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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 26
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
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Cleve

Der Schwanenritter

Die alte Burg auf dem Schloßberg zu Cleve hat einen Schwan als Wetterfahne, und voreinst trug das Herrschergeschlecht, das über das liebliche Clever Land regierte, einen Schwan im Wappen. Eine nachdenkliche Sage, seither durch eines unsterblichen Meisters Tongebilde für alle Zeiten vor dem Vergessen gerettet, knüpft sich an jenes Schwanenbild: die Sage vom Schwanenritter.

Damals lag tiefes Leid auf dem Schloß zu Cleve. In großer Bedrängnis war seine Herrin, die Herzogin Elisabeth. Man hatte ihren geliebten Ehegemahl zur letzten Ruhe hinausgetragen, und kaum hatten des Grabes Riegel sich vorgeschoben über dem teuren Toten, da erhob sich einer ihrer Vasallen und heischte in trutziger Herrschsucht die Regierung. Der Verwegene verstieg sich sogar, die Hand der schönen Herzogin zu verlangen; nur dadurch, erklärte er, könne sie einen Teil der Würde retten, der sie nach des Gatten Tode verlustig sei.

Vergebens flehte die jugendliche Herzogin ihre Getreuen um Hilfe an. Höhnisch erbot sich der Empörer, mit jedem ein Gottesgericht bestehen zu wollen, der ihm den Fehdehandschuh hinwerfe, wohl wissend, daß seine Kraft und Kühnheit ihm keinen ebenbürtigen Gegner im Zweikampf erstehen ließ.

In tiefstem Leid flossen die Tage für die Herzogin dahin. Immer näher kam der Tag, wo der rebellische Vasall sich erkühnen wollte, vor allem Volk drunten auf der Rheinau feierlich seine Ansprüche auf Hand und Herrschaft der Herzogin geltend zu machen. Der Tag erschien; bleich, das Antlitz vom Witwenschleier bedeckt, den stolzen Leib in Trauergewänder gehüllt, stieg die Herzogin hinunter zum Rhein, wo der Ritter glänzender Kreis und des Volkes Gewimmel den weiten Raum bedeckte. Dann trat der gefürchtete Empörer vor, in strahlendem Waffengeschmeide, und erhob aufs neue mit blitzenden Augen und herrischer Stimme seine Forderung auf Hand und Herrschaft der Herzogin. Ihm riefen die verblendeten Edlen Beifall; doch spärlich ward er ihm aus des Volkes Menge, dessen Blicke mitleidig und bewundernd zugleich auf der jugendschönen Landesherrin ruhten.

Zum andernmal wiederholte jener seine Forderung und ließ die Augen herausfordernd über die Menge schweifen. Laut klang sein Aufruf an den, der mit ihm zu streiten gewillt sei für der Herzogin Sache. Kein Kämpe meldete sich, und der Herzogin Antlitz ward noch bleicher als zuvor.

Zum drittenmal klang des Gegners Herausforderung an den, so mit ihm zu streiten gewillt sei für die Sache der Herzogin von Cleve und Geldern, Prinzessin von Brabant.

Lautlose Stille. Da drückte die Herzogin in weher Enttäuschung ihren Rosenkranz inbrünstig an die Brust und rief verzweifelnd zum Herrn um Gnade. An ihrem Rosenkranz aber soll ein Silberglöcklein gehangen haben, das hatte die wunderbare Eigenschaft, einen leisklingenden Ton von sich zu geben, der in bestimmter Ferne gar hell erklang.

Und wie sie das Kreuz am Rosenkranz berührte, da tauchte plötzlich fern auf dem Strom ein Schifflein auf. Näher kam es, und aller Augen wendeten sich überrascht dem zierlichen Boot zu, das ein schimmernder Schwan an einer goldenen Kette zog. Drinnen im Schifflein aber stand ein Ritter in blitzender Silberbrünne. In Locken flutete sein Blondhaar aus dem strahlenden Helm, kühn blitzten seine blauen Augen zum Ufer hin, und kraftvoll stützte die Rechte sich auf den Knauf des Schwertes.

Das Boot hielt am Ufer gerade vor dem Richtplatz. Der Ritter stieg heraus und winkte dem Schwan, der langsam mit der Barke den Rhein hinuntertrieb. Scheu und schweigend machte die Menge Platz vor dem Fremdling, der stolzen Schrittes in den Kreis der Ritter trat und sie feierlich begrüßte. Vor der Herzogin beugte er das Knie, und dann, zu dem trutzigen Vasallen gewandt, forderte er ihn mit lauter Stimme auf, mit ihm zu kämpfen um Hand und Herrschaft der Herzogin von Cleve und Geldern, Prinzessin von Brabant.

Da erblaßte der Empörer für Sekundendauer. Rasch aber sammelte er sich, und höhnisch riß er sein Schwert aus der Scheide. Die Waffen blitzten, zischend begegneten sich ihre Schneiden. Bewundernd und teilnahmvoll hingen alle Augen an dem fremden Ritter, der mit wundersamer Kunst den wuchtigen Schlägen seines riesenstarken Gegners auswich. Dann klang plötzlich ein dumpfer Schrei; schwer getroffen von des Fremdlings geschicktem Hieb sank der Frevler sterbend nieder. Donnernder Jubel durchbrauste die Au und fand Widerhall bei den Wogen des Stromes. Die Gerechtigkeit hatte gesiegt, der Herr hatte gerichtet; weinend vor Bewegung sank die Herzogin vor ihrem Retter nieder. Er aber hob sie empor, beugte sein Knie vor der schönen Frau und hielt um ihre Hand an.

Ein Himmel voll Seligkeit wölbte sich von neuem über dem Haupt der Herzogin Elisabeth. Aus ihrer Dankbarkeit ward innige Liebe, die ihren Lohn fand in zärtlicher Verehrung. Dennoch trübte eine Wolke jenes freudenlichte Blau; nie, so hatte es der Schwanenritter geboten, dürfe sie den Gemahl fragen, woher und wessen Geschlechtes er sei. Sie hatte ihm am Vermählungstage die heilige Versicherung geben müssen, ihn nie um Heimat und Namen zu befragen, und willig hatte sie, bauend auf des Fremdlings ritterliches Gebaren, den seltsamen Schwur geleistet.

Treulich hielt die Herzogin, was sie gelobt hatte. Jahre waren seitdem vergangen. Ihren glücklichen Bund krönten drei Knaben. Hoffnungsvoll wuchsen sie heran, dereinstige Zierden der Ritterschaft. Oft aber, wenn das Auge der Herzogin auf den blühenden Jünglingen ruhte, gedachte sie beklommenen Herzens des Schwures, den sie vor Jahren hatte leisten müssen, und quälend lastete die trübe Wolke auf ihrem mütterlichen Herzen. Wie stolz würde ihr Mutterherz schlagen, wüßte sie Namen und Herkunft des Vieledlen, dem sie die Jünglinge geschenkt hatte als Pfand ihrer Liebe! Von edler Abkunft mußte er sein, der hoheitsvolle Gemahl. Doch warum sollten nicht seine Söhne dereinst seinen Namen mitnehmen in die Welt und sein Wappen mit neuem Glanz schmücken? Also dachte sie, und drückend lastete die trübe Wolke auf ihrem mütterlichen Herzen. Verhüllte zeitweise schier das Bild des Mannes, das strahlend in jenem Herzen stand und ihr ganzes Sein erfüllte. Und einem gefangenen Vöglein gleich schwirrte die Frage nach Name und Herkunft des Gemahls durch ihr Inneres, bis sie eines Tages in schmeichelndem Geflüster sich über ihre Lippen drängte.

Da verfärbte sich der stolze Held. Lautlos löste er die zärtliche Umarmung, dann rief er schmerzlich aus: »Weh dir, unglückliches Weib, weh auch mir Armen! Deine Frage zerstört unser Glück, und für immer müssen mir uns trennen.«

Während sie verzweifelnd aufschreit in wildem Jammer, schreitet er schweigend nach schwerem Abschied hinaus, dem Rhein zu. Klagend klingt sein Silberhorn, und die grünen Fluten durchfurcht ein schneeweißer Schwan mit zierlichem Boot. Trauernd besteigt der Ritter den Nachen. Nicht rückwärts blickt er; unaufhaltsam treibt das Fahrzeug abwärts, bis es in dämmerblauer Ferne entgleitet.

Niemals ist er wiedergekommen, der fremde Schwanenritter. Untröstlich war seine Gemahlin. Nicht lange nachher machte der Tod ihrem Leid ein Ende. Das Geschlecht, das der Fremdling gegründet hat, fühlte den Schwan im Wappen. Noch heute findet der Wanderer in der Stiftskirche zu Cleve einen Grabstein, darauf ist ein Ritter eingehauen, zu seinen Füßen ein Schwan. Schwanenturm heißt noch heute der Turm, der die Clever Burg überragt.

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