Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Ruland >

Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 41
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
Schließen

Navigation:

Oppenau

Des Allerheiligen-Klosters Stiftung

Die ehemalige Abtei Allerheiligen bei Oppenau hat bis ins dritte Jahr unseres Jahrhunderts gestanden. Damals konnten die hochweisen Herren, welche das Kloster aufhoben, sich über seine Bestimmung nicht einigen. Der eine wollte es zur Kaserne umgeschaffen sehen, der andere eine Spinnerei drin errichten, ein Dritter es zum Korrektionshaus umwandeln. Während sie so über das säkularisierte Kloster beratschlagten, ward dieses vom Blitz getroffen und brannte nieder. Nur die Kirche blieb stehen. Nicht minder außergewöhnlich als Allerheiligens Ende war dessen Gründung, worüber die in der Klosterchronik aufbewahrte Sage berichtet.

Damals wohnte auf ihrem Schloß bei dem Städtchen Oberkirch die fromme Frau Uta, Tochter eines Grafen von Calw und Gemahlin eines welfischen Herzogs. Schauenburg hieß die stolze Burgveste, deren Ruinen noch erhalten, weil die Straßburger sie einst vergeblich belagert und beim Abzug sich selbst zum Hohne gesagt haben sollen: »Wir schauen die Burg!«

Frau Uta also, die fromme Herzogin, wollte ein Kloster erbauen zu Ehren aller Heiligen, wie einst weiland der heidnische Kaiser Augustus das Pantheon zu Ehren aller Götter. Die Räte beratschlagten nun viel, und mit Reden und Gegenreden vergingen Tage und Wochen. Darob war die Herzogin sehr ungehalten, und aus des gewitzigten Burgpfaffen Vorschlag ward ein merkwürdiger Unparteiischer erwählt, Streit und Zweifel zu schlichten.

Ein Esel war's. Den schickte man beladen hinaus, die geeignetste Stelle zum Klosterbau zu suchen. Wohin er den Sack von sich schüttle, da sollte nach des frohgelaunten Herrn Kaplans Spruch der Grundstein gelegt werden.

In trägem Gang ist Langohr mit seiner Last hinausgeschritten. Ihn verfolgten lächelnd der Pfaff und gedemütigt die Räte. Bald wurde es dem braven Esel zu heiß. Der Sack war schwer, der Tag heiß, seine Zunge trocken. Ein grimmig Dürsten fiel ihn an und heftig hub er an zu stampfen. Kaum hatte sein Huf den lockern Grund getroffen, da sprudelte ein Quell hervor, und gierig hat er sich dran satt gesoffen.

Hat hierauf den Sack weiter geschleppt, die Felsenwand hinan, dann aber ihn mit einemmale hinabgeschleudert in die Tiefe. Ein friedliches Thal breitete sich dort unten aus. Freudig gestimmt war die edle Frau Uta, als man ihr Bericht erstattete.

In idyllischer Thaleinsamkeit ward auf des Tieres Rat, das einst zu Balaam, dem Propheten geredet, ein Kloster erbaut; das hat viele Geschlechter überdauert. Noch heute fließt in seiner Nähe eine Quelle, die heißt der Eselsbrunnen. Bei diesem Brunnen befindet sich noch ein Stein mit der Inschrift:

Anno J J 96
Ward hier ein Esel durchgeführt,
Von dessen Huf der Quell herrührt.

Der Ring

Vor vielen Jahrhunderten hat im Oppenauer Thalgrund die Bärenburg gestanden, Ihre Trümmer sind schon lange verweht. Dazumal aber ging bald nach ihrer Zerstörung das Gerücht, ein großer Schatz liege in einem Gewölbe der Burg vergraben. Davon hörte ein kecker Edelknecht der benachbarten Veste Bosenstein, und ihn gelüstete, den Schatz zu heben. Von einem weisen Magister erbat er sich gegen ein Silberstück die Beschwörungsformel, mit der man in verfallene Gewölbe eindringt und machte sich in einer Nacht verwegen an sein unheimliches Gewerbe.

Er kam unversehrt in das Grabgewölbe der Bärenburger und hob gierig den Deckel der Särge, worin er die Kleinodien vermutete. Aber enttäuscht prallte er zurück. Was er sah, war Moder und Verwesung, von Goldschmuck keine Spur. Dennoch ging er die ganze Reihe durch. In dem letzten fand er die noch unverweste Hülle einer Jungfrau. Sie war die letzte ihres Geschlechtes, das mit ihr erloschen. Ihre weiße Hand schmückte ein blitzender Diamant, und um ihren Hals schlang sich eine schwere goldene Kette.

Lüstern entriß der Verwegene der Toten den Schmuck und floh davon. Aber seine Gier war durch den Erfolg nur noch mehr gestachelt, und am folgenden Tage stand er wiederum in dem Grabgewölbe, um neue Nachforschungen anzustellen. Als er der Jungfrau Hand erfaßte, um in ihrem Sarg noch weitere Kleinodien zu suchen, da krallten sich plötzlich ihre schmalen, weißen Finger in seine Hände, und die bleiche Maid richtete sich langsam empor, sah ihn mit entgeisterten Augen an und sprach mit Grabesstimme:

Hast mir den Ring genommen,
Das Kettlein auch dazu;
Nun bist Du mein Verlobter,
Leg' Dich bei mir zur Ruh!

War's wirklich so oder hatte nur ein schauerlicher Wahn den Leichenschänder genarrt? Wer weiß! Er hat mit einem wilden Aufschrei seine Hand aus der eiskalten der Jungfrau gerissen und ist hinausgestürzt nach Bosenstein. Wenige Tage darauf warf ihn ein Fieber auf die Bahre.

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.