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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 32
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Bingen

Der Mäuseturm

Unterhalb Bingen liegt mitten im Strom auf einem einzigen Eiland eine turmartige Veste, der Mäuseturm. Seit Jahrhunderten ist mit ihm eines Mainzer Erzbischofs Name in düsterer Weise verknüpft, jenes finstern Hatto, den die Sage eines furchtbaren Frevels angeklagt und dadurch verfehmt hat am ganzen Rheinstrom und weit in die Lande.

Ein ehrgeiziger, herz- und treuloser Mann soll er gewesen sein, ein grausamer Herr seiner Unterthanen. Hohe Steuern erpreßte er ihnen, Zölle legte er ihnen auf und ersann zahllose Lasten, seiner Herrschsucht und Prunkliebe zu fröhnen. Zwischen Bingen und Rüdesheim ließ er im Rheine den festen Turm erbauen und nötigte alle Schiffe, die thalabwärts fuhren, zur Entrichtung eines Zolles.

Bald darauf suchte ein trauriger Mißwachs das Mainzer Land heim. Dürre und Hagel vernichteten die ohnehin spärlichen Saaten und die Teuerung ward um so fühlbarer, da Erzbischof Hatto große Getreidevorräte angekauft und in seine Speicher verschlossen hatte. Die Hungersnot war bald erschrecklich, doch vergebens flehten die Unglücklichen den grausamen Herrn an, den Kornpreis seiner aufgespeicherten Frucht herabzusetzen. Wohl drangen seine Räte in ihn, daß er sich des Elendes erbarme, doch Hatto blieb ungerührt, und als der steigende Jammer und die Hartherzigkeit des Gebieters Erbitterung erregte und murrende Stimmen sich erhoben unter dem heimgesuchten Volke, da setzte Hatto seiner Grausamkeit die Krone auf.

Eines Tages drang eine hungrige Bettlerschar jammernd in den erzbischöflichen Palast und flehte den Erzbischof, der just an schwelgerischer Tafel saß, wimmernd um Nahrung an. Er aber hatte gerade zu seinen Tischgenossen in grollender Verdrossenheit geäußert, es wäre besser, das elende Volk käme durch irgend eine rasche Art von dieser Welt; so sei es aller Not und er seiner enthoben. Wie nun die zerlumpten Haufen, Männer, Weiber und Kinder mit hohlwangigen, bleichen Gesichtern, sich vor ihm niederstürzten und um Brot schrieen, zuckte es plötzlich auf in seinen Augen. Er winkte ihnen mit erheuchelter Huld, versprach ihnen Korn und ließ sie hinausführen in eine Scheune vor die Stadt, allwo sie Korn erhalten sollten, so viel ein Jeder bedürfe. Voll freudigen Dankes eilten die Unglücklichen hinaus: als aber alle drinnen waren, ließ Hatto das Scheunenthor schließen und die Scheune anzünden.

Gräßlich war das Gewinsel der Elenden. Bis zum Bischofspalast soll das Geschrei gedrungen sein. Der grausame Hatto aber rief spottend seinen Räten zu: »Hört, wie die Kornmäuse pfeifen! Nun hat das Betteln ein Ende, mich sollen die Mäuslein beißen, wenn's nicht wahr ist.«

Fürchterlich aber traf ihn die Strafe des Himmels. Aus der brennenden Scheune schlüpften Tausende von Mäusen, nahmen ihren Weg zum Palast, erfüllten alle Gemächer und fielen selbst den Erzbischof an. In ungezählten Scharen huschten sie durch seine Räume und ob seine Diener zahllose der gierigen Nager vertilgten, immer größer ward ihre Zahl, immer drohender ihre Gier. Grauen packte den Erzbischof und Gottes Strafgericht ahnend, floh er aus der Stadt auf ein Schiff, um sich der wütenden Bisse seiner Verfolger zu erwehren. Aber die untilgbare Schar schwamm in Legionen ihm nach, und als er verzweifelnd den Zollturm bei Bingen erreichte, vermeinend, in der stromumspülten Inselveste sicher zu sein, da folgte ihm das graue Heer der Mäuse auch hierhin, grub sich mit scharfen Zähnen den Zugang in den Turm und erreichte bald den, welchen es verfolgte.

Er ist ihnen auch unterlegen, der Grausame. Soll zum Schluß in heller Verzweiflung seine Seele dem Bösen verschrieben haben, so er seinen Leib erlöse, und im Höllenbrand soll der Gottseibeiuns dazwischen gefahren, den zuckenden Leib befreit, die Seele aber für sich genommen haben am dritten Tage.

* * *

Also vermeldet die Sage. Milder spricht ihre Schwester, die Geschichte, über Hatto, den gestrengen Erzbischof von Mainz. Sie tadelt nur eines an ihm: seine Herrschsucht. Sie erwarb dem Mainzer Stuhl jene weltliche Macht, durch die er später der erste Bischofssitz des Reiches wurde. Den Mainzer Bürgern mochte dies nicht unangenehm sein, aber tief verhaßt war vielen der stolze, despotische Geist dessen, der sie begründete, und weil er überdies der Erbauer des Zwingers im Strombett war, von dem aus er alle vorüberfahrenden Schiffe des Zolles wegen untersuchen ließ – durchmausen, mûsen, sagten unsere Altvordern und spricht der Rheinländer noch heute – so mag jener Mäuseturm, vereint mit dem Groll eines unterdrückten Volkes, jene gräßliche Sage hervorgerufen haben.

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