich
wie Wolkenklumpen, ballte sich und schwoll,
schwoll, löste sich, erbrauste, schwoll, und wälzte
und wickelte sich tosend auseinander
und auf uns zu, die Ebne überströmend
wie Qualmgebrodel, sturmgepeitscht; und näher
und immer näher schwoll's und schüttete
sich aus vor uns zu Haufen, Scharen, Zügen
von Leibern gelb und weiß und schwarz und braun.
Die Erde dröhnte, wie sie rasend rannten
und keuchend ritten; und da schossen schon
die Ersten uns vorbei, vom Wettlauf triefend,
hinauf den Abhang und hinauf die steilen Stufen
der Tempeltreppe, ihnen nach
der Unzählbaren brausendes Gewühl.
Und schaudernd sah ich ihrer Augen Gier;
doch unbewegt stand neben mir mein Führer.

Und nun, da kamen aus dem dunkeln Tor
mit dem errafften Gut, dem höchst erstrebten,
dem tiefst ersehnten, Einige schon zurück;
und zitternd, freudezitternd späht' ich hin.
O Wahn! – o wie sie kindisch um die Säulen
tanzten und johlten, in den Händen Tand!
Doch Andre kamen – fiebernd späht' ich hin.
Da schleppte unter beiden Armen Einer
verstaubte Folianten. Einer kroch fast,
so war er goldbepackt. Behutsam trug
ein Greis einBlumentöpfchen. Eine Schöne
liebäugelte mit ihrem Perlenschmuck.
Und jetzt: Halt suchend griff ich in die Luft:
wild jauchzend stürmte aus dem Tor ein Häuptling,
die blutige Kopfhaut eines Feindes schwang er,
und oben auf den Stufen rangen Zwei
zum Mord verknotet um ein nacktes Weib.

Mitfühlend bog sich, krümmte sich mein Arm.
Da ließ der Krampf mich los: ein Ekel fuhr mir,
ein Strom von Ingrimm durch Genick und Kehle.
Gen Himmel stieß ich die geballten Fäuste:
O rotte, Allmacht, aus dies Wurmgezücht!
vertilgt sei, wer nicht liebt! es lebe nur,
wer in der Einen Sehnsucht sich verzehrt,
die Alle glücklich macht! es lebe nur,
wer Alle, Alle will vom Schmerz erlösen!

"Erlösen" – tönte die vermummte Stimme;
"der zweite Wunsch!" wie Drohung scholl es nach.
Und plötzlich: vor mir, neben, über mir,
herab die Stufen, schollernd, schlotternd kam's
herab den Abhang, dröhnend wie Geröll,
hinab zum Abgrund, Leiber über Leiber,
verrenkt im Todeskampf, und drüber weg
hinauf den Abhang, immer dröhnender,
hinauf die Stufen und ins dunkle Tor
der Unzählbaren brausendes Gewühl.
Und immer dröhnender, hinein, heraus,
herab die Stufen, schollernd, schlotternd quoll's
hinab, hinunter, Sterbende und Leichen,
vor meinen Augen; und die Sonne sank
und sank und sank, und immer neue Haufen
Verröchelnder verschlang der Schlund vor mir.

Aufschreien wollt ich, flehen, daß nur Einer,
nur Einer spräche das geweihte Wort –
der Laut erstickte mir im offnen Mund:
mein liebster Freund, da schlug er hin, zermalmt,
zermalmt die Brüder beide, beide Schwestern,
und da, da – 'Mutter!' -da stand meine Mutter
und hörte nicht mein Schrei'n und stieg hinan
und bat zu Gott, oh Gott, für mich, für mich,
für ihren Sohn bloß bat sie Gott um Glück,
und starb für ihr Gebet – stier sah ich's an.

Stumpf glotzt' ich in die Runde, sinnlos lächelnd;
irrsinnig schien ich mir, erstarrt mein Herz.
Wohin ich sah, verglaste Augenpaare;
und all die Augenpaare sahn mich an.
Und sahn mich an wie meine eignen Augen,
aus allen Augen sah ich selbst mich an,
verglast, sinnlos, zum Lächeln – da:
aufschluchzend fiel ich hin und weinte laut.
Und fühlte eine große Stille werden,
ein dunkler Sammet streifte meine Schläfen,
wie schwere Dämmrung legten sich die Falten
um meine Schultern, und wie Nachtwind hohl
traf mich die Frage: "Und dein dritter Wunsch?
dein letzter, eigenster?" Aufrüttelnd fuhr
ein eisiger Atem durch mein heißes Haar.

Und stammeln wollt ich. doch die Worte kreisten
in mir wie Staub im Sturm. In meinen Ohren
war wieder das Gedröhn. Und eine Angst
vor meiner eignen armen Gier und Blindheit
hielt mir die Kehle würgend zu: zerknirscht
lag ich und lag, nicht wagt' ich mehr zu wünschen,
und endlich, röchelnd betteln stöhnt' ich: Gnade!
und schlug die Augen auf, Da dehnte sich,
nickend, verschwimmend, an der Wand mein Schatten;
verflammend stand die Lampe, schwelend losch sie,
ich saß allein im kalten Licht der Sterne.

 << Ausgleichungen  Das Spiel der Welt >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.