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Rheinsagen

Ludwig Bechstein: Rheinsagen - Kapitel 5
Quellenangabe
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typelegend
authorLudwig Bechstein
titleRheinsagen
publisherHermann Schaffstein Verlag in Köln
printrun71. bis 110. Tausend
illustratorOtto Ubbelohde
year1945
firstpub1912
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090511
projectidfae5112d
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Ida von der Toggenburg

Rheinaufwärts am Bodensee liegt die Toggenburg, der uralte Stammsitz der nach ihr genannten Grafen. Darinnen wohnte eine fromme Gräfin, Ida geheißen, aus dem Stamme derer von Kirchberg.

Da geschah es eines Tages, daß sie ihren Brautring in das offene Fenster legte, und die Sonne schien darauf, daß er hell blitzte. Ein Rabe sah den Ring, schoß daher, erfaßte ihn mit seinem Schnabel und trug ihn fort in sein Nest. Wohl vermißte die Gräfin ihren Ring; doch fürchtete sie den Zorn ihres heftigen Gemahls, wenn sie ihm den Verlust melde, und daher schwieg sie.

Nach einiger Zeit fand ein Diener des Grafen im Walde des Raben Nest und in dem Nest den Ring der Herrin. Ohne daß er wußte, wem der Ring gehörte, steckte er ihn an seinen Finger und trug ihn sonder Scheu. Da sah und erkannte der Graf seiner Gemahlin Ring, den er ihr selbst gegeben, am Finger des Knechts. Er glaubte sie treulos, ließ alsbald den unschuldigen jungen Gesellen am Schweif eines wilden Pferdes den felsigen Burgweg hinab zu Tode schleifen und warf die ebenso unschuldige Gemahlin vom Söller des Palastes hinab in den waldigen Felsenabgrund.

Aber Engel schirmten die Unschuld; sanft sank Ida, von unsichtbaren Händen getragen, durch schützendes Gezweig auf weiches Moos. Inbrünstig dankte sie den Heiligen für ihre wunderbare Rettung und wandelte weit von der Burg hinweg in eine unwegsame Wildnis. Dort erbaute sie sich eine Hütte von Gezweig und lebte als Einsiedlerin nur dem Gebet und der Andacht. Wasser war ihr Getränk, Waldbeeren und Wurzeln waren ihre Nahrung.

Bald darauf sagte ein Diener dem Grafen von seines Mitgesellen Ringfund im Rabennest, und nun lastete seine Tat schwer auf des Grafen Seele. Einstmals verirrte sich unversehens ein Jäger des Grafen in die Waldeinöde und fand die einsame Gräfin. Schnell trug er die Kunde zu seinem Herrn, der längst jene übereilte Tat bereute. Der Graf eilte zu der Einsiedlerin, wollte sie wieder hinauf in sein Schloß führen und erflehte ihre Vergebung. Aber Ida ließ sich nimmer bewegen.

Der Graf von Toggenburg nahm das Kreuz, entbot seine Dienstmannen rings im Schweizerlande und zog mit ihnen zur Büßung und Entsühnung seiner Tat nach dem Heiligen Lande, um dort gegen die Ungläubigen zu fechten. Dort kämpfte er mit in großen Schlachten und machte seinen Namen gefürchtet. – Aber es zog ihn die mächtige Sehnsucht im Busen wieder nach der Heimat zurück. Immer noch hoffte er, Ida werde sich wieder mit ihm vereinigen; denn nie hatte er sie so geliebt, als seit er sie wiedergefunden.

Nach einem Jahre schiffte er wieder der Heimat zu. Aber da er nach Ida fragte, ward ihm die Kunde, daß sie im Kloster Fischingen den Schleier genommen und dort lebe, still und heilig. Da tat der Graf allen ritterlichen Schmuck ab, hing Wehr und Waffen in seine Kapelle und pilgerte hinab gen Fischingen als armer Einsiedler, erkor sich einen Platz in der Nähe des Klosters, und darin lebte, büßte und betete er, bis er starb.

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