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Rezensionen 1902 - 1939

Stefan Zweig: Rezensionen 1902 - 1939 - Kapitel 14
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleRezensionen 1902 - 1939
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3-596-22292-3
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Albert Ehrensteins Gedichte

Von den neueren deutschen Dichtern ist mir eigentlich keiner bekannt, der so sehr wie Albert Ehrenstein aus Widerstand gegen die Wirklichkeit entstanden ist, und kaum einer, der auch mehr Widerstand in der Anerkennung zu erwarten hat. Er ist unbequem für die Bequemlichkeit der meisten kritischen Betrachter, weil er der Zuteilung widerstrebt und als produktives Chaos nirgends in eine literarische Ordnung hinein will. Er ist aber außerdem schon in seiner Veranlagung dem Begriff, den man in Deutschland dem Dichter entgegenbringt, entgegengeartet. Denn nichts fehlt ihm so sehr wie das, worin man beim deutschen Dichter sonst die wesentliche Wurzel des lyrischen, ja des poetischen Triebs überhaupt zu finden gewohnt ist: das Gemüt, das mit seiner sanften Empfänglichkeit Eindrücke und Empfindungen harmonisiert, das Schwingung erzeugt und durch die Schwingung Melodie. Nichts ist nun Ehrenstein polarer als dieser Begriff des Gemütes. Fanatisch, abrupt, vehement (unwillkürlich gebraucht man Fremdworte für seine Fremdheit) schleudert er seine Reizungen von sich in einer explosiven, flammenden Art, die nur durch ihre erstaunliche Intensität zum künstlerischen Phänomen wird. Mit der brennenden Lauge der Ironie und der ätzenden Säure des Witzes frißt er sich ein in die Dinge, bohrt er sich in seine künstlerischen Probleme, um sie dann vom Mittelpunkt mit der ihm innewohnenden Explosivkraft aufzusprengen und durch diese gewaltsame Art Wesentlichstes zu entblößen. Es ist ein künstlerischer Vorgang ohne Analogie, dieses Bewältigen der Gegenstände durch Zersprengung, und deutlicher noch als in den beiden Prosabüchern, dem nicht genug bemerkten ›Tubutsch‹ und ›Selbstmord eines Katers‹, kann man in seinen zwei neuen Gedichtbüchern dieser Eigenart gerecht zu werden versuchen.

Die beiden gleichzeitig erschienenen Gedichtbücher Ehrensteins, kostbar gedruckt, in schönen, geschmackvollen Folianten dargeboten, sind vorerst nur einem begrenzten Leserkreis zugedacht und bloß in dreihundert Exemplaren herausgegeben, offenbar um Ärgernis und Mißverständnis zu vermeiden. Denn dem Mißverstehen sind diese Gedichte stärker ausgesetzt als die einer jeden anderen dichterischen Erscheinung unserer Zeit, weil sie die gangbaren und meist aus Bequemlichkeit festgefügten Vorstellungen vom lyrischen Gedicht aufs grimmigste zerfetzen und schon irgendwie im Untersten des Ursprungs sich absondern von allen einlinigen, einfachen, literarischen Voraussetzungen. Gemeine Psychologie operiert gern mit Einheiten, rechnet mit einfachen Stimmungselementen auf der Rechentafel des Verstandes, und dieses Einmaleins des Verstehens ist gänzlich unzulänglich gegenüber einer so vielfachen Differenziertheit, gegenüber der unaufgelösten Gleichung, wie sie Ehrenstein als Dichter bedeutet. Wenn ein Gedicht (nach der normalen Auffassung) Entäußerung einer geschlossenen gebundenen Stimmung, eine Harmonie, einen Ausgleich, eine Restlosigkeit, eine Lösung und Erlösung bedeutet, so wären Ehrensteins Gedichte oder die meisten seiner Gedichte keine. Sie sind fast sämtlich in ihren Elementen unverbunden, sind aus Süßem und Saurem, aus Witz und Ekstase phantastisch gemengt, und ihre Harmonie ist wie die der allermodernsten Musik aus einem höheren Einklang von Dissonanzen gefügt.

Aber gerade das Wesentliche an diesem Dichter ist seine Uneinigkeit, sein Vielklang, ist das Phänomen, daß Obertöne und Untertöne in schärfstem Kontrast durcheinanderklingen, Doppelstimmen des bewußten Gefühls sich überkreuzen und schneiden, daß – wie in den Bildern Kokoschkas, den er aus unbewußt bewußter Affinität so sehr liebt – gleichsam verschiedene Gesichter der Seele in widerstreitenden Linien sich zu einer Einheit formen und hinter die Epidermis der Dinge mit Leidenschaft und stärkster gedanklicher Inbrunst dringen. In Ehrenstein ist das Chaos eine Kraft. Selbst die Urelemente der Zeit und des Raumes sind in seiner Seele noch nicht gebunden, eine angefangene und noch unausgelebte Kindheit grenzt geistig ganz unvermittelt an eine kalte und wissende Greisenhaftigkeit; idealer Aufschwung, in reinem Bogen sich wölbend, wird plötzlich von scharfem geistigen und fast fleischlichen Witz durchschnitten wie eine weiche, blühende Wiesenlandschaft von einem wirbelnden, fauchenden und stinkenden Automobil; in eine geisterhafte, vorweltliche Irrealität bricht plötzlich brutalste Wirklichkeit, und andererseits glänzen plötzlich durch die zerbrochenen Wände eines Nachtcafés Siriussterne und kreisende Kometen fremder Himmel hinein.

Ehrenstein empfindet ganz raumlos, ganz außerweltlich, er dichtet zeitlos, und bewußt, wie er ist, empfindet er die Zeit, die aus genauen Minuten, ebenmäßigen Sekunden, gleichschlagenden Stunden zusammengesetzt ist, sie, die das Chaos des Lebens in eine Ordnung mechanisieren will, als seinen Feind, seinen dämonischen Widersacher, er fühlt den Raum, die Welt als seinen Gegner, als Hemmnis seines kosmischen Triebs. Das Zerklüftete in ihm sucht an beiden Enden die gestaltete Harmonie des Seins anzufassen und sie wieder auseinanderzubrechen in die alte Dynamik ihres Urbeginns, ihr die verlorene Polarität zurückzugeben und alles Geschlossene, Weiche, Weibische, und die Frau darum selbst in ihrer empfänglichen Nachgiebigkeit wird ihm zum Antichrist des wahren Lebensgefühls: der Revolte. Eine gewisse Raserei des Kontrastes, aber eine wahrhaft vital erlebte, überträgt diesen Zwiespalt ins Sprachliche und schafft sich durch die Mischung ekstatischer und ironischer Elemente eine Form, die erst schmerzhaft wirkt wie jede Dissonanz, aber allmählich in ihrer steten und immer organischen Steigerung eine Tonfarbe erzielt, eine ganz eigene real-rhapsodische Rhythmik, die unvergeßbar und unverlierbar ist. Diese Empörung des zerkreuzten und doppelempfindenden Menschen, bestrebt, den Widersinn einer Welt, die ihr purpurnes Chaos durchaus in eine fleischfarbene Ordnung verwandeln will, heiß zu erhalten, bekommt allmählich eine hinreißende Logik, die individuell überzeugend wird und diesem lyrischen Kampfeines einzelnen eine wilde Großartigkeit gibt. Etwas ganz Einmaliges lebt sich hier aus.

Ehrensteins Bedeutung als Lyriker scheint mir darum nicht wie bei den meisten in seiner Harmonie zu liegen, sondern in seiner Intensität. Die Unverbundenheit der poetischen Elemente, die einen erst erschreckt, kompensiert sich durch die ganz ungewöhnliche Eruption ihres Ausbruchs. Alle Empfindungen sind potenziert. Der Lyrismus ist von Hölderlinscher Ekstatik, seine Sinnlichkeit reckt sich nackt und aufrecht wie ein Schamteil, seine Bosheit bäumt sich zähnefletschend und gefährlich wie die eines Pavians, seine logische Kälte hat etwas von der schaurigen Erfrorenheit abgelebter und erstorbener Welten. Alle diese Elemente sind bis zur äußersten Wildheit gesteigert und haben kaum Raum mehr in der Realität. Sie sind zu scharf, zu spitz, zu ungebärdig, um sich bräutlich zu vermählen der sanften Umarmung der Melodie, sie begatten sich nur manchmal wollüstig für Sekunden, ohne darum ihre Urfeindschaft aufzugeben. Aber mit allen Elementen, mit den disparatesten zugleich, mit Zynismus und Romantik, widerstrebt er dem Bestehenden (irgendwo im letzten sind ja Zynismus und Romantik als Verneinung irgendeine Identität) und stellt sich entschlossen außerhalb der letzten Begrenzungen des Irdischen, außerhalb von Raum und Zeit. Und auch dieses Außensein wieder ist bis zum Äußersten getrieben. Selbst die stärksten Zeitgeschehnisse seiner Lebenswelt, selbst der Krieg, scheinen ihm noch wesenlos und episodisch gegen die wirklichen kosmischen Verwandlungen. Seine wahre Welt ist das Außerhalb. Für ihn »hat die Seele keinen Bosporus und keine Vogesen«, und irgendein kleines Begegnen kann sein anarchisches Weltgefühl stärker entzünden als das im gemeinen Sinn Belangreichste.

Wie ungewöhnliche Sprachkräftigkeit diese Vehemenz des Fühlens formt und manchmal zu brennenden Pfeilen spitzt, die das Innerste treffen, müßte im einzelnen weitläufiger verfolgt werden, und überhaupt fordert das merkwürdige, außerzeitliche Phänomen dieses Dichters zur Ausführlichkeit, zu Theoretik und Polemik heraus. Denn bei Ehrenstein handelt es sich nicht um literarische Wertschätzung einzelner lyrischer Gebilde (von denen mir manche vollendet, manche fahrlässig und nur Produkte gelegentlicher Reizungen scheinen), sondern um einen Typus nicht des Talents, sondern der Genialität, der sich begrifflich nicht gut umgrenzen läßt und der vor allem in seiner Einmaligkeit innere Umschaltungen verlangt, die selbst wieder eine gewisse Leidenschaft zum Außergewöhnlichen, ein Aufgetansein für neue Formen, eine Losgelöstheit von innerer Bindung, eine Absage an die eigenen Sympathien und Vorlieben erfordern. Man muß selbst die Fähigkeit haben, sich nach außen stellen zu können, außerhalb aller seiner lyrischen Vorgefaßtheiten und literarischen Begrenztheit, um hier frei bewundern zu können, und es soll mich für Ehrenstein freuen, wenn er in Deutschland vorläufig nur die Dreihundert findet, denen seine beiden lyrischen Bücher zunächst zugedacht sind.

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