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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 17
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
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Andernach

Genoveva

I.

In allen Gauen des Rheines wird sie mit Verehrung genannt, des Pfalzgrafen Siegfried tugendreiche Gemahlin, die heilige Genoveva. In der Mayenfelder Aue, westlich der alten Stadt Andernach. stand das Schloß des Pfalzgrafen zur Zeit, als Karl, des großen Frankenkönigs gleichnamiger Ahn, das Land der Westfranken regierte. In herzlicher Eintracht lebte der junge Pfalzgraf mit seinem holden Ehegemahl in der Burg Hochsimmern.

Da trübte das erste Wölkchen die Sonne des ehelichen Glücks. Aus Spanien her waren die gefürchteten Araber in Gallien eingedrungen, und ein Ruf des Schreckens ging durch die christlichen Frankenlande. Auch in die Burg des Pfalzgrafen drang der Aufruf des Herrschers zur Teilnahme am Kampfe. Da legte Herr Siegfried die Rüstung an, küßte sein weinendes Weib und nahm Abschied von der Burg seiner Väter. Schwer ward ihm das Scheiden von der trauernden Gemahlin. Dringend empfahl er die Teure seinem Hausmeister Golo, und die Gattin bat er, jenem zu vertrauen in allen Dingen.

Überaus schmerzlich waren für die Pfalzgräfin die Tage der Trennung von ihrem geliebten Eheherrn. Gar tief empfand sie die Einsamkeit in der großen Burg, denn zu jenem, der ihr als Hüter beigegeben war, vermochte sie nicht zu reden wie mit einem Freunde. Ihr reines Frauenauge erschrak vor der fremdartigen Glut, die aus den dunklen Augen Golos flammte.

Die geheime Scheu, welche die Pfalzgräfin vor dem Hausmeister empfand, mochte wohl berechtigt sein. Denn schon lange war dieser von heißer Leidenschaft zu seines Herren Weib ergriffen, und nun der Pfalzgraf in fernem Lande weilte, ließ er sich so weit hinreißen, die schöne Herrin um ihre Liebe anzuflehen.

Entsetzt war Genoveva über die schmachvolle Zumutung. Mit Entrüstung und Verachtung wies sie den Verwegenen zurück. Sie verbot ihm, der seine Pflicht so schmachvoll vergessen hatte, ferner vor ihrem Angesicht zu erscheinen und drohte ihm mit Anklage bei ihrem Gemahl.

Da flackerten Golos Augen auf, ein Strahl tödlichen Hasses traf die ihn züchtigende schöne Frau, und eines Tages trat er der entsetzten Pfalzgräfin vor allen Leuten des Schlosses entgegen, beschuldigte sie mit blitzenden Augen, daß sie ihrem fernen Gemahl die Treue gebrochen mit einem gemeinen Knecht, der ihre Stute sattle, und ließ die Edle ins Gefängnis werfen.

Im feuchten Burgverlies erwachte aus ihrer Ohnmacht die unglückliche Pfalzgräfin. Schmerzvolle Stunden standen ihr bevor. Sie genas eines Knäbleins. Sie taufte es mit ihren Tränen und gab ihm den Namen Tristan, d. i. Schmerzenreich.

II.

Um dieselbe Zeit wurde im fernen Frankreich eine der großen Entscheidungsschlachten der Welt geschlagen. Bei Tours und Poitiers ist es gewesen, wo die in Europa eindringenden Araber besiegt und zurückgeschlagen wurden von dem gewaltigen Majordomus der merowingischen Könige: Karl Martell, dem Großvater Karls des Großen. Und ihm zur Seite focht Siegfried, der Pfalzgraf. Er kämpfte wie ein Löwe, und Gottes Schutz war mit ihm bis zum Ende der Schlacht.

Da kam eines Tages ein Bote aus dem Mayenfelder Gau, der brachte dem Pfalzgrafen ein Pergament, von Golo, dem Hausmeister, geschrieben. Es enthielt die vernichtende Kunde: »Eure Hausfrau hat Euch schmählich die Treue gebrochen mit Drago, dem entlaufenen Roßbuben.«

Des Helden Finger umkrallten das Schriftstück, ein Stöhnen entfuhr dem blassen Mund, noch zur selbigen Stunde ist er mit wenigen Knappen aufgebrochen, ist geritten Tag und Nacht, ruhelos, bis in seinem Burghof Golo, der Schreiber des Briefes, ihm gegenüber stand.

»Wo ist der Frevler, daß ich ihn zerschmettere, der meines Hauses Ehre befleckte!« ruft der Pfalzgraf.

»Herr, grausam strafte ich den Elenden an seiner eigenen Sünde und habe ihn dann mit Peitschenhieben vertrieben aus dem Schloß«, entgegnete Golo.

Tiefauf seufzt der Pfalzgraf. Schweigend winkt er Golo, und ein Strahl teuflischer Freude zuckt in des Falschen Augen.

Am andern Morgen führten im ersten Frühlicht zwei Knechte die Unglückliche hinaus in den Wald mit dem strengen Befehl, dort Weib und Kind zu töten und zum Beweis des vollführten Befehls ihre Jungen heimzubringen.

Aber das Mitleid wandelte die beiden an und entwaffnete ihre Hand, welche die Mordwaffe trug. So schleppten sie nur Mutter und Kind tief in den verwilderten Wald, wandten sich dann hastig ab und überließen ihre Opfer sich selbst.

Zwei Rehzungen brachten dem Pfalzgrafen die Männer und berichteten, daß sie des Auftrages getreulich sich entledigt hätten.

III.

Das Leid wob schwarz und schwer seine Wolken über Genovevas kummervolles Dasein. Schmerzversunken irrten ihre müden Füße durch den unbekannten Forst. Der Hunger kam und meldete sich zu Gast. Leise wimmerte das Knäblein in ihrem Arm, und ein inbrünstiges Flehen sandte die verzweifelnde Mutter zum Himmel. Des Herzens unerträgliches Weh löste sich in eine Flut heißer Tränen. Leichter ward ihr dann. Der Knabe war, nachdem er sich ausgeweint, entschlafen. Genoveva aber sah, wie vom Himmel geführt, zu dem sie geschrien, vor sich eine Höhle, die ihr Schutz und Zuflucht versprach. Und als wollte Gott ihr zeigen, daß er ihrer mild gedenke, kam eine weiße Hirschkuh in die Höhle und kauerte sich zutraulich zu der Verlassenen Füßen. Es strotzte ihr Euter, sie mußte vor etlichen Tagen Junge geboren haben. Willig ließ das sanfte Tier es zu, daß die fremde Frau ihr Kindlein labte. Auch am andern Morgen kam die Hindin wieder, Genoveva aber dankte Gott aus tiefbewegtem Herzen. Sie fand Wurzeln, Beeren und Kräuter, ihr Leben zu fristen. Das zahme Tier kam täglich in die Höhle und blieb endlich beständig bei ihr.

IV.

Eines Tages verfolgte der Pfalzgraf auf der Jagd eine weiße Hirschkuh, als plötzlich das edle Tier in einer Höhle verschwand. Und eine Frauengestalt trat aus der Felsöffnung, ein Knäblein an ihrer Hand führend. Sie erblickt den Jäger, und ein Schrei entfährt ihrem Mund, halb Jauchzen, halb Gestöhn, und dem Pfalzgrafen stürzt sie zu Füßen. Ihren Lippen entfließen Beteuerung und Anklage verfolgter Unschuld. Wie Feuer strömen ihre Worte in des Pfalzgrafen Seele, wie Feuer, das erhellt, läutert und erglüht. Und in jäher Erkenntnis der Wahrheit zieht der Pfalzgraf sein Wiedergefundenes Weib an die Brust.

Ins Hifthorn stützt er dann. Das Gefolge naht; auch Golo. Ihn reißt mit funkelnden Blicken der Pfalzgraf aus dem Kreis der bestürzten Knappen vor Genoveva.

»Kennst du diese?«

Wie von Keulenschlägen getroffen, brach der Bösewicht zusammen und umklammerte geständig die Knie des Gebieters, der ihn verächtlich von sich stieß. Er beichtete seinen Frevel und wimmerte um Gnade. Siegfried aber schüttelte das Haupt, ließ ihn fesseln und wegführen. Schmählicher Tod ward, trotz der Pfalzgräfin Fürbitte, Golos gerechte Strafe.

Neues Glück spannte seinen lichten Himmel über den Pfalzgrafen Siegfried und sein engelgleiches Weib. Mit verdoppelter Zärtlichkeit verschwendete der Pfalzgraf seine Liebe an der gütigen Gattin und seinem blühenden Knaben. Zum Dank gegen den Himmel ließ er im Forst, wo der Hindin Spur ihn in die Höhle geführt hatte, eine Kirche bauen. Oft wallte die fromme Pfalzgräfin zu jenem Gotteshaus und pries die untrügliche Weisheit dessen, der ihrer geläuterten Seele reiche Gnaden aus Tränen erblühen ließ.

Eines Tages hat man unter tiefer Trauer ihre Hülle hinausgetragen und, dem Wunsch der Entschlafenen gemäß, in jener Kirche beigesetzt. Noch heute steht die alte Frauenkirche zu Laach in der Mayenfelder Au, noch jetzt zeigt man dem Wanderer das Grabmal, den Turm, worin sie schmachtete, die Felshöhle, worin sie litt, und niemand ist im Rheinland, der sie nicht kennt, des Pfalzgrafen Siegfried tugendreiche Gemahlin, die heilige Genoveva.

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