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Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe

Wilhelm Ruland: Rheinische Sagen - Kleine Ausgabe - Kapitel 12
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authorWilhelm Ruland
titleRheinische Sagen ? Kleine Ausgabe
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Caub

Die Pfalz

Unterhalb Kaub liegt auf einer Felseninsel im Rhein eine alte Feste, seit Jahrhunderten bekannt unter dem Namen die Pfalz. In dem düsteren Kämmerlein dieser turmreichen, trotzigen Inselfeste hat einst verschwiegene Liebe, aus dem Fürstenpalast verdrängt, sich ein Stelldichein gegeben. Das ist allerdings schon lange her. Zu Zeiten Rotbarts ist's gewesen. Dazumal lebten auf dem wasserumrauschten Kastell als Verbannte des Pfalzgrafen Konrad eigenes Gemahl und leibliches Kind, sein blühendes Töchterlein Agnes.

Und das war also gekommen. Dem Pfalzgrafen hatte der Himmel einen Sohn verwehrt, und Erbe der Güter mußte deshalb seine Tochter werden. Mächtige Fürsten des Reiches hatten sich bereits um die Hand der anmutigen Pfalzgrafentochter beworben, und selbst ein Herzog von Bayern und der König von Frankreich befanden sich unter ihnen. Aber die Maid hatte bereits ihre Wahl getroffen. Der also Beglückte war der junge, ritterliche Held Heinrich von Braunschweig. Agnes hatte ihm ihre Neigung geschenkt und ihre Mutter begünstigte den Bund.

Dem Pfalzgrafen konnte dies nicht verborgen bleiben. Die Entdeckung verstimmte ihn sehr. Herzog Heinrich war ein Welfe, also ein offener Gegner seines Bruders, des Staufenherrschers. Des Braunschweigers Schwiegerschaft war deshalb unmöglich, noch mehr aber, weil der Kaiser schon lange plante, des Pfalzgrafen Tochter mit einem Mitglied seines Hauses zu vermählen, damit die Pfalzgrafschaft den Waiblingern erhalten blieb.

Mit gerechter Besorgnis erinnerte sich der Pfalzgraf, daß der Braunschweiger nicht nur zu den schönsten Männern, sondern auch zu den kühnsten Mitgliedern der deutschen Ritterschaft gehörte. Und so ließ er eines Tages, nachdem er bis spät in die Nacht hinein die mißliche Sache reiflich überlegt hatte, die Pfalz ausnahmsweise befestigen, die düsteren Gemächer, mehr Kammern als Zimmer, reinigen und herrichten und erklärte dann seinem Ehegemahl und seiner Tochter Agnes, die er beide zu einer Fahrt nach dem Eiland bewogen hatte, mit dürren Worten, die Pfalzinsel sei fortan auf unbestimmte Zeit ihr Wohnsitz.

Die würdige Pfalzgräfin beklagte sich bitter über die ungerechte Härte ihres Eheherrn, Schön-Agnes vergoß heiße Tränen, Herr Konrad aber erklärte weise und warnend, so lange das halsstarrige Töchterlein nicht ablasse von dem Welfen, könne er seinen wohlerwogenen Vorsatz nicht ändern. Ist dann höchst befriedigt von dannen gegangen, vermeinend einen ungemein klugen Gedanken ausgeführt zu haben. Die selige Jugendzeit lag allerdings schon zu weit hinter ihm, sonst hätte er sich erinnern müssen, daß Jugendliebe ist –, um einen gar nicht dichterischen Vergleich zu gebrauchen –, wie der Nagel in der Wand: je mehr man ihn schlägt, um so fester hält er.

Hätte sich auch erinnern sollen, daß bereits der weise Mann im Hohen Lied gesteht: »Der Liebe Gluten sind Flammen Gottes, und kommen Wassergüsse und kommen Stürme, sie werden sie nimmer verlöschen.«

Und wie der Wind die Flamme anfacht und nur den Funken auslöscht, so auch hier die Trennung der Liebe: was ihr ein Hindernis sein sollte, ward ihr ein Vorteil. Unter dem Schutz der Nacht besuchte der kühne Welfenherzog verkleidet die Inselfeste. Agnes weigerte dem geliebten Mann den Eintritt nicht. Mit inbrünstigem Bitten bestürmten die beiden die Mutter, ihren Ehebund zu dulden. Ihnen vermochte die Pfalzgräfin nicht zu widerstehen.

Im Morgengrauen des folgenden Tages langte unbemerkt ein Priester auf der Inselburg an und legte die Hand des Welfen in die der Staufin. Bei spärlichem Kerzenschein ward in niedrigem Burggemach die Vermählung vollzogen. In dem stillen Kämmerlein der Pfalz hielt die Liebe, die unbesiegbare, triumphierend ihren Einzug.

Monde waren verflossen in verschwiegenem Glück. Tage standen bevor, denen die Pfalzgräfin, mehr noch Agnes, das junge Weib, mit wachsender Beklommenheit entgegensah. Dringende und zwingende Notwendigkeit war es, dem Pfalzgrafen zu enthüllen, was geschehen. Als er eines Tages, nach langer Zeit zum erstenmal, in dem Kastell erschien, stürzte ihm seine Tochter zu Füßen und enthüllte ihm aufgelöst ein zwiefaches Geheimnis. Da soll der Pfalzgraf zuerst gestanden sein wie ein versteinertes Bild und soll dann gewettert und geflucht habe in allen ihm bekannten Sprachen, bis sein sanftes Gemahl ihn mit leisen, flehenden Worten bat, der Tochter zu schonen, da sie der Schonung wohl bedürfe. Da hat des Eiferers Zorn sich merklich gelegt, und dieweil ihm sein getreues Weib zusprach, wie er nun selber unbewußt berufen gewesen sei, einer bitteren Geschlechterfehde durch sein geliebtes Kind ein Ende zu machen, da haben seine wetterharten Züge sich sichtbar aufgeklärt. Allgemach wurden sie weich und weicher, und zuletzt hat er sich zu der geliebten Tochter hinabgebeugt, sie zärtlich beim Namen genannt, und über die wasserumspülte Inselburg ist sacht der Engel der Versöhnung herniedergeschwebt.

Am Hoflager Kaiser Rotbarts zu Speyer ist Pfalzgraf Konrad erschienen und hat seinem kaiserlichen Herrn Bruder mit bittersüßer Miene Bericht erstattet. Der alte Rotbart hat dazu gelächelt und dem edlen Herrn Konrad gedankt, daß er ein Mittel gefunden habe, die Welfen den Staufen näherzubringen, hat sich auch freiwillig erboten, dem erwarteten Sprößling Patenstelle zu stehen.

Daraufhin ist in der Pfalz nachträglich ein prunkvolles Hochzeitsfest gefeiert worden, und einige Zeit nachher hat in dem dürftigen Kämmerlein der Inselburg, wo vor Monaten die Liebe, die unbesiegbare, triumphierend ihren Einzug gehalten, eines Kindes erster Schrei die glücklichste Mutter beglückt. Also hatte Herr Konrad, der Pfalzgraf, es geboten.

Noch heute zeigt man dieses Kämmerlein den Besuchern der Pfalz zur Erinnerung an jene Begebenheiten.

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