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Rheinsagen

Ludwig Bechstein: Rheinsagen - Kapitel 49
Quellenangabe
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typelegend
authorLudwig Bechstein
titleRheinsagen
publisherHermann Schaffstein Verlag in Köln
printrun71. bis 110. Tausend
illustratorOtto Ubbelohde
year1945
firstpub1912
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090511
projectidfae5112d
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Der Schwanritter

Da Herzog Gottfried von Brabant zum Sterben kam und hatte keinen Sohn, wollte er sein Land und Erbe seiner Gemahlin und seiner Tochter überlassen. Aber Gottfrieds Bruder Telramund wollte darein nicht willigen und sagte, das Land sei kein Weiberlehen, und nahm Brabant für sich. Da verklagte ihn die Herzogin bei König Heinrich dem Vogler, und der lud sie und auch ihren Schwager gen Nimwegen am linken Arm des Rheinstroms, die Waal geheißen. Und sie kam dahin mit ihrer Tochter, und auch ihr Gegner.

Da geschah es, daß König Heinrich durch ein Fenster hinausschaute und hinab auf den Strom; da sah er einen Schwan schwimmen, der hatte ein silbernes Halsband und zog mit diesem an silberner Kette einen Nachen nach sich, und in dem Nachen lag ein Ritter in gleißendem Harnisch. Sein Haupt ruhte auf seinem Schilde, seinen Helm und die Halsbrünne hatte er abgetan und neben sich gelegt, und der Schwan ruderte an das Ufer heran. Alle Hofleute, die das sahen, samt dem König verwunderten sich sehr, vergaßen den Rechtshandel und eilten nach dem Ufer hinunter. Der ritterliche Jüngling im Nachen erwachte, tat sein Gewaffen wieder an, erhob den Schild, auf dem acht Zepterlein um einen weißen Karfunkel gestellt waren, stieg aus der Barke und sprach zu dem Schwan: »Flieg deinen Weg wohl hin, lieber Schwan! So ich deiner bedarf, will ich dich rufen.« – Da wandte sich der Schwan und ruderte im Wasser und entschwand samt dem Nachen den Augen der ihm Nachschauenden.

Alles blickte ganz verwunderungsvoll nach dem Gast, dem der König selbst die Hand bot und ihn nach der Burg geleitete. Dann setzte er sich auf den Richterstuhl und hieß den Fremdling bei den Fürsten und Herren eine Stelle einnehmen. Es erhub nun die Herzogin ihre Klage, und ihr Schwager brachte seine Gegenrede vor und sprach, daß er bereit sei, für sein Recht zu kämpfen; die Herzogin solle ihm nur einen Kämpen stellen, der mit ihm für ihr und ihrer Tochter vermeintes Recht stritte. Der Herzog Telramund war aber ein gar mannlicher Held und dem Besten im Kampfe überlegen. Darum erbebte die Herzogin; denn sie wußte keinen Kämpen in ihrer Sippschaft aufzufordern, sich jenem gegenüberzustellen. Da weinte sie in bitterm Schmerz, und ihre Tochter weinte mit ihr, und es war ihr weh im Herzen.

Siehe, da erhob sich der junge Ritter, der mit dem Schwan gekommen war, von seinem Stuhl, neigte sich gegen den König und sprach: »So du es mir vergönnst, großer König, so will ich wohl dieser Frauen Kämpe sein!« Das wurde ihm gewährt, und er stritt darauf einen schweren Streit mit dem Herzog Telramund; doch besiegte er ihn endlich und machte so der Herzogin und ihrer Tochter Erbe frei und ledig. Die dankten ihm in Züchten, und die Herzogin bot ihm jeden Kampfeslohn, den sie gewähren könne, und wär' es selbst ihrer Tochter Hand und einstiges Erbe. Da sagte der Jüngling, Werteres könne ihm nimmer geboten werden; doch müsse er unerläßlich bedingen, daß seine Braut und Vermählte nie und nimmermehr ihn frage, wie er heiße, woher er gekommen, welches sein Geschlecht sei, wer ihm Vater und Mutter wäre und solcher Fragen mehr; denn sowie sie solche Fragen auch nur ein einziges Mal an ihn richte, müsse sie ihn auf immer verlieren.

Diese Bedingung deuchte der Prinzessin von Brabant gar leicht zu halten; sie gelobte ihm das und vermählte sich dem Schwanenritter. Sie zogen nach Kleve, der uralten Stadt, wo schon Julius Cäsar eine Burg erbaut, erneuten das Schloß und nannten es Schwanenburg und freuten sich des Lebens. Sie gewannen auch zwei blühende Kinder und waren sehr glücklich. Und sie wären es geblieben, wenn nicht der Weiber Erbsünde, die schlimme Neugier, die junge Herzogin gequält und immer mehr gequält hätte. Denn sie mochte gar zu gerne wissen, wer denn eigentlich ihrer Kinder Vater sei. Und so drückte es ihr fast das Herz ab, bis sie endlich die Frage tat, die ihr doch so ernst verboten war. Da sprach der Herzog: »Nun hast du dein Glück und mein Glück zerbrochen, und hast mich am längsten gesehen!« Und er waffnete sich und winkte zum Fenster hinaus.

Da kam schon der Schwan geschwommen mit seinem Schifflein. Und der Herzog küßte seine Kinder und drückte seiner Gemahlin stumm und schmerzlich die Hand. Die weinte überlaut und stürzte ihm voll Reue zu Füßen und wollte ihn zurückhalten, und auch alles Volk flehte ihn an, daß er bleiben sollte. Aber der Schwanritter konnte nicht bleiben. Er segnete alle, bestieg seinen Kahn und fuhr von dannen.

Tief drang der Kummer ins Gemüt der Herzogin. Doch erzog sie die Kinder zu tüchtigen Rittern, und ihnen entstammten alle späteren Herzöge von Kleve und Geldern und Rheineck; die führten meist den Schwan im Wappen. Des Landes Heerschild aber blieb der weiße Stein im roten Felde, um den die acht goldnen Zepterstäbe gestellt sind, bis auf diesen Tag. Auf dem Schwanenturme der Schwanenburg aber zeugt noch ein weißer Schwan, der sich im Winde dreht, von dieser Geschichte.

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