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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Cleve

Der Schwanenritter

Die alte Burg auf dem Schloßberg zu Cleve hat einen Schwan als Wetterfahne, und voreinst trug das Herrschergeschlecht, welches über das liebliche Clever Land regierte, einen Schwan im Wappen. Eine traurig-schöne Sage, seither durch eines Meisters Tongebilde für ewige Zeiten vor dem Vergessen gerettet, knüpft sich an jenes Schwanenbild: die Sage vom Schwanenritter.

Damals lag tiefes Leid auf dem Schlosse zu Cleve. Zu großer Bedrängnis stand seine Herrin, die Herzogin Beatrice. Man hatte ihren geliebten Ehegemahl hinausgetragen zur letzten Ruhe, und kaum hatten sich des Grabes Riegel vorgeschoben über dem teuren Toten, da erhob sich einer ihrer Vasallen und heischte in trutziger Herrschsucht die Regierung. Der Verwegene verstieg sich sogar, die Hand der schönen Herzogin zu verlangen; nur dadurch, erklärte er, könne sie einen Teil der Würde retten, der sie nach des Gatten Tode verlustig sei.

Vergebens flehte die jugendliche Herzogin die Ritter ihres Landes um Hülfe an. Höhnisch erbot sich der Empörer, mit jedem ein Gottesgericht bestehen zu wollen, der ihm den Fehdehandschuh hinwerfen wohl wissend, daß seine Kraft und Kühnheit ihm keinen Gegner im Zweikampfe erstehen ließ.

In tiefstem Leid flossen die Tage für die unglückliche Herzogin dahin. Immer näher kam der Tag, wo der rebellische Vasall sich erkühnen wollte, vor allem Volke drunten auf der Rheinau vorm Schloßberg feierlich seine Ansprüche auf Hand und Herrschaft der Herzogin geltend zu machen. Der Tag erschien; bleich, das Antlitz vom Witwenschleier bedeckt, den stolzen Leib in Trauergewänder gehüllt, stieg die Herzogin hinunter zum Rhein, wo der Ritter glänzender Kreis und des Volkes Gewimmel den weiten Raum bedeckte. Dann trat er vor, der gefürchtete Empörer, in strahlender Rüstung und erhob aufs Neue mit blitzenden Augen und herrischer Stimme seine Forderung auf Hand und Herrschaft der Herzogin. Ihm riefen die verblendeten Vasallen Beifall; doch spärlich ward er ihm aus des Volkes Menge, dessen Blicke mitleidsvoll und bewundernd zugleich auf der jugendschönen Herrin ruhten.

Zum andernmale wiederholte jener seine Forderung und ließ sein Auge triumphierend über die Menge schweifen. Laut klang sein Aufruf an den, so mit ihm zu streiten gewillt sei für der Herzogin Sache. Kein Kämpe meldete sich, und der Herzogin Antlitz ward noch bleicher denn zuvor.

Zum drittenmale klang des Gegners Herausforderung an den, so mit ihm zu streiten gewillt sei für die Sache der Herzogin von Cleve und Geldern, Prinzessin von Brabant.

Tiefes Schweigen!

Da drückte die Herzogin ihren Rosenkranz inbrünstig an die Brust und rief verzweifelnd zum Herrn um Gnade. An ihrem Rosenkranz aber soll ein Silberglöcklein gehangen haben, das hatte die wunderbare Eigenschaft, einen leisklingenden Ton von sich zu geben, der in bestimmter Ferne gar hell erklang.

Und wie sie das Kreuz am Rosenkranze berührte, da tauchte plötzlich fern auf dem Strom ein Schifflein auf. Näher kam es, und aller Augen wendeten sich überrascht dem zierlichen Boote zu, das ein schimmernder Schwan an einer goldenen Kette zog. Drinnen im Schifflein aber stand ein Ritter in blitzender Silberbrünne. In langen Locken flutete des Hauptes Blondhaar auf die strahlende Rüstung, kühn blitzte sein blaues Auge zum Ufer hin und sicher stützte sich die Rechte auf den Knauf des breiten Schwertes.

Das Boot hielt am Ufer gerade vor dem Richtplatz. Der Ritter stieg heraus, winkte dem Schwan, der langsam mit der Barke den Rhein hinuntertrieb. Scheu und schweigend machte die Menge Platz vor dem Fremdling, der stolzen Schrittes in den Kreis der Ritter trat und sie feierlich begrüßte. Vor der Herzogin beugte er das Knie und dann, zu dem trutzigen Vasallen gewandt, forderte er ihn mit lauter Stimme auf, mit ihm zu kämpfen, um Hand und Herrschaft der Herzogin von Cleve und Geldern, Prinzessin von Brabant.

Da erblich der Empörer für Sekundendauer. Rasch aber sammelte er sich und höhnisch riß er sein Schwert aus der Scheide. Die Waffen blitzten, zischend begegneten sich ihre Schneiden; bewundernd und teilnahmvoll hingen alle Augen an dem fremden Ritter, der mit wundersamer Kunst die wuchtigen Schläge seines riesenstarken Gegners parirte. Dann gellte plötzlich ein dumpfer Schrei, schwer getroffen von des Fremdlings kühnem Hieb sank der Frevler sterbend nieder: donnernder Jubel durchbrauste die Au und fand ihren Widerhall bei den Wogen des Stromes. Die Gerechtigkeit hatte gesiegt, der Herr hatte gerichtet: weinend vor Bewegung sank die Herzogin vor dem Retter nieder, er aber hob sie empor, beugte sein Knie vor dem schönen Weibe und bat um ihre Hand.

Ein Himmel voll Seligkeit wölbte sich von neuem über das Haupt der Herzogin Beatrice. Aus ihrer Dankbarkeit ward glühende Liebe, die ihren Lohn fand in zärtlicher Verehrung. Dennoch trübte eine Wolke jenes freudenlichte Blau: nie, so hatte es der Schwanenritter geboten, dürfe sie den Gemahl fragen, woher und wessen Geschlechtes er sei. Sie hatte ihm am Vermählungstage die heilige Versicherung geben müssen, ihn nie um Heimat und Namen zu befragen und willig hatte sie, bauend auf des Fremdlings ritterliches Gebahren, den seltsamen Schwur geleistet.

Treulich hielt die Herzogin, was sie gelobt. Jahre waren seitdem vergangen. Ihren glücklichen Bund krönten drei stolze Knaben. Hoffnungsvoll wuchsen sie heran, dereinstige Zierden der Ritterschaft. Oft aber, wenn das Auge der Herzogin auf den blühenden Jünglingen ruhte, gedachte sie beklommenen Herzens des Schwures, den sie hatte vor Jahren leisten müssen und schwer lastete die trübe Wolke auf ihrem mütterlichen Herzen. Wie stolz würde das Mutterherz schlagen, wüßte es Namen und Herkunft des Vieledlen, dem sie die Jünglinge geschenkt als Pfand ihrer Liebe! Von hoher Abkunft mußte er sein, der geliebte, stolze Gemahl! Doch warum sollten nicht seine Söhne dereinst seinen Namen mitnehmen in die Welt und sein Gold mit neuem Glanze schmücken? Also dachte sie und schwer lastete die trübe Wolke auf ihrem mütterlichen Herzen. Sie verhüllte ihr schier das strahlende Bild des hohen Mannes, das göttergleich in jenem Herzen stand und ihr ganzes Sein erfüllte. Und einem gefangenen Vöglein gleich, das sich bei trübem Wetter ängstigt, durchschwirrte die bange Frage – nach Name und Herkunft des Gemahls – ihr Inneres, bis sie sich eines Tages gewaltsam über ihre Lippen drängte.

Da erblich der stolze Held, schmerzlich löste er die zärtliche Umarmung und kummervoll rief er aus: »Weh dir, unglückliches Weib, weh auch mir Armen! Deine Frage zerstört unser Glück auf immer, und für ewig müssen wir uns trennen.«

Dieweil sie verzweifelnd aufschreit in wildem Jammer, schreitet er schweigend und mit schmerzlicher Abschiedsbewegung hinaus, dem Rheine zu. Klagend klingt sein Silberhorn und die dunklen Fluten durchfurcht ein schneeweißer Schwan mit zierlichem Boot. Trauernd besteigt der Ritter den Nachen, nicht mehr rückwärts schaut er; unaufhaltsam aber treibt das Fahrzeug abwärts, bis es verschwindet in dämmerblauer Ferne.

Niemals ist er wiedergekommen, der stolze Schwanenritter. Untröstlich war sein unseliges Gemahl in ihrer Verlassenheit. Nicht lange nachher machte der Tod ihrem Jammer ein Ende. Ihre Söhne aber wurden die Stammherren stolzer rheinischer Geschlechter. Alle führen bis heute den Schwan im Wappen. Noch zur Stunde findet der Wanderer in der Kirche zu Cleve einen Grabstein, darauf ein Ritter eingehauen, zu seinen Füßen ein Schwan.

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