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Reportagen

Joseph Roth: Reportagen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typereport
authorJoseph Roth
booktitleDer Neue Tag
titleReportagen
publisherVerlag Kiepenheuer & Witsch
editorIngeborg Sültemeyer
year1970
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Winter

Der Neue Tag, 17. 11. 1919

Seit gestern spielt der Nordwind Fangball mit mitteleuropäischen Schneeflocken. Sie sind weiß, ganz kleine, winzige Kügelchen und haben gar keinen Nährwert. Sie bleiben sekundenlang auf gewendeten Winterröcken und papierenen Raglans liegen und dann sehen sie aus wie Sternchen. Aber sie zerfließen und dringen durch die Poren des dünnfaserigen Stoffes bis auf die Haut. Diese, das einzige noch nicht gewendete Kleidungsstück, das die Menschen tragen, schaudert zusammen vor dem naßkalten Gruß des Winters.

Der Himmel hat ein verdrießliches Gesicht, wie ein Fixbesoldeter. Sein Winterrock aus Wolken scheint auch nicht mehr echt zu sein. Vielleicht gibt es jetzt Wolken aus Papiermaché. Die Sonne hält sich strenge an die Vorschriften punkto: Lichtsparmaßnahmen. Der liebe Gott sitzt im Dunkeln. Man hat ihm wegen Überschreitung den Gasometer abgesperrt. Er kann also die anständigen Menschen nicht mehr von den – Reichen unterscheiden.

Die Kachelöfen in den Zimmern kommen sich vor wie nutzlose Reste aus vergangenen Kulturperioden. Sie stehen in der Ecke, hungernd nach Holz und Kohle. Sie machen sich klein, schrumpfen vor Bescheidenheit zusammen und haben das beschämende Gefühl vergessener Regenschirme etwa. Durch die finsteren Löcher der metallenen Türen grinst kalte Not. Auf den eisigen Herdplatten hockt der Winter und reibt sich vor Vergnügen die Frostbeulen.

Alle Märchen hat das Ereignis verschlungen. Großmutter ist vor Kälte gestorben. Der Prinz kann nicht zu Schneewittchen gelangen, weil er keinen Paß hat. Und Dornröschen will gar nicht erwachen. Sie hat sich auf das rechte Ohr gelegt und beschlossen, noch tausend Jahre zu schlafen. Die sieben Schwaben dienen in der tschechoslowakischen Legion. Und Rübezahl muß seine Rüben in der Gemeinde Prag abliefern. Er hat keine Zeit zu Spektakeln. Das tapfere Schneiderlein tötet nunmehr nur Fliegen, um sie zu verspeisen.

Aber das Schlimmste von allem: alle guten Engel halten Winterschlaf. Sie werden nicht einmal am Weihnachtsfest erwachen. Wie Fledermäuse hängen sie in der goldenen Krone des lieben Gottes. Und der liebe Gott wärmt seine Füße an dem kleingewordenen Feuerchen der Hölle. Es reicht gerade nur noch zur Not.

Die Bösen können nicht mehr gebraten werden. Die Kohlenteufel der Hölle machen Räteregierung und streiken.

Deshalb leben die Kriegsgewinner noch ...

Josephus

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