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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 43
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Straßburg

Die Münsteruhr

Der Dom war vollendet, und der Magistrat beschloß, auf dem hohen Turm eine kunstvolle Uhr anzubringen. Nach langem Suchen ward ein Meister gefunden, der sich erbot, ein Kunstwerk zu schaffen, wie solches in keinem Lande zu sehen sei. Große Befriedigung herrschte darob im weisen Rat der Stadt, und der Meister begann die Arbeit.

Monde vergingen darüber, als es aber vollendet, war alles gerechter Verwunderung voll; denn ein Kunstwerk bildete die Uhr, dergleichen man noch nie eins im Lande gesehen hatte. Nicht nur die Tage und Monde zeigte sie außer den Stunden an; eine Erdkugel war an ihr angebracht, daran sah man Aufgang und Niedergang der Sonne und auf ihr zeigten sich die Finsternisse von Sonne und Mond gleichzeitig mit denen in der Natur. Auf alle Veränderung wies Merkur mit einem Stabe, und jedes Sternbild trat, sobald seine Herrschaft begann, hervor. Kurz vor dem Glockenschlag erschien der Tod und schlug die vollen Stunden an, während bei den viertel und halben Stunden die Gestalt des Erlösers hervortrat und ihn zurückwies. Zum Überfluß war mit dem Kunstwerk ein herrliches Glockenspiel verbunden, das erbauliche Choräle erklingen ließ.

Also war die wunderbare Straßburger Münsteruhr beschaffen. Nun aber klagt die Sage den Straßburger Magistrat eines fluchwürdigen Frevels an: mit dem Stolz, die einzige Stadt zu sein, die sich eines solches Wunderwerkes rühmen dürfe, teilte jener die Befürchtung, der Meister möge ein gleiches noch in einer andern Stadt vollführen. Die herzlosen Ratsherren benutzten mit Freuden das Gerede der Leute, welche da raunten, ein solches Werk hätte nur mit Teufelskünsten errichtet werden können, klagten den Uhrmacher des Umgangs mit dem Bösen an, ließen ihn einkerkern und verurteilten ihn in unmenschlicher Grausamkeit, daß er geblendet werde. Klaglos duldete der unglückliche Künstler sein herbes Geschick.

Ehe sie jedoch ihr Urteil vollstreckten, bat er, ihn noch einmal an die Uhr zu lassen, damit er das noch richte, was einer späteren Hand unmöglich sei. Der hochweise Magistrat, eifrig besorgt um die Vollkommenheit der Uhr, ließ den Meister hinaufführen. Er feilte, sägte, stellte und richtete noch hier und dort, ward dann in den Turm geführt und noch in derselben Stunde seines Augenlichtes beraubt.

Kaum aber war das Urteil vollzogen, da bemerkte man mit Schrecken, daß das Getriebe der Münsteruhr still stand. Der Künstler hatte das Werk mit eigener Hand zerstört, und was er grollend ausgerufen, daß sein Glockenspiel auf ewig verstummen werde, es hat sich bewahrheitet bis auf den heutigen Tag. Bis zur Stunde vermochte niemand, das tote Getriebe zu beleben, und wenn auch heute ein neues, gleich herrliches Uhrwerk das Münster schmückt, das Räderwerk der ersten Münsteruhr, das man noch aufbewahrt, wieder in Gang zu bringen, ist bisher keinem Künstler gelungen.

Das Männlein bei der Engelsäule

Im Münster zu Straßburg könnt Ihr nahe bei der Uhr ein steinernes Männlein schauen, wie es von dem Geländer der St. Niklaus-Kapelle zu der herrlichen Engelsäule emporschaut, die das Gewölbe des südlichen Kreuzarmes trägt. In Stein ist es ausgehauen; voreinst aber stand es in Fleisch und Blut da und blinzelte mit seinem spitzfindigen Bauerngesicht die Engelsäule an von unten bis oben und dann wieder von oben bis unten. Jedesmal schüttelte besagtes Bäuerlein bedenklicher das Haupt und sah immer wieder vom Fuß der schlanken Säule bis zum Knauf.

Just kam ein Werkmeister durch das Münster und sah das Männlein, wie es forschend die Höhe gegen die Dicke abmaß.

»Ihr habt wohl etwas auszusetzen an der Säule, Gevatter!« hub der Steinmetz an, und mit selbstgefälligem Blick nickte der Gefragte.

»Sagt mir unverhohlen Eure Bedenken!« Und der Meister klopfte dem Männlein vertraulich auf die Achsel.

»Schön ist die Säule allerdings,« meinte der andere. »Schön sind die Evangelisten, schön die Engel und oben der richtende Heiland. Aber nicht lange wird der schlanke Säulenstamm das schwere Gewölbe tragen. Bald wird er wanken und rettungslos einstürzen.«

Da blinzelte der Werkmeister den fremden Kunstrichter und dann wieder die Säule mit leichtem Lächeln an.

»Seid Ihr auch ganz überzeugt von der Wahrheit Eurer Aussage?« fragte er forschend, und wiederum bestätigte es mit gewichtiger Miene der dreiste Kritiker.

»Wohlan!« rief der Meister mit komischem Ernst, »so sollt Ihr denn so lange emporschauen an der Säule, bis sie, vom Gewölbe erdrückt, zusammenstürzt.«

Ging in die Steinhütte, ergriff Hammer und Meißel und formte das Männlein, wie es just hinaufgeschaut hatte mit pfiffigem Gesicht und bedeutsamen Kennerblicke. Bis zur Stunde steht es noch an der Säule, mit beiden Händen auf das Geländer der St. Niklaus-Kapelle gestützt und schaut unverdrossen empor, der Stunde harrend, wo die Säule einstürzen werde. Wird auch wohl noch da stehen bleiben manch Jahrhundert lang.

Das Armsünderhaus

In Straßburg herrschte mehrere Jahrhunderte lang eine merkwürdige Sitte. War irgend ein Uebelthäter zum Tode verurteilt, dann wurde er etliche Tage vor der Hinrichtung vom Gefängnis in das Armsünderhaus abgeführt und dort bis zu seiner letzten Stunde reichlich bewirtet. Das Armsünderhaus aber war ein großes, altertümliches Gebäude an der Ecke der großen Renngasse und des St. Johannisstadens. Hinter den vergitterten Fenstern haben früher glückliche und zufriedene Menschen herausgeschaut; denn einer alten, angesehenen Patrizierfamilie gehörte jenes Gebäude.

Der Herr des Hauses selber bekleidete ein hohes Amt in der freien Reichsstadt. Mit seiner Gattin lebte er lange Jahre in glücklicher, doch kinderloser Ehe. Endlich schenkte ihm der Himmel zu seiner unsäglichen Freude einen Sohn. Der aber wuchs heran zu einem wilden, zügellosen Burschen.

Im Kreise wüster Gesellen entartete er mehr und mehr. Eines Tages füllte Jammern und Wehklagen das steingraue Patrizierhaus an der Renngassen-Ecke; die Schergen kamen und führten den unseligen Jüngling gefesselt ab.

Einen Mord hatte er im Rausch begangen. Das Gesetz verurteilte ihn zum Tode. Vergebens flehten die unglücklichen Eltern bei Richter und Magistrat für ihn um Gnade. Nur eins erlangten sie. Dem Unglückseligen ward gestattet, seine letzten Tage vor der Hinrichtung im elterlichen Hause zuzubringen.

Das beklagenswerte Elternpaar starb bald darauf vor Gram. Das alte Gebäude fiel an die Stadt. Zur Erinnerung an jenes Geschehnis wurde fortan jeder arme Sünder während der Tage, die vom Urteil bis zu dessen Vollziehung verflossen, in ein Zimmer jenes Hauses geführt und dort köstlich bewirtet. Von dem Haus, das hinfürder Armsünderhaus hieß, bewegte sich dann der Zug nach dem Richtplatze.

Des Ammeisters Sohn

Vor langer Zeit lebte zu Straßburg ein Ammeister, der war wegen seiner Tugend und Gerechtigkeit allgemein verehrt. Einen Sohn aber hatte er, der war voll Unbesonnenheit und jugendlichen Uebermutes. Ihm gehörte, ein wilder Hengst, und der tollkühne Jüngling vergnügte sich oft damit, trotz des Vaters strengem Verbot mit dem schnaubenden Tier durch die Straßen zu sprengen. Wenn dann Jung und Alt erschreckt auseinanderstob und hinter den Fenstern die Mägdlein bewundernd auf den vermessenen Reiter schauten, dann blitzten dessen Augen in maßlosem Stolz.

Da ist er eines Tages wiederum durch ein Gäßlein galoppiert, allwo ein Kindlein harmlos auf dem Pflaster spielte. Und des Hengstes erzbeschlagener Huf traf das Würmlein: leblos ward es zu seinen jammernden Eltern hineingetragen.

Vorüber war der frevelhafte Übermut des Jünglings. Bleich und kleinlaut ist er ins Vaterhaus zurückgeritten. Bald führten des Kindes unglückliche Eltern Klage wider den Mörder. Zahllos stand die Menge vor dem Tribunal. Dort saß der Ammeister, Gram im Auge und Herzen, und leitete das Gericht über den eigenen Sohn. Unerbittlich war der geschriebene Spruch des Gesetzes. Er lautete auf Tod. Mit dumpfer Stimme verkündete ihn der Ammeister dem Volke. Da drang wie ein einziger Schrei das Wort Gnade aus dem Volksgewimmel empor zum Richter. Um Gnade flehten selbst die Eltern des getöteten Kindes, Gnade wimmerte gebrochen der unglückliche Jüngling.

Aber unbeugsam blieb der gerechte Vater wie einst Brutus, der Consul, und über den eigenen Sohn sprach er das Todesurteil.

Noch heute sieht man am Bischofs-Burgthor zu Straßburg das Bild des Ammeisters auf dem Richterstuhle ausgehauen, und neben dem Thor dasjenige des getöteten Kindes. Am Zollthor sieht man den Jüngling, wie er auf seinem Roß einhersprengt.

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