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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 47
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Egisheim bei Colmar

Des Grafen von Egisheim Buße

Das stolze Schloß Egisheim südlich von Colmar ist bis auf drei zertrümmerte Türme zerfallen: der Name der Veste und des Grafengeschlechtes, das sie bewohnte, ist in dem freundlichen Städtchen vor Vergessenheit bewahrt. Gegen Ende des zehnten Jahrhunderts herrschte auf Egisheim als Graf des Unterelsasses Hugo IV., ein Geschwisterkind Kaiser Konrads des Saliers. Ihm starb sein treues Weib Heilwig, nachdem sie ihm einen Sohn geschenkt, der Bruno benannt ward.

Eines Abends hat ein altes Weib vor dem Burgthor gestanden und Einlaß begehrt. Eine Wahrsagerin ist's gewesen und hat den Schloßherrn zu sprechen gewünscht. Als der Vogt noch mit der Alten haderte, ist der Graf selber hinzugekommen, und das hutzelige Weiblein hat nicht ablassen wollen, als bis er ihr erlaubte, ihm die Zukunft zu offenbaren.

Die Linien seiner Hand hat sie dann geprüft, ernsthaft den Kopf geschüttelt und zum Ritter kläglich aufgeschaut.

»Ihr seid ein mächtiger Herr im Elsaß; aber Euer Sohn wird noch mächtiger, so daß Ihr, der Vater, ihm den Staub von den Füßen küssen werdet.«

Da verfinsterten sich des Grafen Züge; den Vogt hieß er das alte Weib hinausjagen. Zeternd entwich die Alte. Von dem Tage aber kamen düstere Gedanken über den Grafen. Er begann, sein einziges Söhnlein zu hassen, im festen Glauben, es werde ihm einst die Herrschaft entreißen, ihn vielleicht schmachvoll behandeln, ächten und verfolgen, wie Kaiser Heinrichs ungeratener Sohn oder die Söhne des frommen Ludwig.

Größer ward der Groll mit jedem Tage.

Eines Tages bestach der finstere Vater seinen getreuen Jäger mit Gold und gebot ihm, dem Kind, das zu seinem Verderben geboren sei, draußen im Wald insgeheim einen Pfeil durchs Herz zu schießen, damit es nicht zum Frevler werde an seinem Vater. Lieber wolle er keinen Sohn haben als einen Empörer, den er selber gezeugt. Das Herz des Knaben müsse er ihm überbringen als Beweis, daß er den Befehl vollzogen habe.

Also ging der Jäger mit dem todgeweihten Kindlein hinaus, und am Abend überbrachte er dem trübsinnigen Vater ein blutiges, durchschossenes Herz.

Da schien der Graf beruhigt. Bald aber kam größere Trübsal denn zuvor über sein Herz. Die Stimme des Gewissens erwachte darin und ließ ihm keine Ruhe. In steigender Schwermut verbrachte er die Tage. Jahr um Jahr verging; der Graf ward zum Greis. Hat endlich reuegefoltert dem Burgkaplan sich enthüllt und dem Entsetzten die schaudervolle That gestanden. Der erklärte sich unfähig, ihn von solchem Verbrechen loszusprechen und hieß ihn nach Rom wallen zum heiligen Vater.

Da hat sich der Graf aufgemacht und ist nach Rom gepilgert mitten im Winter im härenen Büßerkleid. Damals regierte über die Christenheit Leo IX. Ihm warf sich der Egisheimer zu Füßen und beichtete ihm unter Thränen seine frevelhafte That. Der Papst hat den greisen Büßer schweigend angehört und dann sein Antlitz bewegt verhüllt für eine Weile. Dann hob er ihn zu sich empor und sprach mit leis bebender Stimme:

»Sei getrost! Dein Sohn lebt! Gott hat sich seiner erbarmt. Deinen Jäger erbarmte der Knabe, dessen Herz er durchbohren sollte. Er brachte Dir das Herz eines Rehes und übergab Dein Kind guten Menschen zur Pflege. Diese ließen ihn unterrichten. Er wurde Priester, Bischof, und sein Herz liegt nun wieder an dem Herzen seines Vaters.«

Tiefbewegt schloß er den Büßer in seine Arme.

Der Egisheimer ist bald darauf eines seligen Todes gestorben.

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