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Rezensionen und Aufsätze

Conrad Ferdinand Meyer: Rezensionen und Aufsätze - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorConrad Ferdinand Meyer
titleRezensionen und Aufsätze
publisherVerschiedene Verlage
yearo.J.
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König Roderich, Trauerspiel von Felix Dahn.

(Allgemeine Zeitung 11. Januar 1875.)

cfm.

Dieses jüngste Werk des reichbegabten und mit vollen Händen spendenden Dichters ist ein für die Bühne geschaffenes Drama, und besitzt unzweifelhaft Eigenschaften die ihm dort eine sympathische Aufnahme und einen bedeutenden Erfolg versprechen. Indeß machen sich auf jenem heißen Boden Einflüsse geltend die schwer vorauszusehen und zu berechnen sind. Es sei uns darum vergönnt »König Roderich,« nachdem wir ihn mit feinstem Verständniß vortragen gehört, unter diesem ersten Eindruck zu besprechen, bevor er über die schicksalsvollen Bretter geht.

Von Dahns Gedichten ist wohl eines der schönsten die Romanze von König Roderich und Doña Cava. Sie erzählt wie das spanische Gothenreich durch eine verhängnißvolle Liebe seines letzten Königs zerstört wurde. Einen wie dankbaren Balladenstoff die Romantik dieser Sage biete, sie genügt nicht um den Untergang eines mächtigen Reiches zu erklären, selbst für jene Zeit nicht wo die Leidenschaften des Einzelnen mächtiger in die Geschichte eines Volkes eingreifen mochten als in der unsrigen. Dießmal hat uns Dahn mit einem größeren Motiv, wie es die unter ein schärferes Urtheil fallenden Verhältnisse des Drama's erfordern, von der Nothwendigkeit jener Katastrophe überzeugt. Er läßt sie hervorgehen aus einem den Widerstand gegen die maurische Invasion im voraus vereitelnden Kampf auf Leben und Tod zwischen dem Königthum und dem Klerus des Westgothenreichs, und diese historisch kaum zu begründende Deutung stellt sich uns sofort als plausibel dar, weil sie aus einer allgemein bekannten geschichtlichen Thatsache herausgebildet ist. Ein unverhältnißmäßiges Vorwiegen der klerikalen über die weltlichen Elemente war ja die verhängnißvolle Eigenthümlichkeit, der unterscheidende historische Charakterzug des spanischen Gothenreiches. Warum sollte da nicht der Dichter einen weltlichen Gothen am Vorabend der maurischen Ueberfluthung den patriotischen Versuch machen lassen eine die Wehrkraft des Landes schwächende Priesterherrschaft zu brechen und allen Widerstand desselben in starker Königshand zu sammeln? Warum sollte er den Kühnen nicht seinen gefährlichen geistlichen Gegnern mehr noch als den Mauren unterliegen lassen?

Also Kampf zwischen Kirche und Staat. Diese beiden streitbaren, sich von altersher oft befehdenden und immer mißtrauisch messenden Mächte sind in zwei groß angelegten Gestalten personificirt, in König Roderich und dem Erzbischof Sindred. Jenem ist der Haß gegen den geistlichen Druck zum Lebensathem geworden. Auch nach Jahren des Ruhms, und jetzt die tapfere Hand nach der Krone ausstreckend, kann er es den Priestern nicht vergessen was sie seiner Jugend angethan haben.

»Sie haben unsres Hauses Grund zerstört,
Sie haben schwarz der Mutter Geist umfinstert,
Sie haben auf der Schuld des Vaters Blut,
Sie haben einer süßen Schwester Herz,
Die ich, ach! zärtlich liebte, mir entfremdet,
Sie haben meine Kindheit mir gestohlen,
Sie wollten brechen Willen mir und Geist:
Nicht ihr Verdienst ist daß ich Mann geworden.
Und, da ich ihre Ketten mit Gewalt
Zerriß aus dumpfen Klostermauern flüchtend,
Da haben sie so lange mich gehetzt,
Bis ich, verkauft als Sklav' auf fremder Küste,
Aufschreiend warf mein Haupt, verzweiflungsvoll,
Den Tod erflehend, in den Sand der Wüste.«

Will aber Roderich König werden, so muß er die Krone aus der Hand des Erzbischofs empfangen, muß er vorher die Privilegien der die Mehrheit der Königswähler bildenden Geistlichkeit beschwören. Er hilft sich und dem Lande mit einer mittelalterlichen Zweideutigkeit, feierlich gelobend:

»Nicht eher nehm' ich
Aus Sindreds Hand die Gothenkrone
Bis ich den Eid, den er verlangt, geschworen.«

Doch, einmal gewählt, läßt er die Pforten der Basilica weit öffnen, und ergreift, von dem hereinströmenden Volke nach altem Gothenrecht auf den Schild gehoben, die auf einem hohen, pfeilerartigen Altar ruhende Krone mit eigener Hand – eine hinreißende gewaltige Scene.

Doch Sindred gibt den Eigenmächtigen nicht auf. Noch verfügt er über ein Band der Liebe, um ihn zu fesseln. Doña Cava, die schöne Befreierin Roderichs, deren Vater, Graf Julian, die afrikanische Gothenfestung Ceuta beherrscht, hat ihrem Beichtiger, dem mächtigen Erzbischof, ihre Liebe zu dem geretteten Sklaven nicht verhehlt, und verlangt jetzt, mit einem verhaßten Ehebunde bedroht, von Sindred eine Freistätte. Er öffnet ihr die Pforte eines Frauenklosters in Toledo. Entweder wird dem König, so rechnet der Priester, das geliebte Weib von mir gewährt, und er fällt dadurch in meine Gewalt, oder er entweiht den heiligen Raum durch einen Nonnenraub und erliegt dem Bannfluch und dem Volkshaß. Roderich indeß, der Namen und Herkunft seiner Retterin nicht kennt und bei welchem Graf Julian sein väterliches Recht auf Doña Cava gegen den Erzbischof geltend macht, läßt durch seine Königsknappen die Klosterpforten sprengen, nimmt der heraustretenden Nonne, um sie der Welt und ihrem Vater zurückzugeben, den Schleier vom Haupt, erkennt seine unvergessene Befreierin und bietet ihr Hand und Krone an. Der Vater erhebt Einspruch, aber die Nachricht von der Uebergabe der Festung Ceuta ist angelangt, und Graf Julian wird als Verräther verhaftet. Die Erkennungsscene zwischen den Liebenden ist knapp und vielleicht um so wirkungsreicher behandelt – eine Selbstbeschränkung, die dem schwungvollen Lyriker hoch anzurechnen ist.

Jetzt auf der Höhe der Handlung treten sich Sindred und Roderich noch einmal anscheinend versöhnlich entgegen. Der König weiß es durch eine geschmeidige Haltung so zu wenden, daß der Priester ihm unverhüllt um den Preis der Fügsamkeit die Nonne zur Gemahlin anbietet, und ihm seine gefährlichen geistlichen Waffen und deren Handhabung zeigt und rühmt. Dieses Zwiegespräch ist, was der Bischof nicht ahnt, ein öffentliches. Vermittelst einer vom König getroffenen Anordnung wird es von vielen Zeugen hinter Vorhängen, die plötzlich sinken, belauscht, und vor dem versammelten Hofe beschwört der von einem Schlauem entlarvte Priester die Rache des Himmels auf Roderich herab.

Nachdem in dieser Weise der Zwiespalt zwischen König und Kirche unheilbar geworden ist, geht ein Riß durch das Gothenvolk. Roderich und Sindred eilen beide dem Untergang entgegen. Der Priester schließt ein ruchloses, ihn selbst verderbendes, Bündniß mit den Ungläubigen; der König aber, durch feigen Verrath und versuchten Meuchelmord gereizt, läßt sich zu einer Reihe von Rechtsverletzungen hinreißen, und zerhaut endlich mit einem Schwerthieb das die kirchlichen Privilegien bekräftigende Pergament. Eine dritte Macht tritt auf: das Todesschicksal des Gothenreiches, verkörpert in der stolz gemessenen Erscheinung des Maurenfeldherrn Tarek.

Die mit ein paar kühnen Strichen entworfene Schlacht von Xeres de la Frontera schließt das Stück. Roderich, von den unter die Waffen gerufenen Hörigen der Kirche im Stiche gelassen, fällt im entscheidenden Moment des Kampfes durch Meuchelmord. Doña Cava folgt dem Geliebten in den Tod.

Dieß sind die Hauptmomente der rasch und ebenmäßig fortschreitenden Handlung. Manche feinere Schönheit der Wechselbeziehung und des Contrastes kann hier kaum flüchtig angedeutet werden. Wir begnügen uns auf den milden Freund des Helden und dessen Verhältniß zu Roderichs frommer Schwester, sowie auf die erquickliche Gestalt des patriotischen Bischofs Gundemar hinzuweisen.

Der Repräsentant des kirchlichen Ehrgeizes, Erzbischof Sindred, ist mit derben Meisterstrichen hingestellt. Neben diesem kräftigen Charakterkopf scheint der trotz seiner schlauen Wildheit im ganzen ideal und etwas typisch gehaltene Held bisweilen zu erblassen. Warum begeht er nicht im geeigneten Augenblick eine kecke Frevelthat! Seine tragische Schuld vertheilt sich auf eine Reihe gewaltthätiger Handlungen, von welchen sich jede, leichter als dramatisch wünschbar ist, rechtfertigen läßt. Auch der Bau des Stückes hätte vielleicht durch ein schärferes Hervortreten der tragischen Wendung nur gewonnen.

Daß sich in diesen mittelalterlichen Kämpfen gewisse Züge der Gegenwart oft bis ins Detail spiegeln – wer könnte das dem lebenswarmen Dichter zum Vorwurf machen! Er hat ein Tendenzstück geschrieben; aber wenn er in »König Roderich« ein Schwert geschliffen, so trägt er es, wie Harmodios und Aristogeiton, in Myrten.

 

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