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Rheinsagen

Ludwig Bechstein: Rheinsagen - Kapitel 31
Quellenangabe
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typelegend
authorLudwig Bechstein
titleRheinsagen
publisherHermann Schaffstein Verlag in Köln
printrun71. bis 110. Tausend
illustratorOtto Ubbelohde
year1945
firstpub1912
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090511
projectidfae5112d
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Der wilde Jäger

vgl. die Ballade von Bürger u. Bl. 13

Der Wild- und Rheingrafen einer war ein gewaltiger Jäger, aber nicht wie Nimrod vor dem Herrn, sondern so recht vor dem Teufel. Einen Tag und alle Tage ging es hinaus in die Forste, mit wildem, wüstem Gefolge. Werktag und Feiertag, das war dem Grafen alles gleich. In die Kirche ging er nicht; nur Jagen war seine Freude.

Da geschah es eines Sonntagmorgens, daß der Wild- und Rheingraf abermals vom hohen Stein mit dem Gefolge seiner Jagdknechte und Rüden herab zu Tale zog, durch Felder und Saaten, nichts achtend, junge Saat und reife Ähren in den Boden niederstampfend. Es währte nicht lange, so brachten die Hunde einen großen weißen Hirsch auf, dessen Spur sie nun mit lautem Kliffen und Klaffen folgten. Die Hifthörner klangen, und die Hetzpeitschen knallten, daß es nur so sauste und brauste, immer dem Hirsch nach.

In allen Tälern riefen die Kirchenglocken zu Gebet und Amt; der Wildgraf hörte es gar nicht. Ein Bäuerlein, in dessen Feld der fliehende Hirsch sich zu bergen suchte, sah den Troß auf sein Feld losjagen. Er fiel auf die Knie und flehte, seines Ackers, des einzigen, welchen er besitze, doch gnädiglich zu schonen. Der Wild- und Rheingraf aber überritt den Bauern und stürmte mit dem ganzen Jagdtroß über den Acker hin. Der fliehende Hirsch mischte sich nun unter eine weidende Herde, da Sicherheit zu suchen. Der Hirt sah die wilde Jagd herannahen und flehte um Barmherzigkeit für das ihm anvertraute Vieh. Der Wild- und Rheingraf aber knallte ihm mit der Peitsche um die Ohren und schrie: »Hui hatz! Hui hatz!« Da fiel die blutgierige Meute mit wütenden Bissen den Hirten an und riß ihn nieder und biß die Rinder tot und jagte den Hirsch weiter. Dieser gewann einen Wald, dessen friedliche Sonntagsstille jetzt gellend laut der Zug des wilden Jägers durchtobte.

Im Walde stand eine Einsiedlerklause, und in diese floh jetzt der auf den Tod gehetzte Hirsch. Der Wild- und Rheingraf stürmte mit seinem Troß gegen die Klause an. Der Klausner, ein Greis mit schneeweißem Bart, trat heraus und hob warnend die Hand. »Nicht weiter!« rief er mit starker Stimme; »hier ist das AsylZufluchtsort der KreaturGeschöpf !« – »In der Hölle ist dein Asyl, du alter Hund!« schnaubte der Wild- und Rheingraf den Klausner an und hob die Peitsche hoch gegen ihn auf. Aber die aufgehobene Rechte fiel nicht mehr zum Schlage nieder. – Nacht ward es plötzlich; der Klausner und die Hütte, der Hirsch und die Hunde, die Jäger und die Knechte – alles schwand, und des Wild- und Rheingrafen keuchendes Roß brach zusammen. Und da zuckte ein Blitz, und da fuhr des Teufels Faust riesengroß aus der Erde und drehte dem wilden Jäger den Hals um, und eine Stimme donnerte: »Jage fort, bis an der Welt Ende!«

Und also geschieht es, wie viele Sagen melden, daß von Zeit zu Zeit die wilde Jagd durch die Lüfte und über Felder und Wälder fährt mit gräßlichem Geschrei, mit dem Kliffen und Klaffen der Hunde, mit gespenstischem Wild, und der wilde Jäger selbst als Wild gehetzt vom wilden Heere der Hölle.

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