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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 8
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
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Rüdesheim

Die Brömserburg

Im hohen Dom zu Speyer standen mit lauschendem Ohr tausende Mannen im ritterlichen Wappenmantel. Neben dem Hochaltar saß in dem reichgeschnitzten Königsstuhl Konrad der Staufe, faltete die Hände auf dem Schwertknauf und lauschte ingleichen den Flammenworten Bernhards von Clairvaux über die grauenvolle Verwüstung der heiligen Statten des gelobten Landes. Als der heilige Mönch geendet mit erschütterndem Aufruf an den christlichen Bekennermut, da erfüllte wie eine brandende Woge ein einstimmiger Ruf die Wölbung des Domes: »Auf, nach Jerusalem!« Und ungezählte rheinische Ritter entboten dem frommen Kaiser zum Kreuzzug wider die Heiden hilfreiche Wehr. Unter ihnen war Hanns Brömser, der letzte seines Stammes, Herr der Niederburg bei Rüdesheim. Ihn hielt nichts zurück; die Burgfrau ruhte unter dem Stein, und seines Ehebundes einzige Blüte Mechtildis würde den Vater daheim in der Obhut der benachbarten Falkensteiner füglich entbehren, wie er die knospende Maid draußen im syrischen Sand.

So zogen die frommen Streiter auf mühseligen Pfaden in jenes entweihte Land, wo unser Herr und Heiland lebte und litt. Manches Edlen Augen sind allda im Kampf gegen die Sarazenen erloschen; manchen traf noch ein härteres Los, der lebendige Tod in der schmachvollen Gefangenschaft der Ungläubigen. Auch Ritter Brömser geriet nach einer verlorenen Schlacht in die Hände der Türken und litt in einem elenden Verlies unrühmliche Haft. Gleich einem Arbeitstier ließ der Pascha den ritterlichen Gefangenen einen Mühlstein treiben. Tag um Tag verging, und in steigender Qual duldete der Ritter den harten Hohn seiner Feinde. Dann tat er in einer Stunde tiefster Kümmernis voll heißer Glaubensinbrunst dem Herrn das feierliche Gelübde: »Gib mir die Freiheit wieder, und ich gelobe dir mein einziges Kind Mechtild, daß es die Klosterregel wähle.« Und er wiederholte den heiligen Schwur ein andermal und zum drittenmal.

Da geschah, was keiner der Waffengefährten jemals gehofft hatte: die Kreuzritter stürmten das Türkenschloß in der Sandwüste Syriens und befreiten ihre Glaubensgenossen aus drangvoller Kerkerschmach. Voll Dank gegen Gott lieh Hanns Brömser aufs neue der heiligen Sache seinen erprobten ritterlichen Arm.

In der Heimat hatte derweil auf gastlicher Felsenburg eine Jungfrau in benommener Erwartung der Rückkehr des Vaters geharrt. Oft war sie in stillen Stunden, Blütenduft und Sonnenschein um sich und in sich, droben auf dem Söller gestanden, hatte verträumt ins blaue Land geschaut und dem Klopfen ihres jungen Herzens gelauscht, in dem die Knospen der ersten Liebe schwellten.

Dann ist über Nacht der Ritter in die rheinischen Lande zurückgekehrt.

Im moosbehangenen Burghof umhalste ihn Mechtildis lang und schweigend. Neben der Siebzehnjährigen stand des Falkensteins Jungherr, der verneigte sich tief vor dem heimkehrenden Herrn und begrüßte ihn leise mit den Worten: »Heil Euch, Vater!« Da trübte die Willlommenfreude des Ritters ein jähes Erinnern.

In dem reichgeschmückten Prunksaal feierte Hanns Brömser, umgeben von seinen Getreuen, die gesegnete Heimkehr. Laute Genugtuung herrschte im Kreis der Kreuzfahrer; männiglich lauschte der Kunde von den Fährnissen, welche die Helden bestanden hatten. Wie er als Gottesstreiter gekämpft und als Gefangener der Heiden gelitten, erzählte dem lauschenden Kreis der Ritter mit lebendigem Mund. Dann sank der Ton seiner Stimme, und mit feierlichen Worten tat Hanns Brömser den Versammelten das Gelübde zu wissen, das er in tiefster Kümmernis im heiligen Land abgelegt hatte.

Da tönte ein leiser Schrei durch das hohe Gemach, und des Ritters Töchterlein, weiß wie das Linnen der Tafel, sank leblos auf den Estrich. Der Falkensteiner Jungherr, Blitze in den Augen und Flammen auf den Wangen, erhob sich, straffte den schlanken Körper und sprach mit fester Stimme: »Mechtildis gehört mir, dem sie sich angelobt hat in feierlicher Stunde für immer!«

Dem Gemurmel der Gäste gebot mit gefurchter Stirn Schweigen der Burgherr. »Dem Himmel ist Mechtilde unabänderlich angelobt, nicht dir, Knabe. So schwur und hält es der letzte Brömser!« In verhaltenem Unmut rief es barsch der Ritter, und beklommen gingen die raunenden Gaste auseinander.

In ihrer Kemenate lag in wildem Jammer Mechtilde. Zuckend warf das Lämpchen am Kruzifix fahlen Schimmer auf die Hingestreckte, die die schleichenden Nachtstunden mit dem Liebesweh ihres jungen Herzens abmaß. Erdrückend wie Kerkermauern deuchten der fassungslosen Maid die teppichbehangenen Wände des dämmernden Gemaches. Auf vielgeschichteter Wendeltreppe eilte sie, die Lichtpfanne in der zitternden Hand, hinauf zum Söller und vertraute ihrer jungen Seele unstillbares Leid der schmerzlindernden Nacht.

An die Mauerscharte gelehnt, starrte sie mit blutleerem Antlitz hinüber nach der Felsenburg, wo der hochgemute Freier weilte, dem sie sich für immer angelobt hatte.

»Liebster mein!« schluchzte es in die Nacht. Droben gingen keine Steine; rauher Herbststurm begleitete den Herzenssturm der Jungfrau und umfauchte mit mächtigem Flügelschlag jählings die Feste.

Ein Schrei ist dann erklungen, kurz und schrill. War es die Windsbraut oder eines Menschen Schrei? Die Nacht verschlang ihn. Vom Söller der Brömserburg ist ein Frauenleib zur schaurigen Tiefe herabgestürzt in die dunklen Fluten des Rheines.

Ein strahlender Herbstmorgen folgte der stürmischen Nacht. Vergebens hat man droben in der Brömserburg nach Mechtilde, des Burgherrn Töchterlein, gesucht. Drunten aber haben sie in der Morgenfrühe ein Mägdlein aus dem Wasser gefischt, deren Augen waren erloschen für immer. Ein Zug von Leidtragenden bewegte sich dann nach der Burg hinauf, und deren Wände hallten wider vom Wehklagen vieler über die frühgeknickte Blume, das letzte Reis am Brömserstamm. Hanns Brömser hat sich auf die Leiche geworfen und sein bärtiges Gesicht in den Falten des schneeigen Gewandes vergraben, lautlos und lang. Keine Träne taute an seinen Wimpern.

Für die Seelenruhe der Tochter, die die Klosterregel nicht erwählen wollte, tat er in tiefster Kümmernis ein neues Gelübde, ein Kirchlein zu bauen auf dem Hügel gegenüber seiner Feste. Hat sich dann eingeschlossen in sein Gemach, und in trübem Hinbrüten die kommenden Tage verbracht, bis frisches Erdreich sich wölbte über der Gruft seines unseligen Kindes.

Monate vergingen seitdem; aber noch war kein Spatenstich getan am Bau der gelobten Sühnekapelle. Verbittert hat Hanns Brömser sich immer mehr abgesondert von der Welt in grübelnder Vereinsamung. Da ist eines Tages einer seiner Knechte vor ihn hingetreten mit einem Bildnis der Mutter Gottes; das hatte ein Stier beim Pflügen auf dem Hügel der Burg gegenüber aus dem Ackerboden gescharrt, und der Knecht hat dreimal »Not Gottes!« rufen hören. Da hat Hanns Brömser seines Gelübdes wieder gedacht und ungesäumt das dem Herrn gelobte Kirchlein bauen lassen für die Seelenruhe Mechtildens. Not Gottes hat er es benannt, und so heißt es bis heute.

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