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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 9
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
publisherVerlag von Hoursch & Bechstedt
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Bingen

Der Mäuseturm

Unterhalb Bingen liegt mitten im Strom auf einem winzigen Eiland eine turmartige Feste, der Mäuseturm. Seit Jahrhunderten ist mit ihm eines Mainzer Erzbischofs Name in düsterer Weise verknüpft, jenes finstern Hatto, den die Sage eines furchtbaren Frevels angeklagt und dadurch verfemt hat am ganzen Rheinstrom und weit in die Lande.

Ein ehrgeiziger, herz- und treuloser Mann soll er gewesen sein, ein grausamer Herr seiner Untertanen. Hohe Steuern erpreßte er ihnen, Zölle legte er ihnen auf und ersann zahllose Lasten, seiner Herrschsucht und Prunkliebe zu frönen. Zwischen Bingen und Rüdesheim ließ er im Rhein den festen Turm erbauen und nötigte alle Schiffe, die talwärts fuhren, zur Entrichtung eines drückenden Zolles. Bald darauf suchte ein Mißwachs das Mainzer Land heim. Dürre und Hagel vernichteten die Saaten, und die Teuerung ward um so fühlbarer, da Erzbischof Hatto große Getreidevorräte angekauft und in seine Speicher verschlossen hatte. Die Hungersnot wurde erschrecklich; vergebens flehten die Unglücklichen den grausamen Herrn an, den Kornpreis seiner aufgespeicherten Frucht herabzusetzen. Wohl drangen seine Räte in ihn, daß er sich des Elends erbarme; doch Hatto blieb ungerührt, und als der steigende Jammer und die Hartherzigkeit des Gebieters Erbitterung erregten und murrende Stimmen sich erhoben unter dem heimgesuchten Volke, da setzte Hatto seiner Grausamkeit die Krone auf.

Eines Tages drang eine Volksmenge in den erzbischöflichen Palast und flehte den Erzbischof, der just an schwelgerischer Tafel saß, um Nahrung an. Er aber hatte gerade zu seinen Tischgenossen geäußert, es wäre besser, das faule Bettelpack käme durch irgendeine rasche Art von dieser Welt; so sei es aller Not und er der lästigen Quälgeister enthoben. Wie nun die zerlumpten Haufen, Männer, Weiber und Kinder mit hohlwangigen, bleichen Gesichtern sich vor ihm niederstürzten und um Brot schrien, zuckte es plötzlich in seinen Augen auf. Er winkte ihnen mit erheuchelter Huld, versprach ihnen Korn und ließ sie hinausführen in eine Scheune vor die Stadt, wo sie Korn erhalten sollten, so viel ein jeder bedürfe. Voll freudigen Dankes eilten die Unglücklichen hinaus; als aber alle drinnen waren, ließ Hatto das Scheunentor schließen und die Scheune anzünden.

Groß war das Gewinsel der Ärmsten. Bis zum Bischofspalast soll das Geschrei gedrungen sein. Der grausame Hatto aber rief in frevelhaftem Spott seinen Räten zu: »Hört, wie die Kornmäuse pfeifen! Nun hat das Betteln ein für allemal ein Ende. Mich sollen die Mäuslein beißen, wenn's nicht wahr ist.«

Fürchterlich aber traf ihn die Strafe des Himmels. Aus der brennenden Scheune schlüpften Tausende von Mäusen, nahmen ihren Weg schnurstracks zum Palast, erfüllten alle Gemächer und fielen selbst den Erzbischof an. In ungezählten Scharen huschten sie durch seine Räume, und ob seine Diener zahllose der gierigen Nager vertilgten, immer größer ward ihre Zahl, immer drohender ihre Gier. Grauen packte den Erzbischof, und Gottes Strafgericht ahnend, floh er aus der Stadt auf ein Schiff, um sich der wütenden Bisse seiner Verfolger zu erwehren. Aber die untilgbare Schar schwamm in Legionen ihm nach, und als er verzweifelnd den Zollturm bei Bingen erreichte, vermeinend, in der stromumspülten Inselfeste sicher zu sein, da folgte ihm das ungeheure Heer der Mäuse auch hierhin, grub sich mit scharfen Zähnen den Zugang in den Turm und erreichte bald den, welchen es verfolgte, obgleich er sein Bett an Ketten aufrichten ließ.

Er ist ihnen auch unterlegen, der Grausame. Soll zum Schluß in heller Verzweiflung seine Seele dem Bösen verschrieben haben, wenn er seinen Leib erlöse, und im Höllenbrand soll der Satan dazwischen gefahren, den zuckenden Leib befreit, die Seele aber für sich genommen haben am dritten Tage.

Also vermeldet die Sage. Gerechter und milder spricht ihre Schwester, die Geschichte, über Hatto, den geschmähten Erzbischof von Mainz. Sie tadelt nur eines an ihm, seine Herrschsucht. Diese erwarb dem Mainzer Stuhl jene weltliche Macht, durch die er später der erste Bischofssitz des Reiches wurde. Den Mainzer Bürgern mochte dies nicht unangenehm sein, aber tief verhaßt war vielen der harte, herrische Geist dessen, der sie begründete, und weil er überdies der Erbauer jenes Zwingers im Strombett war, von dem aus er alle vorüberfahrenden Schiffe des Zolles wegen untersuchen ließ –, durchmausen, mûsen, sagten unsere Altvordern und sagt die rheinische Mundart noch heute –, so mag dieser Mäuseturm, vereint mit dem Groll eines unterdrückten Volkes, jene gräßliche Sage hervorgerufen haben, die aus Chronistenpflicht verzeichnet sei.

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