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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 5
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
publisherVerlag von Hoursch & Bechstedt
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Kloster Eberbach

Die Weinzungen

Wenn du, Leser, auf der Schiffahrt im sonnigen Rheingau das alte Städtchen Eltville, vormals der Sommersitz der Mainzer Erzbischöfe, berührt hast, erblickst du zur Rechten hinter Hattenheim auf waldiger Höhe die ehemalige reiche und berühmte Zisterzienser-Abtei Eberbach, das Kleinod mittelalterlicher Klosterbauweise. Wer in Wiesbadens näherer und weiterer Umgebung herumstreifte, wird niemals unterlassen haben, diese Stätte aufzusuchen, in deren achthundertjährigen Mauern viele Mainzer Erzbischöfe, rheinische Grafen, so die von Katzenelnbogen, daneben auch zahlreiche Mönche, ihre letzte Ruhestätte fanden. Wo heute noch berühmte Gewächse der mauernumhegten Klosterweinberge, wie Steinberger Kabinett, in den Abteikellern lagern, hatten schon zur vorerwähnten Zeit ehrwürdige Klosterherren den Rebensaft der umliegenden Höhen gekeltert. Wenn die unerbittliche Geschichte gestehen muß, daß der Gründer der Abtei, Erzbischof Adalbert von Mainz, das von ihm gegründete Kloster nach kaum einem Jahrzehnt wieder aufhob, weil die Mönche entarteten, so weiß die Sage zu berichten, daß die regulierten Chorherren von Eberbach nicht sowohl mit weltlichem Sinn, als auch mit ausgezeichneten Weinzungen bedacht waren.

Sahen da eines Tages zwei von ihnen vor den gefüllten Kannen und kosteten befriedigt aus einem Faß den edlen Inhalt, der schon weiland den König David zu frommen Harfentönen angeregt hat. Der Trunk mundete zwar dem einen wie dem andern ausgezeichnet; doch fanden sie beide, es habe die vortreffliche Sorte einen leichten Beigeschmack. Und zwar glaubte der erste einen metallischen Beigeschmack vorzufinden; seines Konfraters prüfende Zunge indes vermeinte aus dem Wein etwas wie Leder herauszuschmecken.

Kopfschüttelnd standen die Zwei vor des Fasses ansehnlicher Rundung und füllten ein andermal die beträchtlichen Kannen. Wiederum glaubte der eine das Metall, der andere das Leder herauszuschmecken. Mit wahrhaft tiefgründigem Eifer, den des Weines Glut zusehends erwärmte, verstiegen die Beiden sich zu einer dritten und weiteren Kannen.

Und mit wachsender Beharrlichkeit versteifte der eine sich auf den Eisen-, der andere auf den Ledergeschmack der vortrefflichen Sorte. Um der befremdlichen Sache in des Wortes voller Bedeutung auf den Grund zu gehen, leerte das wissensdurstige Paar das Faß bis auf den letzten Tropfen.

Und siehe da, auf dem Boden erblickten ihre weinseligen Äuglein einen winzigen Schlüssel, an einem Lederriemchen befestigt. Des Bruder Kellermeisters unsicheren Händen war er –, wie und wann, wußte jener selber nicht –, entfallen. Da blinzelte das ehrwürdige Brüderpaar einander schmunzelnd an, und während sie mit vorsichtigen Schritten ihre Zellen aufsuchten, war sowohl der, welcher den Eisengeschmack, als auch jener, der den Ledergeschmack herausgefunden, ob seiner feinfühligen Weinzunge recht befriedigt.

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