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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 38
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Heidelberg

Der Wolfsbrunnen

Jettenbühl heißt der Wald, in den man eintritt, wenn man von der großen Terrasse des Schlosses in östlicher Richtung weiter wandelt. In grauen Zeiten war er dichter und ausgedehnter. Eine Seherin wohnte drin, die war berühmt in den Gauen ringsum wegen ihrer Weisheit und verführerischen Schöne. Ein Jüngling vom Stamm der Franken hörte von dem wunderbaren, weisen Weibe und beschloß, sie um sein Schicksal zu befragen. Schön wie eine Walküre war die Jungfrau, als sie vor dem Helden stand, der leis erbebend ob ihrer siegenden Anmut in ihre schmale, weiße Hand seine breite Rechte legte.

»Dir ist die Gabe verliehen, Zukünftiges zu schauen, laß mich meine Zukunft wissen!« bat er leise.

Mit forschenden Augen verfolgt sie die Linien seiner Hand. Plötzlich erblaßt das schöne Weib.

»Komme morgen wieder,« spricht sie weich. »Ich will indes die Runen befragen.«

Als am andern Tage das Tagesgestirn im Strome versank, wandelte der Jüngling aufs neue in den heiligen Hain. Er fand die Seherin sinnend und traurig. Mit müdem Lächeln begrüßt sie den Frager.

»Was sagten die Runen?« ruft er besorgt und schaut ihr prüfend in die ernsten Augen.

Sie senkt sinnend das schöne Haupt.

»Verschleierte Deutung ist mir geworden. Dein Herz ist nicht mehr frei – und des Wunderweibes große Augen blickten schmerzlich auf den schönen Mann – aber ich fürchte, daß unsere Lebenssterne sich berühren.<<

Da hallte ein Jubellaut durch die waldige Einsamkeit: um des Helden Hals schlangen sich kosend die weichen Arme des üppigen Weibes.

»Willst du dein Los an meines knüpfen?« fragt ihn schmeichelnd die Jungfrau, und er beteuert es bei allen Göttern.

»Unser Glück muß verborgen bleiben vor den Augen der Menschen!« spricht sie ernst. »Nur der Waldquell hier darf's belauschen.«

Und der Waldquell murmelte und hat hinfürder noch oft in verschwiegenen Stunden als nie verstummender Mahner gemurmelt zum süßen Geflüster der Liebenden. Dann hat eines Abends, als er wiederum hineilte zum verschwiegenen Liebesort, der Jüngling einen gellenden Wehruf ausgestoßen: entseelt lag am Quell die Geliebte; auf dem zarten Körper stand ein reißender Wolf und zerfleischte die üppigen Glieder. Mit einem Wutschrei stürzte sich der Jäger auf die Bestie, die röchelnd in seinem Eisen verendet.

Seine Klagen und Thränen haben die Tote nicht mehr zum Leben erwecken können; doch was des Waldes weise Vögel in den Zweigen droben einander zuraunten, das war jenes alte, ewig neue Lied: Zuletzt sind Leiden der Lohn der Liebe! Zumal jene, die ihre Wurzeln schlägt in den Sumpf der Schuld, will stets mit Thränen begossen sein!

Einem anderen Weibe hatte jener Mann bereits Liebe und Treue geschworen, und Wodans heiliges Tier war auf der Göttin Freyas Bitten, an die sich die Getäuschte gewendet, entsandt worden, die unselige Jungfrau zu töten.

Wolfsbrunnen heißt noch heut die Quelle, wo jene That geschah.

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