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Rezensionen 1902 - 1939

Stefan Zweig: Rezensionen 1902 - 1939 - Kapitel 24
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleRezensionen 1902 - 1939
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3-596-22292-3
correctorreuters@abc.de
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Einleitung zu einer zusammengefaßten Ausgabe von Jean-Jacques Rousseau's ›Emil oder Über die Erziehung‹

Emil oder Ueber die Erziehung

Eine Weltwende ist immer die rechte Stunde für Jean-Jacques Rousseau. Immer, wenn die soziale Ordnung umgeschüttelt wird, die tiefsten Probleme des gesellschaftlichen Zusammenhanges an die Oberfläche kommen, immer, wenn eine Zeit an die untersten Fundamente des Staates und des Menschen rührt, Traditionen zusammenstürzen, Gesetze ins Wanken geraten, dann wird er Bote und Berater. Denn er steht immer außerhalb der Zeit, außerhalb jeder Zeit, der ewige Anwalt der Rechte des Menschen, Zeuge eines unsichtbaren Gesetzes, das keine Gesellschaft ganz erfüllt und keine ganz verleugnet. Rousseau fängt immer ganz vom Anfang an und immer von außen her: seine Kraft ist wie die des Hebels außerhalb des Objekts tätig, nicht in der zeitlichen Epoche, sondern im ewigen Menschen. Und darum gilt er für alle Zeit. Denn er ist nicht Revolutionär gegen seine Generation, gegen seine Staatsordnung gewesen, sondern die ewige Auflehnung der Persönlichkeit gegen die Gemeinschaft, der ewige Anwalt des Menschen im Kampfe um seine Freiheit. Als den Vater der Menschenrechte hat ihn die Revolution auf den Schild gehoben, seinen Namen in den Reden des Konvents verewigt. Als den Zeuger der Anarchie hat die Reaktion seinen Leichnam aus dem Panthéon gerissen und die Reste seines Leibes in alle Winde zerstreut. Aber in jeder Weltwende ward sein Wort und sein Geist wieder lebendig.

Jean-Jacques Rousseau gehört in keine Zeit und in jede. In seinem achtzehnten Jahrhundert war er so fremd in den Salons des ancien régime, als er heute in einem Parlament oder in einer Redaktion wäre. Er sah die Probleme mit einem merkwürdig paradoxen, ganz eigentümlichen Blick: wie ein Naturmensch, wie jener Fremde aus den ›Lettres persanes‹ des Montesquieu. Er sprach über alle Dinge so, als hätte noch niemand von ihnen gesprochen. Ganz ohne Voraussetzungen, ohne Tradition, ohne Pietät, ganz so, als wäre er der erste Mensch in dieser Welt. Das war sein Erfolg. Und das ist sein ewiger Wert: daß er die wichtigsten Probleme des Menschen ganz zeitlos ansieht, und daß sie, mit ihm gesehen, ewig neu und unverbraucht wirken. Etwas von einem Urkind der Menschheit ist in ihm, etwas unverblühbar Naives, vermengt mit einer genialen Logik, jene Zweiheit von wissender Kunst und naturhafter, fast tierisch nackter Menschlichkeit, die seine ›Confessions‹ zu dem erstaunlichsten psychologischen Dokument aller Zeiten macht. Unklar, ungebildet, unreif, dilettantisch und immer genial hat er eine Revolution geschaffen, überall wo er anfing: in der Literatur, in der Psychologie, in der Kultur, im Staate. Er hat Ländern wie Amerika und Polen Konstitutionen gegeben, Rednern wie Mirabeau und Robespierre ihre Argumente, den Philosophen von Kant bis Karl Marx ihre Thesen, Dichtern wie Goethe ihre prosaische Form – durch zwei Jahrhunderte hat er gewirkt und in steter Verwandlung. Und beginnt neu in jeder Zeit, wo der Mensch sich auf sich selbst besinnt, und die Probleme der Gemeinschaft wieder einmal sich verwandelt zu formen beginnen.

*

Zeitlos ist sein Werk. Nicht seine Werke. Seine Postulate sind zum Teil überholt durch ihre Erfüllungen, zum Teil veraltet in ihren Forderungen. Manches, das richtig war, ist heute schon selbstverständlich. Manches, das falsch war, als unbrauchbar beiseite gelegt. Der ›Contrat social ‹, der ›Discours sur l'inégalité‹ sind historische Manifestationen, nicht mehr lebendige Bücher. Ihre Ideen sind in den modernen Staat eingemauert und unsichtbar wie der Grundstein in jedem Gebäude. Seine politischen und religiösen Polemiken sind vergessen, seine Opern Kuriositäten ohne Rang und Wert. Nur Kunstwerke bleiben über ihre Zeit: sie können nicht überbaut werden wie ein Grundstein vom Hause. Sie bleiben als Monumente, freiragend und allein, vor dem Horizont der Ewigkeit, oder sie sinken in die Erde der Vergessenheit.

Nur Rousseaus Kunstwerke sind uns geblieben. Die ›Confessions‹, dieses unsterbliche Dokument der Dichtung und Wahrheit, und seine zwei Romane, der pädagogische ›Emile‹ und der sentimentalische ›Die neue Heloise‹. Beide haben sie einmal die Welt erschüttert. Beide Revolutionen des Geistes und des Gefühls verursacht (immer schuf dieser erstaunliche Mensch Revolution, wenn er zur Feder griff). Ein Jahrhundert war trunken von ihnen, sie werden Vorbild unzähliger Schöpfungen – ›Werther‹ ist nicht denkbar ohne die ›Neue Heloise‹ und ›Wilhelm Meister‹ nicht ohne ›Emile‹ – Byron, Madame de Staël, die ganze Generation der Romantik suchen zärtlich und gerührt an den Ufern des Genfersees die Spuren der erfundenen Gestalten in der Landschaft. Nicht nur eine neue Literatur, auch ein neues Gefühl der Liebe, der Natur, des Empfindens beginnt mit diesen beiden Romanen, von deren beispielloser Wirkung auf ihre Zeit wir uns kaum mehr eine Vorstellung machen können.

Und auf die unsere? Welcher von beiden hat noch Wert für unsere Welt? Die ›Neue Heloise‹ ist ein Roman der Liebe, Roman des Gefühls. ›Emile‹ der Roman der Erziehung, ein Buch der Ideen. Nun meint man, das Gefühl sei das dauerhafte durch die Zeiten, die Ideen das vergängliche. Nichts ist falscher. Keine Idee stirbt ab: sie wird manchmal gleichgültig für eine Zeit, aber sie bleibt bestehen wie Kristall. Die Gefühle aber – oder besser: die Formen des Gefühls – welken ab und verblühen. Wir können den Geist einer vergangenen Epoche verstehen, nie ihr Gefühl. Die ›Neue Heloise‹, der Roman der »schönen Seelen«, ist uns heute unendlich fremd: nichts in uns spricht aus dem Sentimentalismus dieser schwülstigen Briefe, selbst die Landschaft wirkt tot auf uns oder falsch, wie die eines Claude Lorrain oder eines Poussin. Das Schäferhafte, das Larmoyante, das Süßpathetische ihrer Menschlichkeit wird heute selbst einer modernen Sentimentalen, der Urenkelin des Gefühls jener Frauen, langweilig und preziös erscheinen. Die Seele verwandelt sich eben in zwei Jahrhunderten mehr als wir wissen: nur an solchen Büchern werden wir es recht gewahr.

›Emile‹ dagegen ist ein Roman der Ideen. Ideen einer Epoche können der nächsten falsch erscheinen, aber nie werden sie ganz fremd, ja in einem geheimnisvollen Rhythmus von Ebbe und Flut strömen die eben abgestoßenen wieder uns zu, das Abgelebte von gestern wird die Wahrheit von morgen. Und in ›Emile‹ ist viel vergangene Wahrheit, viel zukünftige. Und viel ewig gegenwärtige, weil es ein Buch vom irdischen Menschen inmitten von ewigen Dingen ist.

*

Schwer faßlich, ja unfaßbar ist freilich für uns von heute die explosive Wirkung dieses ernsten weiten Werkes in seine Zeit. Im Hause einer Marschallin von Frankreich geschrieben, wird es heimlich gedruckt; kaum 1762 erschienen, erläßt die Regierung einen Haftbefehl gegen den Autor, dem sich Rousseau mit knapper Not durch Flucht in die Schweiz entzieht. Das Buch wird öffentlich an der Stufe des »grand palais« verbrannt, in Genf erneuert der Rat den Beschluß, und eine Republik, die Genfer, geht darüber in Trümmer, eine andere, die nordamerikanische, ersteht aus seinen Lehrsätzen. Ein König setzt sich an den Schreibtisch, eine Entgegnung, den ›Anti-Emile‹, zu verfassen, Immanuel Kant in Königsberg vergißt über der Lektüre seit vierzig Jahren zum erstenmal seinen täglichen Spaziergang zu machen. In Motiers schlagen die Bauern mit Steinen Rousseau die Fenster ein, und Herzoginnen in Frankreich vergießen Tränen der Rührung und beginnen, ihre Kinder wieder selbst zu stillen. In Aufruhr gerät die ganze literarische Welt, die Mode des Lebens wird eine andere, Königinnen kehren »zur Natur zurück«, spielen Schäferinnen in den Trianons, und gleichzeitig diktiert dies Buch ihren zukünftigen Anklägern, dem Konvent, die Reden und Tiraden. Wie jedes seiner Bücher ist dieser ›Emile‹ geschriebene Revolution, Umsturz des Denkens, der Sitte, des Glaubens.

Mit wohlverständlicher Neugier suchen wir heute die Explosivstoffe in diesem Kunstwerk. Und finden sie nicht. Für uns ist ›Emile‹ in seiner ungekürzten Form ein sehr langwieriges, umständliches, pädagogisch-philosophisches Werk, das oft entzückt, oft erstaunt, aber niemals revoltiert. Paradox schon durch die Tatsache, daß ein Mensch, der selbst nie Ordnung in sein Leben bringen konnte, nie in einen Beruf sich fand, die erstaunlichsten Theorien der Erziehung mit verführerischer Logik predigt, daß ein Vater, der seine fünf Kinder im Pariser Findelhaus ablegte und dem Zufall für immer überließ, die Sorgfalt für die Jugend als wesentliche Pflicht des Menschen statuiert. Paradox auch im einzelnen Argument, aber doch blendend in seiner Verwegenheit und ein Meisterwerk der Pädagogie.

Aber die Pädagogik, sie ist im letzten nur Maske. Dieses Buch handelt nicht vom Kinde, sondern vom ganzen Menschen. Es scheint nur den Anfang des Lebens zu behandeln, geht aber an den Anfang (und damit an die Wurzel) aller Probleme. Es ist die Auseinandersetzung jedes einzelnen mit der Welt. Des Kindes mit Eltern und Erziehern. Des herangewachsenen Bürgers mit dem Staat, den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen. Und – in dem »Savoyardischen Geistlichen«, dem Kronstück des Werkes – die Auseinandersetzung des Menschen mit seinem Gott. Nicht mit Gott, sondern mit seinem Gott. Denn hier ist zum erstenmal dem Menschen mit all den Rechten der Freiheit, die Rousseau ihm zuspricht, auch dieses Recht gegeben: sich seinen Gott frei zu schaffen.

Bei Rousseau fängt die Welt immer noch einmal an. Pietätlos, wunderbar außenseitig denkt er, als habe noch nie vor ihm ein Mensch gedacht. Vor ihm gab es ein Denken aus Klassen und Ständen, aus Maximen, Religionen und Traditionen, bei ihm denkt der Urmensch, der von der Gesittung freie Mensch, über die Sitte nach. Der Uhrmachersohn aus dem Armenviertel von Genf nimmt das ganze Gehäuse der Gesellschaft auseinander. Er stürzt alle Probleme um, daß ihre Fundamente offen liegen: es ist fundamentales Betrachten und darum außerzeitliches, gültig für jede Epoche und – wie ich schon sagte – besonders für jene, wo ein moralisches Erdbeben die Gebäude der Kultur erschüttert. ›Emile‹ ist eine Apologie des Rechtes, der »Menschenrechte«, die später sein Staat zum Gesetz erhoben hat und die jede Zeit aus sich selbst heraus revidieren muß, weil sie immer durch die Sitte sich versteinern, ihre feurigflüssige Form verlieren. Wie er dem Säugling die Freiheit der Bewegung zuerkennt und die Wickeln verurteilt, die ihn umschnüren, so erkennt er dem Bürger jede Freiheit gegen jede Beschränkung zu: als erster hat er seit den Griechen die Schwierigkeit neu entdeckt, die in einer Vereinigung der Pflichten des Bürgers (des sozialen Menschen) mit den Rechten der Persönlichkeit (des freien Menschen) bestehen. Alles, was er über diese Dinge sagt, insbesondere die Erschwerung dieser Beziehung durch die Kriegszeit ist wie für unsere Stunde geschrieben: das Utopische seines Verlangens überschreitet jede Realisierung, und macht es dadurch ewig zielhaft. Gewisse Forderungen, vor denen der bürgerlich disziplinierte Intellekt heute in allen Staaten zurückschreckt, hier stehen sie nackt und klar; und der Traum dieser Tage, die Vereinigung Europas zu einem friedlich-freien Völkerbunde, hier ist er statuiert. Selten war ein ewiges Buch so gerecht in einer Zeit als dieses in dieser Stunde. Eine Rückkehr zur Natur des Denkens ist darin, zum Anfang unserer Freiheit und unserer Rechte: und da eine neue Welt wieder beginnt, wird sie dieses Buch nicht entbehren können.

*

Daneben ist viel Abgestorbenes in diesem ewigen Buche des ersten »citoyen du monde«, und um es lebendig zu erhalten, mußte manches ausgeschieden werden, seine für uns unerträgliche Breite und abschweifende Redseligkeit auf ein neues Maß zurückgeführt werden. Dies wurde hier versucht, und zwar in dem Sinne, daß einerseits unterdrückt wurde, was für unsere vorgeschrittene Kenntnis, unsere lebendige Sitte selbstverständlich, andererseits, was von unserer neuen Forschung als unhaltbar erkannt wurde. So daß nur übrigblieb, was immer giltige psychologische Erkenntnis und ewig giltige Forderung ist. Wer diese komprimierte Fassung liest, soll das sichere Gefühl haben, den ›Emile‹ ganz zu kennen, ohne die – wirklich kaum erträgliche – Mühe, ihn in seiner weitschweifigen Gänze durchgeackert zu haben. Das Romanhafte, das spät beginnt, ist im wesentlichen gewahrt geblieben, ebenso das grandiose Persönlichkeitsbekenntnis des »Savoyardischen Pfarrers«. Im wesentlichen wurden die Exkursionen in das pädagogische Detail verkürzt, manche Arabeske und logischer Rösselsprung unterdrückt. Das Ewige eines zeitlichen Werkes ist immer nur zu retten, wenn man die Zeit und ihre Polemik ausscheidet und allgemeingültig macht, was allen gilt. Soll es unserer Epoche die höhere Erziehung geben, so muß es vom Anfang des Anfangs beginnen, der innen im Menschen anhebt, und der nicht im Bürger endet, sondern wieder im Menschen: in dem freien Menschen.

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