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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 6
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
publisherVerlag von Hoursch & Bechstedt
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Johannisberg

Der Johannisberger

I

So weit die deutsche Zunge klingt und noch viel weiter kennt man ihn, den Johannisberger, und nennt man die besten Namen, dann wird auch der seine genannt, des Königs aller Rheinweine. Alle Freunde des rheinischen Rebensaftes kennen ihn, wenige allerdings genießen ihn in seiner fürstlichen Echtheit. Fürstlich ist er, nicht darum, weil Fürstenhand den Schlüssel zum Johannisberg hält, sondern vielmehr, weil Fürstenhand ihn hineinverpflanzt hat in den gesegneten Rheingau. Und jener gekrönte Geber ist niemand Geringerer gewesen als der große Karl, der gewaltige Beherrscher des Frankenreiches.

Stand er einst –, im Frühlenz war's –, auf dem Söller seines Ingelheimer Schlosses und ließ die Blicke schweifen auf das wunderherrliche Land zu seinen Füßen. Schnee war über Nacht gefallen, und ein schimmerndes Gewand deckte die Rüdesheimer Halde. Wie des Kaisers Auge sinnend auf der weißen Landschaft ruhte, da sah er, daß der Schnee vom Rücken des Johannisberges schneller schmolz unter dem Sonnenstrahl als ringsum. Der große Karolus, der als echter deutscher Kaiser auch ein tiefer Denker war, vermeinte, daß allda, wo solche segnende Sonnenglut falle, auch etwas Besseres als Gras gedeihen könne.

Beschied allsogleich den grauen Kronrat, seinen getreuen Knappen, zu sich und hieß ihn im Frühlicht des kommenden Tages das Roß satteln und hinreiten nach Orleans, der Stadt des edlen Weines. Den braven Bürgern möge er zu wissen tun, daß der Kaiser ihren vortrefflichen Wein noch in gnädigstem Andenken bewahre und es gern sähe, ein so vieledles Gewächs am Rhein zu besitzen, weswegen die getreuen Bürger von Orleans etliche Weingärtner nach dem Rheingau schicken möchten.

Also machte der kundige Königsbote sich auf den Ritt, und noch ehe der Mond seinen Kreislauf beendet hatte, war er wieder im Kaiserschloß zu Ingelheim. Dort herrschte darob allseits Befriedigung. Karolus selber, der große Kaiser, fuhr im Schiff nach Rüdesheim und pflanzte mit höchsteigener Hand die erste fränkische Rebe in rheinische Erde.

Keiner müßigen Laune Spiel war des Kaisers Beginnen gewesen. Sorglich ließ er sich berichten über den Stand der Reben in Rüdesheim und am Abhang des Johannisberges, und als der dritte Herbst ins Land gezogen kam, da kam mit ihm Kaiser Karl von seiner Lieblingsstadt Aachen nach dem Rheingau. Und der Schnitter Jauchzen erklang ringsum in den Rebengeländen von Rüdesheim und Johannisberg.

Feierlich ward die erste Blume der Kelter dem Kaiser kredenzt: ein goldenes Naß in goldenem Pokal. Ein königlicher Wein. Einen tiefen Schluck hat der große Karl getan und verklärten Auges das köstliche Getränk gepriesen. Sein Lieblingswein ist er geworden, der feuerige, mildherbe Johannisberger. Das Alter hat er ihm verjüngt. Und was Karolus Magnus verspürte, das verspürt noch heute ein Jeglicher, dem jenes Traubenblut im Becher perlt. So weit die deutsche Zunge klingt und noch viel weiter kennt man ihn, und nennt man die besten Namen, dann wird auch der seine genannt, des Königs aller Rheinweine, des Johannisbergers.

Wunderschön spinnt sich die Sage weiter: von Kaiser Karl, der seine Reben segnet. Dichtermund hat sie zum Liede gestaltet, und oft hört ihr es singen an des Rheines Rebengestaden.

In jedem Frühjahr, wenn an den Höhen und in den Hängen am Strom die Reben blühen und ein zarter Traubenblütenduft die Lüfte erfüllt, dann wandelt zur Nachtzeit ein hoher Schatten an den Rebengeländen her. Königlich ist sein Wuchs, der Purpurmantel wallt ihm von den Schultern, und auf dem Haupt blitzt die Kaiserkrone. Es ist Karl, der große Frankenkaiser, der vor tausend Jahren die Reben hierhin verpflanzte nach dem besonnten Rüdesheim und an den Rand des Johannisberges. Ihn hat der Trauben köstlicher Duft geweckt aus seiner Gruft zu Aachen, und er ist gekommen, die Reben, die er gepflanzt hat, zu segnen.

Milder Vollmondschein erhellt den nächtigen Weg des Kaisers, und bei Rüdesheim spannt der Mond eine goldflimmernde Brücke über den Strom. Über sie schreitet der Kaiser, und weiter wallt er an den Hügeln entlang und spendet den Reben allerorts seinen Segen.

Beim ersten Hahnenschrei kehrt er zurück in seine Gruft nach Aachen und schläft weiter seinen vielhundertjährigen Schlaf, bis im kommenden Jahre aufs neue der Duft der Trauben ihn weckt zur nächtlichen Segenswanderung im traubenduftumwobenen Rheingau.

Laß nun noch, mein Leser, als dritte im Bunde, eine feuchtfröhliche Sage gelten, die von den Mönchen des Johannisberges erzählt wird. Kam da einst unerwartet der hohe Abt von Fulda, um das Kloster auf dem Johannisberg zu visitieren, gerade als die reifen Reben an den Stöcken hingen. Der hochwürdige Abt erkundigte sich nach diesem und jenem, zeigte sich höchst befriedigt von dem Wandel der wackern Mönche und lud endlich zum Zeichen seines ungeteilten Wohlwollens den gesamten Konvent zu einem Abendtrinken ein.

»Der Wein erfreut des Menschen Herz.« Also mit des frommen Königs David tiefbedeutsamem Ausspruch hub der Abt zu sprechen an. »Gottes milde Hand wird euren Rebenstöcken auch im künftigen Herbst gnädig sein. Laßt uns deshalb, ihr Brüder, etliche Fläschlein in Maß und Würde frommen. Gut abgelagert, denk' ich. Doch ehe wir uns laben an Gottes edler Gabe, nehmt euer Brevier und laßt uns mit einem kurzen Gebet beginnen.«

»Brevier?« geht's raunend die Reihe entlang, und in den würdigen Gesichtern blinzeln die Äuglein in hilfloser Verlegenheit.

»Ja, das Brevier!« Und des weisen Abtes gefurchtes Antlitz mißt schweigend die Klosterbrüder.

Sie suchen und suchen.

Mählich schwinden die Falten in des Abtes Angesicht, und huscht nicht gar ein verstehendes Lächeln nachsichtig über die verwitterten Züge?

»Laßt das jetzt! Trinken wir.« Und behaglich entnimmt er dem Bruder Kellermeister die bestaubte Flasche. »Weiß Gott! Den Stöpselzieher hätte ich wohl mitnehmen können allhier zum Rhein.« Launig meint's der freundliche Herr, nachdem er seine Taschen betastet.

»Der Stöpselzieher?« Im Nu fährt's in alle Taschen, und vor des Abtes erstaunten Augen tauchen so viele Korkzieher auf, als Brüder im Umkreis stehen.

Da flog ein Schimmer milder Heiterkeit über des Abtes faltiges Antlitz. »Bravo, ihr frommen Herren! Welch reicher Segen an Stöpselziehern! Guckt nicht verlegen, laßt's euch für heute nur nicht verdrießen. Morgen aber ... doch denken mir wie weiland König David.«

Und laut knallte die erste entkorkte Flasche.

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