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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 6
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Aachen

Der Münsterbau

I.

Als er einst hinausritt aus seiner Pfalz zu Aachen, der große Frankenherrscher Karl, da soll plötzlich das Roß mit hellem Gewieher blitzschnell den Fuß zurückgezogen haben aus einer Waldquelle, darin es getreten. Und wie der Reiter neugiervoll hinabstieg und die Hand ins Wasser tauchte, soll er die heiße Quell entdeckt haben, die seither Tausenden zum Heile war. Dankerfüllt erkannte der fromme Kaiser in jener Heilquelle der Vorsehung gütiges Geschenk und er faßte den Entschluß, hierselbst dem Herrn ein Haus zu bauen. Und der Huf des Rosses sollte an der Kirche Rotunde erinnern. Mit frischen Kräften begann gar bald der Bau des stolzen Tempels und freudig sah der alternde Kaiser des Münsters Mauern steigen. Seine Vollendung sah er nicht.

Trauernd empfanden's die Bauleute. Carolus Magnus hatte das gewaltigste Reich des Abendlandes einem schwächlichen Sohne hinterlassen, der, um sich die Krone zu sichern, gegen die eigenen Kinder das Schwert ziehen mußte. Da blieb manches unvollendet, was des großen Karl Riesenhand begonnen. Auch der Münsterbau stockte. Verödet stund der Bauplatz, unvollendet Mauern und Türme. Vergebens wandte sich der ehrenwerte Magistrat an die Mildthätigkeit der christlichen Mitmenschen: spärlich flossen die Beiträge und nie reichten sie aus, den Kirchenbau zu vollenden.

Gar oft saßen die Väter der Stadt beisammen und berieten, wie der betrübenden Geldnot abzuhelfen und die Vollendung des Münsterbaues herbeizuführen sei; teuer war guter Rat gleich dem Material, womit man Kirchen baut. Als sie einst wiederum beisammen saßen, da meldete sich im Rathaus ein fremder Herr an, vermeldend, er habe dem würdigen Rate Wichtiges mitzuteilen. Er ward vorgeführt und brachte seine Meldung vor, die in nichts Anderm bestand, als dem hohen Rat der Stadt Aachen das Geld zur Vollendung des Domes vorzustrecken. Gar mißtrauisch schauten die würdigen Väter auf den fremdartig gekleideten Sprecher mit dem seltsamen Spitzbart-Gesicht; der aber ließ sich durch die scheuen Blicke nicht beirren, sondern wiederholte keck, doch höflich sein Angebot.

»Ich möchte euch, ihr hochweisen Herrn, aus eurer dermaligen Geldnot helfen und begehre nicht einmal Rückzahlung der Tausende, die ich euch anbiete (hier hoben die Brauen und spitzten die Ohren die vieledlen Ratsherren). Sintemal euer Bürgerstolz mein Darlehen bedingungslos verweigern würde, erkläre ich mir zur Bedingung nur eine Kleinigkeit: daß, wenn der Bau vollendet, am Einweihungstage der Erste, so die Kirche betritt, mir gehöre mit Leib und Seele!«

Da sprangen entsetzt von ihren Sitzen die weisen Herren und etliche bekreuzten sich andächtiglich; denn welch Anderer als der leibhaftige Gottseibeiuns, konnte solch Ansinnen stellen? Schon blitzte empört des würdigen Stadtoberhauptes strafendes Auge. »Hebe dich von hinnen,« murmelte er, »du bist uns zum Ärgernis!«

Ruhig aber und gelassen stand Meister Urian.

»Laßt mich frommes Schriftwort mit gleichem erwidern, ihr edlen Herren! Warum seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen? Erwäget, ob ich vermessen bin, der ich mir einen ausbedungen, dieweil da draußen, wo das Kriegsschwert blitzt zwischen Vater und Söhnen, Brüdern und Bruder, Tausende geopfert werden verderblichem Ehrgeiz! Dort opfert Einer Tausende, hier opfert sich für das Wohl des Ganzen ein Einziger.«

Und triumphierend blitzte das Auge des fremdartig gekleideten Sprechers; denn in der weisen Ratsherren Mienen las er günstige Botschaft. Die Zahl der Zauderer schmolz von Minute zu Minute, bis endlich auch den Letzten der Scrupel verließ. Der Pakt kam zustande, stolz lächelnd empfahl sich der Andere und beklommen harrten die würdigen Väter der zugesagten Summe. Sie kam noch am nämlichen Tage, echt und recht in Gewicht und Gepräge und große Freude herrschte im hohen Rate der Stadt Aachen.

II.

Abermals regten sich die Steinmetzen und Zimmerleute am Dom zu Aachen, fleißig ward geschafft, um das Versäumte nachzuholen und näher und näher rückte des Münsters Vollendung. Drei Jahre waren derweil vergangen und es kam der Tag, wo das neue Gotteshaus eingeweiht werden sollte. Ein großes Freudenfest sollte der Einweihungstag werden für die Stadt Aachen: Zahlreiche weltliche und geistliche Herren waren erschienen und männiglich lobte den herrlichen Gottesbau, die Freigebigkeit der Bürger und die Weisheit des hohen Rates. Der aber befand sich in arger Bedrängnis. Wohl hatte keiner der würdigen Väter von dem Pakt mit dem Bösen etwas verlauten lassen, nur einer hatte seiner Hausfrau gebeichtet – und seit jener Stunde tuschelten sich hundert Ohren das Geheimnis zu.

So kam es, daß am Tage der Einweihung gar viele hochwürdigen Äbte und Prälaten, nicht minder zahlreiche Ritter und Herrn mit berechtigter Scheu der Stunde entgegensahen, wo sich der feierliche Zug zum Münster in Bewegung setzen sollte. Ein seltsamer Festzug war: Die Fahnen flatterten, die Fanfaren schmetterten, aber die Menschen in den schimmernden Rüstungen und farbenprächtigen Ornaten blickten gar unruhig drein, und manches besorgte Gesicht schaute empor zum Morgenhimmel, ängstlich lauernd, ob nicht alldort urplötzlich eine hagere Gestalt mit einer Teufelfratze, Pferdefuß und Fledermausflügeln einhergerast komme.

Da ging auf einmal eine Bewegung durch die Menge. Durch die lange, geöffnete Gasse der Prozession nahten in stolzer Überlegenheit die würdigen Väter der Stadt. Vor ihnen schritten vier riesige Landsknechte und hielten mit starken Fäusten einen verhüllten Käfig. Es hatte der Abt von St. Florian einen schlauen Plan ersonnen, den Bösen zu überlisten.

Der Zug hatte das Münster erreicht und vor dem Münster standen als Erste die Vier mit dem Käfig. Nun streift Einer die Hülle ab und hinter dem Gitter fletscht heulend ein Wolf seine Zähne; dieweil die beiden Andern mit gewaltigem Hellebardenstoß die Thürflügel nach innen aufstoßen, hetzt der Vierte mit seinem Spieß das gefangene Tier just in die geöffnete Kirche. Drinnen ertönt donnerndes Gepolter: hinter dem Eingang versteckt, hatte der Böse lauernd seine Beute erwartet und war gierig dem Tiere nachgerast, stieß aber in demselben Augenblick ein wildes Wutgeheul aus, da er sich überlistet sah. Jauchzend fuhr er hinter dem armen Wolf her, brach ihm das Genick und sauste unter Verwünschungen davon. Schwefeldunst erfüllte die verdunkelte Luft.

Drunten aber in die Kirchenhallen wälzte sich des Volkes Gewimmel und pries bei Glockenklang und Fanfarenruf die Güte des Herrn.

III.

Unter gräßlichen Verwünschungen fegte dieweil über das Aachener Land der überlistete Meister Urian. Daß sie ihn mit einer elenden Wolfsseele so jämmerlich betrogen hatten, das sollte die Aachener gereuen. Bis ans Meer war er inzwischen gekommen und wie er also verdrossen und ingrimmig hinausstarrte vom gelben Dünenstrande auf die dunkelgraue Flut, kam ihm ein höllischer Gedanke. Begraben mit ihren Prälaten und Rittern, Männlein und Weiblein.

Riß mit mächtigem Ruck einen Sandberg vom Ufer los, lud ihn sich auf und machte sich zurück auf den Weg nach Aachen. Aber der Weg zog sich arg in die Länge, der Teufel schwitzte gewaltig und fluchte dem Winde, der ihm ein über das anderemal einen Sprühregen losen Sandes in die Augen blies. Er war bereits bis ins Soerser Thal gelangt, da hielt er keuchend inne. Selbst dem Teufel kann manche Bürde zu schwer werden.

Ein hutzeliges Weib humpelte am Wege vorbei und sah mißtrauisch den Lastenträger mit seiner gespassigen Last. Wollte unbemerkt vorübergehen, doch der Andere hielt sie an, fragend, wie weit noch des Weges bis Aachen. Da erst hat das Weiblein Jenen fester angeschaut und in ihrem welken Gesicht hat's bedenklich gezuckt, wie wenn ihr mit einemmale höhere Erleuchtung käme. Sie hätte nicht zweiundsiebzig Jahre zählen müssen, um in dem mürrischen Gesellen den leibhaftigen Gottseibeiuns zu erkennen und zu erraten, daß er gegen die löbliche Stadt Aachen etwas Arges im Schilde führe. Sogleich hat denn auch die Alte ein betrübtes Gesicht aufgesetzt und mit kläglichem Tonfall geantwortet! »Da seid Ihr übel daran, guter Herr! Gar weit noch ist der Weg bis Aachen. Schaut mein Schuhzeug an, wie es zerfetzt ist von der langen Wanderung, und hab' ich's diesen Morgen just vom Meister Schuhmacher erhalten«.

Einen grimmigen Fluch stieß Meister Urian aus, schüttelte den Sandberg ab und fuhr davon mit einer gräßlichen Verwünschung über die arglistige Stadt Aachen. Das verhutzelte Weiblein bekreuzte sich und war höchlich erfreut, die ehrwürdige Stadt dicht vor den Thoren – gar nicht weit mehr war's bis Aachen – vor Verderben errettet zu haben.

Noch heute liegt jener Sandberg dort, wo ein altes Weib dem Teufel zu listig, »los« war, sagt der Sprachgebrauch jener Gegend, weshalb er Losberg heißt bis auf den heutigen Tag. Auch das Andenken des armen Wolfes, der in die Klauen des Bösen fiel, haben die Aachener an der erzenen Thür ihres Domes verewigt, und der Thürflügel zeigt noch den Spalt, der entstanden sein soll, als der ergrimmte Höllenfürst in ohnmächtiger Wut die Kirchenthür hinter sich zuschlug.

Der Ring der Faltrada

I.

Zurück in die tausendjährige Zeit führt uns die Sage, in die Tage des großen Frankenkaisers Karl, dessen Leben sie gar vielfach mit ihrem Strahlenglanz geschmückt hat. Damals hielt Karl der Große auch einen Hof in den helvetischen Landen: an den Ufern des Züricher Sees stand die kaiserliche Pfalz und unfern derselben just an jener Stelle, wo dereinst Felix und Regula für das Kreuz den Todesstreich empfingen, hatte der Kaiser eine Säule errichten lassen. Ein Glöcklein hing daran und wer immer Beschwerde zu führen hatte, durfte an dem Seile ziehen und klagend oder begehrend auftreten. Ihm ward stets Gehör. So oft Karl in Zürich Hoflager hielt, erschien er selber und hörte die Klagen und Vorstellungen der Bittsteller an.

Da läutete eines Tages wiederum das Glöcklein, doch als der Kaiser hinaustrat, war niemand zu sehen. Am Mittag des folgenden Tages geschah dasselbe; die Glocke läutete, doch kein Glöckner war zu sehen. Da gebot der Kaiser einem Edelknaben, sich im Laubwerk hinter der Säule zu verbergen. Mittag kam und da sah der Page, wie eine Schlange aus dem Ufersand hervorkroch, sich zum Seil emporringelte und das Glöcklein in Bewegung setzte. Dem Kaiser ward davon berichtet und ohne Verzug machte er sich auf zu jener Stätte. Er war überrascht von dem seltsamen Bittsteller, doch ernst sprach er: »Jedem werde Gerechtigkeit, der mich darum angeht; sei es Tier oder Mensch.«

Und die Schlange neigte sich vor dem Kaiser; dann kroch sie zurück in ihre Höhle. Ihr folgte Karl, begierig den Grund ihres Erscheinens zu entdecken. Da erblickte er auf den Eiern der Schlange drinnen in der Höhle eine mißgestaltete große Kröte. Den Eingang schien sie versperren zu wollen. Der Kaiser gebot sofort seinen Begleitern, die Kröte zu töten.

Seitdem waren etliche Tage verflossen und schon hatte Karl das seltsame Erlebnis vergessen. Da kroch, als eben der Kaiser beim Mahle saß, unerwartet die Schlange in den Saal, wand sich zum Staunen Aller zu des Kaisers Sitz, neigte sich dreimal und ließ dann aufschwellend einen Edelstein in seinen Pokal gleiten. Schnell entschwand sie dann, wie sie gekommen.

Karl nahm staunend den Stein aus dem Becher und bewunderte den kostbaren Diamant. Er ließ ihn in einen goldenen Reifen fassen und schenkte diesen seiner geliebten Gemahlin Fastrada. Das Kleinod aber besaß eine wunderbare Eigenschaft: Wohl hatte sich die schöne Fastrada stets der zärtlichen Verehrung ihres kaiserlichen Gemahls erfreut, aber seitdem der Ring ihre zarte Hand schmückte, schien ein süßer Zauber den gewaltigen Frankenkaiser mit diamantnen Banden an Fastrada zu knüpfen.

Schier schien es, als ob sündhaft die glühende Zuneigung sei, die Karl mit stets steigernder Glut für seine angebetete Fastrada entflammte: sie ward krank und der Tod raubte mitleidslos dem Kaiser sein Idol. Untröstlich war Karl über den Verlust des vergötterten Weibes. An ihrer erstarrten Hülle verbrachte er in Schmerz aufgelöst Tage und Nächte, und trauernder Harm legte sich auf die Gesichter seiner Umgebung. Man raunte sich angstvoll zu, wie des Kaisers Schmerz so weit gehe, daß er verweigere, den Leib seiner Gemahlin der Erde zu übergeben. Ein Zauber schien ihn zu fesseln mit diamantnen Banden in die Nähe der schönen Fastrada.

Traurig hörte davon der fromme Turpin, Erzbischof von Rheims. In brünstigem Gebet flehte er Gott an um Hülfe. Und ein Traum ward ihm: er sah den Ring an Fastradas Hand in tausend Farben glänzen und ihr Strahlenlicht den Kaiser magisch umfluten. Nun wußte der Bischof, daß jener Edelstein, den die Schlange einst gebracht, den Kaiser an die Nähe dessen fessele, der ihn besaß.

Im Frühlicht des folgenden Tages macht sich Turpin, der Bischofgreis, auf in das Gemach, wo Karl an Fastradas Hülle klagend die Nacht verbrachte. Aufgelöst in tiefe Trauer, kniet der Kaiser an der Bahre und schmerzlich verhüllt er beim Eintritt des Gottesmannes das Haupt. Jener aber schreitet, sich bekreuzend, zur Toten, faßt die kalte, weiße Hand und entnimmt ihr unbemerkt den goldenen Reifen. Und sieh! Allsogleich erhebt sich der Kaiser, vor dem Greis sinkt er nieder, küßt in liebender Verehrung seine Hand und heischt ihn, ohne einen Laut der Klage, des toten Gemahls sterbliche Hülle zu bestatten. Also geschah es: in St. Alban zu Mainz ward Fastrada beigesetzt, der den Kaiser an die Tote gekettet hatte, war gelöst.

II.

Mit seltener Verehrung hing der große Frankenkaiser an dem greisen Erzbischof von Rheims. Karl litt nicht, daß Turpinus ihn verlasse; er verlangte ihn in seiner nächsten Nähe zu haben und machte ihn zu seinem ersten Freund und Berater. Der fromme Kirchenfürst nutzte jene Stellung nur zum Besten des Reiches aus und that viel Gutes. Oft aber wandelte ihn Reue an über die Art, wie er in des Kaisers höchste Gunst getreten und ungerecht dünkte ihm seine Handlungsweise.

Als er einst Karl auf einer Reise im westlichen Deutschland begleitete, schleuderte er den Ring in ein Wasser, von wo er nimmer konnte hervorgeholt werden. Von der Stunde an zog es den Frankenherrscher unwiderstehlich zu jener Gegend hin. Er baute eine Kaiserpfalz an jene Stätte und eine blühende Stadt umkränzte bald den Palast Karls des Großen. Aachen hieß sie. Sie ward Karls Lieblingsstadt. In ihr weilte er fortan am liebsten und an den Ufern jenes Wassers, darin der Ring der Fastrada richte, sah man oft den alten Kaiser sitzen, im Herzen pflegend Erinnerung seliger Tage.

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