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Rezensionen 1902 - 1939

Stefan Zweig: Rezensionen 1902 - 1939 - Kapitel 16
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleRezensionen 1902 - 1939
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3-596-22292-3
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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›Rechts und Links‹ Roman von Joseph Roth

Die Zeit will von den Dichtern heute am liebsten ihr eigenes Bildnis, ihr Gestern und Heute will sie sich immer wieder und immer von anderen erzählen lassen – ein Zeichen dies, wie wenig sie im Grunde noch ihrer eigenen Richtung, ihrer seelischen Entscheidung seit dem Kriege gewiß ist. Zeugen fordert sie, Repräsentanten und Erklärer mehr als den zum Zeitlosen gewandten Dichter, und tatsächlich ist an diesem diktatorischen Willen der Zeit unsere beste Darstellungskunst heute eine episch dokumentarische geworden. Zu diesen Sprechern und Zeugen der neuen Wirklichkeit gehört sehr in vorderer Reihe Joseph Roth, der Zweiunddreißigjährige; er spricht für jene ganz tragische Generation, seine eigene, die geradeaus von der Schulbank in den Krieg getrieben und der dort in den Schützengräben und dann im Chaos der Inflation alle Naivität und Treugläubigkeit der Jugend rettungslos verschüttet wurde. Von den vielleicht zwei Millionen seiner Altersklasse hat die Hälfte der Krieg umgelegt, die meisten andern der Zurückgekehrten haben sich allmählich zurechtgefunden, eingekapselt in einen Beruf, angeklammert rechts oder links an eine Partei, an eine Weltanschauung. Aber einige und nicht wenige, wahrscheinlich die Zartesten, die Verwundbarsten, die Wertvollsten haben es heute nach einem Jahrzehnt noch immer nicht über sich gebracht, kopfüber mit geschlossenen Augen sich in irgendeine Strömung zu stürzen und mit ihr zu schwimmen, noch immer sind sie auf der Suche nach irgendeiner Kompensation für ihre verratene Jugendgläubigkeit, nach irgendeiner klaren, wahren und redlichen Einstellung zur Gegenwart. Für diese »deracinés«, für diese Entwurzelten, für diese »Wanderer, die zwei Fremden und keine Heimat haben«, spricht Joseph Roth heute in Deutschland vielleicht am eindrucksvollsten; eine »Flucht ohne Ende«, von Land zu Land, von Klasse zu Klasse, von Partei zu Partei, wahrhaftig, das sind sie, seine Bücher, ein unablässiges Sichfesthakenwollen und doch wieder Sichlosreißen, alles »Menschen nach dem Kriege«, wie einen der zahllosen auch Hans Sochaczewer jüngst in seinem Roman geschildert, die mit einem Herzen von früher her auf der realen Erde und in der wirklichen Zeit nicht mehr Fuß fassen können. Sie suchen seelische Heimat in Deutschland und finden sie nicht, sie fahren nach Frankreich, nach Rußland, alle Länder durchstreifen sie, an alle Klassen und Sitten und Parteien und Gruppen versuchen sie sich anzugliedern, aber immer vergeblich, und dieses Suchen von vielen Einzelnen, dieses unablässige Versuchen macht sie, obwohl Kommunist der eine, obwohl Rechtsradikaler der andere, einander im tiefsten Sinne zeitbruderhaft. Alle diese Menschen Joseph Roths haben einen unheimlich wachen, haben seinen eigenen gefährlich mißtrauischen Blick gegen das Leben. Sie lassen sich nicht täuschen, obwohl sie alle heimlich beneiden, die sich billig täuschen lassen können, die sich Illusionen, Gläubigkeiten, politischen Parolen oder äußeren Erfolgen hingeben: in ihrer Pupille ist die Linse des Mißtrauens durch zu viel scharfe Jahre zu schmerzhaft geschliffen worden, als daß sie mit ihrem strengen, nüchternen Blick nicht alle Unwahrhaftigkeiten und vor allem die der eigenen Haltung sofort durchschauten. Diese Einstellung, diese mitleidslos wache wirkt, ich gebe es zu, zunächst bedrückend in den Büchern Joseph Roths, es quält einen, daß sie so furchtbar auswegslos sind, so unsentimentalisch, desillusionierend, und ich kann es auch verstehen, daß aus diesem Grunde seine blendend geschriebenen, seine mit Wirklichkeit überfüllten Romane bisher noch keine rechte Weitwirkung gefunden haben. Denn aus instinktivem Bedürfnis braucht die Generation von heute zunächst Bejahung und Bestärkung ihrer selbst, und aus Selbsterhaltungstrieb fürchtet sie sich vor dichterischen Dokumenten, die ihre eigenen Betroffenheiten und Ungewißheiten zu deutlich enthüllen. Darum bleiben die Bücher Joseph Roths aber nicht minder gerade und wahr, denn die große Allgemeinheit in Deutschland, die ihre innere Verwirrtheit heute mit rasender Zehnstundenarbeit überrennt oder mit politischen Parolen überschreit, sie weiß gar nicht, wieviel solcher seelisch Verwundeter und in ihrem organischen Wachstum durch den Krieg gehemmter Naturen hinter Nachbartüren und Fenstern heute noch immer vom Gefühl ihrer Unzuständigkeit in der Zeit gequält sind und wie wichtig gerade diesen ein solches Seelenbildnis ihres allerheimlichsten Kampfes wird. Und dies macht das besondere der Bücher Joseph Roths für mein Gefühl aus, daß sie einen dermaßen verworrenen Seelenzustand mit der äußersten Klarheit, mit einer bis zum kleinsten Kiesel unter der Strömung hinableuchtenden Transparenz darstellen, daß sie unbarmherzig exakt sind in ihren harten Feststellungen, köstlich frisch gleichzeitig bei bitterem Geschmack. Innerlich sehr erschüttert, im Menschlichen bis zur Verzweiflung erregt und bewegt, stellt Joseph Roth als Künstler mit einer unheimlichen Sicherheit und Umrißkraft jeden einzelnen Menschen, jede einzelne soziologische Erscheinung dar. Er kennt das ganze Triebwerk der Gesellschaftsmaschine bis in die letzte verborgen wirkende Feder, bis in die kleinste, wichtigste Kraftumschaltungsstelle, und ebenso sicher legt er, ohne jedweder pathetischer Vergrößerung und Vergröberung zu bedürfen, die Krankheitskeimzelle jeder einzelnen Psyche dar. Er hat gefährlich wache Nerven, dieser Joseph Roth, Nerven, die auf jede Unechtheit und Undeutlichkeit geradezu schmerzhaft reagieren, er duldet kein Auswaschen und Vorbeischwindeln vor dem Gewissen, er stört jedem einzelnen seiner Menschen die auch kunstvollste Verstellung. Darum geht es sehr hell zu in seinen Romanen, freilich nicht recht taghell, also mit stark ozonhaltiger, von Sonne durchfilterter Luft, es ist vielmehr die glasklare, metallische Klarheit eines Seziersaales, wo ein komplizierter Fall am innersten Gewebe mit dem Skalpell demonstriert wird. Diese glasklare, aber darum nicht kalte Helligkeit waltet auch in seiner Sprache, die, wie der Silhouetteur mit dem Messer, in allerreinster Linie und dabei mit sparsamster Technik jedes Geschehnis umreißt und deren prosaische Lichthelligkeit, deren Rechtschaffenheit schon im ästhetischen Sinn auf das wohltuendste berührt: so kommt alles Lastende, Schwere und Bedrückende immer nur vom Innersten, von seiner Seelenmattigkeit, kurzum daher, daß im letzten alle seine Bücher vorerst nur furchtbar klare und wahre Diagnosen der Zeit sind und noch nicht der Versuch einer Therapie. Immer steht am letzten Wegkreuz seiner Erzählungen ein unsichtbares Fragezeichen, ein Ich-weiß-nicht-Wohin seiner Menschen, sie gehen ungeheilt aus ihren Lehrjahren und Wanderjahren an allen Erkenntnissen und Erfahrungen ernüchtert vorbei, aber keiner kommt ganz zu sich auf dieser »Flucht ohne Ende«, zu seiner endgültigen Entelechie, zu einem dauerhaften Bezuge zur Welt.

Auch ein neues Buch, ebenso wirklichkeitshaltig, ebenso geistig belebt und hellsichtig beschwingt wie die früheren, auch der Roman ›Rechts und Links‹ hat keine rechte Antwort. Beide Brüder, der jüngere und der ältere, gehen nicht so sehr ihren eigenen Weg als sie geschoben werden von starken Kräften und keineswegs der Richtung zu, die ihre innerste, ihre eigenste ist. Aber zum erstenmal erscheint hier eine Gestalt, der man die Kraft zutraut, mit dem Ich als Problem und mit dem Leben als Aufgabe schließlich fertig zu werden, Nikolai Brandeis, ein Skeptiker auch er, aber ein Skeptiker auf einer schon höheren Linie. Ein Mann der Erfolg hat, aber sich von ihm nicht haben läßt, der nicht von vornweg an der Zeit verächtlich vorübergeht, sondern so stark ist, daß er es unternehmen kann, souverän mit ihr zu spielen. Dieser Nikolai Brandeis ist der erste positive Mensch, den Joseph Roth bisher geschaffen hat, und sein Schicksal vorerst nur an- und noch nicht ausgedeutet, sondern einem nächsten Roman vorbehalten; aber immerhin zum erstenmal ein neuer Wille, die eigene Resignation zu überwinden, der Hemmungen und Beklemmnisse künstlerisch Herr zu werden und aus einer eigenen Figur sich selbst Kraft und Sicherheit zuzusprechen. Mit ihm scheint Joseph Roth eine Gewissenskrise überwunden zu haben. Denn alle skeptische Kunst hat nur zwei Wege, um fruchtbar zu werden, den zur Ironie, die kontrapunktisch die innere Schwere entlastet: sie führt zu einer Kunst, wie sie die Engländer in Dickens und Shaw, die Franzosen in Anatole France dankbar besitzen. Oder den andern, daß sie sich befreit vom Unglauben an die Zeit durch Leidenschaft zum Zeitlosen und Überdauernden. Beide Wege sind Joseph Roth, einem der stärksten prosaischen Talente, die in den letzten Jahren neu zu uns kamen, heute noch wahlfrei; ihm fehlt eigentlich nichts als der letzte Mut zu sich selbst, um der zu werden, der er seiner seelischen Intensität, seiner besonderen Erzählerkunst, seiner weiten Wirklichkeitskenntnis zufolge längst schon ist: ein entscheidender Gestalter. Nur der Mut hat ihm bislang gefehlt, sich die Nerven vom schlechten Dunst der Zeit nicht niederdrücken zu lassen, nur die Entschlossenheit, so reiche psychologische Kraft an größere, panoramisch weiterwirkende Werke zu wenden. Er braucht nur zu wollen, und die Wirkung in die Zeit, die in unrechtmäßiger und doch seelisch verständlicher Weise ihm noch nicht genügsam zugefallen, sie wird ihm unbedingt gehören.

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