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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 18
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
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Burg Hammerstein

Der töchterreiche Ritter

Oberhalb Rheinbrohl trauern auf düsterm Grauwackenfels die tausendjährigen, verwitterten Ruinen der Reichsfeste Hammerstein. Einer ihrer ersten Besitzer war Wolf von Hammerstein, ein treuer Untertan des Kaisers. Diesem, der vierte Heinrich ist's gewesen, hat eigene und fremde Schuld die Herrscherkrone mit Dornen umrankt. Den unvergessenen Büßergang nach Kanossa hat der Graf von Hammerstein mitgemacht. Ist dann wegen der Gebresten des nahenden Alters von seiner Burg nicht mehr gern heruntergestiegen. Von fern schlug manchmal an sein Ohr der laute Trompetenton der Welt.

Sechs Töchter waren Herrn Wolf von Hammerstein aus der Ehe mit seiner seit Jahren entschlafenen Hausfrau erblüht, allesamt liebliche Jungfrauen und dem alternden Vater in zärtlicher Verehrung zugetan. Die Kindesliebe, die ihn umhegte, fiel indes bei dem rauhen Recken auf steinichten Grund. Daß ihm kein Sohn beschert worden, quälte ihn sehr. Hätte willig für einen männlichen Sproß das halbe Dutzend Mägdlein hergegeben. Nicht unbekannt blieb's den Sechsen, und eifrig bemühte sich ein jedes, durch überschwengliche Herzlichkeit den unwirschen Vater mit seinem Geschick zu versöhnen.

So geschah es eines Abends. Draußen fauchte wie ein krächzender Rabe der Herbstwind um die Burg, drinnen saß am wärmenden Herdfeuer, von der bösen Gicht geplagt, Ritter Wolf, trotz der fraulichen Aufmerksamkeiten der Töchter in höchst übler Laune. Scheuen Tauben gleich duckten sich vor dem grämlichen Alten die zierlichen Mägdlein.

Da meldet der Torwart in später Stunde noch zwei Gäste. In einen ritterlichen Wappenmantel seien beide gehüllt. Trotz des Zipperleins erhebt sich der gastliche Burgherr. In den durchwärmten Raum treten fröstelnd zwei wegemüde Wanderer und erbitten als Geächtete Schutz und Obdach.

Beim Klang der Stimme des einen hat der Ritter aufhorchend sich emporgereckt, und wie dann der Fremdling das Visier lüftete und den Mantel zurückschlug, da ist Herr Wolf von Hammerstein mit ehrerbietigem Kniefall zu seinen Füßen gesunken, hat beide Hände des andern ergriffen, seine bärtigen Lippen darauf gedrückt und ausgerufen: »Heinrich, mein Herr und König!«

Dem alten Waffengefährten von weiland hat dann der Kaiser mit verschleierter Stimme gestanden, wie er auf der Flucht sei vor dem, der ihm den Königsmantel von den Schultern und die Krone vom Haupt gerissen habe. Und als der Ritter, bebend vor Erregung, rief, wer jener gott- und ehrlose Frevler sei, da raunte, das Haupt tief auf die Brust gesenkt, der Kaiser: »Mein Sohn!« und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Starr wie ein Marmorbild stand der Ritter, die Vaterseele vom Blitzstrahl der Erkenntnis jäh erhellt.

Von den Armen seiner Töchter fühlte der Alte sich plötzlich sanft umschlungen, und wie er die Hände nach ihnen ausbreitet, als wolle er mit der Zärtlichkeit einer Minute das Unrecht jahrelanger Lieblosigkeit gutmachen, fühlte er Tränen darauf. Zu dem Ritter sprach in herber Ergriffenheit der Kaiser:

»Beneidenswerter Waffengefährte, treuer Töchter Herzen schlagen für dich über dein Grab hinaus und kein mißratener Sohn, der dein Lebensende nicht erwarten kann, jagt dich dereinst im grauen Haar von deiner eigenen Scholle! Weh mir, der ich mit den wenigen Getreuen, die mir geblieben sind, morgen hinziehen muß in den unabweisbaren Kampf gegen mein eigenes Blut!«

Während um Mitternacht der unglückselige König im wohnlich bereiteten Gemach in unruhigen Schlummer versank, überschüttete der tiefbewegte Burgherr seine Töchter mit niegekannten Liebkosungen. Hat zugleich im Herzen drinnen manchen Groll vergangener Tage seinem Herrgott abgebittet, der ihm keinen Sohn bescherte.

Drei Monate waren seitdem vergangen. Da kam eine Trauerkunde aus den Niederlanden an den Rhein. Kaiser Heinrich ist gestorben. Mitten in neuen Rüstungen ereilte ihn der Tod. Seine Getreuen waren darob tief betrübt. Wohl niemand mehr als der Wolf von Hammerstein. Was ihn aber zumeist erschütterte, war der Botschaft zweiter Teil. Dem unseligen Kaiser wurde die geweihte Erde verweigert. In Lüttich stand sein Sarg mißachtet in einem Kellergewölbe. Wer wollte, der mochte hinzutreten und den Gebannten schmähen oder für sein Seelenheil beten, just wie er über ihn dachte. Als er dies vernahm, hat der Ritter Tod und Teufel geflucht, und etliche Nächte hat er kein Auge geschlossen. Dann war sein Entschluß gefaßt. Der Töchter Bitten und Weinen machte den Alten nicht schwankend.

Eines Tages stand er vor dem Erzbischof in Köln und erinnerte daran, wie er vor mehr als zwanzig Jahren ihm das Leben gerettet und wie jener damals gelobt hatte, dem Hammerstein werde er zeitlebens jedweden Wunsch erfüllen.

Ein hitziges Wortgefecht ist zwischen dem Bischof und dem Ritter entbrannt. Aber der Vasallentreue wurde der erhoffte Lohn. –, Die mächtige Fürsprache des Kölner Kirchenfürsten erleichterte dem Ritter den schweren Bittgang zu den Lütticher geistlichen Herren. Umgeben von frommen Frauen und ernsten Männern, kniete er eine Woche später vor dem Sarkophag, drückte seine bärtigen Lippen darauf und murmelte: »Heinrich, mein Herr und König!« Hat dann den Leichnam unter sicherm Geleit nach Speyer überführt, wo er in der Kaisergruft beigesetzt wurde.

Als das Totenschiff, von ihm befehligt, von Köln langsam den Rhein hinauffuhr, haben von den Burgen droben schwarze Fahnen trauernd den toten Herrscher begrüßt. Den Hammersteiner haben noch späte Geschlechter als des Königs Heinrich getreuesten Vasall gefeiert.

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