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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 25
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
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Aachen

Der Ring der Fastrada

Die Fastradasage führt uns in die Tage des Frankenkaisers Karl, dessen bewegtes Leben sie gar vielfach dichterisch ausgeschmückt hat. Damals hielt Karl der Große auch einen Hof in den helvetischen Landen. An den Ufern des Züricher Sees stand eine kaiserliche Pfalz. Unfern, an jener Stelle, wo voreinst die christlichen Blutzeugen Felix und Regula für das Kreuz den Todesstreich empfingen, hatte der Kaiser eine Säule errichten lassen. Ein Glöcklein hing daran, und wer immer Beschwerde zu führen hatte, durfte an dem Seile ziehen und klagend oder begehrend auftreten. Ihm ward stets Gehör. So oft Karl in Zürich Hoflager hielt, erschien er selber und hörte die Klagen und Vorstellungen der Bittsteller an.

Da lautete eines Tages wiederum das Glöcklein; als aber der Kaiser hinaustrat, war niemand zu sehen. Am Mittag des folgenden Tages geschah ein Gleiches; die Glocke läutete, doch kein Glöckner war zu sehen. Da gebot der Kaiser einem Edelknaben, sich im Laubwerk hinter der Säule zu verbergen. Mittag kam, und da sah der Knabe, wie eine Schlange aus dem Ufersand hervorkroch, sich zum Seil emporringelte und das Glöcklein in Bewegung setzte. Dem Kaiser wurde davon berichtet, und ohne Verzug machte er sich auf nach jener Stätte. Er war überrascht von dem seltsamen Bittsteller, doch ernst sprach er: »Jedem werde Gerechtigkeit, der mich darum angeht; sei es Tier oder Mensch.«

Und die Schlange neigte sich vor dem Kaiser; dann kroch sie zurück in ihre Höhle. Ihr folgte Karl, begierig, den Grund ihres Erscheinens zu entdecken. Da erblickte er auf den Eiern der Schlange drinnen in der Höhle eine ungewöhnlich große Kröte. Den Eingang schien sie versperren zu wollen. Der Kaiser gebot sofort seinen Begleitern, das Tier zu töten. Seitdem waren etliche Tage verflossen, und schon hatte Karl das seltsame Erlebnis vergessen. Da kroch, als eben der Kaiser beim Mahl sah, unerwartet die Schlange in den Saal, wand sich zum Staunen aller zu des Kaisers Sitz, neigte sich dreimal und ließ dann aufschnellend einen Edelstein in den Pokal gleiten. Rasch entschwand sie, wie sie gekommen war.

Karl nahm staunend den Stein aus dem Becher und bewunderte den kostbaren Demant. Er ließ ihn in einen goldenen Reif fassen und schenkte diesen seiner geliebten Gemahlin Fastrada. Das Kleinod aber besaß eine wunderbare Eigenschaft. Wohl hatte die schöne Fastrada sich stets der zärtlichen Verehrung ihres kaiserlichen Gemahls erfreut; aber seitdem der Ring ihre Hand schmückte, schien ein geheimer Zauber den gewaltigen Frankenkaiser mit diamantnen Banden an die ehemalige ostfränkische Grafentochter zu knüpfen.

Fast schien es, als ob sündhaft die glühende Zuneigung sei, die Karl mit steigender Glut für seine angebetete Fastrada entflammte; sie ward krank, und der Tod raubte mitleidlos dem Kaiser sein Idol. Untröstlich war Karl über den Verlust des vergötterten Weibes. An ihrer einbalsamierten Hülle verbrachte er in Schmerz aufgelöst Tage und Nächte, und ernste Besorgnis legte sich auf die Gesichter seiner Umgebung. Man raunte sich beklommen zu, des Kaisers Schmerz gehe so weit, daß er sich weigere, den Leib seiner Gemahlin der Erde zu übergeben. Ein Zauber schien ihn wahrhaft mit unsichtbaren Banden in die Nähe der toten Fastrada zu fesseln.

Traurig hörte davon der fromme Turpin, Erzbischof von Reims. In brünstigem Gebet flehte er Gott um Beistand an. Und ein Traum ward dem ehrwürdigen Gottesmann: er sah den Ring an Fastradas Hand in tausend Farben glänzen und ihr Strahlenlicht den Kaiser geheimnisvoll umfluten. Nun wußte der Bischof, daß jener Edelstein, den die Schlange einst gebracht hatte, den Kaiser an die Nähe dessen fessele, der ihn besaß.

Im Frühlicht des folgenden Tages macht Turpin, der Bischofgreis, sich auf und betritt das Gemach, wo Karl an Fastradas Hülle klagend die Nacht verbrachte. Aufgelöst in tiefe Trauer, kniet der Kaiser an der Bahre, und schmerzlich verhüllt er beim Eintritt des Gottesmannes das Haupt. Jener aber schreitet sich bekreuzend zur Toten, ergreift die kalte Hand und entnimmt ihr unbemerkt den goldenen Reifen. Und allsogleich erhebt sich der Kaiser; vor dem Greis sinkt er nieder, küßt in liebender Verehrung seine Hand und heischt ihn, ohne einen Laut der Klage, der toten Gemahlin sterbliche Hülle zu bestatten. Also geschah es; in St. Alban zu Mainz wurde Fastrada beigesetzt. Der Bann, mit dem sie über den Tod hinaus den Gatten bestrickte, war gelöst.

Mit besonderer Verehrung hing der Frankenkaiser seitdem an dem Erzbischof von Reims. Karl litt nicht, daß Turpinus ihn verlasse; er verlangte ihn ständig in seiner nächsten Nähe zu haben und machte ihn zu seinem ersten Freund und Berater. Der fromme Kirchenfürst nutzte jene Stellung lediglich zum Besten des Reiches aus und tat viel Gutes. Oft aber wandelte ihn Reue an über die Art, wie er des Kaisers höchste Gunst erlangt habe, und unaufrichtig dünkte ihn seine Handlungsweise.

Als er einst Karl auf einer Reise im westlichen Deutschland begleitete, schleuderte er den Ring in ein Wasser, von wo er nimmer konnte hervorgeholt werden. Seit jener Stunde zog es den Frankenherrscher unwiderstehlich zu dieser Gegend hin. Er baute eine Kaiserpfalz an jene Stätte, und eine blühende Stadt umkränzte bald den Palast Karls des Großen. Aachen hieß sie.

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