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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 37
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Mannheim

Der Gast in der Rheinmühle

Der Müller in der Rheinmühle zu Mannheim war ein arger Geizhals. Die Armen, die sich seinem Hause nahten, jagte er mit Schimpf und Schelten davon, dem Müllerknecht, der ihm schon jahrelang treulich diente, ließ seine Habsucht kaum die nächtliche Ruhe. Weil sein Haus am Ufer stand, die Mühle selber aber im Wasser, trieb ihn oft mitten in der Nacht sein Argwohn hinaus auf den Strom, und ängstlich schlich er in der Mühle empor, sorgsam ausspähend nach vermeintlichen Korndieben. Der treue Müllerbursche, vom Schlaf aufgeweckt, schüttelte jedesmal traurig den Kopf, wenn der Alte stöbernd in der Mühle rundging.

Eines Nachts tönte wiederum der bekannte leise Ruderschlag des Müllers. Geräuschlos kam er herangeschlürft und spähte in den Räumen herum. Als er zur Kornkammer gelangte, stieß er einen Fluch aus. Dort hatte sich ein Greis im Silberbart gebettet und schlummerte ruhig. Zornig fährt der Müller den Knecht an, welch' unverschämten Landstreicher er dort beherberge. »Herr, gönnt dem müden Alten Ruh!« bat treuherzig der Knecht, »er schadet nicht dem Korn.«

Gereizt aber unterbricht ihn der zeternde Meister.

»Und wär's der müde Herrgott selber!« ruft er vermessen, »ich mag kein faules, lichtscheues Gesindel dulden. Packt Euch, alter Faullenzer!«

Da schwoll draußen vorm Fenster das Wasser, wild brausend schnob der Sturmwind um die Mühle und drohend richtete sich der Alte empor.

»Deine Frucht hab' ich dir gemahlen treulich jahraus, jahrein, und nun vergönnst du mir nicht ein Viertelstündchen Schlaf in deiner Behausung. Härter wie ein Mühlstein ist dein undankbares Herz; aber die Strafe wird es mürbe machen. Das kündet dir, den du geschmäht: der Alte vom Rhein!«

Riesengroß war die Gestalt des silberbärtigen Greises gewachsen. Kaum aber hatte der Rheingeist geendet, da zerfloß er in den Fluten und wirbelnd schoß die Mühle zum tiefsten Grunde. Den Müller und seinen Knecht warf eine mitleidige Welle ans Ufer. Am andern Morgen war von der Rheinmühle nichts mehr zu sehen.

Die Teufelskarosse

Zu Mannheim – also erzählen die alten Leute – soll manchmal um Mitternacht Gass' auf, Gass' ab, ein prächtiger Wagen galoppiert, von vier Rappen mit feurigen Augen und dampfenden Nüstern gezogen und von einem Kutscher in scharlachroter Livree geführt. Des Teufels Staatskarosse! sagen die Leute und möchten sich am liebsten gleich andächtiglich bekreuzen. Nicht jeder glaubt daran. Aber einmal ist einer zu Mannheim gewesen, der hat dran glauben müssen.

Ein scheinheiliger Frömmler ist's gewesen, wie's deren überall giebt, den Guten eine Last und den Schlechten ein Ärgernis. Kopfhängerisch war er, dabei voll Trug und List und scheute sich nicht, fromme Christenmenschen und andere zu übervorteilen. So kam es, daß ihm bald heimlich, bald öffentlich, manchmal ein Wort nachgerufen wurde, das weniger wie ein Segensspruch und eher wie das Gegenteil klang. Er aber machte sich nichts daraus und war um so sorgfältiger bedacht, sich bei seinem Wucher und Hehlen nicht überraschen zu lassen.

Eines Abends war er wiederum eifrig beschäftigt, seine zahlreichen Geldrollen nachzuzählen, und Mitternacht rückte heran, ohne daß er es wußte. Müde stellte er sich endlich ans Fenster und schaute die Straße hinunter. Da tönt auf einmal von fern Räderrasseln und Peitschenknall. Vierspännig saust eine Karosse heran, daß die Häuser rings vom Widerhall erbeben. Auf hohem Bock, reich galloniert und in feuerroter Livree sitzt der Kutscher, der rast, als ob er ehemals in einem römischen Circus das Wettfahren erlernt hätte, und die feurigen Rappen wirbeln Funken und Dampf aus den zitternden Nüstern.

Der Mann am Fenster thut einen leisen Schrei; denn aus der Kutsche winkt grinsend mit tückischem Blick der leibhaftige Gottseibeiuns. Wie er den Heuchler droben erbleichen sieht, schüttelt er lachend die feuerrote Allongeperücke. Der am Fenster droben klappert mit den Zähnen und will eiligst zurücktreten; aber o weh! sein Kopf schwillt gleich einem Kürbis an, wie Igelborsten sträuben sich seine Haare. Von fern knallt die Peitsche, hohl dröhnt das Pflaster, und höhnisches Gekicher tönt ringsum. Er aber keucht und stöhnt und würgt und zerrt; die Augen kreisen wie Leuchtkugeln und des Schädels centnerschwere Last droht ihn zu erdrücken. Denn er wölbt und weitet sich, ob er auch jammert und wimmert bis zum Morgengrauen. Man hat das Fensterkreuz einschlagen müssen, um des Kopfes Ungeheuer aus seiner Notlage zu befreien. Drei Tage hat er den Riesenkopf behalten; dann ward er allmählich wieder klein – doch sein Verstand war des Teufels.

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