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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 36
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Heppenheim

Der Mönch der Abtei Lorch

Unfern des alten Städtchens Heppenheim an der Bergstraße stehen auf einer Rheininsel die Ruinen der ehemaligen Benediktinerabtei Lorch. Pipin, der Frankenkönig, gründete das Kloster, und ein Jahrtausend ragten seine Mauern empor auf dem lieblichen Eiland, bis die Horden des dreißigjährigen Krieges Kirche und Kloster zerstörten.

Auf einer Rheinreise hielt eines Abends Karl der Große im Kloster Rast. Mit großer Ehrfurcht wurde der greise Herrscher von dem Abt und den Brüdern empfangen. Frühzeitig zog sich der Kaiser in sein Gemach zurück. Quälende Herrschersorgen hielten ihn noch bis Mitternacht wach, und als er sich endlich niederlegte, konnte er die ersehnte Ruhe nicht finden. Er erhob sich und ging zur Klosterkirche, um dort zu beten. Unbemerkt, wie er wähnte, kniete er vor dem Altare in inbrünstigem Gebet nieder. Doch er war nicht der einzige Beter.

Als er sich erhob, sah er hinter sich einen hochgewachsenen, greisen Mönch auf den Knieen. Neben ihm stand ein Jüngling. Lange schaute der Kaiser, hinter einem Pfeiler verborgen, auf das seltsame Beterpaar. Die ehrwürdige Erscheinung des in heißer Andacht betenden Greises nahm ihn gänzlich gefangen. Als jener, von dem jugendlichen Begleiter geführt, an ihm vorüberwankte, merkte er mit schmerzlicher Bewegung, daß er das Augenlicht verloren hatte.

Am andern Morgen erkundigte sich der Kaiser bei dem Abt nach dem nächtlichen Beter. Aber dieser wußte nur das Eine, daß jener Bernhardus heiße und aus einem fernen Kloster herübergekommen sei. Seinen Namen wie seine Heimat habe er hartnäckig verschwiegen. Der Kaiser ließ sich in die Zelle des Mönches führen. Als er dem Greis von Angesicht zu Angesicht im halben Morgenlicht gegenüberstand, zuckte mächtige Bewegung über des Kaisers forschende Züge. Er täuschte sich nicht: jener hochgewachsene Mönch, in dessen gefurchtes Antlitz sich Leid und Schwermut eingegraben, hatte einst auf seinem Haupt eine strahlende Fürstenkrone getragen und des Longobardenkönigs holde Tochter sein Gemahl genannt, hatte dann, als Karl den Desiderius entthronte, jenem grollend den Fehdehandschuh hingeworfen und, von dem mächtigen Lehnsherrn gebändigt, großmütig begnadigt, treulos den Vasalleneid gebrochen, worauf ihn der gewaltige Frankenkönig zu lebenslänglicher Büßung in ein fernes Kloster verwies. Thassilo war's, der Bayernherzog!

Nun standen sich Lehnsherr und Vasall, Sieger und Besiegter, gegenüber, beide von ungleicher Last früh gebleicht, dieser dazu der schönsten Gabe, seines Augenlichtes, beraubt, nicht ahnend, wer vor ihm stehe.

Tiefbewegt ergreift der Kaiser die Hand des Mönches.

»Mein Bruder!« spricht er leise und ernst, »der mit Euch spricht, stand Euch einst mit dem Schwert in der Hand gegenüber. Gebleicht sind unser Beider Haare, längst vergangen ist der Groll des Lehnsherrn wider den stolzen Vasallen. Laßt auch ihr schwinden den Haß, den Ihr noch etwa gegen mich hegt.«

Da zuckt der Mönch zusammen und sinkt in die Kniee.

»Ihr seid's, mein Herr und Kaiser!« ruft er gebrochen. »Ich habe schwer an Euch gefehlt und will dafür büßen, bis ich sterbe. Als ich von Eurer Ankunft hörte, schritt ich nächtlicherweise zu Gott, ihn anzuflehen, Ihr möget mir meine Schuld vergeben, damit mir die letzte Stunde gelinder werde.«

Überwältigt von seinen Gefühlen, bricht der greise Mönch zusammen und Karl beugt sich erschüttert nieder zu dem einstigen Feind. Man bettet ihn und läßt ihm auf des Kaisers Befehl sorgfältigste Pflege angedeihen. Am nächsten Morgen klopfte Karl wiederum an der Zelle des Bruders Bernhardus an. Da trat ihm der Abt mit tiefernster Miene entgegen. Thassilo der Bayernherzog war über Nacht verschieden.

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