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Rheinsagen

Ludwig Bechstein: Rheinsagen - Kapitel 7
Quellenangabe
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typelegend
authorLudwig Bechstein
titleRheinsagen
publisherHermann Schaffstein Verlag in Köln
printrun71. bis 110. Tausend
illustratorOtto Ubbelohde
year1945
firstpub1912
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090511
projectidfae5112d
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Der Pilatus und die Herdmanndli

Erdmännlein oder Zwerge

In der ganzen Schweiz, im Berner und Luzerner Land, im Haslital und fast allenthalben gehen Sagen von Zwergen und Berggeistern, die sich vielfach ähnlich sind. Absonderlich viel Redens ist von dem hohen Berge Pilatus und den Zwergen, die in seinem Geklüft wohnen, die heißen Herdmanndli.

Der Pilatus ist der rechte Blocksberg der Schweiz, auf lateinisch mons pileatus (Hutberg) geheißen, weil im Land die bekannte Regel geht:

»Hat der Pilatus einen Hut,
so steht im Land das Wetter gut.«

Aber es geht die Sage, daß nach Christi, unsers Herrn, Leiden, Tod und Auferstehung der römische Landpfleger Pilatus in dieses Land gezogen sei, oder gar, daß der Satan ihn hergetragen. Und da habe er am Berge den ungeheuerlichen See gefunden, der weder Zu- noch Abfluß hat und wegen der unergründlichen Tiefe schwarz und gräßlich anzusehen ist, ein unheimlicher Moorgrund. In diesen See habe sich der römische Landpfleger gestürzt, weil sein Gewissen ihn fort und fort gepeinigt; andere sagen, der Teufel habe ihn hineingesteckt. –

Die Herdmanndli wohnten vielfach in der Pilatushöhle, die hoch oben liegt, tief und schaurig. Sie waren den Menschen gar gut und hilfreich, gar »gespäßige Lüet«, wie die Hirten sagen; sie verrichteten nachts der Menschen Arbeit, kamen auch vom Berg herunter in die Täler, schafften und ackerten redlich, und ein Herdmanndli konnte mehr verrichten als zehn Meister mit allen Knechten. Aber sehen ließen sich die Manndli wunderselten, und auch da hatten sie lange graue Kutten an, die bis auf die Erde reichten, daß man nimmer' ihre Füße sah.

Einem Hirten begegnete es, daß er einen reichtragenden Kirschbaum oben, am Berge hatte, dem pflückten die geschäftigen Zwerglein die Kirschen ab und brachten sie zum Trocknen auf die HürtenGestelle zum Dörren des Obstes , daß hernach gutes Kirschwasser daraus gebrannt werden konnte. Der Hirt aber ward neugierig, zumal mocht' er gern die Füße der Herdmanndli sehen, kam her und streute Asche rings um den Baum, als die Früchte im nächsten Jähr wieder reiften. Die Herdmanndli kamen, pflückten redlich die Kirschen ab, und am Morgen sah der Hirt ihrer Füßlein Spur in der Asche. Es waren eitel kleine Gänsefüße. Der Hirt lachte und sagt' es freudig seinen Genossen an, daß er nun wisse, was für Füße die Herdmanndli hätten. Die Zwerge aber ergrimmten, zerbrachen des Hirten Dach und Fach, versprengten seine Herde, zerknickten dem Kirschbaum Ast um Ast, und ihrer keines kam jemals wieder herunter, den Menschen hilfreich zu sein. Sie blieben droben in ihrer tiefen Höhle und in ihrem Geklüft wohnen. Der Hirt aber wurde ganz tiefsinnig, schlich bleich umher und hat nicht lange gelebt.

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