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Rheinisches Sagenbuch

Wilhelm Ruland: Rheinisches Sagenbuch - Kapitel 11
Quellenangabe
typelegend
authorWilhelm Ruland
titleRheinisches Sagenbuch
publisherVerlag von Friedr. Heyn, Hofbuchhändler
printrun2. Auflage
yearo.J.
firstpub1896
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140914
projectidb75acf2c
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Bonn

Die Hose des Herrn Erich

Soll einst auf dem Klochterhofe zu Friesdorf bei Bonn ein vieledler Junker gelebt haben, der war bekannt im ganzen Bonner Gau als ein großer Trinker vor dem Herrn. Einst hatte Junker Erich mit vielem Eifer dem edlen Waidwerk obgelegen im Forst, der den Fuß des benachbarten Godesberges umzog. Der Tag war heiß, das Jagen wenig erfolgreich, um so mehr mühsam wegen des mächtigen Durstes, der den Jäger plagte. Das Abendrot spiegelte sich im Rhein, als Herr Erich mißmutig die Büchse umschnallte und mit der Beute, einem feisten Häslein, heimtrottete.

Ein Wirtshaus stand dazumal am Saum des Godesberger Forstes (heute stehen viele da), dort hielt der Junker vom Klochterhofe Einkehr, gab der Wirtin den Hasen und labte die durstige Kehle mit perlendem Landwein. Besser denn heute muß damals der Rebensaft gewesen sein, den die Sonne reifen ließ auf der Friesdorfer und Godesberger Höhe. Das saftige Wildpret, von der Wirtin kundiger Hand zugerichtet, behagte dem Junker sehr, und mehr noch das edle Naß von des Schenkwirts rühriger Hand kredenzt. Manchen Schoppen goß der durstige Junker vom Klochterhofe die Kehle hinunter, manchen Kreidestrich zeichnete der Wirt an den Thürpfosten.

Herrn Erich mahnte die Nacht zum Aufbruch. Angenehm war das Sitzen gewesen, schwer wurde das Aufstehen, mühsam das Gehen; ein ernstes Gesicht machte der Wirt, so als grober Kumpan verschrien war: »Zwölf Humpen! Denkt auch an's Zahlen, Herr Zecher!«

Da lallte des Junkers schwere Zunge ein ewig-altes Lied, das schon der große Pumpus von Perusia gesungen haben soll.

»Bezahlen geht heute nicht, maßen ich nicht mit Hellern die Büchse lade.«

Den groben Wirt verdroß des Zechers lustige Antwort. Er machte ein grimmiges Gesicht.

»Habt Ihr keinen Heller mehr, so bleibt mir Euer Beinkleid zum Pfande. Kommt morgen wieder, Herr Zecher, und löst Euch Hose und Schande wieder ein« ...

Zum Klochterhofe bei Friesdorf wallte unsicheren Schrittes ein beladener Zecher. Ihm war teils schwül, teils kühl. Er schritt als wie im Nebel und die Tannen des Forstes raunten sich eine seltsame Mär zu; einige wisperten sehr belustigt, andere ergraute Fichten schüttelten bedenklich die Wipfel; desgleichen etliche jungfräuliche Birken, die errötend der Nacht dankten, daß sie den Blumen im Waldgrund die Äuglein geschlossen ...

Ob der Junker vom Klochterhofe eingelöst hat, was er verpfändete? Die Sage schweigt darüber. Kundige Thebaner wollen es verneinen.

Am Saum des Godesberger Forstes stand lange Zeit ein Wirtshaus, zum Junkerhofe benamset; frommer Väter lose Enkel tauften's zur Junkerhose und erzählten sich beim perlenden Landwein, den die Sonne reift auf den Friesdorfer und Godesberger Höhen, die Geschichte von den Hosen des Herrn Erich.

Die Cassiushunde

Hoch ragt empor über das Häusermeer das alte Bonner Münster. In grauer Zeit, als noch das Volk der Ubier in jener Gegend seine Wohnsitze hatte, stand hier ein Heidentempel. Berühmt war er in den Gauen des Rheines und zahlreiche Opfer brachten die Ubier an dem gewaltigen Opferstein, der nach langen Jahren an jener Tempelstätte ausgegraben ward und noch heute als ara Ubiorum zu Bonn aufbewahrt wird. Mancher Kriegsgefangene und Sklave mag an jenem Altar verblutet haben. Als dann Konstantins Mutter, die heilige Helena, nach Bonn kam, da sank der Götzentempel in Trümmer. Zertrümmern ließ die fromme Rächerin das Heiligtum der Heiden, fällen die Eichen des umliegenden Haines und ein neuer Tempel, dem heiligen Cassius geweiht, erhob sich auf dem Platze. Später wurde jene Kirche vergrößert, ein mächtiger Hauptturm mit schlanken Seitentürmen krönte ihre Halle, gewaltige Glocken hingen in den Stühlen und haben Jahrhunderte lang geläutet in guten und schlimmen Tagen. Krieg und Frieden, Freud und Leid sahen sie unten vorüberschreiten. Als zweimal ein deutscher Kaiser, Friedrich, den sie den Schönen hießen, und Karl, der Vater Böhmens, ins Münster einzog zur feierlichen Krönung, da haben die Münsterglocken eingestimmt in den Volksjubel, und wenn die Kölner Kurfürsten, die sich Bonn zum Aufenthalt erwählt, da unten das Hochamt sangen, da haben die Münsterglocken eingestimmt in das Tedeum, und als der Franzos in Bonn lag und die Brandenburger vor den Thoren, da haben die Münsterglocken gewimmert; denn der Turm stand in hellen Flammen.

So oft ein Gewitter heraufzog über die Bonner Gegend, haben die Münsterglocken mit ehernem Mund gewarnt die Leute drunten, und mächtig hat sich jedesmal des Donners Gebrüll mit ihrem metallenen Mahnruf vereinigt. Gar schauerlich aber ist's am Münster, wenn just um die zwölfte Stundenwende ein nächtliches Wetter heraufzieht. Dann erheben sich beim ersten Donnerschlage – so geht die Sage – von jener Stätte, wo einst ihr Tempel gestanden, die Götzendiener, die jahrhundertelang das Ubiervolk mit finsterem Wahn bethörten, und mit den Göttern im Bunde, die sie heraufbeschwören, rasen sie heulend um den grauen Bau, wo Cassius der Römerheld ruht, dessen Martertum Tausende bekehrte. Sie schwefeln die Gewitterluft in verderblicher Wut und ballen die Wolken zusammen und richten ihre Blitze nach dem Münster hin, auf daß ihr Feuer es verzehre.

Aber der Heilige wacht über das Münster. Laut tönt der Glocken Mahnruf durch die Wetternacht und in ihr Geläut mischen sich der Heidengeister gräßliche Verwünschungen: »Weh uns, die Heiligen halten Wacht, die Cassiushunde künden's. Weh uns, die Cassiushunde bellen!« Mit gellendem Wehruf stürzen sie davon. Hinter ihnen rollt der Donner, die Glocken läuten und unversehrt ragt des Münsters Riesenturm in die Wetternacht, ob die züngelnden Feuerflammen ihn noch so gefahrdrohend umlodern.

Die neue Zeit, die leider mit so vielem aufhebt, hat auch die Cassiushunde zum Schweigen gebracht. Nicht mehr mahnt der Wetterglocke eherner Mund in dräuender Gewitternacht; hoffen wir, daß trotzdem der Heilige droben die Stadt nicht vergesse, vor deren Mauern er einstmals aus der thebaischen Legion hinüberschritt in eine andere Legio fulminatrix, die noch heute besteht und immer.

Die Römergeister

Die alte Römerstadt Bonn hat vor ihren Thoren einen berühmten Wallfahrtsberg, den sie den Kreuzberg heißen. Schon seit uralten Zeiten ziehen fromme Waller nach jener Stätte, verehren die reliquienreiche heilige Stiege in der alten Klosterkirche droben und beten in der Marterkapelle, wo zu Anfang des vierten Jahrhunderts die großen Heiligen der thebaischen Legion, Cassius und seine Gefährten Florentius und Melusius, für den Kreuzesglauben den Todesstreich empfingen. St. Cassius und seine Genossen sind große Beschützer des Bonner Gaues und haben schon manchem frommen Gebet Erhörung verliehen, seit der Zeit, wo des großen Konstantin heilige Mutter Helena auf dem Kreuzberge und auf dem Platz, wo heute das Münster steht, ihnen ein Kirchlein bauen ließ zur Ehre.

Vor langer Zeit pilgerte so ein frommer Beter aus der Bonner Gegend hinauf zum Kreuzberg, um des heiligen Römerhelden Beistand anzurufen in leiblicher Not. Ein Bäuerlein aus Dransdorf ist's gewesen, einstmals Trajansdorf geheißen, weil zur Römerzeit daselbst der Feldherr und spätere Kaiser Trajan eine Villa bewohnt haben soll. Selbiges Bäuerlein war durch die magere Ernte in arge Bedrängnis geraten und war des festen Glaubens, durch des heiligen Märtyrers Fürbitte so viel Geld zu erlangen, daß es fähig sei, den schuldigen Pachtzins zu zahlen.

Hat auf dem Kreuzberg bei den Franziskanern reumütig gebeichtet, auch die heilige Stiege abgekniet, das getreue Abbild jener berühmten vorm Hause des Landpflegers, hat auch in der Marterkapelle dem heiligen Cassius ein Lichtlein angesteckt, das ihm seine Hausfrau mitgegeben zur Wallfahrt und ist dann vertrauend heimgekehrt. Wie das Bäuerlein den Münsterplatz passierte, auf dem dazumal schon der graue Münsterbau gestanden, da ist er nochmals eingetreten und hat unserm lieben Herrgott noch einen Sechser in den Opferkasten geworfen.

Ist aber dann, weil es bereits dämmerte in dem hohen alten Münster, und eine Kreuzberg-Wallfahrt war nichts leichtes, in einer der hohen Bänke eingeschlafen, bis ihn einer sachte am Ärmel gezupft hat: der Sakristan mit dem mächtigen Schlüsselbunde. Der Bauer hat den Glöckner etwas blöde angeschaut, hat auch sehr verschlafen in die dunkle Kirche gestarrt, hat sich dann aber aufgerafft, ein großes Kreuz geschlagen und ist hinausgetrottet.

Draußen in den Linden auf dem Münsterplatz saß der Nachtwind und rannte dem Bauern lose Worte neckisch ins Ohr. Der ist schier mißmutig über den Münsterplatz geschritten dem Sternthor zu, so hinaus nach Dransdorf führt. In dem einzigen Gäßlein, das vom Münsterplatz ausgeht und ins Sternthor mündet, ist seit alters ein alter Römerturm gestanden, ein Teil der mächtigen Stadtmauer, die vor achtzehnhundert Jahren die Soldaten des Drusus errichteten. Jener Turm deuchte dem Bauersmann ein leidliches Nachtquartier, das ihn keinen Heller koste. Der langen Wallfahrt müde, legte er sich in dem Gemäuer nieder, und schlief bald so selig wie vorhin in der Kirchenbank des Münsters. Ein schlüsselrasselnder Sakristan war hier nicht zu befürchten; dem Bäuerlein war's aber dennoch, als ob ihm jemand auf die Schulter klopfe. Schläfrig fuhr es empor und sah vor sich einen stattlichen Helden, der trug einen römischen Soldatenhelm und ein Kriegerhemd. Neben ihm standen zwei Gefährten in gleicher Tracht. Freundlich winkten sie dem Manne, der aber vermeinte, das Angesicht der dreie sei ganz wie das des heiligen Cassius und seiner Genossen auf dem Altarbild in der Marterkapelle. Hat aber nichts verlauten lassen und ist den dreien ehrfurchtsvoll gefolgt. Zum Sternthor sind sie geschritten, schnurstracks in den mächtigen Thorbau hinein, dessen Wände so dick, wie daheim seine Stube lang. In einem hochgewölbten Gemach ist ein Tisch gestanden, darauf funkelte es wie eitel Gold.

Das Bäuerlein hat seine Augen faustgroß aufgerissen und schon hat ihm der eine von den dreien die linke, der andere die rechte Tasche mit Goldstücken angefüllt, dieweil der in der Mitte einen Pokal von dem Tische hob und ihn dem Manne freundlich reichte. Mit edlem Wein ist er gefüllt gewesen, und einen herzhaften rheinischen Schluck hat der Dransdorfer gethan. Obwohl er die Sprache der gütigen Herren nicht verstand, deuchte es ihm doch, daß sie lateinisch sprächen, just so, wie der Pfarrer daheim, wenn er die Messe las. Und beherzt hob er den Pokal und leerte ihn mit einem lauten »Vivat!« Und in dem Sternthorgewölbe hallte es wieder »Vivat.« Die drei lächelten freundlich und antworteten: »Vivat, vivat!«

Dann war's dem Bäuerlein, als ob das Gewölbe sich mehr und mehr mit Römerhelden füllte, die ihm freudig Vivat zuriefen, wie wenn sie sich freuten, auf nordischer Erde einen Laut ihrer Muttersprache zu hören. Auch er that das Seine und begrüßte sie laut mit fröhlichem Vivat. Auf einmal rüttelte es ihn; er erwachte und fand sich liegend im Römerturm am Sternthor. Leid war es ihm, daß das Erlebte nur Traum gewesen, wie es ihm schien. Als er aber in die Taschen griff, fand er diese vollgefüllt mit wirklichen Goldmünzen, welche sämtlich ein seltsames Gepräge hatten.

Da hat das Dransdorfer Bäuerlein zu dem heiligen Cassiusgraben ein freudiges Dankgebet geschickt und ein kräftiges Vivat ins Frühlicht gerufen, so kräftig, daß der Wächter mit der Hellebarde und dem Stundenhorn, so am Sternthor gestanden, den Bauern unsanft angestoßen. Ihm aber hat das Bäuerlein sein kurzweiliges Erlebnis im Römerturm gebeichtet und ihm einen guten Morgentrunk angeboten beim Wirt am Sternenthor. Des Bäuerleins Abenteuer ist manchem bekannt geworden, und von selbiger Zeit an haben sie das Gäßchen, so vom Münsterplatz ins Sternthor mündet, Vivatsgasse genannt, und ihm den Namen gelassen bis auf den heutigen Tag. Der Römerturm daselbst ist gestanden bis in die jüngste Zeit hinein, bis er vor etlichen Jahren in einer stürmischen Winternacht unter donnerndem Gekrach zusammenstürzte. Dafür hat man den Weg, der längs der Vivatsgasse zum alten Sternthor läuft, den Cassiusgraben getauft.

Das Hochkreuz bei Bonn

I.

Auf der Landstraße zwischen Bonn und dem benachbarten Godesberg ragt links aus grünem Hain eine hohe Kreuzessäule empor; in der Umgegend bekannt unter dem Namen Hochkreuz. Freundlich grüßt der Stein aus dem schattigen Grün, wenn der Wanderer an lichtem Tage vorbei seine Straße zieht; am Abend dagegen macht das hohe Kreuz, wenn es plötzlich auf einsamer Landstraße vor den Blicken des Vorübergehenden auftaucht, einen ernsten, schier schauerlichen Eindruck, der noch bei dem verstärkt wird, dem die Sage bekannt, die seit alters her – das Hochkreuz sah schon manch Jahrhundert vorüberziehen – den grauen Stein umschwebt.

Die Sage führt uns zurück in jene Zeit, wo statt der jetzigen Ruine auf dem nahen Godesberg noch ein stolzes Ritterschloß in den wunderherrlichen Bonngau hinunterschaute. Damals lebte auf der Godesburg ein alter Degen, weit gerühmt in den rheinischen Landen. Ihm war die Hausfrau gestorben, doch ihr Bild lebte in zwei stattlichen Söhnen auf's neue. Der ältere war mit Leib und Seele das Abbild seiner Mutter; mit sanften Sitten verband er das Gemüt eines Kindes, und natürlich war es, daß des Vaters Augen wohlgefälliger auf ihm ruhten, denn auf dem jüngern, der trotz seiner Jugend schon manches tolle Wagnis, auch schon manches unritterliche Abenteuer unternommen.

Doch der Greis ward ihm darob nicht gram. Er hoffte, je ungestümer jener den Becher der Jugend leere, um so schneller werde er auf die herbe Hefe kommen, die jedem maßlosen Genuß anhaftet. Dann werde sein Herz und Hirn ernstern Dingen nicht abhold, und vielleicht werde noch dem Wunsche seines toten Ehegemahls Gewähr, das immer gehofft, ihren Liebling, den zweitgeborenen, werde dereinst der Kölner Bischofsring des heiligen Maternus schmücken, dieweil Erich, der ältere, Herr sei auf dem Godesberge.

Oft spann der Greis an jenem frommen Wunsche und richtete manch frommes Gebet zu seiner Erhörung nach oben, wohl wissend, daß droben sein heimgegangenes Weib sich mit seinen Bitten vereinige. Oft auch redete er dem Jüngling zu und seufzte innerlich, wenn jener versuchte, der ihm unbequemen Zwiesprache zu entgehen.

Da kam der Tod auf die Godesburg und meldete sich trauernd zu Gast. Er nahm den greisen Burgherrn und führte ihn zu seinem Weibe. Noch hatte der Ritter Zeit, in letzter Stunde zu wiederholen, was jahrelang als heißer Wunsch in seiner Brust geruht. Er segnete die Söhne, erflehte ihnen Gottes reichen Segen, jenem auf der Burg der Väter, diesem vor dem Altare des Herrn. Dann starb er, und viel ward geweint von den Armen und Bedrängten.

II.

Im hohen Ahnensaal der Godesburg saßen die beiden Brüder beim gewohnten Mahle. Es war ein finsteres Tafeln, schweigend saßen sie gegenüber, der nunmehrige Schloßherr und sein jüngerer Bruder. Spärlich flossen die Worte, heftig sprudelten sie dann von den Lippen des jüngern. Vergebens wehrte der ältere der grollgetränkten Rede des Bruders.

»Ich nahm nur. was mir uraltes Väterrecht beschert hat«, spricht er sanft auf die Anklage des andern. »Nicht Herr bin ich, sondern nur Hüter, und sie, deren Bilder auf uns herabschauen, würden mir fluchen aus der andern Welt, wenn ich mein Erbe nicht treulich hütete. Dir aber ward ein höheres Erbe vor dem Altare des Herrn, und selbst Rang ist dir verbrieft, wenn Du, Sproß eines würdigen Geschlechtes, ein würdiger Diener des Herrn.«

Und grollend fällt ihm der Bruder in die Rede:

»Nie beug ich mich starrem Zwange, der dem ältern die Rüstung, dem jüngern die Kutte auflegt. Und böten sie mir Bischofsring und Kardinalshut, ich trage nicht ein Priesterkleid, sondern das eiserne Kleid, das ich bisheran trug.«

Trauernd hört ihn der andere an.

»Möge Gott, den Du lästerst, Dein dunkles Herz erhellen! Gerne teilte ich mit Dir, was er mir beschied. Doch nur verwehrt es der Väter strenges Gebot. Drum beuge Dich und denke, was dem droht, der den Brauch seiner Ahnen verachtet.«

Stille herrschte in dem ernsten Rittersaal.

III.

Jagdfanfaren durchschmetterten den waldigen Forst. Vom Fuß des Godesbergs bis zu den Thoren von Bonn erstreckte er sich dazumal und barg edlen Wildes in Fülle. Wie sie es häufig mit ihrem Vater gethan, so lagen auch heute die beiden Brüder gemeinsam dem Waidwerk ob. Gerne war Graf Erich des Bruders Einladung gefolgt. Herzlich freute ihn der trüben Verstimmung Umschwung seit etlichen Tagen. Es schien, als habe sein Bruder Einkehr in sein Inneres gehalten und sei nun doch zu dem Entschlusse gekommen, der Eltern frommen Wunsch zu verwirklichen. Er deutete gar an, daß er gedenke, den Erzbischof in der heiligen Stadt Köln aufzusuchen und ihm den Brief zu übergeben, den als wichtiges Schriftstück der Vater für seinen jüngsten Sohn hinterlassen.

Des freute sich Graf Erich gar sehr. Wohlgemut durchstreifte er das dichte Geheg und sehr war ihm das Jagdglück hold; mehrere riesige Eber hatte er gespießt und ein starker Hirsch teilte der andern Los. Mager dagegen war des Bruders Erfolg. Seine Hand war unsicher, sein Gebahren verriet Unruhe; seltsames Feuer loderte in seinen Augen. Einem mächtigen Keiler war er auf der Fährte, und bereitwillig folgte seinem Wunsch der Bruder, auf daß sie gemeinsam das Tier verfolgten. Durch Busch und Dorn setzten die Jäger, begleitet von der kläffenden Meute. Da raschelte das Laub und schnob es durch das Geäst; der Eber brach sich Bahn. Sausend schwirrt der Jagdspieß aus der Hand des jungem und bleibt tief in einer eichborkigen Rinde haften.

»Mehr geeignet ist Deine Hand, fromme Christen zu segnen,« scherzt lächelnd der ältere.

»Und unbequemer Brüder mich zu entledigen!« knirscht jener und blitzschnell riß er den Degen von seiner Seite. Zischend fuhr der Stahl in des Bruders Brust. Ein Schrei gellt durch den Wald, in dessen Dunkel der Brudermörder verschwindet. Entsetzt stürzen die beiden Knappen herzu. Ein Wehruf aus beider Munde ertönt. In seinem Blut liegt der Graf, auf seinen Augen die Schleier des Todes.

Zu dem Sterbenden beugen sich die Knappen nieder.

»Mein Bruder!« Zu seinem letzten Seufzer erstarben diese seine letzten Worte. Erschüttert wiederholen es die Knappen und bebend geht durch die rheinischen Lande die Kunde von dem unglücklichen Godesberger, dem jugendlichen Ritter, der von Bruderhand gefallen. Großes Leid herrschte auf der Godesburg, allwo sie den jungen Schloßherrn betteten in die frische Gruft seines Vaters. Die Burg ward vereinsamt; der nächste Verwandte des edlen Geschlechtes, der im glücklichen Rheingau hauste nahe der Pfalz, vermied es, die fluchbeladene Veste zu bewohnen und so blieb nur der alte Thorwart in den Mauern.

Aber auch ihn trieb's hinaus; denn eines Nachts hat der Blitz den Turm gezündet und ehe man von drunten her Hülfe brachte, hatte der züngelnde Strahl alles vernichtet bis auf das verrauchte Gemäuer. So ward die stolze Godesberg zur trauernden Ruine.

IV.

Jahre schwanden seitdem. Aus dem Forst zu Godesberg war ein Mann gerast, rat- und pfadlos, bleich und verstört. Der trug noch gestern frevelndes Verlangen nach seines Bruders Erbe in seinem Hirn und trug heute das Kainsmal von seines Bruders Mord an seiner Stirn. Bleich und verstört ist er aus dem Forst gerast. Der Höllenplan, den er mit kaltem Verstand geschmiedet, um sich des Bruders zu entledigen, mit einem das Wild verfehlenden Lanzenstich in Minutendauer für immer zu entledigen, er ward zu nichte, als das Opfer mit einem Schmerzensschrei niedersank, und den Mörder, dem die Hand gezittert, der Dämon grinsend von hinnen trieb.

Jahre schwanden seitdem.

Da klopfte eines Tages an dem Kloster Heisterbach, das Bernhards fromme Mönche sich im Thal des Siebengebirges erbaut, ein fremder Wanderer. Halb Pilger schien er, halb Bettler. Das Gewand verschlissen, das Antlitz fahl und abgehärmt, der Leib gebrochen, vielleicht auch die Seele.

Flehend bat er den Bruder Pförtner, sich eines armen Sünders zu erbarmen. Von den heiligen Stätten komme er; nicht weiter trügen ihn seine Füße.

Dem Prior berichtet der Bruder von dem fremden Pilgrim, und führt ihm jenen zu. Der blickt ihn schweigend an, der ihm zu Füßen fällt. Dann zuckt es plötzlich auf in des greisen Priors Antlitz.

»Bei Gott! Ihr seid's, Herr Ritter!«

Weiter kommt er nicht. Seine Kniee hält der andere stöhnend umklammert und fleht ihn an um Erbarmen.

»Ich bin's, der vor zwanzig Jahren drüben im Forst den eigenen Bruder erschlug«, wimmert der Unglückliche, »Schon büße ich zwanzig Jahre meine fluchbedeckte Schuld und schrie als Pilger an seinem Grabe, als Sklave in den Ketten der Ungläubigen zu Gott um Erbarmen. Seit drei Monden fielen die Ringe von meinen Händen, und heimwärts bin ich gewallt in Mühsal und Not. Hierhin trieb's mich und Euch, Gottes Diener, der mich gekannt als Knabe und Jüngling, fleh ich an um ein Plätzchen hinter diesen Mauern, wo ich hinübersehen kann auf die Trümmer der Godesburg und büßen und beten kann, bis der Tod meine arme Seele von hinnen trägt.«

Da legte der Prior dem Armen milde die Hände aufs Haupt.

* * *

Er hat gesühnt und gebetet in des Klosters einsamer Zelle. Den sündigen Leib hat er gegeißelt viele Jahre, und mit heißen Thränen beweint die fluchwürdige Meinthat. Dann ist auch zu ihm der Tod gekommen, und unter Bußgesängen haben ihn die Mönche von Heisterbach begraben.

Dort aber, wo der Brudermord geschehen, ließ der Kölner Erzbischof eine Kreuzespyramide errichten, und so steht, schon rauschen Jahrhunderte drüber hinweg, an jener Stätte trauernd das Hochkreuz.

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