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Respektlose Geschichten

Paul Wertheimer: Respektlose Geschichten - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRespektlose Geschichten
authorPaul Wertheimer
year1930
firstpub1929
publisherAmalthea-Verlag
addressZürich ? Leipzig ? Wien
titleRespektlose Geschichten
pages239
created20090721
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Helenas Heimkehr

(Eine homerisch-offenbachische Phantasie)

An einem Frühlingsmorgen voll unendlicher Heiterkeit fuhr ich zum erstenmal dem griechischen Gestade entgegen. Von Korkyra herüber winkten Myrten, Lorbeer und Oliven in zarter, weißschimmernder Reihe, während das Gebirge dahinter, von Wolken des Donnerers Kronion umhüllt, ernsthaft in das hingeträumte Blau des Himmels tauchte; darüber in rötlichen Abendschleiern die Sonne Homers. All die reisigen und lieblichen Gestalten, Götter, Helden und herrliche Frauen, schwebten aus dem Schilf, durch das sich eben das Heck knirschend drängte, zu mir herüber. Ich lag am Strand und blickte in das stille veilchenfarbene Meer, und meine Gedanken taumelten lichtfroh wie drüben die weißen Falter um das Bild einer fernen, ungetreuen und lockenden Frau.

Da rauscht' es im Schilf und ein gar wohlgestaltetes Paar hob sich aus dem in der Dämmerung weinfarbig dahinfließenden Gewässer. Die Frau glich an Haltung und Wuchs völlig einer Unsterblichen; sie war umweht von einem silbrig-grün glitzernden Schleier, und um die wundersam gewölbten Lippen spielte das ambrosische Lächeln. Ich erkannte sie sogleich: es war Helena. Neben ihr dieser 6 breitschultrige Held, das konnte kein anderer sein als der leider gehörnte Gemahl, der Rufer, auch im Ehestreit, Menelaos. Nur trug er zu meinem Erstaunen das braungelockte Haar, das ich mir bei dem verwilderten Krieger immer ein wenig wirr und zottelig gedacht hatte, sorgsam, beinahe in der weichlichen Art seines Rivalen, des Stutzers und Entführers Paris, geglättet und mit Nardenöl gesalbt, auch hielt er im Arm statt des ingrimmigen Schwertes eine goldene Leier, die man desgleichen bisher immer dem Paris angedichtet.

Der Otternhelm und das schwärzliche Wolfsfell aber, das die mannhafte Brust des Menelaos decken sollte, flatterte seltsamerweise um die zarten Schultern des feinen Prinzen Paris, der hinter dem stattlichen Paar einhertrottete, demütig und verschämt, als fehle ihm etwas Wesentliches. »Noch immer ein dreieckiges Verhältnis, auch nach der Heimkehr Helenas zu dir, dem männermordenden Menelaos?« fragte ihn unhomerisch mein Blick, dabei hab' ich gewiß bereits ein wenig offenbachisch geschmunzelt. »Wir drei«, begann jetzt der lockenumwallte Held Menelaos, »das ist eine ganze, sehr seltsame Geschichte. Keines Sängers Mund hat sie bisher gekündet, auch nicht des Blinden, der die Wunder deiner Schönheit, o Helena, den Menschen verlockend offenbarte. Denn keiner hat es bedacht, um wieviel leichter der völkerverschlingende Menelaos Troja bezwungen, als dich, o Helena, wieder erobert hat.« Und Menelaos erzählte, zuweilen die Leier 7 schlagend und den Göttern dankend, erzählte die Frühlingsnacht hindurch, bis die Morgenröte rosenfingrig erwachte. Alle Götter und Göttinnen stiegen aus der Flut der Nacht und des Meeres und lagerten sich zuhorchend im Kreise. Vater Zeus, der ja Ehegeschichten immer gerne vernimmt, neigte sich neugierig und schmerzlich seufzend, in Gedanken an die lilienarmige Here, aus dem Nebel. Die silberfüßige Thetis schnellte mit den Delphinen im Mondlicht aus der Tiefe, sogar der alte, graubärtige Okeanos selbst rauschte mit seinen Töchtern, den Nereiden und Nymphen, aus den weichen, im blauen Glanz sich wiegenden Wellen verwundert herauf.

*

Menelaos aber erzählte also: »Das hochtürmige Troja, die trotzige Feste des Priamos, war endlich gesunken. Krachend barsten die Mauern, schreiend, die eschenen Speere und Fackeln gewaltig schwingend, stürmten die Achaier in die Stadt durch das siebenfach gespaltene Tor. Jetzt wollten sie endlich den Lohn für so viele durchwachte, sorgengraue Nächte, für Tage, die vom Blut troffen, heimtragen – Beute und Weiber. Wie ein Sturm stürzten all die Helden in die schreiende, aufprasselnde, um Erbarmen winselnde Stadt: Ajax, der finster blickende Diomedes, das buntgefleckte Pardelvlies mächtig um die Schultern geworfen, als erster mein Bruder, der stürmende Völkerfürst Agamemnon mit dem erbarmungslosen, elf Ellen langen Speer; hinter 8 den Führern raste das Volk, schildgewappnete Männer. Sie alle tobten zum marmorhalligen, goldenen Palast des Priamos hin, eh' er völlig in den Flammen zerbarst. Sie schleppten Helme und genabelte Schilde aus den Rüstkammern, purpurne Gewebe und Gewänder aus den Frauengemächern. Die Frauen aber, die flehend, den Säugling hochhebend, ihr Knie umfaßten, schleiften sie mit nichten, nach der Sitte der Barbaren, bei den gelösten Locken in ihr Zelt. Sie faßten diese vielmehr, wenn sie hold und rosenwangig waren, behutsam an der Hand und führten die Mägdlein, die Freude des Lagers mit ihnen zu teilen, in die liebe Heimat.

Nur ich, o Fremdling, um dessen erlittene Kränkung dieser männermordende Kampf entlodert war, stand abseits vom Getümmel, knirschend vor Schmerz und dunkler Wut. Linde Sehnsucht und tobendes Feuer mengten sich mir in der Brust wie im Mischkrug Wasser und glühender korynthischer Wein. Heute mußte diese Frau, die vor zehn Jahren mit allen Schätzen aus meinem Hause geflohen war und meine Treue mit unendlicher Schmach gelohnt hatte, meinem Willen sich beugen und meiner strafenden Hand. Hätte ich sie an diesem Tage im Gemach des weibischen Verführers« – er lächelte verächtlich zu Paris hinüber – »unter Linnen und Decken verborgen, ängstlich geschmiegt, angetroffen, – ich gleiche nicht den Barbaren, o Fremdling, aber ich hätte sie, den hungrigen Schmerz zu sättigen, mit diesen Händen erdrosselt. Darum riet mir 9 Odysseus, der stets Besonnene: ›Heute darfst du ihr, edler Menelaos, noch nicht in das männerbetörende Antlitz sehen. Wo die Feldschlacht am wildesten heulte, auf dem Blachfeld, an der Buche vor dem skäischen Tor, errichte ein Zelt. Zier' es mit blutigen Kriegstrophäen, bedecke den Estrich mit stierhäutigen Schilden und stacheligen Brustwehren und gebiete ihr furchtbar von deinem erzenen Thron.

Du selbst umschirme dein wildlockiges Haupt mit dem Otternhelm, daß der Helmbusch, entsetzenwehend, auf und nieder walle. Die Brust aber sollst du mit dem zotteligen Wolfsfell umgürten, dem kein Feind jemals zu trotzen wagte. Ich will inzwischen Helena für dich mit allen Schätzen fahen. Demütig gehüllt in ihren Schleier, soll sie, das schuldige Haupt zur Erde gebeugt, zitternd dein Zelt betreten, soll, die Ehrlose, Pflichtvergessene, dein Knie umklammern und von dir, dem bitter gekränkten Gemahl, Verzeihung erfleh'n. Sühne soll dir aber vor allen hier versammelten Völkern werden. Ich sammle, während sie deinem Zorn gegenübertritt, alle Fürsten, alle Führer, alle Scharen. Und wenn ich dich drin so ungestüm toben höre, wie es sich geziemt, zerschneid' ich die Schnüre des Zeltes. Die Wände fallen – und alle Völker werden es schauen, und treulosen Frauen für immer ein warnendes Vorbild, in die entfernteste Heimat verkünden: wie Helena vor Menelaos kniete. Jenem Paris aber, den ich gefesselt in das Zelt schleife‹, so riet Odysseus, ›renne dann sogleich deinen unerbittlichen Speer in seinen 10 üppig gesalbten Nacken. Helena aber soll dir als deine Magd in die Heimat folgen, soll die Fliesen des Palastes scheuern, soll für dich Wasser aus dem Quell schöpfen, um deine Füße zu netzen‹.«

Durch die strengen Schleier der Nacht lugte jetzt ein erstes vorwitziges Mondesflimmern. Oder war es das tändelnde, fast ein wenig spöttische, launische Lächeln Helenas? Menelaos, der völkerverschlingende Held, fuhr aber, in der Erinnerung tiefaufseufzend, fort:

»Ich umschirmte also mein wildlockiges Haupt mit dem Otternhelm, daß der Roßbusch fürchterlich wallte, und umgürtete mich mit dem Zottelfell. So schritt ich vor dem rasch errichteten Zelt zweimal zwölf Stunden, mich nur von meinem Grimm nährend, wie ein zorniger Tiger, bevor er das Lamm zerreißt. Es war ein Frühlingstag wie dieser. Der tauige Lotos, der buntfarbige Krokus, die lockern Sträuße der Hyazinthen blühten aus der blutgedüngten Erde gar lieblich um die aufgeworfenen, noch immer rauchenden Totenhügel. Der Skamandros rauschte traurig, weil Ilions Feste dahingesunken, zum hügeligen Strand durch die blumige Au. Meine Gedanken aber schwärmten wie Bienen zu dieser süßduftenden Blume, die mein Fuß zertreten sollte: Helena. Einstweilen schritt ich aber, sehr finster blickend, vor dem Zelt auf und nieder, bis zwei zarte Jünglinge, von Odysseus als Herolde gesandt, mir verkündeten: nun sei die Stunde nah, ich möge, den Zorn sammelnd, im Zelt verweilen.

11 Zugleich wehte als Bote des Zeus der leichthin schwebende Zephir heran und meldete mir Helenas Nahen. Er trug aber auch den Duft vom Krokos und von den Hyazinthen herüber und wollte mein Herz einwiegen.

Da vernahm ich plötzlich ein staunendes, fragendes Murmeln wie von Tausenden rings um das Zelt. ›Helena! Helena!‹ scholl es die erzenen Reihen der Männer hin, bis alle Rufe jäh verstummten. Und Helena betrat das Zelt. Ich saß starr, den Augenblick erwartend, da sie meine erzumschienten Knie, um Vergebung flehend, berühren würde. Die Augenblicke rollten hin, mein Herz pochte wild – ich wartete noch immer, sah zürnend nieder –, und sah Helena mir gegenüber im hellen, kunstreich durchwirkten Gewand, golden wie Aphrodite selbst gegürtet, wunderbar umduftet; ihre Gestalt, der Artemis gleich, lächelte durch die verhüllenden Schleier. Und fast umschattete mich Nacht, mich, den Helden, den hochgepriesenen, den Sieger im Faustkampf, im Wagenrennen, im Bogenschießen, im Speerwurf; ich fühlte, wie mein Szepter schwankte und der Roßbusch, so tief neigte ich mich, um durch den Schleier zu spähen, beinahe zur Erde niederknickte. Sie aber kam gar lieblich einhergeschritten und lächelte unschuldsvoll, als wäre sie erst gestern bei mir gewesen, mit keineswegs demutgebeugtem Nacken hinweg über Menelaos, ihres Gebieters, wehrhaften Zorn.

›Wo sind‹, hubst du, o Helena, damals an, noch 12 weiß ich jedes deiner Worte, ›wo sind meine Dienerinnen, die geschmückten und festlich gekränzten? Ich bin es gewohnt, hundert schön gegürtete Jungfrauen in meinem Gefolge zu sehen.‹ Also sprachst du, o Helena, während dieser Paris hier mit gekräuseltem Haupthaar im duftigen Leibrock sein Schicksal erharrte.

›Man soll dir die hundert Jungfrauen zum Geleit nicht weigern‹, murmelte ich – Aphrodite selbst lenkte meine Worte.

Du aber frugst, wiederum lächelnd, weiter: ›Ist mir auch das duftige Bad mit Narden und köstlichem Gewürz wie im Palast des Priamos bereitet, die Wanne, schön geformt und edel geglättet?‹

›Wir haben‹, versetzte ich finster, ›im Lager der Helden hier keine schön geglättete Wanne. Wir springen in den Scamandros, um den göttlichen Leib zu baden.‹

›Soll etwa auch Helena in den Scamandros springen?‹ erwidertest du, o Göttergleiche, und deine Stimme ward wie der Klang der Flöte des Apollon.

›Vielleicht hat Agamemnon, der Männertöter, solch ein fremdes, köstliches Gerät?‹

Und ich, der die Ehebrecherin hatte richten wollen, saß mit dem Otternhelm und dem zotteligen Wolfsfell bekümmert da, weil mir die Götter für mein treuloses Weib keine schön geglättete Wanne verliehen hatten.

Du aber, o Helena, sprachst mit heiterer, aller Ehrfurcht entbehrenden Anmut die geflügelten Worte:

13 ›Dafür haben sie dir ein garstiges Wolfsfell umgehängt. Du gleichst ja einem Untier des Waldes. Also gefällt man wohlgehegten Frauen gar übel. Sieh nur, wie Paris dort prangt mit zierlich gesträhltem Lockengekräusel, sorglich gefälteltem Leibrock, buntgeriemter Sandale und dem glänzenden, schön gefärbten Fingernagel?‹

Wie mir nun Paris, der müßige Weichling, Sieger nur im Frauengemach, zum Muster gestellt ward, da schüttelte mich schwarze Wut. Ich erbebte. Die Augen traten mir wie dem donnernden Berglöwen aus den Höhlen. Ich riß aus der Scheide das Schwert, mit dem ich zehntausend trojanische Frauen mit einem Streich so oft zu Witwen gemacht hatte, um damit des Paris gekräuselten Kopf vom gesalbten Nacken zu trennen – aber da – meine Kraft versagte. Helena hatte mit dem ambrosischen Finger das wilde Gelock meines Hauptes berührt.

›Helena‹, schrie ich jetzt auf, ›du weißt, daß du meine Sklavin geworden bist, daß ich die verletzte Treue mit deinem Tod strafen könnte. Ich gewähre dir das Leben, ich erhöhe dich zu meiner Gattin, aber entschleiere mir dein Angesicht – –.‹«

Nun flammte Helena, die bisher lächelnd abseits gestanden, jäh aus ihrer dem kühlen Meere gleichen Ruhe auf: »Ich aber rief dir zu, o Menelaos: noch bin ich deine Gattin nicht! Mit dieser spitzen Nadel durchbohr' ich mich selbst, eh' ich mich einem fremden Mann entschleiere. Mich soll keiner, auch nicht der Mann, dem ich einstmals vermählt wurde, 14 in seine Arme zwingen, wenn es nicht die Lockung der Aphrodite gebietet – und meine schimmernde Nadel, die ich im Gürtel verborgen hielt, zuckte jäh durch die Nacht.«

»Da schrie ich« – fuhr Menelaos fort – »in bleichem Entsetzen auf: ›Töte dich nicht! Zerstöre nicht diesen Leib, um den dich die schönhüftige Artemis selbst beneidet! So fleh' ich dich an: laß mich unverhüllt dein Antlitz schauen! Ich reiße dir den Schleier vom Angesicht . . .‹ Ich entrang ihr den Dolch, zerrte ihr den Schleier vom Haupt, mein Schrei des unbändigen Verlangens, des gekränkten Stolzes, der entfesselten Raserei gellte durch das Zelt – und ich sah Helena hüllenlos wieder . . . nach zehn Jahren. Und ich erkannte jetzt, daß keiner der kunstformenden Götter ein herrlicheres Werk in Erz oder Marmor gebildet hatte. Verzeihung erflehend umklammerte ich, Menelaos, der gewappnete, Schrecken vor sich herbrausende Held, die Knie meines treulosen Weibes.

Da – ein Schnitt wie von einem Schwerte, – die Schnüre des Zeltes glitten nieder und im Schimmer der ersten Abendröte stand Helena da, in blendender Nacktheit, in schleierlosem Glanz vor der Versammlung der Fürsten, vor den um das Zelt gescharten Völkern. Nun sahen alle, denen durch zehn Jahre kein achaisches Frauenbild geleuchtet hatte, die Leuchtendste, mir zurückerobert, in ihrer Mitte – und der gleiche Schrei rasender Begierde gellte aus den Reihen der Zehntausend, die nach 17 ihrer Schönheit dürsteten. Vom Himmel herab aber donnerte der nämliche bewundernde Schrei aus dem Munde Kronions.

›Folge mir jetzt, o Helena‹, rief auch ich mit donnernder Stimme im aufstrebenden Stolz, daß die Götter meinem Lager ein solches Weib erlesen hatten, ›folge mir in das vielrudrige Schiff, daß ich dich mit allen Schätzen heimbringe.‹ Aber da lief es wie ein Sturm durch die Reihen der Krieger, wie eine Mauer standen sie.

Odysseus selbst, der listenreiche, der diesen unbedachten Rat gefunden – wie wenig kennt er, o Fremdling, das Herz des Weibes –, der unbezähmbare Diomedes, der eiserne Ajax, sogar der greise Nestor, alle hoben drohend gegen mich die erzenen Speere und schüttelten grausig die Schwerter. Thersites, der höckrige Zwerg mit dem Geierschnabel, krächzte durch die gleich der Meeresbrandung aufrauschenden Völker.

›Dir gehört sie nicht mehr zu eigen, Menelaos. Wir alle, Mann für Mann, haben um sie vor Ilion gestritten, sie war der Kampfpreis für uns alle, das Los entscheide, wem Zeus sie bestimmt! Warum sollte sie nicht mein Lager schmücken, warum nicht das des Nestor? Wir weichen nicht von diesem Zelt, wir wollen das Herz an ihrem Anblick erlaben Tag für Tag. Dir aber, o Völkerhirt Menelaos, gehört sie nimmer!‹ Und das Erdreich wankte vom Getöse der Völker, die alle, ihre Schilde schüttelnd, Beifall dröhnten.

18 Inzwischen war die Nacht mit hyazinthenen Schwingen herabgesunken, und ermattet von der blutigen Arbeit des Tages zogen sich unsere Scharen gegen ihre Zelte, Feuer und Schiffe hin, am fernsten Rande des Schlachtfeldes im Schutz unseres Mauerwalles. Nur die Zepter tragenden Fürsten standen noch immer regungslos in der Runde, den Blick durch das blaue Dunkel auf Helena geheftet. Keiner strebte, als hielte ihn ein Zauber fest, in das Feldlager zurück. Ja, die Verwirrung meiner Gefährten, seitdem sie dich, o Helena, zum ersten Male hüllenlos geschaut, war so gewaltig, daß keiner mehr nach seiner Heimat, nach Arkadiens Hainen, nach dem weinumlaubten Mykenä, nach dem felsigen Ithaka und nach dem eigenen Weibe Verlangen trug. Agamemnon begehrte nicht fürder seine Klytämnestra zu schauen – o hätte ihn sein Schicksal niemals auf hurtigem Schiff heimgetragen –, Odysseus selbst mochte seiner harrenden Penelope entraten, am hartnäckigsten begehrte aber der angerunzelte Nestor hier zu verharren. Wie festgewurzelt stand er zu unserer Verwunderung da, in unerschütterlicher Ruhe. Er war der Vogelzeichen kundig und hatte aus einem über das Feld schwärmenden Wachtelzug ersehen: das Los habe gerade ihm Helena bestimmt.

So standen sie vor meinem Zelt und dachten nur eines; an Opferschmaus und den Wein im Mischkrug dachten sie nicht.

Allein der alles bändigende Schlaf, den Zeus vom Himmel träufelte, bezwang endlich auch ihre von 19 dem schönen Frauenbilde trunkenen Seelen. Nun nahte ich dir, o Helena, und sprach – weißt du es noch – dich mit Zagen anredend:

›Regt sich in deinem Busen keine Erinnerung, keine Träne, kein Seufzer?‹«

»Und ich erwiderte dir«, unterbrach ihn Helena mit flötender Stimme:

»›Nahst du mir, Held Menelaos, nicht fordernd, sondern werbend, wie es sich ziemt, so will mich freundliches Erinnern umflattern. Denn wisse: die Gunst der Aphrodite wird nicht durch das Klirren siegreicher Waffen und Reden, sondern allein durch Zartheit der Sitte gewonnen. Ilion hast du bezwungen, aber Helena noch nicht. Dazu bedarf es nicht des Befehls, sondern schmeichelnder Bitte. Aber vielleicht ist auch uns die Stunde der Aphrodite nicht allzu ferne. Denn mich dünkt, du bist ein Mann, und dieser‹« – sie maß Paris, der sich noch immer zu schämen schien, mit Hohn – »›schwätzt nur feige. Er hat wahrlich Strafe verdient für die Kränkung, die er dir, meinem Gatten, bereitet. Drüben am andern Ufer des Skamandros, nahe dem Tempel des Apollon, hat mir Paris den schönsten, von einem weithin schattenden Fichtenbaum umrauschten, jetzt vom Feuer noch unberührten Palast gebaut. Paris selbst soll uns den Weg dahin weisen. Dort wollen wir auf weichem Lager bei Saitenspiel und holder Speise die Zukunft bedenken. Paris selbst soll uns in seinem eigenen Hause bedienen; das wird seine Strafe sein.‹«

20 »Ich stieß dem Paris, den ich zu töten bisher übersehen hatte, die Ferse in den geschmeidigen Leib, und mein Herz jauchzte, daß er selbst nun zur Strafe mich und die mir geraubte, in Schönheit schimmernde Frau durch die Reihen der auf dem Boden schlummernden Gefährten in seinen wollüstigen Palast geleiten mußte. Ich hielt das Schwert in der nervigen Rechten, gewillt, den Frechen, wollte er sich zur Flucht wenden, sogleich niederzurennen.

*

Im Palast des Paris, nächst dem Tempel des Phöbus Apollon, schien seltsamerweise alles bereits gerüstet, einen Gastfreund zu empfangen. Auf glänzenden Tischen standen köstliche Speisen und doppelte goldene Becher, und in den Kammern lagen duftende Gewänder geschichtet. Da erfreute sich mein Herz an zierlicher Rede, und Paris mußte uns die Speisen reichen und den Wein im Kruge mischen. Und wenn er unwirsch blickte, zuckte mein Schwert. Er schlug die Leier und mußte es ruhig dulden, wie Helenas Blick immer vertrauter auf meinem Nacken ruhte. Schon wollte ich sie zu meinem Lager ziehen, das Paris uns mit Ingrimm gar wohlig bereitet hatte; aber da schlüpfte sie durch meinen Arm und ich verstand jetzt, daß die Stunde der Aphrodite für uns noch nicht gekommen sei. Und als sie, den Blick nach mir zurückwendend, in ihre Kammer glitt, rief sie helltönig lachend: ›Töte den Paris nicht, laß 21 dich vielmehr von ihm in der Kunst und Anmut, zu sitzen und dich vor mir zu neigen und mir wohlzugefallen unterweisen.‹ Und so fand mich die Frühe mit Erröten, wie ich mir von Paris, den ich lieber mit dem eschenen Speer durchrannt hätte, das braune Gelock flechten, wie ich mich von ihm salben ließ mit dem Öl der Narden und wie ich die Laute zu schlagen, seinen Tanzschritt und manche der Helena wohlgefälligen Artigkeiten im Dienst der Aphrodite erlernte, die ich bei den Mägden im rauhen Feldlager längst vergessen hatte. Und wisse, o Fremdling, am Morgen trug ich Bart, Locken und Leibrock gleich ihm, dem Verführer Paris, während er sich töricht mühte, in meinem Wolfsfell wie ein Mann, wie Menelaos – ihr zu gefallen – einherzuschreiten.

Solche Verwirrung hat Helena auch nach dem Fall Trojas noch immer angestiftet.

Als ein Mann habe ich mich alsbald bewährt, und so durch Mut und zarte Sitte, nicht durch das stürmisch geforderte Recht des Gatten, endlich die Gunst und stete Treue der Allerholdesten gewonnen.«

Helena schien, völlig versunken in Erinnerungen, jetzt allmählich unachtsam geworden; sie streifte mit dem rosigen Finger über die ölglatte Flut, die lockend und mit geheimnisbangen Stimmen sich raunend um ihren Arm schmiegte. Und wie man über eine Laute fährt, streifte sie mit dem neckischen Füßchen – während der Gatte ihre Treue rühmte, 22 die sie ihm seit damals immer bewahrt – leise, ganz leise meinen Schuh.

Doch Menelaos merkte, selig eingesponnen, glücklicherweise nichts, sondern erzählte weiter:

»Während ich am Morgen noch mein Haupthaar glättete, vernahm ich rings um die Mauern des Palastes dunkles Getümmel.

Da standen sie, gekeilt, das ganze Heer der Achaier, Mann um Mann, Helm an Helmbusch, die Schilde zum Angriff vorgestreckt. Die tobende Feldschlacht schien abermals vor dem Palaste des Paris entflammt, Ilion noch einmal und noch ingrimmiger belagert um Helenas Schönheit willen. Und da sie auf der Mauer erschien, stürmte wieder aus den Kehlen der Zehntausenden über das Schlachtfeld hin der Schrei des Verlangens: ›Helena! Helena!‹ Als ich aber, die Wut der rasenden Gefährten zu stillen, mich selbst auf der Mauer zeigte, empfing mich drohendes Gemurmel, ein praller Feldstein flog mir entgegen. Erschreckt floh Helena in das innerste Gemach, immer und wieder sausten die Steine der Belagerer. Da sprang ich, ihren göttergleichen Leib beschützend, vor, während sich Paris winselnd unter die Decken des Lagers verbarg. Und jetzt, o Fremdling, inmitten von Blut, Fackeln und Getümmel sollte uns die Huld der Aphrodite nahen – erst nach Trojas Untergang hab' ich Helena durch andere Waffen besiegt und für immer heimgeführt.

Dies aber ist also geschehen: die Achaier, meine verwirrten Genossen, taumelten, Helena zu ergreifen, 23 in das Gemach; ich bot ihren Geschossen und Steinen, Helena zu schirmen, die Brust dar. Ein Stein flog heran, traf mein Knie und streifte Helenas Stirn. Blutend sank sie zusammen, und mein Herz jammerte laut: denn ihre Schönheit, bisher nicht von irdischer Art, sondern völlig den Unsterblichen verwandt, war jetzt durch dieses Wundmal auf der Stirn den Menschen gleich geworden. Aber, o Zeichen der Götter: wie ein marmornes Bild, vom Hauch der Aphrodite belebt, plötzlich zu erwarmen, sich lieblich zu regen und holde Zwiesprache zu pflegen beginnt – so war auch mit Helenas Wesen die Wandlung geschehen, als ihm die makellose Schönheit genommen ward, die Sterblichen nicht ungerächt von den Göttern beschieden ist.

Schweigend wandten sich die Gefährten, die keine lichtschimmernde Göttin fürderhin erblickten, sondern das Stöhnen eines wunden Weibes vernahmen, zu den schwärzlichen Schiffen, jeder zum lieben Lande der Väter.

Helena aber zog mich in ihre Kammer und hier feierten wir, als ich die Wunde mit geduldiger Hand selbst geheilt, das Hochzeitslager. Nun führte ich nicht Helena, die Göttin, sondern das sorgende, durch meine Tatkraft und männliche Milde nun erst neu für immer eroberte Weib in mein Haus nach Lakedaimon. Zuweilen, wie heute, schlendern wir noch, alter Zeiten gedenkend, am Meeresstrande. So ist sie zu mir heimgekehrt, in unwandelbarer Treue.«

24 »Bist du dessen völlig gewiß?« fragte ich behutsam, da ich wieder in diesem Augenblick ganz deutlich ihr Füßchen spürte.

»In unwandelbarer Treue« – und er lachte breit und bewußt.

»Und warum begleitet dich Paris noch immer? Du hast ihn nicht durchrannt mit dem eschenen Speer? Fürchtest du nicht, Helena könnte sich ihm wieder zuneigen?«

Da lächelte Menelaos: »das würde ihm wenig frommen; ich hab' ihn nicht mehr zu fürchten. Denn Odysseus, der Listenersinnende, gab mir, eh' ich Paris dauernd in mein Haus aufnahm, wo er uns zu seiner steten Strafe das Brot reichen und das Lager bereiten muß, einen Rat, einen sehr weisen Rat – und ich gehorchte ihm.«

Paris blickte sehr säuerlich in der Erinnerung des Peinlichen, das ihm damals widerfahren war, und Helena seufzte schalkhaft.

Ihr Lachen flog noch einmal, wie zum Abschied verklingend, über die morgendlich klare Flut, die jetzt der Kiel meines Schiffes schäumend zerteilte. 25

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