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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 2
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Zuydersee

Stavoren

Eine Wunderstadt ist's gewesen wie weiland Vineta im baltischen Meere! Seine Kaufleute waren die Herren des Oceans und in Stavorens Hafen lagerten die Schätze ungezählter Länder. Seine Häuser waren Paläste, im Innern ausgestattet wie die Gemächer der Khalifen in Tausend und eine Nacht. Keiner der Handelsherren Stavorens war also mit Glücksgütern gesegnet wie Richberta, das reiche, üppigschöne Weib. Das Glück hatte sie mit Gaben überschüttet und schien nicht aufhören zu wollen, sie täglich mit neuen Gütern zu segnen. Eins aber mangelte ihr: Die Flamme weiblicher Güte, die der Frauen Seele so wunderbar erhellt und ihre Umgebung erwärmt, sie besaß sie nicht, und wie draußen, wenn es dunkelt, die Tiere der Nacht erwachen, so auch in Richbertas dunklem, liebeleeren Herzen düstere Empfindungen. Stolz über eigenes Glück und Neid über fremdes reichten sich dort die Hände.

Ein berauschendes Fest gab die stolze Kaufherrin eines Tages. Während des Mahles wird ihr ein fremder Gast gemeldet. Aus weiter Ferne komme er, habe vieler Herren Länder gesehen und sei gekommen, den Reichtum von Stavorens schönster und reichster Kaufherrin zu bewundern. Hochgeschmeichelt hieß die stolze Frau den Fremdling willkommen. Brot und Salz erbat sich der Greis nach der Sitte des Morgenlandes, woher er gekommen. Die Herrin gebot, beides zu bringen; doch in dem Hause der üppigsten Gaumengerichte fand sich kein Brot, die Speise der Dürftigen.

Schweigend setzte sich der Gast zu Tische. Hub dann an zu erzählen von seinen Fahrten und Erlebnissen, von seinen Erfolgen und Mißgeschicken und dem Unbestand irdischen Glückes. An seinem beredten Mund hingen lauschend die Gäste; aber die stolze Kaufherrin war ihm gram, weil er für sie, ihre Schönheit und ihren Reichtum kein Wort des Rühmens fand. Ihre verletzte Eitelkeit nötigte ihn endlich zu einem Urteil, und aufrichtig spendete der Greis ihrem fürstlichen Glanz ungeteiltes Lob. Nur das Edelste, was die Erde erzeuge, vermisse er in ihrem königlichen Haushalt.

Vergebens drang Richberta in ihn, das Gut ihr zu nennen. Er wich ihren ungestümen Fragen aus und entfernte sich dann, als die Frager ihn bestürmten, aus dem Kreise.

* * *

Auf hoher See segelt eine stolze Fregatte. Der Flottenmeister – seltsam – kennt selber nicht das Ziel. Seine stolze Herrin, Richberta von Stavoren, hat ihn hinausgesandt, in alle Zonen zu fahren, um das Gut zu finden, welches das köstlichste der Erde sei. Und so stach er denn hinaus in die See, und in Ost und West forschen Richbertas Leute nach dem unbekannten Gut. Es geschah aber, daß eindringendes Seewasser einen Teil der Nahrungsmittel auf einem der Schiffe verdarb. Es war just Brot und Mehl, und schmerzlich ward bald deren Mangel empfunden. Der Flottenmeister erkannte in der Bedrängnis, daß nicht Perlen noch Gold den Wert dieser beiden unschätzbaren Gaben aufwögen, und mit einem Male wurde ihm der Sinn der dunklen Worte klar, die der morgenländische Fremdling gesprochen.

Er steuerte nach der Küste, nahm eine Ladung schönsten Weizens ein und wendete frohgestimmt den Kiel der Heimat zu. Der Kaufherrin verkündete er, was ihm begegnet; nunmehr wisse er, dies das köstlichste aller Güter.

Da lachte die stolze Frau spöttisch auf und frug den Seemann höhnisch, von welcher Seite er die Ladung aufgenommen habe. Und als er entgegnete: Von der rechten Seite! da befahl sie in übermütigem Spott, die ganze Ladung sofort an der linken Seite über Bord ins Meer zu werfen.

* * *

Ein bewegtes Schauspiel sieht der Hafen Stavorens. Zu Füßen der reichen Kaufherrin liegen ungezählte Armen und flehen sie an um Erhaltung der Weizenladung, welche die Seeleute auf ihr Geheiß ins Meer versenken. Sie läßt sich nicht erweichen, und unter den Verwünschungen des empörten Volkes schließt sich über der geschändeten Gottesgabe die wogende Flut.

Zur Saat des Verderbens sind jene Weizenkörner geworden. Gleich Seepilzen schoß ein Wald von ährenlosen Halmen aus dem Meeresgrunde empor, und eine ungeheure Düne von Schlamm, Tang und Getier schwemmte an vor Stavorens Hafen und verwehrte den Schiffen den Zutritt. Da verarmte die Stadt; Richberta ward von den verzweifelten Bewohnern hinausgestoßen und ist im Elend verkommen, nachdem ihr früherer Reichtum schon längst, wie mit Gottes Fluch behaftet, zerronnen. Das Meer aber, das sonst in der Bucht seine Wasser beruhigte, wälzte sich ungestümer denn jemals wider den Damm, und in einer stürmischen Nacht hat es die Wehr durchbrochen, die Stadt überflutet und sie weggeschwemmt vom Erdboden. Noch heute erzählen sich die Schiffer am Zuydersee von der Wunderstadt, die einst daselbst gestanden, und wenn die Flut klar, vermeinen sie die Zinnen Stavorens auf dem Grunde zu sehen.

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