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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 35
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Speyer

Die Glocken von Speyer

Er hat viel Leid unter seinem Purpurmantel getragen, jener unglückliche Heinrich IV. Durch eigene und durch fremde Schuld ward die herrliche deutsche Kaiserkrone, die er auf dem Haupte trug, mit Dornen umrankt und bis in den Schoß seiner Familie schlich sich das Gespenst des Unglücks, das den unseligen Herrscher verfolgte. Zu dem Bannstrahl des Papstes, seines gewaltigsten Gegners, kam die Empörung der Fürsten und endlich, um das Maß des Leides zu erschöpfen, die Verschwörung der eigenen Söhne. Zunächst tritt Konrad der ältere als offener Rebell dem geächteten Vater trutzig entgegen und dann, als dieser jäh gestorben, sein zweiter Sohn Heinrich mit List und Ränken. Von ihm zur Thronentsagung gezwungen, flieht der gebrochene Herrscher, nur von seinem treuen Diener begleitet, nach Lüttich, und als er hier das müde Haupt zur letzten Ruhe legt, da ruht sein Leib fünf Jahre lang in ungeweihter Erde in fremdem Lande.

Endlich erwirkt des Sohnes Bitte von dem zürnenden Pontifex die Lösung des Bannes. Wankend folgte der greise Kuonrat der Leiche seines kaiserlichen Herrn, an deren Gruft er Tag und Nacht geseufzt und gebetet, nach der alten Kaiserstadt Speier. Einige Tage darauf schlossen sich seine Augen für immer, und in demselben Augenblicke läuteten, ohne daß eine Hand sie in Bewegung setzte, alle Glocken der Stadt, wie es geschah, wenn man einen Kaiser zur Gruft geleitete.

Jahre vergingen.

Zu Speier lag auf prunkvollem Pfühl ein Mann und rang mit dem Tode. In seinem Haupt, das bis zur Stunde die Krone geschmückt, die er dem Vater mit frevelnder Hand geraubt, jagten einander wild die Gedanken. Vor seinem Lager stand unheimlich der Schatten seines Vaters und verwies ihn strafend an die Worte des vierten Gebotes. Eines schweren Todes ist Kaiser Heinrich V., der unnatürliche Sohn, gestorben, und als die Stunde schlug, wo seine gequälte Seele sich losrang vom Leibe, da scholl, ohne daß eine Hand es in Bewegung setzte, vom Dom das Armsünderglöcklein, wie es geschah, wenn man einen Missethäter zum Richtplatz führte.

Also wurden die Glocken von Speyer ein Werkzeug der Hand dessen, der einst auf Sinai weise und warnend gesagt hatte: »Ehre Vater und Mutter ...«

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