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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 20
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
publisherVerlag von Hoursch & Bechstedt
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Der Drachenfels

Die Sage vom Drachen

I.

Wenn der Rheinfahrer von Bonn stromaufwärts fährt, erblickt er bald zur Linken des Dampfers die malerischen Kuppen des Siebengebirges. Des vordersten Berges steilragenden Gipfel krönen noch heute Turm und Mauern eines alten Ritterschlosses. Von jenem vielbesuchten Berg mit dem schauerlichen Namen, wo es zur Sommerzeit nimmer still wird von Zechergesang und Becherklang, erzählt das Volk eine rührende Sage.

In den ersten Jahrhunderten nach der Geburt des Welterlösers nahmen die Germanen auf dem linken Rheinufer willig die Kreuzeslehre an, die ihnen der heilige Maternus, ein Jünger des großen Völkerapostels, aus Gallien herüberbrachte. Vergeblich waren indes die Bemühungen der Glaubensboten bei den heidnischen Stämmen des inneren Germaniens. Sie verharrten in ihrem Heidentum und verschlossen ihre Gaue feindselig den fremden Priestern aus jenem Reich, das bereits früher unter verschlagenen Heerführern seine gepanzerten Legionen ländergierig auf freie Männererde geführt hatte.

Damals soll ein greulicher Lindwurm in einer Höhle des Felsens gehaust haben (die noch heute das Drachenloch heißt), ein Drache von scheußlicher Gestalt, der täglich sein Felsloch verließ und hinab in die Wälder des Tales raste, Menschen und Tiere bedrohend. Menschliche Kräfte waren ohnmächtig gegen das Ungetüm und vermeinend, eine erzürnte Gottheit verberge sich in dem schlangenartigen Molch, erwiesen sie ihm göttliche Ehren und opferten ihm Verbrecher und Gefangene.

Ein rauhgesitteter Heidenstamm bewohnte den Fuß des Berges. Oft unternahmen die kriegslustigen Männer verheerende Raubzüge auf das jenseitige Ufer und trugen erbarmungslos Mord und Brand unter ihre christlichen Volksgenossen. Einst waren sie wiederum nächtens hinübergezogen und erbeuteten im Kampf mit den Überfallenen Gut und Gefangene. Unter den letzteren befand sich eine Jungfrau von auffallender Schönheit.

Zwei Heerführer, von ihrer Anmut entflammt, verlangten sie für sich, Horsrik der ältere, ein berühmter Häuptling, ein gefürchteter Kämpfer von ungewöhnlicher Körperkraft, der jüngere, Rinbold, von minder rohen Sitten, doch von gleicher Kühnheit.

Schaudernd wandte die liebliche Jungfrau sich zur Seite, als sie die beiden blitzenden Auges um ihren Besitz streiten sah. Ringsum die siegesfrohen Männer. Mehr noch als der Preis der eigenen Beute bewegt sie der Streit der Mächtigen um das gefangene Christenweib. Schon finden die grollenden Worte der beiden Gegner einen Widerhall in den Herzen der umstehenden Krieger. Horsrik fordert sie, der gefürchtete Kämpfer; Heilrufe aus der Männerrunde ermutigen ihn. Rinbold fordert sie, der jugendstolze Heerführer, zahlreichere Heilrufe aus der Männerrunde begrüßen ihn. Finster starrt der andere, seine Riesenfaust umklammert drohend den Streitkolben. Da lichten sich der Männer geschlossene Reihen. Zwischen die Streitenden tritt der Oberpriester, ein silberhaariger Greis mit strengen Zügen. Laut tönt des Greises harte Stimme: »Verflucht sei jeder Zwist um den Besitz der Fremdgläubigen! Nicht soll die Christin die Edelsten unseres Stammes entzweien. Keines Anteil werde die Tochter derer, die wir als Abtrünnige hassen. Dem Drachen sei geopfert die Stifterin unseligen Zwiespaltes. Zu Wuotans Ehre, den sie lästert und ihre Erzeuger, werde sie geweiht, wenn sein segnendes Sonnenauge sich öffnet zum andernmal!«

Beifall murmeln die Männer, als erster Horsrik. Hocherhobenen Hauptes steht die Jungfrau. Schmerzlich und bewundernd hängt an ihrem engelgleichen Antlitz das Auge Rinbolds, des jugendlichen Führers.

II.

In der Frühe des folgenden Tages, noch ehe das Tagesgestirn im Osten erglühte, wurde es im Tal lebendig. Durch des Waldes Dämmer bewegte sich ein lärmender Zug hinauf zur Höhe. Voran die Priester, in ihrer Mitte, bleich, doch gefaßt, die Gefangene. Schweigend hatte sie geduldet um des Herrn willen, daß des Oberpriesters knöcherne Hand um ihre Stirne die weiße Opferbinde wand und geweihte Blumen flocht in das gelöste Haar.

Mancher mitleidige Blick aus des Volkes Kreis hatte die Standhafte verstohlen gestreift, eines jugendstolzen Heerführers Augen hatten flammend aufgezuckt in verhaltenem Weh beim Anblick der todgeweihten Jungfrau.

Erreicht war der Felsvorsprung, den schon oftmals unschuldiges Menschenblut geschändet hatte. Wortlos umwanden die Priester ihren zarten Leib mit Stricken und schnürten ihn an den uralten heiligen Baum Wuotans, der den Schluchtrand weit überschattete. Keine Klage entfuhr der Christin Lippen, keine Träne schimmerte in ihren Augen, die verklärt hinausschauten in den frührotlichten Himmel. Des Volkes Schwarm lichtete sich und zerstob; schweigend standen in der Ferne die erwartungsvollen Heiden.

Die ersten Sonnenstrahlen fluteten über den Berg. Sie flammten in der Blumenkrone, die der Jungfrau Haar umschlang, spielten in dem geistentrückten Antlitz und umgaben es mit einem Glorienkranz von Licht und Schimmer. Die Christenjungfrau erwartet den Tod, wie die Verlobte den Bräutigam. Ihre Lippen bewegten sich im Gebet.

Da drang aus der Tiefe verworrenes Getön; der Drache fuhr fauchend aus seiner Höhle über den Waldweg. Er erblickt das Opfer an der Stätte, die seiner Blutgier bekannt ist. Hochauf krümmt sich der schuppengepanzerte Wanst, auf scharfkralligen Beinen gespreizt; lüstern wirbelt er den schlangenartigen Schweif und zeigt in gräßlich gähnendem Rachen sein todbringendes Gebiß. Schnaubend kriecht das Ungeheuer heran, gierig züngelnd. Aus den geweiteten Augen sprühen Flammen.

Todesschauer faßt auch die Jungfrau beim Anblick des Molches. Aus dem Busen reiht sie zitternd ein funkelndes Goldkreuz und hält es, wie abwehrend, mit einem bebenden Aufschrei zu Gott dem Lindwurm entgegen. Und Staunen! Hochaufbäumend, wie vom Blitz getroffen, fahrt der Drache zurück, überschlägt sich und stürzt rücklings über das zackige Felsgestein in die Tiefe. Unter brüllendem Geheul und dem donnernden Geröll nachstürzender Felsstücke verschwand das Untier in den aufbrausenden Wellen des Stromes.

Ein einstimmiger Schrei entfuhr den abseits harrenden Heiden. Staunen und Schreck auf allen Gesichtern. In müder Gottergebung, mit traumhaft geschlossenen Lidern, stand die Jungfrau und betete leise zu dem, der sie gerettet hatte. Da sanken die Stricke, die sie schnürten: zwei sehnige Arme ergriffen sie und trugen sie in den Kreis der staunenden Menge. Sie hob die Augen und sah den jüngeren der beiden Heerführer: seine rauhe Kriegerhand erfaßte die ihre. Wie vor einem himmlischen Wesen beugte der Jüngling das Knie und berührte mit den Lippen ihre Finger. Laute Heilrufe ertönten dem geliebten Häuptling.

Der Priestergreis trat vor, und erwartungsvolles Schweigen lag über dem Volke. Wer sie gerettet habe vor dem sichern Verderben, wer der unbekannte Gott sei, der den Seinen so sichtlich in Todesnot helfe, fragte er feierlich die Christin. Und verklärt leuchteten die Augen der Jungfrau.

»Dies Bild des Christengottes hat den Drachen zerschmettert und mich gerettet,« rief sie. »In ihm ruht das Heil der Welt und die Wohlfahrt der Völker!«

Mit scheuer Ehrfurcht betrachtete der Priestergreis das Christuskreuz.

»Möchte es bald auch deinen Geist erhellen und den von allen ringsum,« sprach die Jungfrau ernst. »Es wird euch größere Wunder offenbaren wie dieses; denn unser Gott ist groß.«

Man geleitete die Jungfrau feierlich heimwärts samt den übrigen Gefangenen. Sie kehrte bald zurück, begleitet von einem christlichen Priester. Die Stimme des Glaubens und der Unschuld wirkten Wunder in den Herzen der Heiden. Tausende begehrten die Taufe. Der Priestergreis und Rinbold waren die ersten, die ihr Haupt der neuen Lehre beugten. Jubel herrschte in dem Stamm, als die Jungfrau dem jugendlichen Heerführer die Hand reichte fürs Leben. Eine Kirche erstand in dem Tal und eine Burg den Neuvermählten auf der Höhe des Felsens. Wohl zehn Jahrhunderte blühten die Drachenburger, ein mächtiges Geschlecht in den Gauen des Mittelrheines.

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