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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 18
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Eifel

Der Pfeil zu Prüm

Das alte Städtchen Prüm in der Eifel, wo vor tausend Jahren Lothar, des frommen Ludwig ungeratener Sohn, seine Sünden bereute, hat in der Pfarrkirche zwei uralte Gemälde. Auf dem einen schießt ein Ritter, auf einem Felsblock stehend, einen Pfeil ab, indes sein Gemahl und Gefolge andachtsvoll gegen Himmel schauen; auf dem andern erblickt man einen Priester am Altar, dem von Engeln ein Pfeil zugetragen wird. Wer ist der Ritter? Wer der Gottesmann? Der Ritter ist Nithard, der edle Herr von Guise, der gegen Ende des neunten Jahrhunderts im nördlichen Frankreich lebte. Seinem tugendhaften Weib Erkanfrida waren keine Kinder beschert, und der Ritter faßte den Entschluß, seine Güter zu frommen Zwecken zu verwenden. Einem Kloster wollte er sie schenken, auf daß man alldort nach seinem Heimgang seiner und seiner Gemahlin am Altare gedenke. Schwer ward's ihm, unter den vielen Klöstern das würdigste zu wählen. Auf eines frommen Priesters Rat beschloß er, die Entscheidung dem Herrn zu überlassen; er befestigte eine Stiftungsurkunde an einen Pfeil, bestimmte seine Besitzungen dem Kloster, wohin der Pfeil falle, und ging dann, begleitet von seinem Weib und einem großen Gefolge, zu einem Fels in der Nähe der Burg. Nach einem inbrünstigen Gebet schoß er den Pfeil ab und dieser, so vertraut uns die fromme Sage, flog, von Engelhand getragen, mehrere Tagereisen weit gen Prüm hin.

Dort stand eben Ansbald, des Klosters heiliger Abt, am Altare, als der Pfeil zu seinen Füßen niederschwirrte. Er las mit Staunen und Dank die Urkunde und verkündete sie dann frohbewegt der versammelten Gemeinde. Ritter Nithard überwies dem Kloster die Schenkung, und in der Folgezeit strömten viele nach Prüm, den Pfeil zu schauen, den Engelshände dorthingetragen. Die Stürme späterer Jahrhunderte sind über das Kloster hinweggegangen, aber die Bilder in der ehemaligen Abteikirche sorgen dafür, daß die Sage nicht vergessen werde.

Das Weinfelder Maar

Ihr alle, die ihr die Eifel durchwandert habt, kennt die drei düsterschönen Maare, die südlich vom Städtchen Daun in der Eifel liegen. Das mittlere davon ist das Weinfelder Maar. Totenstille liegt über dem Wasser, Totenstille in dem uralten Kirchlein am Ufer des Seees und auf dem Kirchhof, der es umgiebt. Einst herrschte ritterliches Leben, wo heute die trauernden Wasser gehen. Ein reicher Graf hatte dort sein Schloß. Sein ehelich Gemahl war eine schöne, stolze Frau, aber ihr Herz war kalt und voll Verachtung gegen die Niedrigen. Sie ließ die Diener peitschen und schmähte die Armen, die dem Schloßherrn sich nahten, also daß jeder, der sich dorthin verirrte, mit hungrigem Magen und grollendem Herzen von dannen ging. Der Graf betete sein schönes, stolzes Weib an und wagte nicht, sie zu erzürnen. Sie aber blieb jahraus jahrein die gestrenge, schnöde Herrin.

Eines Tages – Winter war es und Christnacht stand vor der Thür – stand sie am Fenster und schaute den Flocken zu, die draußen tanzten. Da gewahrte sie, wie unten ein Bettler vor dem Thore stand und des Vogtes Weib dem krüppelhaften Alten einen Laib Brot verstohlen reichte. Da eilte die Schloßfrau hinab, entriß dem alten Mann das Brot, trat es wütend mit Füßen und schalt mit heftigen Worten das zitternde Weib, daß sie arbeitsscheues Gesindel gegen ihren Willen ans Schloß heranziehe. Da hob der graue Bettler die Hand empor, sah die Zürnende stumm, mit großen Augen an und ging davon.

Derweil war der Graf hinausgeritten zur Jagd. Unterwegs gewahrte er, daß ihm seine Handschuhe fehlten. Er sandte den Diener, der ihn begleitete, zurück, sie zu holen. Nicht lange währt's, da kommt dieser schreckensbleich wieder und berichtet, das Schloß sei verschwunden; dort aber, wo es gestanden, breitete sich ein dunkler See aus.

Ungläubig hört ihn der Graf an.

»Es ist ebenso wenig denkbar, wie wenn der Falchert, den ich reite, hier aus dem Boden eine Quelle scharrte!« spricht er kopfschüttelnd. In demselben Augenblick scharrt des Rosses erzbeschlagener Huf auf dem Sande und ein Born sprudelt hervor (noch heute der Falchertsborn geheißen). Da ist der Graf in rasendem Galopp zurückgeritten und an einem schauerlichen See hält der keuchende Renner. Bleich und stumm starrt er hin auf das dunkle Gewässer. Da sieht er eine Wiege dem Ufer zuschaukeln. Zitternd drückt er sein Kind, das wunderbar gerettete, an die Brust und flieht hinweg. Hat nimmer das Maar geschaut seit jener Stunde.

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