Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Ruland >

Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 25
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
Schließen

Navigation:

Kaub

Burg Gutenfels

Auf einem Hügel bei Kaub stand im Mittelalter die Burg der Herren von Falkenstein. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts bewohnte sie ein Graf Philipp mit seiner Schwester Guta. Die junge Gräfin Guta war eine überaus liebreizende Erscheinung und zahlreiche Ritter bewarben sich um ihre Hand. Doch keiner hatte bisher mit seiner Werbung Erfolg gehabt: das Fräulein trug kein Verlangen, des geliebten Bruders gastliches Heim mit einem andern zu vertauschen.

Eines Tages wurde zu Köln ein prächtiges Turnier gehalten. Aus allen Gauen des Reiches, selbst aus Welschland, aus England waren Ritter erschienen. Zahllos war die Menge der Zuschauer, gar stattlich die Zahl derer, die hier um den Preis aus schöner Hand mit den Waffen kämpften. Unter ihnen befand sich ein Ritter aus England, der besonders wegen seiner stattlichen Gestalt und seiner prachtvollen Rüstung auffiel. Er kämpfte mit verhülltem Visir und ward von den Turniervögten als der Löwenritter aufgerufen, denn ein goldener Löwe zierte seinen Schild.

Bald erregte der stattliche Brite auch wegen seiner meisterhaften Kampfart Aufsehen, und als es ihm gelang, seinen Gegner, einen der gefürchtetsten Zweikämpfer, mit der Lanze aus dem Sattel zu heben, durchbrauste lauter Jubel die Runde. Unter den Schaulustigen befand sich auch der Falkensteiner mit seiner Schwester. Auch Guta hatte mit erhöhtem Interesse während des Turniers den fremden Ritter betrachtet, und aufrichtig bedauerte sie es, dem Verhüllten nicht ins Angesicht schauen zu dürfen.

Die Gelegenheit kam bald, nachdem der Brite als Sieger aus dem Zweikampf hervorgegangen. Ein seltsames Gefühl, wie sie es früher nie besessen, ergriff die Jungfrau, als des Engländers männlich schönes Antlitz sich nunmehr unverhüllt zeigte. Ihre Beklemmung steigerte sich noch, als man sie ersuchte, dem Sieger den Preis, einen goldenen Lorbeerkranz zu überreichen.

Ob der Ritter in dem Antlitz der entzückenden Maid las, was diese vergeblich ihm zu verbergen suchte? Ob in dem Augenblick, wo er vor der Holden dann niederkniete und sie mit zitternder Hand den Kranz auf sein Haupt legte, ein Funke jener Flamme, die ihr Inneres plötzlich erfaßt hatte, aufglühend in seine Seele fiel?

Wer weiß? Darüber schweigt die Sage. Als aber die beiden nachher im zagen Gespräch gegenüberstanden, er ihre Anmut verstohlen bewundernd, sie kaum mächtig ihrer Gefühle, da kam die Liebe sacht gegangen, und als am Abend im Festsaal die Musik zum Reigen erklang und der schöne Brite nicht von Gutas Seite wich, da wagte sich die Liebe scheu hervor, zuerst verschämt stammelnd, bis sie sich endlich mit fessellosen Worten über die zuckenden Lippen drängte und diese sich gestanden, was die Augen längst verraten.

Der stolze Fremdling hatte Guta um ihre Liebe angefleht und sie beschworen, ihm die Treue zu bewahren: in drei Monden werde er zurückkehren aus dem Vaterlande, wohin dringende Pflicht ihn jetzt zurückrufe. Erst dann wolle er auf des Bruders Burg offen um ihre Hand minnen und seinen Namen nennen, den jetzt zu enthüllen eine vorher abgelegte Verpflichtung ihm verbiete. Liebe bringt freudig jedes Opfer; auch Guta nahm willig des geliebten Mannes Worte entgegen und unter Versicherungen gegenseitiger Treue trennten sich die beiden Glücklichen.

* * *

Fünf Monde waren seitdem vergangen. Über das verwaiste deutsche Reich war die kaiserlose, die schreckliche Zeit hereingebrochen: drunten in Italien starb Konrad, der letzte regierende Staufe und droben im Friesland erschlugen aufständische Bauern seinen Gegenkönig Wilhelm von Holland. Wieder ertönte bei der darauffolgenden Kaiserwahl der Kampfruf: Hie Welf! Hie Waiblinger! und während die hüben Alfons von Castilien zum König ausriefen, wählten die drüben Richard von Cornwallis, den ritterlichen Bruder des Königs von England. Jener Spanier ist ein Schattenfürst geblieben und hat nie das Land aufgesucht, wo man ihm ein Thrönlein bereitet. Deshalb wandten sich Richard noch mehr Anhänger zu und in Aachen ward er feierlich gekrönt. Von der alten Kaiserstadt aus machte er eine Rundreise in die Rheinlande, um die Städte, denen er vorzüglich seine Wahl zu danken hatte, zu begrüßen. Der Frühling war ins Rheinthal eingezogen und über den Wellen, Bergen und Burgen lag goldener Sonnenschein. Nur in das Antlitz des liebreizenden Burgfräuleins, das just in der Falkensteiner Veste in ihrer Kemenate saß und trübe Träume spann, wollte kein Sonnenscheinchen dringen. Stiller Gram hatte sich darinnen eingenistet und seit zwei Monden wurden der Jungfrau Wangen bleich und bleicher. Gar oft seitdem hatte der Gram, ihr steter Begleiter, des geliebten Mannes Bild in den verschiedensten Momenten gezeichnet: bald sah sie sterbend ihn in heißer Feldschlacht, auf den Lippen ihren Namen, dann wieder scherzend und lachend, im Arm eine Maid jenes Inselreiches, über sein Liebchen am Rhein mit leichten Reden spöttelnd.

Und immer wieder verfolgten sie jene Bilder, immer stärker ward in ihr das Bewußtsein, daß der erste, dem sie ihre jungfräuliche Liebe geschenkt, sie grausam enttäuscht hatte. Tiefer nistete sich der Gram in ihre schmalen Wangen und vergebens suchte der Falkensteiner seine Schwester zu erheitern und zu zerstreuen.

Von der Heerstraße tönten Trompetenstöße und ein Troß Ritter hielt vor der Burg. Guta bemerkte den Zug und trat zurück vom Fenster, wo sie mit verweintem Antlitz gesessen. Mit ritterlicher Gastfreundschaft empfing der Graf die Gäste und geleitete sie in den Prunksaal. Sein Erstaunen war groß, als er in dem Herrn des glänzenden Gefolges den kühnen Briten wiedererkannte, den Sieger vom Kölner Turnier und – jählings schoß dem Falkensteiner das Blut in die Wangen – den wortbrüchigen geheimen Verlobten seiner geliebten Schwester Guta. Die Freundlichkeit in seinen Mienen machte düsterer Verstimmung Platz. Jener schien es zu bemerken; warm drückte er des Burgherrn Hand und redete ihn an:

»Ich bin Richard von Cornwallis, erwählter deutscher Kaiser und bin hierher gekommen, um bei Euch, Ritter, anzuhalten um die Hand Eurer Schwester Guta, die sich mir zu Köln vor fünf Monden anverlobte. Ich löse mein Gelöbnis spät, aber mit gleicher Treue. Ich bitte Euch, ihr meine Ankunft zu melden, ohne meinen Namen zu verraten.«

Tief verneigte sich der Falkensteiner vor dem erlauchten Gaste, und ehrfurchtsvoll entfernte sich aus dem Gemach das Gefolge. Mit unruhigen Schritten durchmaß der Besucher den Raum. Dann regten sich die Thürflügel, eine holde Gestalt erschien auf der Schwelle, das feine Antlitz vor Bewegung hocherglüht. Mit einem leisen Aufschrei flog Guta dem geliebten Manne in die Arme. Minuten stummen Glückes schwanden.

Unmerklich war der Falkensteiner eingetreten und enthüllte nun der Schwester, wen sie als künftigen Gemahl umarme. Da färbten sich noch dunkler vor Scham die Wangen der lieblichen Jungfrau und schier scheu und zweifelnd zugleich irrten ihre Augen zu dem Geliebten. Der aber legte die Hand um ihren Hals und versicherte ihr, sie müsse alles, also auch den Thron mit ihm teilen.

* * *

Mit kaiserlicher Pracht feierte König Richard wenige Wochen später seine Vermählung auf der Burg am Rheine, die der hochbeglückte Falkensteiner seitdem zu Gutens, seiner geliebten Schwester Ehren, Gutenfels genannt hat.

Die Pfalz

Unterhalb Kaub liegt auf einer Felseninsel im Rhein eine schmucke Veste, seit Jahrhunderten bekannt unter dem Namen die Pfalz. In den düsteren Kämmerlein dieser turmreichen, trotzigen Inselveste hat sich einst verschwiegene Liebe, aus dem Königspalast verdrängt, ein Stelldichein gegeben. Das ist schon lange her. Zu Zeiten Notbarts ist's gewesen. Dazumal lebten auf dem wasserumrauschten Kastell als Verbannte des Pfalzgrafen Konrad eigenes Gemahl und leibliches Kind, sein blühendes Töchterchen Agnes.

Und das war also gekommen. Dem Pfalzgrafen hatte der Himmel einen Sohn verwehrt, und Erbe der Güter mußte deshalb seine Tochter werden. Mächtige Fürsten des Reiches hatten sich bereits um die Hand der liebreizenden Pfalzgrafentochter beworben, und selbst ein Herzog von Baiern und der König von Frankreich befanden sich unter ihnen. Aber die Maid hatte bereits ihre Wahl getroffen. Der also Beglückte war der junge, ritterliche Held von Braunschweig. Agnes hatte ihm ihre volle Neigung geschenkt und fand das Glück, daß ihre Mutter den Bund begünstigte.

Dem Pfalzgrafen konnte dies nicht verborgen bleiben. Die Entdeckung verstimmte ihn sehr. Der Herzog Heinrich war ein Welfe, also ein direkter Feind seines Bruders, des Staufenherrschers. Des Braunschweigers Schwiegerschaft war schon deshalb unmöglich, noch mehr aber, weil der Kaiser schon lange plante, des Pfalzgrafen Tochter mit einem Mitglied seines Hauses zu vermählen, damit die Pfalzgrafschaft den Waiblingern erhalten blieb.

Mit gerechtem Bedenken erinnerte sich der Pfalzgraf, daß der Braunschweiger nicht nur zu den schönsten Männern, sondern auch zu den kühnsten Kämpen der deutschen Ritterschaft gehörte, und so ließ er eines Tages, nachdem er bis spät in die Nacht hinein die mißliche Sache reiflich überlegt hatte, die Pfalz ausnahmsweise befestigen, die düsteren Gemächer, mehr Kammern als Zimmer, reinigen und herrichten und erklärte dann seinem Ehegemahl und seiner Tochter Agnes, die er beide zu einer Fahrt nach dem Eiland bewogen, dies sei fortan auf unbestimmte Zeit ihr Wohnsitz. Die würdige Pfalzgräfin beklagte sich bitter über die ungerechte Härte ihres Eheherrn, Schön-Agnes vergoß heiße Thränen, Herr Konrad aber erklärte weise und warnend, so lange das Töchterlein nicht ablasse von dem Welfen, könne er seinen notwendigen Vorsatz nicht ändern. Ist dann höchst befriedigt von dannen gegangen, vermeinend einen ungemein klüglichen Gedanken ausgeführt zu haben. Die selige Jugendzeit lag allerdings schon zu weit hinter ihm, sonst hätte er sich erinnern müssen, daß Jugendliebe ist, – um einen gar nicht dichterischen Vergleich zu gebrauchen – wie der Nagel in der Wand: je mehr man ihn schlägt, um so fester hält er! Hätte sich auch erinnern sollen, daß bereits der weise Mann im hohen Lied gesteht: »Der Liebe Gluten sind Flammen Gottes, und kommen Wassergüsse und kommen Stürme, sie werden sie nimmer erlöschen.«

Und wie der Wind die Flamme anfacht und nur den Funken auslöscht, so auch hier die Trennung der Liebe: was ihr ein Hindernis sein sollte, ward ihr ein Vorteil. Unter dem Schutze der Nacht besuchte der kühne Welfenherzog verkleidet die Inselveste. Agnes weigerte dem geliebten Manne den Eintritt nicht. Mit inbrünstigem Flehen bestürmten die beiden die Mutter, ihr Liebesglück zu dulden – ihnen vermochte die Pfalzgräfin nicht zu widerstehen.

Im Dämmer des folgenden Tages langte unbemerkt ein Priester auf der Inselburg an und legte die Hand des Welfen in die der Staufin. Bei mattem Kerzenschein ward in niedrigem Burggemach die Vermählung vollzogen: in dem öden Kämmerlein der Pfalz hielt die Liebe, die unbesiegbare, triumphierend ihren Einzug.

* * *

Monde waren verflossen in stillem, ungestörtem Glück. Tage standen bevor, denen die Pfalzgräfin, mehr noch Agnes, das junge Weib, mit steigender Beklommenheit entgegen sah. Dringende Notwendigkeit war es, dem Pfalzgrafen zu enthüllen, was geschehen. Als er eines Tages, nach langer Zeit zum erstenmale, in dem Kastell erschien, stürzte ihm seine Tochter zu Füßen und enthüllte ihm aufgelöst ein zwiefaches Geheimnis. – Da soll der würdige Pfalzgraf zuerst gestanden sein wie ein versteinertes Bild und soll dann gewettert und geflucht haben in allen ihm bekannten Sprachen, bis ihn sein sanftes Gemahl mit leisen, flehenden Worten bat, der Tochter zu schonen, da sie der Schonung wohl bedürfe. Da hat sich des Eiferers Zorn merklich gelegt und dieweil ihm sein getreues Weib zusprach, wie er nun selber unbewußt berufen gewesen, einer bitteren Geschlechterfehde durch sein geliebtes Kind ein Ende zu machen, da haben sich seine wetterharten Züge sichtbar aufgeklärt. Allgemach wurden sie weich und weicher, und zuletzt hat er sich zu der geliebten Tochter hinabgebeugt, sie beim Namen genannt gar zärtlich, und über die wasserumspülte Inselburg ist sacht der Engel der Versöhnung herniedergeschwebt.

* * *

Am Hoflager Kaiser Rotbarts zu Speier ist Pfalzgraf Konrad erschienen und hat seinem kaiserlichen Herrn Bruder mit bittersüßer Miene Bericht erstattet. Der alte Rotbart hat dazu gelächelt und dem edlen Herrn Konrad gedankt, daß er ein Mittel gefunden, die Welfen den Staufen näher zu bringen, hat sich auch freiwillig erboten, dem erwarteten Sprößling Patenstelle zu stehen.

Daraufhin ist in der Pfalz ein prunkvolles Fest gefeiert worden und einige Zeit nachher hat in dem stillen Kämmerlein der Inselburg, wo vor Monden die Liebe, die unbesiegbare, triumphierend ihren Einzug gehalten, eines Kindes erster Schrei die glücklichste Mutter beglückt. (Also hatte Herr Konrad, der Pfalzgraf, es geboten.)

Noch heute zeigt man dieses Kämmerlein den Besuchern der Pfalz zur Erinnerung an jene Begebenheiten.

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.