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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 31
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Nahethal

Kreuznach. Der Stiefeltrunk

War einst auf dem hohen Rheingrafenstein bei Kreuznach die Blüte der rheinischen Ritterschaft versammelt. Gewaltige Zecher sind sie gewesen, die Herren des rheinischen Adels, allen voran aber stand der Gastgeber selber, der stolze Rheingraf. Manchen Humpen hatte er bereits geleert auf das Wohl der vieledlen Gäste. Plötzlich erhob er sich wieder vom reichgeschnitzten Eichenstuhle, ließ die Blicke in übermütiger Zecherlaune gleiten über die glänzende Versammlung und hub an:

»Einen Reiterstiefel hab ich hier, ihr edlen Herren; ihn ließ jüngst ein Kurier zurück. Euch verkünde ich nun bei meines Hauses Ehre: wer von Euch ihn in einem Zug leert, dem soll drunten das Dorf Hüffelsheim gehören.« Und aus des Knappen Hand nahm der Rheingraf lachend den Stiefel, ließ' ihn bis zum Rand anfüllen und hob ihn kecklich in den Kreis. »Wohlan! Es gilt. Wer wagt's?«

Und es saß alldort der wackere Johann von Sponheim, kein schwächlicher Zecher; doch er hielt sich ruhig und sah nur fragend zu seinem Nachbarn hinüber, dem Ritter Weinhart von Dhaun, der scheu verlegen das Haupt hinter des Humpens Rundung barg. Auch der alte Flörsheimer strich sich zweifelnd den grauen Bart, dieweil der hagere Kunz von Stromberg, mehr den Weibern denn dem Wein ergeben, sich schon schüttelte beim Gedanken an den Jammer, den eine solche Sintflut heraufbeschwören mußte. Selbst der Burgkaplan, der dem Rheinwein zuschrieb, daß er das Gloria im Hochamt so kräftig intonierte, besah sich ehrfurchtsvoll den Koloß und dankte innerlich dafür, einen solchen Stiefel anzuziehen.

Da erhob sich auf einmal aus der Tafelrunde Einer mit einer Bärengestalt und Donnerstimme, schlug mit der Riesenfaust auf den Tisch und rief froher Laune: »Her mit dem Schlückchen!« Und alle schauten sie ihn an, den markigen Boos von Waldeck. Der aber hatte bereits den Stiefel erfaßt. »Zum Wohl! Ihr Herren!« tönte eine mächtige Stimme, eine breite Hand schwenkte den Stiefel.

Ihn leerte in einem Zuge Herr Boos von Waldeck, stellte ihn dröhnend auf den Tisch und ließ sich schwer in den Sessel fallen. Zum Rheingrafen gewendet sprach er lachend: »Ließ der Kurier nicht auch den andern Stiefel hier? Maßen ich in einer zweiten Wette auch noch das Dorf Roxheim mir erwerben möchte.«

Der Rheingraf schnitt ein betrübtelegantes Gesicht, die edlen Zecher lachten laut; seit der Stunde gehörte Hüffelsheim dem wackern Ritter Boos von Waldeck.

Sponheim.
Der Burg Sponheim Gründung

Wie die alte Burg Sponheim im Nahethal entstanden ist, darüber berichtet uns die Sage folgendes: Ein Ritter von Ravensberg im Nahegau bewarb sich eifrig um die Hand der jungen, anmutigen Gräfin von Heimburg. Aber ein betrübendes Hindernis stellte sich zwischen den Bewerber und seine Geliebte: vor Jahren hatte ein Ravensberger in blutiger Fehde einen Heimburger getötet und tiefer Groll trennte seitdem die beiden Geschlechter. Bitter empfand es der tapfere Ravensberger und ließ trotz allem nicht nach in seiner liebenden Werbung. Seine beharrliche Treue ging der liebreizenden Gräfin zu Herzen, und eines Tages beschied sie den stürmischen Freier also:

»Wollt Ihr Euch unterfangen, Herr Ritter, zur Sühne der Schuld Eures Ahnen ins heilige Land zu ziehen, so soll Eure Werbung Gehör finden in der Stunde, wo Ihr mir heimkehrend ein Andenken an die heiligen Stätten unseres Erlösers in die Hand legt.«

Hocherfreut küßte der Ritter der geliebten Frau die Hand und von ihrem huldreichen Lächeln begleitet, schied er. Eben um diese Zeit klang des greisen Rotbart Aufruf zum Kampf gegen die Ungläubigen durch die deutschen Gaue, und der Ravensberger säumte nicht, sich den stolzen Scharen des Staufenkaisers anzuschließen. Mühevoll ward die Kreuzfahrt, und als sich das Heer kümmerlich durch Levantens öde Steppen hindurchschlug, gedachte der wackere Ravensberger voll Wehmut seiner ruhigen Veste im schönen Nahethal, allwo man sich des Abends nach einem wohlbestellten Nachtmahl niederlegen konnte, ohne zu befürchten, daß bei Nacht und Nebel ein wüster Türkenschwarm hereinbrach, dem friedlichen Schläfer den krummen Säbel über dem Haupte schwingend. Hat aber dennoch überall wacker mitgekämpft und sich nach des alten Rotbart und seines Sohnes Tod ritterlich dem englischen Königssohn angeschlossen (Löwenherz hieß er), weil vor diesem die grimmigen Türkenhorden die meiste Angst besaßen.

Seiner geliebten Dame im Nahegau hat der Ravensberger im Morgenlande zu keiner Zeit vergessen und allgemach ist die Sehnsucht stark und stärker in ihm geworden, bis er sie nimmer hat bezwingen können. Auch den Königserben Richard Löwenherz rief die Besorgnis um sein Erbe nach dem meerumgürteten Albion zurück. Unter den Waffengenossen, die sich mit ihm einschifften, befand sich auch der Herr von Ravensberg. Froher Laune war der wackere Rittersmann und während das Königsschiff dahersegelte durch das Griechenmeer und die blaue Adria, stand er oft auf dem Verdeck, und wenn ihn niemand beobachtete, zog er heimlich ein Kästchen hervor aus schwarzem Ebenholz, das war außen reich mit Edelstein geschmückt und ein Frauenname war darauf verzeichnet mit goldenen Lettern. Drinnen war es mit kostbarer, roter Seide belegt und barg einen winzigen, unscheinbaren Span, den hat der Ravensberger stets mit größter Verehrung geküßt: für schweres Geld hatte er ihn im heiligen Lande von einem jüdischen Händler erworben; der hat ihm geschworen bei den großen und kleinen Propheten, daß es eine Partikel des Marterholzes sei, woran die römischen Soldaten den heiligen Rabbi von Nazareth, den Gottessohn, gekreuzigt.

Frohen Mutes war der Ravensberger auf der ganzen Fahrt. Da aber geschah ein trauriges Ereignis. Schon sahen die heimkehrenden Kreuzfahrer italisches Land vor sich, da litt das Fahrzeug Schiffbruch. Nur mit Mühe rettete sich der englische Königssohn mit wenigen Getreuen bei Aquileja ans Land. Unter ihnen befand sich auch der Ravensberger; aber in welch trostloser Stimmung. Wie später einmal der große Camoens die Lusiaden, so hatte er die kostbare Truhe hoch über sich im Wasser emporgehalten, aber ein Strudel riß ihn hinab – als er die Augen aufschlug, fand er sich auf festem Uferlande: der heilige Span hatte ihn gerettet, aber – herber Trost – er ihn verloren und mit ihm alle Hoffnung auf sein schönstes Glück.

* * *

In der Veste Heimburg im schönen Nahegau ist eines Tages müde und niedergeschlagen ein heimkehrender Kreuzfahrer angelangt; der hat sich kleinmütig bei des Schlosses Herrin ansagen lassen. Mit huldvollem Lächeln ist die liebreizende Gräfin dem Rittersmann entgegengeeilt, aus dessen sonngebräuntem Antlitz eine tiefe Bekümmernis sprach. Schweigend, das holde Antlitz züchtig gesenkt, nahm sie den lamentablen Bericht entgegen. Dann, als er geendet, hob sie lächelnd das schöne Haupt. »War das Kästchen nicht reich mit Edelsteinen verziert und stand nicht mein Name darauf in goldenen Lettern?« fragte sie.

»So ist es, vieledle Herrin,« versetzte der Ravensberger, seltsam überrascht, dann mit erneuerter Bitterkeit: »Nun ruht es auf dem Meeresgrund, trotzdem ich in tiefster Bedrängnis den heiligen Georg anrief, den kostbaren Span vom Kreuz unseres Erlösers zu retten.«

Da winkte die Burgherrin einem Pagen und nach wenigen Augenblicken brachte ihr der Knabe ans sammetnem Kissen eine kleine Truhe aus schwarzem Ebenholz, die war reich mit Edelsteinen geschmückt und ein Frauenname war darauf verzeichnet. Einen freudigen Überraschungsruf stieß der Ravensberger aus: er hatte sofort das Kleinod erkannt.

»Thut Abbitte dem heiligen Patron der Ritterschaft,« sprach die Gräfin mit mildem Lächeln. »Ein fremder Knappe überbrachte dem Burgvogt vor etlichen Tagen diese Truhe und war verschwunden, als ich ihn zu mir bescheiden wollte.«

»St. Georg, der Ritter, ist's gewesen, in eigener Person,« raunte der Ravensberger und bekreuzte sich andächtiglich. »Hat damit des heiligen Spanes Echtheit bewiesen.«

»Mechtildis!«

Hat dann vor der reizenden Herrin das Knie gebeugt und errötend reichte sie dem längst heimlich geliebten Manne die schwellenden Lippen zum ersten Liebeskusse.

* * *

Ein fröhlicher Hochzeitstag wurde gefeiert im Nahegau und eine stolze Ritterveste wurde umgetauft auf den Namen Spanheim, später Sponheim, und so hieß sie noch manch Jahrhundert hindurch.

Die Ebernburg

In der Nähe des lieblichen Kreuznach, dessen Heilquelle jährlich Tausenden Erholung und Genesung spendet, liegt die Ebernburg. Ihre Gründung reicht bis ins elfte Jahrhundert zurück. Damals Eigentum der salischen Kaiser, kam sie im vierzehnten Jahrhundert an das Sponheimer Grafengeschlecht und im folgenden Jahrhundert an die Sickinger. Dem geächteten Franz von Sickingen und vielen seiner Anhänger diente die »Herberge der Gerechtigkeit« als Zufluchtsort. Nach Sickingens Tode zerstört, wurde sie von seinen Nachkommen wieder aufgebaut, bis die Franzosen sie vor hundert Jahren zum zweiten Male in eine Ruine verwandelten.

Ueber dem Thor dieser erinnerungsreichen Ruine ist das Bild eines Ebers eingemauert. Wie ein solcher der Burg ihren Namen gab, darüber erzählt die Sage folgendes: In alter Zeit war der Raugraf Rupert Besitzer der Veste. Er warb seit langem insgeheim um die Hand der schönen und reichen Gräfin Montfort. Als er jedoch einstmals seinen Antrag der Gräfin vorbrachte, wies sie ihn ab: ihr Herz hatte nämlich schon gewählt. Der also Beglückte war des Raugrafen eigener Jugendfreund, Rheingraf Heinrich.

Grollend über die Zurücksetzung, die er erduldet, zog sich der Raugraf von seinem bisherigen Freunde finster zurück. Seine früheren Genossen sahen ihn weder beim Turniere, noch bei festlichen Gelagen, und bedauernd erzählten sie sich, daß der Raugraf in düsterer Verstimmung allen gesellschaftlichen Verkehr fliehe. Nur der Jagd war er treu geblieben und tagelang streifte der Vereinsamte, oft ganz allein, mit seinen kläffenden Rüden durch seine Forsten.

Als er einst wiederum von einem Jagdausflug heimkehrte, stieß er in der Nähe des Rheingrafenstein auf einen Eber von solch ungewöhnlicher Größe, wie er sich kaum erinnerte, einen zweiten in seinen Wäldern gesehen zu haben. Mit grimmiger Wut trieb das gereizte Tier die bellende Meute zurück und stürzte sich wütend auf den Jäger, dessen Wurfgeschoß es nur verwundet, aber nicht niedergestreckt hatte.

Der Raugraf erblaßte. Unbewaffnet wie er war, empfahl er seine Seele Gott: da sank der Eber plötzlich, kaum einen Schritt von ihm entfernt, röchelnd nieder, von einer Lanze, die aus dem Busch zischte, tödlich getroffen. Die Zweige teilten sich und hervor trat der Rheingraf. Stumm eilte er auf den ehemaligen Jugendfreund zu, der ihm in tiefer Bewegung um den Hals fiel.

»Meine Liebe hast du getötet, dafür mein Leben gerettet!« soll der Raugraf schmerzlich ausgerufen haben. Jener erzählte ihm, wie er den Eber bereits drei Tage in seinem Revier gesucht und endlich seine Fährte bis in des ehemaligen Freundes Revier verfolgt hätte. »Durch einen Wildfrevel,« schloß der Rheingraf, »rettete ich mir einen edlen Genossen, dessen Freund zu sein ich niemals aufgehört hatte.«

Begraben ward der Groll, den der Raugraf gegen den Jugendfreund gehegt hatte. An dem Tage, wo der Rheingraf die liebreizende Gräfin von Montfort zum Altare führte, ließ der Raugraf, um des Freundes That allen späteren Geschlechtern zu verkünden, über dem Burgthor seiner Veste einen ausgehauenen Eberkopf anbringen und taufte sie fortan die Ebernburg. Den Namen hat sie behalten bis auf den heutigen Tag.

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