Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Ruland >

Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 52
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
Schließen

Navigation:

Tegelstein am Bodensee

Die Totenblumen

Von der Burg Tegelstein, die einst am Bodensee lag, sind längst die Ruinen verweht; aber die Sage von der stolzen Frau Mechtildis aus dem Geschlecht der Tegelsteiner lebt noch im Munde des Volkes. Ein marmorkaltes Herz besaß jene üppig-schöne Schloßherrin, und die Armen und Dürftigen wagten nimmer, sie um eine milde Gabe zu bitten. Einen Sohn und drei Töchter hatte ihr der Himmel bescheert, und es war seltsam, daß des Jünglings Herz warm schlug für die Notleidenden, indes der drei Fräulein Gemüt der frostige Hauch der stolzen Mutter durchwehte.

Eines Tages ist eine Pächterin aus der Gegend auf der Burg erschienen, die war in Trauerkleider gehüllt und hat die Burgfrau weinend aufgesucht.

»Meine einzige Tochter ist mir gestern gestorben,« sprach sie schmerzbewegt zu der Herrin, »siebzehn Jahre zählte sie und war die einzige Freude meines Lebens. Um ihr Haar möchte ich einen Kranz von weißen Rosen flechten, da sie ja eine Braut des Himmels geworden. Vergönnt mir, edle Frau, sie in Eurem Schloßgarten zu pflücken, wo sie so schön und reichlich blühen.«

Doch mit kaltem Blick sah sie die Schloßherrin an.

»Einen Kranz von Nesseln magst Du für Dein Mädchen binden! Rosen geziemen sich für unseres Gleichen, nicht für niedriges Volk!«

»So mögen denn Eure Rosen zu Totenblumen für Eure Töchter werden!« sprach düster das geschmähte Weib und wankte davon. Die stolze Frau Mechtildis lachte kurz auf und kehrte, scheltend auf das Bettelvolk, ins Schloß zurück.

Das Wort der Pächterin aber ging in Erfüllung. Ehe ein Jahr vergangen, sanken die drei stolzen Töchter der Burgfrau ins Grab, und einen Kranz von weißen Rosen aus dem Burggarten trug jede im Sarge. Maßlos war der Schmerz der Frau Mechtild, und in gottlosem Hader grollte sie mit ihrem Geschick. Ihr Geist aber mußte dafür büßen: so lange das Geschlecht der Tegelsteiner blühte, sah man jedesmal, wenn ein weibliches Mitglied der Familie dem Tode nahe war, den Geist der Frau Mechtildis um Mitternacht im Schloßgarten sitzen und einen Kranz von weißen Rosen flechten.

 << Kapitel 51  Kapitel 53 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.