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Rheinsagen

Ludwig Bechstein: Rheinsagen - Kapitel 29
Quellenangabe
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typelegend
authorLudwig Bechstein
titleRheinsagen
publisherHermann Schaffstein Verlag in Köln
printrun71. bis 110. Tausend
illustratorOtto Ubbelohde
year1945
firstpub1912
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090511
projectidfae5112d
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Der Binger Mäuseturm

Erzbischof Hatto von Mainz war, wie die Sage erzählt, ein gar strenger Herr, zornigen, treulosen Gemütes, ohne Furcht vor Gott und ohne Liebe zu den Menschen. Er soll es gewesen sein, der durch schändlichen Verrat den edlen Grafen Adalbert von Babenberg in das Lager König Ludwigs IV. lockte, der denselben enthaupten ließ. Wenn Bischof Hatto eine Rede bekräftigen wollte, so soll er immerdar das Wort im Munde geführt haben: »Sollen mich die Mäuse fressen, wenn's nicht wahr ist!«

Nun trug sich's zu, daß unter Hattos Regierung eine große Not und Teuerung entstand, so daß die Leute Hunde und Katzen aßen und viele Hungers starben. Und da war des Bettelns und Gabenheischens in dem Bischofsschloß zu Mainz kein Ende, und Hatto meinte, es sei am besten, das arme Volk käme eilend von der Welt, so hungere es nicht mehr und er bliebe ungeplagt. Er ließ daher alle Armen der Stadt in eine Scheune draußen vor dem Tore entbieten, als wolle er ihnen eine Mahlzeit zurichten lassen. Und als alle darinnen waren, ließ er das Scheunentor verschließen und die Scheune an allen vier Ecken anzünden. Da nun die Eingesperrten ein gar jämmerliches Geschrei erhoben, sagte der grausame Bischof: »Hört ihr, wie meine Kornmäuse pfeifen? Nun wird der Bettel wohl ein Ende haben! Sollen mich die Mäuse fressen, wenn's nicht wahr ist!«

Und siehe, da sprang eine Schar Mäuse aus dem Brand der Scheune hervor und an den Bischof hinan; die bissen ihn, und ihm graute. Als er nach Hause kam und sich zur Tafel setzte, liefen Mäuse auf der Tafel herum, fraßen von seinen Speisen, fielen in seinen Becher und bissen ihn in die Hände. Über seiner Lagerstatt und unter ihr und in ihr waren Mäuse und quälten ihn mit wütenden Bissen. Da erkannte Hatto schaudernd das Gericht Gottes.

Nun stand bei Bingen im Rheinstrom eine Wasserburg, dahin enteilte der Bischof, um dort sicher zu sein; denn über das Wasser, meinte er, würden die Mäuse nicht kommen. Aber ehe er noch in das Schiff trat, waren schon die Mäuse drin, und da half kein Totschlagen; denn sie verkrochen sich, und ganze Scharen Wassermäuse kamen, die schwammen mit dem Schiff in die Wette nach der Turminsel bei Bingen. Auf einem großen Rheinfloß waren nicht soviel Menschen als Mäuse in und um Bischof Hattos Schiff. Und als er in dem Turme war, da fielen sie ihn an und bissen ihn und fraßen ihn bei lebendigem Leibe auf. Und wo an einer Wand oder auf einer Tafel der Name des Bischofs Hatto zu lesen war, da nagten es die Mäuse ab, um selbst sein Gedächtnis zu tilgen.

Seitdem heißt der Rest von Hattos Wasserburg im Rhein bei Bingen der Mäuseturm.

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