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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 7
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
publisherVerlag von Hoursch & Bechstedt
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Ingelheim

Eginhard und Emma

I

Es ist eine alte, rührende Geschichte, die ich erzählen will, und was sie vor andern voraus hat, das ist ein Körnchen geschichtlicher Wahrheit.

Zu Ingelheim, einem schmucken Städtchen im rebengesegneten Rheingau, erhob sich voreinst ein stolzer Marmorpalast, die berühmte Karolingische Kaiserpfalz. In jene weltferne, glückatmende Einsamkeit zog sich der große Frankenkaiser Karl gern zurück, nur begleitet von seinen treuesten Vasallen und den Mitgliedern seiner Familie. Unter den Auserlesenen fehlte nie Eginhard, des Kaisers Sekretär. Obgleich noch jung, war er wegen seines umfangreichen Wissens bei Karl hoch angesehen und erfreute sich der besonderen Gunst seines Gebieters. Der stille Gelehrte, dessen ernstes, frauenhaftes Jünglingsantlitz sich allemale aus der Schar der wetterfesten Kriegsmannen abhob, gefiel den Frauen des kaiserlichen Hofes nicht minder.

Karl hatte den Geheimschreiber in seine Familie eingefühlt und vertraute ihm die Unterweisung seiner Lieblingstochter Emma an, dazumal bekannt als die schönste Dame ihrer Zeit. Sie war die Tochter der Ghismonda. Aus ihren Augen, dunkel wie der Fittich der Raben, glühte das heiße Empfinden ihrer italischen Mutter. Bald fühlte der jugendliche Lehrer sein Herz entflammen an jenen Südlandsblicken, und die Schreib- und Lesestunden folgten einander Tag um Tag.

II.

Jedes liebte und sah sich wortlos wiedergeliebt vom andern. Es war ihre erste Liebe.

Er hätte solchen Ausgang ahnen müssen, der große Karl, als er den jungen Gelehrten mit dem frauenhaften Antlitz der jugendlichen Tochter mit den dunklen Glutaugen übergab. Er hätte es ahnen müssen.

In stiller Nachtstunde, wenn Schlaf auf allen Lidern lag, schlich Eginhard in das Gemach der geliebten Emma. Dann lauschte die Tochter Karls des Großen den zarten Erzählungen des zum Dichter gewordenen Gelehrten. Sie irrte beseligt in einem blühenden Rosengarten, dessen Dornen ihre jugendliche Unbedachtsamkeit nicht sah. Eginhard besaß wohl ein zärtliches Herz, doch rein wie Sternenlicht war die Flamme seiner Liebe zu der Tochter seines hohen Herrn; keine ungezügelte niedere Leidenschaft trübte ihren unbefleckten Schimmer.

Aber der Schein war gegen sie.

Während einer Herbstnacht befand sich Eginhard wiederum bei seiner Schülerin. Der große Palast war in Dunkelheit gehüllt. Kein Stern leuchtete am Himmel. Stunden gestillter Sehnsucht verrinnen rasch. Im Augenblick, wo Eginhard das Gemach verlassen wollte, bemerkte er, daß der Schloßhof drunten mit einer frischen Schneedecke überzogen war.

Unmöglich war's, ihn zu überschreiten, ohne Fußspuren zurückzulassen. Dennoch mußte er sein Zimmer drüben gewinnen. Was tun?

Liebe war stets erfinderisch.

Nach kurzem Nachdenken kamen beide zu einem Entschluß, den seither ungezählte Dichter besungen haben. (Wäre ich ein Dichter, auch ich würde ihn besingen.) Das zarte Mädchen nahm den geliebten Mann auf den Rücken und überschritt mit ihm den Hof. In den glitzernden Schnee zeichnete sie die Spuren von zwei zierlichen Füßchen.

Karl der Große wachte noch zu dieser Stunde. Schwere Sorgen über sein Riesenreich bannten den Schlaf aus seinem sinnenden Haupt. Am Fenster lehnte er und schaute in die Nacht. Da gewahrte er einen Schatten, der den Hof überschritt. Er beugte sich vor und erkannte Emma, seine Lieblingstochter, auf dem Rücken –, Karl starrt weitoffenen Auges –, einen Mann tragend, und dieser Mann –, ein leiser Schrei aus Karls Mund –, war Eginhard, sein Günstling. Im Herzen des Kaisers kämpften Schmerz und Zorn. Er wollte hinunterrasen, die Pflichtvergessenen zu töten. Er bezwang sich. Unfaßbar wäre die Schmach: Kaiserstochter und Schreiber. Ertappt vom Herrscher von Millionen auf dem Buhlgang. Ein tiefer Seufzer preßte sich aus seiner mächtigen Brust. Er trat zurück in sein Zimmer, und als das Frühlicht durch die Scheiben blickte, sah es in sein grambewegtes Antlitz.

III.

Am andern Morgen versammelte der große Karl seine Räte. Die alten Getreuen entsetzten sich bei seinem Anblick. Falten furchten seine Stirn, Gram nistete in seinen durchwachten Zügen. Eginhard vor allem betrachtete seinen Gebieter mit gedrückter Scheu. Karl erhob sich und sprach:

»Was verdient eine königliche Prinzessin, die zur Nachtzeit einen Mann aufnimmt in ihre Gemächer?«

Die Räte betrachteten sich sprachlos. Eginhards Angesicht aber wurde totenbleich. Die Getreuen suchten nicht lange, um den Namen jener Fürstentochter zu finden. Verlegen berieten sie eine Zeit; dann nahm einer das Wort:

»Majestät, bei Vergehen der Liebe sei das schwache Weib stets der Milde empfohlen.«

»Und was verdient ein Günstling des Kaisers, der sich des Nachts in die Gemächer einer königlichen Prinzessin hineinschleicht?«

Funkelnden Auges wandte sich der eiserne Karl an seinen Schreiber. Eginhard zitterte leicht, und das frauenhafte Antlitz ward noch bleicher. Verloren! murmelte er. Dann, sich hoch aufrichtend:

»Den Tod, mein Herr und Kaiser!«

Karl der Große betrachtete den Jüngling voll geheimer Bewunderung. Vor dieser furchtlosen Selbstanklage schmolz der Zorn in seiner Seele und machte mildern Regungen Platz. Schweigen folgte der Antwort des Geheimschreibers. Wenige Augenblicke später verabschiedete der Kaiser die Räte. Eginhard machte er ein Zeichen, ihm zu folgen.

Stumm voranschreitend, führte ihn Karl in sein Arbeitszimmer. Die zweite Tür öffnete sich; Emma erschien, von ihrem Vater gerufen. Ihr Antlitz verfärbte sich, als sie den finstern Blick des Kaisers und die kummervollen Züge des Geliebten erschaute. Sie begriff sofort alles, und mit einem Wehruf stürzte sie dem Vater zu Füßen.

»Gnade, mein Vater! Wir liebten uns so sehr!« Und ihre großen Augen weiteten sich flehend.

»Gnade!« murmelte auch Eginhard und beugte das Knie. Der Kaiser blieb stumm. Dann begann er zu sprechen, zuerst hart und schroff. Mählich, unter dem Schluchzen seines Lieblingskindes, milderten sich seine Worte.

»Weil ihr euch liebt –, seltsam betonte er das Wort –,, will ich euch nicht trennen. Ein Priester soll euch vereinen, und das nächste Morgenrot findet euch nicht mehr hier.«

Die Tür schloß sich hinter ihm.

Schmerzversunken, des Inhaltes der Worte nur halb bewußt, kniete das schöne Mädchen. Eine weiche Stimme ließ es zusammenschauern. Sanft zog Eginhard sie an sein Herz.

»Weine nicht, Geliebte,« flüsterte er; »indem dein Vater, mein Gebieter, dich von sich stieß, hat er uns auf immer verbunden.«

Reichlicher strömten ihre Tränen.

»Komm,« fuhr er bewegter fort, »die Liebe, die alles erträgt, wird uns begleiten.«

Am andern Morgen verließen zwei jugendliche Verbannte das Schloß zu Ingelheim und wandten sich in die Richtung nach Mainz.

IV.

Jahre schwanden.

Der große Karl hatte den Krieg in die Sachsenwälder getragen. Er hatte auf sein Haupt die Krone der Römer gesetzt, und die Welt war erfüllt von seinem Ruhm. Dennoch war sein Haar frühzeitig gebleicht und sein Herz gealtert. Ein traurig-schönes Bild wob sich seit Jahren in seine Gedanken und wehrte sich gegen jegliches Abschütteln.

Am Abend, wenn die untergehende Sonne in der Marmorpracht des Königsschlosses sich spiegelte und ihre letzten Strahlen das hohe Gemach des Frankenherrschers vergoldeten, dann sah das Tagesgestirn ihn häufig unbeweglich sitzen in dem reichgeschnitzten Armstuhl, das ergraute Haupt in die Hand gestützt.

Trübe Träume spann der Kaiser.

Er gedachte der Tage, die nicht mehr waren. Er gedachte des jungen Mannes, den sein sanftes Wesen, sein frauenhaftes Antlitz zwiefach aus der Schar der wetterharten Kriegsmannen kenntlich gemacht hatte. Mit welchem Feuer hatte er stets die alten Heldengesänge vorgetragen, mit welcher Innigkeit die schlichten Volkslieder und Sagen, die der Kaiser mit regem Eifer sammelte. Wie er dann vorgelesen aus dem grauen Pergament, das er selber zierlich geschrieben, da war gar oft ein dunkeläugiges Mädchen zugegen gewesen, des großen Karl Lieblingstochter. An des Vaters Knie geschmiegt, lauschte es der sanften Stimme des Vorlesers, und in seine reinen Augen stahlen sich zuweilen Tränen der Rührung.

V.

Jagdfanfaren durchschmettern die Einsamkeit des Odenwaldes. Karl der Große und seine Getreuen betreiben das edle Weidwerk. Der alternde Kaiser, der überall das Kräutlein Vergessen sucht, hat den Jagdspeer ergriffen, die Hirsche der Wälder zu erlegen.

Er hat sich von seiner Begleitung getrennt und verfolgt eben einen stolzen Hirsch. Schon steht die Sonne tief am Himmel, das gehetzte Tier jagt auf den Main zu, dessen Fluten durch das Geäst glitzern. Es erblickt den Fluß, stutzt einen Augenblick und, gehetzt von des Verfolgers Nähe, stürzt es sich in die Wellen, die es schwimmend durchschneidet. Der Kaiser erscheint. Erschöpft steht er am Ufer. Nun erst gewahrt er, wie der Abend ihn unmerklich überraschte in einer Gegend, die ihm gänzlich unbekannt ist.

Vor sich hat er den Strom, hinter sich den Wald. Schon steigen über ihm die ersten Sterne auf und lugen blinkend vom Himmel. Vergebens sucht Karl, den rechten Weg längs des Flusses zu finden. Der Wald, den er soeben durchbrochen hat, scheint undurchdringlich. Zunehmende Nacht umfängt ihn.

Da glänzt unerwartet ein Licht aus der Ferne. Der Kaiser blickt hin und schreitet, froh überrascht, der Richtung zu. Eine Hütte winkt, einen Steinwurf vom Ufer, aus dem gelichteten Gehölz. Durch das erhellte Fenster gewahrt der königliche Späher ein dürftiges Zimmer.

Vielleicht die Klause eines frommen Mannes, denkt er. Er klopft an der Tür. Ein blondbärtiger Mann erscheint. Der Kaiser belichtet, ohne sich zu nennen, daß er sich verirrt habe, und bittet um Obdach für die Nacht. Bei dem Klang seiner Stimme geht ein Zittern durch den Körper des Mannes. Er läßt den Kaiser eintreten. Eine junge Frau sitzt auf einem Schemel und wiegt ein Kind auf den Knien. Beim Anblick des Kaisers flammen ihre dunklen Augen auf, ihr ernstes Antlitz erglüht. Eilends begibt sie sich in den anstoßenden Raum, um aufquellendes Schluchzen zu verbergen. Karl setzt sich nieder, und jede Erquickung des Gastgebers ausschlagend, stützt er das Haupt müde in die Hände.

Minuten vergehen.

Schläft er?

Nein, Träume spinnt er, trübe Träume.

Er gedenkt der Tage, die nicht mehr sind. Er gedenkt des jungen Mannes, den sein sanftes Wesen, sein frauenhaftes Antlitz zwiefach aus der Schar der wetterharten Kriegsmannen kenntlich gemacht hatte. Mit welchem Feuer hatte er stets die alten Heldengesänge vorgetragen, mit welcher Innigkeit die schlichten Volkslieder und Sagen, die der Kaiser mit regem Eifer sammelte. Wie er dann vorgelesen aus dem grauen Pergament, das er selber zierlich beschrieben, da war gar oft ein dunkeläugiges Mädchen zugegen gewesen, des großen Karl Lieblingstochter. An des Vaters Knie geschmiegt, lauschte es der sanften Stimme des Vorlesers, und in seine reinen Augen stahlen sich zuweilen Tränen der Rührung.

Der Kaiser seufzte auf. Wo weilten die beiden Verbannten? –, Verschollen.

Eine silberne Kinderstimme entriß ihn seinem Brüten. Ein Mägdlein von etwa fünf Jahren, mehr Engel als irdisches Wesen, näherte sich ihm schüchtern und bot dem fremden Gast den Nachtgruß seiner Mutter. Bewegt schaute der Kaiser auf das Kind, das ihm sein Händchen entgegenhielt. Doppelt entzückend wirkte seine unschuldsvolle Schönheit in der düstern Umgebung: ein zartes Pastell in einem dunklen Rahmen.

»Wie heißt du, Kleine?« fragte der Kaiser.

»Emma,« antwortete das Kind.

»Emma!« wiederholte Karl, und eine Träne perlte über seine Wangen. Er zog das Enkelkind an sich und drückte einen Kuß auf seine lockige Stirn.

Eine Bewegung entstand. Zu des Kaisers Füßen lagen der blondbärtige Mann und sein junges Weib und erflehten Verzeihung.

»Emma, Eginhard!« ruft Karl mit zitternder Stimme und umarmt sie tiefbewegt. »Gesegnet sei die Stätte, wo ich euch wiedergefunden!«

Über der stillen Hütte schwebte der Engel des Friedens.

VI.

Emma und Eginhard kehrten in großer Feierlichkeit zum Hofe des Kaisers zurück. Karl schenkte ihnen das Schloß zu Ingelheim, und er fühlte sein Dasein an der Seite seiner wiedergefundenen Kinder sich verjüngen. An der Stelle, wo das weltentrückte Heim der Verbannten in gewollter Waldeinsamkeit gestanden, ließ der Kaiser ein Kloster errichten; später entstand eine Stadt dort. Seligenstadt heißt sie bis auf den heutigen Tag. In der Kirche zu Seligenstadt zeigt man noch das Grab Eginhards und Emmas. Ihre Gebeine wurden, getreu ihrem Wunsche, in demselben Marmorsarg beigesetzt.

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