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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 48
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Burg Falkenstein bei Freiburg

Das zerbrochene Ringlein

Von der freundlichen Stadt Freiburg im Breisgau führt die Landstraße durch das liebliche Kirchgartner Thal ostwärts in das sogenannte Himmelreich. Anfangs sich ausdehnend in frischen Wiesengründen, die ein jugendlicher Waldbach durchschneidet, wird das Thal bald enger, der Waldbach ungestümer: von beiden Seiten drängen sich gewaltige Felsen und tannenbewaldete Abhänge hervor. Aus einem Kranz ärmlicher Hütten ragen links, weithin sichtbar, die Trümmer eines viereckigen Turmes zur Höhe. Es ist der ehemalige Wartturm der stolzen Veste Falkenstein. Sie selber stand noch weiter in dem wildromantischen Thal, das eher eine Schlucht, weithin unter dem Namen Höllenthor bekannt ist. Über den Abgründen der Höllenschlucht, selbst die Wächterin und Beherrscherin derselben, hatten die Falkensteiner eine uneinnehmbare Burg gebaut, deren Trümmer die Umwohner heute unter dem Namen des alten Raubschlosses kennen. Auch um die Veste Falkenstein hat die Sage zauberhaftes Gewebe gebreitet, und den Erbauer der Burg selber, den sie mit allen ritterlichen Tugenden ausschmückt, hat sie zu ihrem Helden gewählt. Eins nur fehlte dem Edlen: ein Sproß, der seinen Namen und seine stolze Veste erben sollte. Darüber trauerte der Ritter sehr, mehr noch als sein eheliches Gemahl, und seine düstere Schwermut nahm zu, je mehr mit den Jahren die Hoffnung auf Erfüllung seines Herzenswunsches schwand. Wohl tröstete ihn sein junges Weib und verwies ihn auf Gottes Güte, die voreinst dem priesterlichen Paar, noch im Greisenalter einen Johannes bescherte. Er aber war eher versucht, mit Gott zu hadern, und that dies mehrmals insgeheim und einmal gar offen vor seiner trauernden Gattin.

Sie aber bat ihn flehend, sich mit dem Himmel auszusöhnen. Gleichzeitig hörte der Ritter in seinem verbitterten Herzen einen andern raunen; der benutzte des Falkensteiners trübe Gemütsstimmung, um ihn um das Heil seiner Seele zu bringen. Da graute dem Ritter vor sich selber, und er beschloß, um dieser Lockung und seines Grames los zu werden, zum heiligen Lande zu wallen, um dort in Zerknirschung sich mit dem Himmel zu versöhnen. Sein treues Ehegemahl willigte schweren Herzens ein.

Bevor er ging, brach er seinen Trauring in zwei Stücke und hinterließ seinem Weibe die eine Hälfte.

»Wenn ich binnen sieben Jahre nicht zurückkehre und den Ring aufs neue vereinige,« sprach er bewegt, »dann betrachte mich als tot und unser Eheband aufgelöst für immer!«

Laut auf weinte des Falkensteiners Weib.

* * *

Den Kreuzfahrern Kaiser Rotbarts hat sich der Falkensteiner angeschlossen und sein Schwert erhielt im gelobten Lande einen guten Klang. Dann hat ihn das Unglück ereilt. Verwundet fiel er in die Hände der Ungläubigen und genas als Gefangener des Sultans. Auch er ward, wie so viele, vor die Wahl gestellt: Abfall oder Kerker. Zwölfmal im Jahre, so oft der Mond seinen Lauf begann, ward der ritterliche Gefangene von seinem fanatischen Herrn gefragt, ob er Linderung seines Loses wünsche, und jedesmal antwortete der Ritter ein finsteres Nein.

Jahre vergingen und mit Grauen merkte der Ritter, wie eins nach dem andern vorüberging. Da fällt ein Lichtstrahl in seine Kerkernacht: in einem unbewachten Augenblick erlangt er die Freiheit wieder. Er irrt umher in unbekannter, öder Gegend. Die Küste will er gewinnen, und rastlos eilt er weiter der Sonne Niedergang zu. Seine Nahrung sind Wurzeln und Beeren des Waldes. Er verirrt sich in ungeheuren Wäldern, aus denen er keinen Ausweg mehr findet. Erschöpft bricht er endlich zusammen, und da erscheint ihm in nächtlicher Stunde der Böse und raunt ihm hohnlachend zu, daß morgen das siebente Jahr zu Ende gehe und sein Weib, dem langen Werben folgend, einem benachbarten Ritter zum Altare folgen werde.

Verzweifelt fährt der Ritter empor. Ein seltsamer Pakt ist dann geschlossen worden in jener waldigen Wildnis zwischen dem Falkensteiner und dem Gottseibeiuns. Dieser verspricht, den unseligen Ritter bis morgen in die Heimat zu bringen und seine Seele ungefährdet zu lassen, wenn es ihm gelänge, auf der ganzen unermeßlichen Reise sich des Schlafens zu enthalten.

Sogleich verwandelt sich der Böse in einen Löwen. Der Ritter besteigt dessen Rücken und durch die Lüfte fährt er dahin. Tief unter sich lassen sie Länder und Meere; aber die ungeheure Anstrengung legt sich bleischwer auf des Ritters schlafmüde Lider. Schon wollen sie sich schließen; da fliegt unversehens ein Falke herbei und reißt mit mächtigem Flügelschlag den Schlaftrunkenen empor. Der blickt entsetzt hinab: unten liegt sein Schloß; Glocken läuten, und eben kehrt ein Brautzug aus der Kirche dorthin zurück. Der Ritter bekreuzt sich, und mit einem Wutschrei wirft ihn der Böse ab und rast davon.

Der Falkensteiner aber mischt sich ungekannt in den Brautzug und nimmt teil an dem festlichen Mahl. Mit gemischten Gefühlen betrachtet die Braut den fremden Gast, der sich ungebeten hineingemischt hat in den Hochzeitsschwarm und den schmerzlichen Blick nicht abwendet von dem blühenden Weib. Als er seinen Becher, womit er ihr zutrank, geleert hatte, reichte er ihn dem Diener, damit er ihn der Herrin überbringe. Sie nimmt ihn, schaut hinein und gewahrt auf dem Grund die Hälfte eines Ringleins. Da greift sie in ihren Busen, holt dort die andere Hälfte hervor und wirft sie freudig bewegt in den Pokal. Zum ungetrennten Ganzen hat sich der Ring wieder vereinigt, und jubelnd stürzt die schöne Frau in die Arme des heimgekehrten Gemahls.

Nach Jahresfrist hat sie ihm ein blühendes Kind geschenkt, und eine zahlreiche Nachkommenschaft erwuchs, die in dankbarer Anerkennung ihres Ahnherrn Retter, den Falken mit geschwungenen Flügeln, im Wappen führt.

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