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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 40
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Baden

Kellers Bild

Der Junker von Keller aus dem Gefolge des Markgrafen Christoph bewohnte die alte Stammburg seines Herrn. Ihn fesselte die Schönheit eines Edelfräuleins, deren Vater als markgräflicher Vogt in Kuppenheim lebte, das damals, am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts noch eine Stadt mit Gräben, Mauern und Türmen war. Ein bequemer Weg, von dem noch jetzt Spuren sichtbar sind, führte vom alten Badener Schloß durch den Wald nach Kuppenheim. Ihn wandelte alltäglich unter dem Vorwande der Jagd der verliebte Junker.

Einst ist er wieder im hellen Mondschein diesen Liebespfad geschritten. Auf dem Heimweg war er begriffen. Das Horn des Burgwächters kündete eben Mitternacht. Da war's dem Junker, als sitze abseits vom Wege eine verschleierte Frauengestalt. Keck schreitet der Abenteuerlustige hinzu; aber je näher er der Erscheinung kommt, um so unbestimmter werden ihre Umrisse, und wie er die Hand nach ihr ausstrecken will, verschwimmt sie im Mondenflimmer. Kopfschüttelnd wandelte der Junker heim.

Am folgenden Abend schritt er, mit Absicht dieselbe Stunde wählend, wieder über den Waldpfad.

Wiederum saß die verschleierte Gestalt abseits vom Wege; nur war diesmal der Schleier zurückgeschlagen, und ein lockenumrahmtes Frauenantlitz, das Haupt in die Hand gestützt, blickte stumm auf den nächtlichen Wanderer. Der stutzte, trat dann keck mit ritterlichem Gruß vor; doch das Bild zerfloß in einen Nebelstreif.

Am folgenden Tage weihte der Junker von Keller den alten Burgkastellan in sein Geheimnis ein. Von dem kundigen Alten erfuhr er, daß dort, wo die Erscheinung sich gezeigt, vor Jahren ein Heidentempel gestanden habe, daher die Stätte beim Volke verrufen sei und niemand es wage, dort nachts vorüberzugehen.

Den Junker aber reizten des Greises Worte zu anderm Thun. Er ließ an der Stelle nachgraben: man fand dort einen kleinen Römeraltar, der nach seiner Inschrift der Nymphe dieses Hains gehörte, und einige Schuh tiefer ein verstümmeltes Marmorbild. Die Arme und die untere Körperhälfte fehlte; herrlich aber war die noch erhaltene Mädchenbüste. Der Junker ließ das Nymphenbild nebst dem Altar an dem Platze aufstellen und so entstand der Name: Kellers Bild.

Ihn aber hatte die verführerische Marmornymphe mit wahnsinniger Liebe erfüllt: fiebernd erwartete er die kommende Nacht. Nicht zu des Vogtes Töchterlein schritt er hinaus, sondern an der Stelle, wo er zweimal das Wunderweib gesehen, dessen Marmorbüste soeben das bleiche Mondlicht umfloß, stand er mit schlagenden Pulsen und glühenden Wangen. Und ein beherzter Edelknecht, der dem Junker auf des Kastellans Geheiß nachgeschlichen, sah ihn um Mitternacht ein holdes Weib umarmen, das hielt, vom Marmortod erwacht, ihn selig umschlungen.

Also beichtete nachher der Lauscher, der voll Grauen zur Burg zurückeilte. Am andern Morgen haben sie den unseligen Junker tot aufgefunden. Am Fuße des Altars ist er gelegen. Das Marmorbild war verschwunden. Man hat den Altar zertrümmert und ein Steinkreuz dort aufgerichtet. Es steht noch heute am alten Wege, der vom alten Schloß Baden nach Kuppenheim führt.

Yburgs Fall

Das Geschlecht der Yburger ist längst erloschen, von der stolzen Veste, die auf einem Bergkegel, zwei Stunden von der Stadt Baden stand, sind nur noch die grauen Türme vorhanden. Der letzte Burgherr war ein wüster Geselle und arger Raubritter. Nachdem er sein Gut verpraßt, brütete er unausgesetzt, wie er den Schatz heben könne, den sein Urahn einst vergraben haben sollte bei einer schweren Belagerung, eine Stunde bevor ihn ein feindliches Geschoß unversehens niederstreckte.

Eines Abends meldete sich ein Pilger bei dem Ritter zu Gaste. Der Yburger war bereits ergrimmt über eine solche Keckheit, da trat der Mann im Muschelhut kühnlich vor und vertraute dem aufhorchenden Ritter, er sei in der schwarzen Kunst wohl erfahren.

»Könnt Ihr mir zu meines Urahns Schatz verhelfen, dann will ich Euch fürstlich belohnen,« sprach der Yburger.

»Das will ich gern,« entgegnete der Pilgrim »war ich doch dabei, als der Alte, den man den Isegrim nannte, ihn vergrub.«

»Ihr seid des Teufels!« schrie der Ritter und sah nicht das diabolische Grinsen des Andern. »Mein Ahn ist seit mehr denn hundert Jahren tot.«

»Und dennoch haben wir beide uns wohl gekannt,« fuhr der Pilger fort. »Doch laßt das und hört! Walpurgisnacht ist heute. Um Mitternacht geht hinunter in die Kapellengruft, öffnet die Totentruhen, bettet die, so darin liegen, draußen im Mondschein und holt Euch derweil die Kostbarkeiten, die Euer Ahn in den Särgen gesichert hat.«

Den Ritter gruselte.

Ist aber dennoch, von Goldgier getrieben, um Mitternacht hinabgestiegen in die Kapelle. Bis zum Eingang begleitete ihn der Mann im Muschelhut, hat sich aber standhaft geweigert, den geheiligten Raum zu betreten. Mit klappernden Zähnen ging der Yburger ans unheimliche Werk. Grinsend leuchtet am Eingang sein Kumpan mit der brennenden Fackel. Sarg um Sarg wird gesprengt. Mit steigendem Grauen naht der betäubte Ritter dem Ende der Reihe. Er öffnet, schaudert zurück: ein schlummernder Knabe im weißen Sterbekleid – sein einziges Kind!

»Mach' schnell!« schreit der andere, der Yburger aber sinkt in die Kniee, bekreuzt sich und murmelt erschüttert: »Kyrie eleison!«

Da stürzte der Mann am Eingang mit Wutgebrüll davon. Am folgenden Morgen verließ der Yburger im härenen Gewande seine Burg. Er ist von einer heiligen Stätte zur andern gewallt in Reue und Buße, bis man ihn eines Tages an den Stufen eines Altars tot vorfand. Seine Burg zerfiel, sein Geist aber soll noch jetzt unter den Trümmern umherirren.

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