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Rheinsagen

Ludwig Bechstein: Rheinsagen - Kapitel 28
Quellenangabe
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typelegend
authorLudwig Bechstein
titleRheinsagen
publisherHermann Schaffstein Verlag in Köln
printrun71. bis 110. Tausend
illustratorOtto Ubbelohde
year1945
firstpub1912
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090511
projectidfae5112d
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Not Gottes

Zu Rüdesheim am Rhein bewohnte das mannliche Geschlecht der Brömser von Rüdesheim ihre uralte graue Feste, deren Aufbau in die Römerzeit fällt, und weiter stromabwärts, an der Waldbergerhöhe, ist das Kloster gelegen, welches den wunderbarlichen Namen »Not Gottes« trägt.

Ein Brömser von Rüdesheim zog nach Palästina, tat allda viele mannliche Taten, bezwang viele Sarazenen und kämpfte mit einem Drachen, den er auch erlegte. Aber bald darauf fiel er in die Hände der Ungläubigen, die ihm schwere Ketten zu tragen auferlegten. Da gelobte er in seinem Kerker, seine Tochter, die er als ein junges Kind verlassen, dem Himmel zu weihen, wenn sie am Leben bleibe und er in die Heimat zurückkehre. Und siehe, des Ritters Ketten fielen von ihm ab, der Himmel nahm das dargebotene Opfer an, der Ritter entkam und eilte der Heimat zu.

Freudvoll empfing ihn seine schön erblühte Tochter, und er offenbarte ihr sein Gelübde. Da wurde die Tochter bleich wie der Tod; – sie war in Minne einem jungen Ritter zugetan, dessen Hand von ihrem Vater zugesprochen zu erhalten sie zuversichtlich gehofft hatte. Aber es halfen nicht Flehen, nicht Tränen: der Vater glaubte dem Himmel vor allem sein ritterliches Wort zu halten schuldig zu sein. Da enteilte die Tochter laut wehklagend der Brömserburg, erklomm den nächsten Felsen und stürzte sich in den Strom hinab.

Groß war des Vaters Schmerz, und da er nun sein Gelübde nicht halten konnte, so gelobte er statt dessen, er wollte ein Kloster erbauen. Es ging aber ein Mond nach dem andern hin, und der alte Brömser vergaß seines neuen Gelübdes. Es mochte wohl daher kommen, daß er durch alten Rüdesheimer seinen Schmerz hinwegbannte und darob sein Gedächtnis etwas schwach ward. Da hatte er einmal ein nächtliches Gesicht: der Drache, den er in Palästina erlegt hatte, war wieder bei ihm und fauchte ihn mit weitaufgesperrtem Rachen an und drohte ihn zu verschlingen mit Haut und Haar; – da sah er die Gestalt seiner Tochter, die winkte den Drachen hinweg und blickte gar wehmutsvoll auf den Vater und verschwand.

Am Morgen aber kam des Brömsers Ackerknecht und sagte an, wie er in aller Frühe mit dem Pflug und den Stieren zu Acker gezogen sei, da habe er eine klagende Stimme vernommen, die immerfort gerufen habe: »Not Gottes! Not Gottes!« Und die Stiere hätten nicht ziehen wollen, sondern immer am Boden gescharrt. Sogleich begab sich der Ritter Brömser selbst hinaus auf das Ackerfeld, und da vernahm er dieselbe wehklagende Stimme: »Not Gottes! Not Gottes!« die ganz in der Nähe von der Stelle drang, wo die Ochsen standen und scharrten, und zwar kam die Stimme aus einem hohlen Baume. Der Ritter rief und suchte, aber er entdeckte nichts. Da ließ er den Baum spalten, und da fand sich innen am Boden des hohlen Stammes eine Monstranzheiliges Gefäß mit dem heiligen Leib und ein hölzernes Bild des SchmerzensmannesJesus am Kreuz . Als diese Kleinode dem Baume entnommen waren, schwieg die Stimme, und die Stiere waren ruhig.

Das erinnerte nun den Brömser stark an die Erfüllung seines Gelübdes. Er gründete ein Kloster, ließ an des hohlen Baumes Stelle den Altar aufrichten und stellte das Christusbild darauf. Und das Kloster ward »Zur Not Gottes« genannt, und es geschahen zu dem Kloster und zu dem Bilde viele Wallfahrten rheinab und -auf, daß öfters an einem Tage 16 000 Waller da waren. Und das Bild tat vordem große Wunder.

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