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Gutenberg > Max Dauthendey >

Reliquien

Max Dauthendey: Reliquien - Kapitel 1
Quellenangabe
typeanthology
authorMax Dauthendey
booktitleGesammelte Werke in 6 Bänden
volume4
publisherAlbert Langen
year1925
titleReliquien
senderclaudiahake@web.de
created20021104
firstpub1897
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Max Dauthendey

Reliquien

Gedichte

I

Auf deinem Haupt schmolz eine goldenrote Krone,
Davon glüht nun dein Haar so goldenrot und stolz.
Aus deinen Augen zieht das stille herbe Lied
Der tiefen ungeweinten Tränen.

Schliefen denn niemals Sonnenstrahlen auf deinen Lippen?

Man könnte wähnen,
Du habest nie dich selbst gesehn,
So arm bist du.

Nie sangen die Vögel so lüstern.
Sonne und Winde flüstern
Von weichen, wonnigen Frauen,
Alle Bäume hangen voll Küsse,
Alle Lippen müssen verlangen,
Der Frühling ist hungersäend
Über die Erde gegangen.

Meine Haare fliegen,
Bin auf hellen Winden,
Bin auf Flügelfüßen
In die Lüfte gestiegen.

Und mein Haupt steht golden
In den Abendwolken,
Purpurn wanken die Dolden
Meiner Liebesgedanken.

Sammle mir in meiner Stille
Köstlich seltne Edelsteine,
Deine kostbar seltnen Blicke,
Die ich im Vorüberstreifen
Heimlich dir vom Auge pflücke.

Und die seltnen heiligen Steine
Drücken sich in meine Seele,
Schmücken meine Einsamkeiten,
Füllen strahlend dunkle Lücken.

Möchte von deinem langen goldenbleichen Haar
Ein Lager mir bekleiden.
Seide wäre Stroh, Sammet — Igelhaut,
Aber dein Haar ist wie ein golden Wolkenbett,
Wie man's am Abend gleißend nur im Äther schaut. —

Nein, dein Haar ist mehr, ist mehr,
Dein Haar ist wie ein Strom der goldenen Maienluft
Geschwängert von den Küssen junger Liebe.
Will meine Augen mit deinem Haar verbinden,
Will erblinden, in seinem Gold erblinden.

Überschüttet von deiner Glut,
Brechen Blüten aus meinem Blut,
Wird mein Körper ein schauernder Garten.
Warme Blumen stehen und staunen,
Tausend raunende Knospen,
Alle sehen nach dir,
Alle glühen und warten.

Sieh die hundert kleinen Menschen,
Frühling bricht in alle Gassen.
Und die kleinen Menschen rennen,
Und die kleinen Herzen klopfen,
Freigelassen, wie die tausend kleinen wilden Wassertropfen.

Und die roten, frischen Köpfe
Eilen durch die Frühlingsgassen,
Tausend tote Augen lachen,
Selbst die Augen, die sonst hassen.

Und die jungen, blauen Herzen,
Aufgewirbelt von der Sonne,
Klopfen an den blauen Himmel,
Und die Himmeltore tauen.

Sieh die tausend warmen Lippen,
Liebe! Liebe! hör ich sagen.
Gerne möcht ich Erde werden,
Alle diese Liebe tragen.

Laß mich in deinem stillen Auge ruhen,
Dein Auge ist der stillste Fleck auf Erden.

Es liegt sch gut in deinem dunkeln Blick,
Dein Blick ist gütig wie der weiche Abend.

Vom dunkeln Horizont der Erde
Ist nur ein Schritt hinüber in den Himmel,
In deinem Auge endet meine Erde.

Bäche zittern silbern,
Gräser glittern und nicken,
Und weiße Anemonen
Blicken zum blauen Himmel.

Ich ging in jungen Gräsern
Mit meinem weichsten Schritt,
Die Amsel hat gesungen,
Und mein Herz sang mit.

Mein Zimmer duftet königlich fein,
Veilchenprinzessinnen zogen ein,
Schwärmen und wärmen mit weichblauen Augen,
Fächeln und hauchen schmachtende Lächeln,
Winken mit feinen, vornehmen Gliedern,
Laden mich ein,
Ich neige mich nieder,
Ihr Page bin ich,
Ihre Lippen sind mein.
Ich schwöre ewige, ewige Liebe,
Sie schweigen so süß,
Schauen so ernst aus den schwerblauen Augen.
Meinen sie, Schwüre und Blumen verwelken?
Sie lächeln und weinen,
Meine kleinen Prinzessen.

Am süßen lila Kleefeld vorbei,
Zu den Tannen, den zwei,
Mit der Bank inmitten,
Dort zieht wie ein weicher Flötenlaut
Der sanfte Fjord,
Blau im Schilfgrün ausgeschnitten.

Gib mir die Hand.
Die beiden Tannen stehen so still,
Ich will dir sagen,
Was die Stille rings verschweigen will.
Gib mir die Hand . . .
Gib mir in deiner Hand dein Herz.

Das keimend junge Frühlingsgold,
Das singend an den Scheiben ruht,
Es kost so weich, es macht so gut.

Heute im leeren Erlenhag
Zartblank die ersten Finkenlaute —
Den Kuß, den stillen, jungen Kuß
Unter dem großen, freien Blau,
Willst du ihn blühend warm behalten?
Ich säete ihn ins Blut dir ein.
Fahl wird auch dieser Tag veralten,
Und weh zerstäuben muß dies Licht.

Die Nacht ist heute so wonnig reich.
Die Sterne drängen und hängen so tief,
Die Menschen müssen sich bücken.
Wir greifen und pflücken
Die reifen, sonnigen Sterne.

Maimond über dem Dach,
Maimond sieht in das Haus,
Golden stehen die Scheiben,
Sehnsucht leuchtet heraus.
Draußen Blatt bei Blatt
Schlafen dunkel die Bäume,
Drinnen unter dem Dach
Liegt die Liebe wach.
Schwüre glühen im Dunkel,
Funkeln hinaus in die Nacht.

Ich liege im Kaiserkleide,
Mich krönt die goldene Liebe.
Ich liege auf Lagern von Seide,
Auf Purpur und Hermelin.

Um meinen Hals deine Arme
Schlingen ein glühend Geschmeide,
Auf meiner Stirn deine Küsse
Scheinen wie edele Steine.

Meine flammende Krone,
Sie ist der Sonne gleich,
Ich bin Kaiser der Sonne,
Dein Leib ist mein Kaiserreich.

Sie singt.
Auf sachten Wellen schwingt sich der Saal.
Die Lichter dunkeln,
Ihre Augen strahlen,
Ihre Pupillen durchfunkeln den Raum,
Küsse schlagen schwer in ihr Blut,
Ihre Brüste tragen die Küsse kaum,
Sie reckt tausend klaffende Lippen,
Ihr Haupt zurückgesunken.
Trunken schließt sich der letzte Wunsch.

In mein leeres, nächtiges Zimmer
Flogen oft Vögel lichthell herein,
Es war Lachen fröhlicher Menschen
Unten aus Nacht und Laternenschein
In mancher kargen, lungernden Stunde
Hab' ich von diesem Lachen gezehrt,
Und für den Bruchteil einer Sekunde
Wurden die lachenden Menschen mein.
Doch im Erwachen mußt ich mich hassen,
Wie der Entthronte sich hassen mag.
Statt Leben zu prassen bis zum Ermatten,
Saß ich bei Schatten, fraß Schatten.

An deinen Brüsten die Stunden,
Die Stunden in deinen Armen
Sind zeitlos weit.
Ich kenne die Erde nicht mehr,
Wenn ich von dir wieder zur Erde gehe.

Die Straßen so seltsam,
Schwarz, nachtkühl in den Morgenstunden,
Schwülgelb der Laternenschein,
Die Straßen leer, und ich so allein,
Und doch gehen tausend Dinge
Neben mir her.
Meine Schritte klingen,
Und die Augen von tausend Dingen
Sehen nach mir.

Deine Küsse, deine Brüste, deine Arme
Pressen noch lüstewarm meinen Leib.
Dein Blut, dein Fleisch
Ruht noch lüstewarm an mir,
Meine Schritte schallen,
Meine Schritte fallen härter von Stein zu Stein,
Die Erde nimmt mich in ihre Mitte,
Verwundert fällt es mir ein:
Wir lagen draußen im Weltenraum,
Wir beide allein.

Zersticht das Alter dein Gesicht,
Und flicht dir Asche in dein Haar,
Dornen in deine Lippen —
Jugendklar bleibt dein Auge.

In deinen Augen springt heilig ein Quell,
An dem die dunkle Nymphe singt;
Heilig ein Quell,
Drinnen Märchenmonde hell funkeln.

Wer einen Blick mit dir getauscht,
Trägt ihn berauscht von Aug zu Auge.
Dein Augenlicht bricht,
Wenn auf Erden das letzte Auge versiecht

Hab' in der Nacht ein Mädchen gesehen,
Die Rose, die sie im Herzen trug,
Schlug aus ihren Wangen.

Mir ist dann jenes Geheimnis geschehen,
Das nur die Nächte den Nächten gestehen,
Daß zwei zu einer Gottheit werden,
Und Himmel und Sterne und Erden vergehen.

Du gabst mir deinen kleinen, weichen Leib,
Du lagst so opfernd still.
In deinem Leibe müssen Lippen ruhn,
Die sehnen sich, mir wohlzutun
Und mein Geschlecht zu küssen.

Bist aus dem Kalten zu mir geflattert,
Du kleines, warmes Menschenherz.
Will meine Hände um dich falten,
In meinem Herzen eingegattert,
Singe und sage der ganzen Welt,
Daß dich die Liebe gefangen hält.

Eine dicke, dumme Fliege summt,
Stößt und brummt an die Scheiben.
Auf den leeren Stühlen sitzt die Sommersonne.
Draußen treiben Wolken im blauen Kühlen.

Die großen, weißen Wolken am Himmel
Sind mein Sonntagsschimmel,
Ich reite lautlos ins blaue Weite.

Deine traumweichen Hände,
Ein Blatt schwebt vom Baum.
Nicht Blut, Tränen fluten tu dir.
Dein Herz lebt leise wie deine Hände.

Grasschatten säumen den Weg.
Weiß der Weg unter Eschenbäumen,
Braungoldne Libellen hinüber, herüber.
Wolken schnellen,
Schwül sengt das Blau.
Die gelbe Kornau

Durchschreitet ein schwangeres Weib,
Matt über dem schnellenden Leib
Die Hände gefaltet,
Träge die Brüste.
Satte Korndüfte gären,
Samenschwer rauschen die Ähren.

In meinem Zimmer Nachtstille.
Windegewimmer im Ofen.
Wie seltene Orchideen
Stehen im schwarzen Nachtspiegel
Fremde, weiße Gedanken,
Schwanken vornehm mit ihren Kronen.
Getraue die Stille nicht zu brechen,
Engel könnten drinn wohnen.

Dein Auge fliegt jach auf in die Nacht,
Du sehnst nach den Sternen.
Nimm dein Auge in acht.
Die Sterne locken mit silbernen Wünschen.
Was sind die Sterne? —
Erdenbrocken.

Auch deine Erde ist Stern.
Hab sie gern, deine Erde.

In manchen Stunden
Erscheinst du mir:
Steinern deine Stirn.
Auf adligem granitnem Roß,
Du stampfst durch eine Nacht,
Du lachst und lachst,
Von Felsen stürzt dein Lachen,
Und unten steht ein blöder Menschentroß
Und zittert, wo du lachst.

Ein andermal
Seh ich dich krank und siech,
Du kriechst dich in die Erde
In Särge, wo die Toten faulen,
Würmer ziehen über deine Stirn,
Du schlägst die Hände vor dein Angesicht,
Und Trän' um Träne sticht durch deine Finger.

Dann wieder nahst du leise mir.
Tiefblaue Blumen sind bei dir.
Tiefblaue Blumen blühn aus deinen Augen,
Sie lächeln, schweigen,
Und alle Menschen saugen Honig
Aus deinem Lächeln, deinem Schweigen,

Sonne sank still in die Wälder.
Blank unter den Wolken ein lichtarmer Streif.
Wolken sonst weit, Wolken und Felder.

Im Rasen zwei Pferde, und raufen Gras,
Blaß spiegelt der Teich,
Bleich wächst die Nacht aus der Erde,

Alle Bäume stehen, schweigen, — dunkle Riesen,
Aus den Wiesen Abendkälte,
Und die Welt schwebt grau verloren, weit und still.

Bin allein.
Bin der einzige Mensch, der lebt,
Der einzige, den die Welt geboren.
Bin allein.

Bin der einzige Gott, der lebt,
Gott, der diese Welt geboren.

Blau schwebt der Garten,
Die Mondenwelle hebt,
Weißentfacht,
Brennendes Silber
Aus tiefsten Bergen.

Große, dunkle Flügel wachse
Einem kleinen Menschenzwergen,
Tragen ihn von Stern zu Stern
Unermüdlich durch die weiße, starke Nacht.

Die kleinen gelben Blumen glittern,
Der Wind springt durch den Wiesengrund,
Und tausend Silberhalme splittern.

Die tausend Grüße, die ich küßte
Zu all die kleinen gelben Kelche,
Der Wind drückt sie auf deinen Mund,
Die Meilen zwischen hier und dir
Sollen von meinen Küssen zittern.

Ich küsse die Luft,
Ich umarme die Wärme der Nächte.
Mir ist, es müsse von meinem Harme, meinem Sehnen
Aus der Leere dein Auge aufsprießen,
Zu mir fließen dein blauender Blick.
Sonne brütet,
Sommergras glüht,
Vom roten Mohn sprüht brünstiger Schein.
Ich strecke die Arme,
Erbarme dich, Licht,
Mich küssen hungrige Nächte.

Ich habe sogar zum Himmel gerufen,
Er ließ einen Regenbogen prangen,
Ich wollte dich doch lachend und weinend
Mit allen Himmelsfarben empfangen.
Ich stand auf den Klippen
Und schaute und schaute,
Das Auge hungrig,
Das Herz glückschwer,
Ich sandte die Möven,
Nach dir zu spähen,
Hinaus auf das leere, herzleere Meer,
Der Himmel welkte,
Die Nacht hob sich ernst,
Ernster und kälter als alle Nächte;
Sacht stieg ich nieder.
Ging sacht zum Haus,
Ernster und kälter noch als diese Nacht.

Kreuzspinnen kauern auf meiner Stirn
Und lauern auf meine Gedanken.
Und schwarzer Efeu um mein Gehirn
Mit seinen, nagenden Ranken.
Auf allen Wegen nur kümmerlich Luft.
Vor den Augen Regen, nur Regen.

Draußen über dem Wiesengrün
Starrt das Schwarz zackiger Wälder.
Von den Winden aufgescharrt,
Glühen blaue Wetterwolken,
Und die Sonne fällt so grinsend
Auf den gelben Ahornbaum,
In die gelben Haferfelder.
Und die Sonne fällt so grinsend
In mein fahles, wundes Hirn,
Horch, vom Walde rollt der Donner!
Es pocht kalt an meine Stirn.

Habe im Feld bei den Kräutern gesessen.
Um mich schwärmten Hummeln und Fliegen;
Und Blumen stiegen jung aus der Erde.
Mich wärmten Tiere und Blumen.

Bin dann zurück in die Stadt gegangen.
Kalt waren die Straßen,
Keine Vögel sangen.
Die Menschen der Stadt blickten kalt,
Wärmer blicken draußen die Schlangen.

Die Winde verhallen,
Der Regen schweigt,
Nur in den Laubbäumen
Fallen noch Tropfen.
Elfenbeinhellen säumen den West,
Friedelicht steigt die Sonne nieder,
Aus den Tannen äugen
Kleine flüsternde Engel,
Psalmen schallen
Und heilige, düsternde Lieder.

Nun wieder Nacht.
Die Sterne nicken im schwarzen Blau.
Ich fühle dein Auge von ferne.
Dein Auge wacht einsam,
Und deine Lippen wachen,
Deine sehnsüchtigen Lippen.

Ich schleiche zur Ferne, von Stern zu Stern,
Bis ich deine Lippen erreiche,
Deine sehnenden Lippen.

Die Luft so schwer,
Wolken stehen weiß und still,
Der Himmel hohl und aschenleer,
Ein Rabenschrei —
Und kreischt vorbei.
Die Bäume stehen kalt umher,
Es ist, als ob das letzte Herz gestorben sei.

Winde quälen die Bäume
Die Blätter frieren und gilben.

Menschen, noch braun die Sommerwangen,
Aber die Lippen sangen die letzten Silben.
Bald ist das Lied zergangen.

Graue Engel gehen um mich,
Sehen trauernd auf dich, meine Seele,
Sie stehen mit lahmen Flügeln
An Aschenhügeln und sinnen;
Draußen und drinnen ist es Abend, meine Seele.

Ich sitze am Wasser,
Bei mir sitzt der Gram,
Wir schauen bleich in die grauen Gründe.

Unten Felsen,
Liegen steif, wärmeleer,
Umher gequollen fahles Gras,
Drüber fliegen dunkel die Fische.

Meine gramvollen Augen schweigen,
Saugen Fischblut, erfrieren,
Und stieren gramleer aus der Tiefe.

Greife sinnen.
Eine große graue Spinne.
Netze schleiern,
Fäden rinnen.

Die Jahrhundert grauen Wälder
Tragen ernst den alten Himmel,
Und verdorrte, alte Lippen
Nippen an dem kalten Horte
Längstverglühter alter Worte.

Im Schilf das weiße, eisige Zischen,
Im Wasser die schwarzen Wolkenflecken,
In meinem Hirn nisten hadernde Eulen,
Mein Blut will sch zitternd verstecken.

Und jede Pore, die einst für dich brannte,
Jeder Gedanke, der dich kosend nannte,
Muß sich in meinem Blute hassend wenden
Und statt der Süße — Galle nach dir senden.
Doch das ist nicht das Ende.
Das Ende ist, wenn meinen Händen,
Meinen Lippen, meinen Augen
Das schwere, lange Bluten endet,
Und sie nach langem fremden Schweigen
Sich endlich wieder zu dir neigen
Und sagen können: "Freund".
Dann ist das Ende meiner großen Liebe.

Lange rote Abendstreifen,
Und die Wälder schweifen schwarz
Um den toten, bleichen See.
An dem Ufer
In dem dämmerdunklen Klee
Grasen junge graue Lämmer.
Eine Welle schluchzt,
Und die Steine weinen.

Silberne Winde rasseln im Laub,
Und der Garten knirscht und rauscht
Schon den langen, langen Morgen.
Wolken hangen graugebauscht,
Fließen trübend durch die Sonne,
Fließen um das trübe Haus.

Solch ein lauer weißer Tag,
Mag die Hände gar nicht rühren,
Nur die Augen liegen wach.

Draußen welken gelb die Bäume,
In der stillen Esche nicken
Graue Blätter, altersschwach.
Graue Blätter, graue Träume.

Die Wolken fliegen schmetternd, zerkrachen.
Ein weiß und schwarzes Sturmgetöse.
Löse im Busen dein rötestes Lachen,
Lache zum wetternden Himmel hinauf,
Weine, die alte, verdorrte Liebe
Schlägt wieder jungblaue Triebe auf.

Silberwollige Disteln am Wege,
Farrnkräuter gelb, schon von Fäule geknickt.
Rege dich, Herz, sammle dir Wärme,
Bald ist der Sommer eingenickt.

Schon jammern vom Walde herbstbleich die Winde,
Berge reich Sonne in deine Kammern,
Sonne in Truhen und Spinde.

Nun stehen die Tage grau, lässig, still,
Weil es herbsten will.
Der Sommer wird arm.

Doch ich trage junge Violen im Haar
Und Maienstrahlen eine goldhelle Schar
Und die Sonne im Arm.

Schwarz schleichen die Wälder,
Der Abend steht still,
Kahle Winde,

Leere weht über leere Felder,
Mein Leib ist noch nicht leichenkalt,
Noch ein leises, leises Klopfen,
Ein Tropfen Blut ruht noch darin,
Ein einziger wärmender Tropfen.

Ich will meine Augen versteinern,
Daß sie nicht vor dir stehen,
Muß meine Worte erwürgen,
Sie sollen nicht Almosen flehen.

In Nächten muß ich mich wärmen
An blassen, verschollenen Monden;
Die Tage sind: Hungern und Härmen,
Und unter Lachen ein Hassen,

Als alles schlief,
Tief in der Nacht,
Hat plötzlich wild der Wald gelacht,
Ein Tod schritt siegend durch die Auen.

Sturmraben kreischten ihm voraus,
Disteln zerstäubten,
Blaue Glocken löschten aus,
Mit scharfen Winden schrie sein Haß,
Wohin er spie, hockten im Gras um alle Stämme
Wie geile rotgequollne Augen
Die tausend feilen roten Schwämme.

Der Tod schritt siegend durch die Auen.
In braunes Laub, in gelbe Farren
Stürzte mein Leib zu Blut zerhauen.
Der Tod griff grinsend in mein Blut,
Verschlang mein Herz,
Mein Herz war jung noch,
jung und gut.

Das Laub, das im Sommer so rauschend sang,
Das Laub ist von den Bäumen gestiegen.
Voll stiller Blätter, gelb und braun,
Liegen noch stiller die stillen Wege.

Wie Duft dort tausend Küssen und Tränen
Schweben Nässen über den Blättern,
Über den tausend herben Blättern,
Die nun sterben.

Die Gedanken werden kalt und steif,
Frost und Reif fällt jede Nacht;
Im Garten sind die Bäume gestorben,
Und die Kinder, die gelacht,
Und die liebenden Menschen.

Aber im Haus im roten Ofen
Leben rote flammende Tulpen,
Und in hellen flammigen Lauben
Schweben blau die Seelen der Toten.

Unsere Augen so leer,
Unsere Küsse so welk,
Wir weinen und schweigen,

Unsere Herzen schlagen nicht mehr.

Die Schwalben sammeln sich draußen am Meer,
Die Schwalben scheiden,
Sie kommen wieder,
Aber nie mehr uns beiden.

Winde fressen im Birkenlaub,
Rostbraun dorren die Farren,
In dem dürren kalten Holz
Zischelt ein Knistern und Knarren.

Finde es so sonderbar,
Mag es gar nicht glauben,
Hier war auch mal Frühling,
Surrten auch einmal junge Maientauben.

Graue Winde schütteln den Wald,
Winde rütteln am Haus,
In den Eichen Regengebraus,
Regen hämmert aufs Dach.
Mein leer Herz liegt wach,
Lauscht auf das Schütteln und Gießen.
Mein Herz kann nicht mehr weinen um mich,
Herz, die Himmel weinen für dich.

Regen gittert alle Fenster,
Wolkentrübe engt den Himmel,
Zwängt Totenwürmer aus der Erde,
Und das Blut, das rote, zittert.

Lag einmal,
Blauen Himmelsklang im Munde,
In der Stunde schwangen tausend Lerchen,
Tausend Lerchen höher sang mein Mut
Klanglos sanken meine Lieder.
Sanglos faulen meine Gärten,
Meine Himmel regnen Blut.

Öde Wolken hangen,
Scharfer Winde Gefunkel,
Im bangen Wasser tanzt dunkel der Regen,
Im Regen die gelben, glühenden Birken.
Scheue Blätter auf allen Wegen.
Im Wiesensumpf
Sitzt eine Hure, nackt und kalt,
Die Augen alt,
Die Lippen stumpf,
Gift spritzt aus den Brüsten, den losen,
Nacktweiß hocken im Kreis
Tausend feile Herbstzeitlosen.

Unter mir liegt das Meer.
Über der grauen, dunkelnden Fläche
Wiegt sich die helle, funkelnde Möwe,
Wellen gähnen,
Jede Welle blitzt schieferdunkel,
Der Tod sitzt im Wasser,
Klappt mit dem Kiefer,
Schnappt mit den Zähnen.

Moderdunkle Augenhöhlen,
Finster stiert ein weißer Schädel.
Und die Echo toter Willen
Grafen blau wie Sterngefunkel
Von dem schwarzen Stirngewölbe.

Wasserjungfern, riesenhafte,
Klirren mit den blauen Flügeln,
Flirren durch die Schädelhöhlen,
Girren um die Gunst des Todes.

In deinem blauen Auge
Stehen blaue Tage.
Ein Sterbender liegt vor dir
Und will sterben.

Es stirbt sich schwer,
Wenn blaue Tage
Von totem Jubel jauchzen.
Laß mich im Dunkel sterben,
Ohne Klage und dunkel.

Meine Augen voll Asche,
Meine Ohren haben die Tone verloren,
Bäume, Wind, Gestein,
Eure Sprache fällt mir nicht mehr ein.
Höre im Weltraum nur mich,
Mein wildes, hungerndes Ich.

Weißer Winterhimmel,
Weiße Häuser unter weißes Schneelasten,
Über den schneeweißen Platz
Hasten grau die Menschen —
Die Menschen grau!

Die Nacht rauscht so wirr, rauscht so fremd.
Der Schnee glüht so irr.
Die Erde ein stolzer Stein,
Mehr stolz und mehr Stein als je.

Als ich glücklich war,
Konnte ich nicht singen,
Schmückte tagelang
Haar und Hals und Brust
Mit Korallenrot und mit goldnen Ringen.

Nun ich arm, arm bin,
Sing ich tausend Lieder,
Schlinge rote Töne
Über Haar, Hals, Glieder,
Keiner soll es sehen,
Daß ich glücknackt bin.

Einst kniete ein Mensch vor dir nieder.
Aus seinen Augen flogen schwarze klagende Vögel,
Umzogen dich flehend mit ihren Liedern.
Du gingst vorüber.

Ich liege still im dunkeln Krankenbett,
Leichenscheine wanken durch das Zimmer,
Draußen sanken gelbe Abendwolken.

Hinter meinen Augen
Steigen goldne Länder, menschenleer,
Und ich schreite hehr, ein König,
Durch die goldnen menschenleeren Länder.

Draußen rinnen die weißen Flocken,
Um den weißen Platz hocken die Häuser weiß und grau.
Die stillen dunkeln Häuser,
Drinnen die heißen Menschen funkeln.
Jeder Mensch ein Juwelenschatz.
Jedes Haus ein Juwelenschrein.

Weißer Schnee, weiße Gräber,
Dunkle Reihen dunkler Kreuze.
Und die Sonne steht darüber.
Und der Südwind weht vorüber.
Und die kleinen Birken freuen
Sich schon leise auf das Blühen,
Und die weißen Wolken winken,
Und die blauen Schatten glühen, —
Weißer Schnee, weiße Gräber,
Dunkle Reihen dunkler Kreuze.

Tritte will ich der Erdkugel geben,
Jahre zermalmen in einer Sekunde,
Nur, daß jene Stunden weichen,
Jene Stunden voll heißer Erinnerungsleichen.

Die Nacht lastet hart
Alt starrt die schwarze, erkaltete Erde.
Mein Herz will jung schwingen,
Meine Lippen sind blutvoll,
Mein Blut will singen.
Meine Adern möchten die Erde zersprengen,
Mein Herz in den Weltraum
Als Erde hängen,
Als siedende Erde.

Nun kreisen wieder die Möwen,
Nun ist das Eis zerbrochen,
Die Schollen fortgekrochen.
Frei rauschen wieder die Flüsse,
Und helle Wellen nicken
Die Luft voll heller Grüße.

Noch Märzschnee auf Birken.
Schon siedeln die Finken,
Sehnsüchtige Dirnen winken der Sonne.

Dirnen mit blauen, leuchtblauen Augen.
Sie gehen am See,
Sie stehen am Bach,
Sie schauen zur Tiefe,
Die Eise tauen,
Die Welle wird wach.

Bald wird sie kommen,
Prinzessin fein,
Fein wie die silberne Blüte der Weide,
Fein wie die rosigen Lämmerwolken.
Gleich wird sie kommen, in goldgrüner Seide,
Veilchenschuhe an kosigen Füßen;
Die Augen grüßen, die Lippen grüßen,
Sie lehrt die Nachtigallen zu lachen
Und alle Menschen das Küssen.

Wer rief?
Ich fliege auf, erschreckt,
Die stille, bleiche Kerze wacht.
Mein Bett so weiß,
Und um mich abgrundtief die Nacht

Mein Herz, das mit der Erde schlief,
Steht aufgereckt
Wer rief? Wer rief?

Ein Wolfhund keift an meiner Tür,
Sein Aug greift scheel nach meinem Herz,
Sein Zahn greift hart nach meinem Blut,
Mein Blut erstarrt.

An alle Wände pochen Hände.
Wer pocht? Wer pocht?

Die Erbe pocht.

Der Kerzendocht flackt lang und weht,
Au meinem Bett die Sonne steht,
Und winkt, und geht.

Das Leben geht.

D ist es dies: das Leben geht?
Du bist der Tod?
Die Erde, die dich einst verließ,
Die dunkle Erde pocht und ruft,
Und ruft mich aus der Luft zurück.
Die Luft war rot.
"Sei mein, sei mein!"
Ich wehre nicht,
Ich fliehe nicht.
Ich höre nur, die Erde spricht:
"Mit jedem Gliede bist du mein."

Und dann war Friede.

Der graue Tag
Legt seine Wolken an meine Brust,
Mein Herz steht leer.
Mein Herz ist dunkel und wolkenschwer,
Ich habe so lange nicht mehr geküßt,
Ich küsse so gerne.
Lippe und Seele warten auf dich,
Du Herz der Ferne,

Erster Mai.
Alle Wiesen keimen,
Alle Vögel reimen,
Kleine Blumen scheinen,
Mädchen in lachendem Schwarm,
Tausend Sonnen warm.

Mai, du machst mich arm,
Ich muß niederknien,
In meine Hände weinen.

In meinen dunkeln Gartengründen
Entzünden sich die rotes Tulpen.
Die Hunde am Gitter wittern dein Kommen.

Du wirst meine bittern Tage
In stille Totenurnen schließen,
Mein Garten wird überfließen von deinem Lachen.

Komme, die roten Tulpen wachen und warten.

Heut habe ich Lust
Den Äther zu küssen,
Und alle Wolken sollen sich beugen;
Alte Himmel zu meinen Füßen,
Ich will mir neue Himmel zeugen,
Gott werden,
In neuen Himmeln,
Auf neuen Erden.

Die Amseln haben Sonne getrunken,
Aus allen Gärten strahlen die Lieder,
In allen Herzen nisten die Amseln,
Und alle Herzen werden zu Gärten
Und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel,
Und allen Träumen neues Gefieder,
Alle Menschen werden wie Vögel
Und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume zu grünem Gedränge,
Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
In allen Seelen badet die Sonne,
Alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer
Liebend zusammen.

Du breitest um mich einen Himmel, tiefblau,
Und dein Sang ist darin träumend wie die verträumten
weißen Wolken.

Manchmal blickst du auf wie die Erde dunkel,
Wie die Erde treu und tief und gut.
Dann hast du bei der warmen Erde geschlafen.

Dein Herz wuchs auf einer Sommerwiese.
Einfach wie Butterblumen
Und kräftig wie der Salbei.

Wir atmen uns ein.
Draußen am dunstblauen Horizont
Atmen sich Sommermeer und Sommerhimmel ineinander.

In deinem Angesicht
Schwebt Stille.
Stille, welche in Sommerschweren Wäldern lebt,
Auf abendblauem Berge,
Und im Blumenkelche.
Eine Stille, warm und licht,
Die ohne Laut vornehme Laute spricht

Stille weht in das Haus,
Fühlst du den Atem des Mondes,
Löse dein Haar,

Lege dein Haupt in den Blauschein hinaus,
Hörst du, das Meer unten am Strand
Wirft dir Schätze ans Land;
Sonst wuchsen im Mond Wünsche, ein Heer,
Seit ich dein Auge gesehn, ist die Mondnacht wunsch
leer.

Deine Brüste an meiner Brust.
Die Seelen öffnen ihr Grab.
Ich sah durch die geschlossenen Augen,
Die Sonne sank in dir hinab.
Ich sah noch hinter der Sonne die Tiefen,
Den Urweltraum, wo alle Lebenskeime schliefen.

Sehr einfach still war es umher,
Und wir waren unendlich groß,
Wir waren alles und wußten nichts mehr,
Wußten bloß, daß wir selig waren.

II

Gerne liege ich im Grase horchend,
Wenn die Winde hohen Bäumen Ausdruck geben,
Daß die Zweige Menschengesten zeigen,
Und die Blätter seelenvoll wie Menschenhände leben.

Niemand weiß es, wo die Winde wohnen,
Sie erscheinen in dem Walde und verschwinden.
Und der Baum, den sie kaum wecken,
Niemals sieht der Baum sie wieder.
Wenn der Regen fällt am Nachmittage,
Werden wärmer im gedämpften Zimmer alle Menschen,
Und die Regentropfen freuen mich erregend,
Sie, die plötzlich leben, plötzlich sterben;
Rings die Luft füllt sich mit Totenkälte,
Und die Menschen werden zarter bei dem tausendfachen

Sterben.

Kommt der Abend,
Fühle ich die große Sehnsucht kaltwerdender Erde,
Und die Sonne wird noch einmal groß und stirbt
Schmerzend schön.
Schmerzend schön werden auch die Menschen, wenn
sie Scheiden.

Die verlassnen, sonnenleeren Bäume,
Wolken, die nach Westen schauen,
Eine letzte Hummel rennt vorüber.
Hinter ihr schließt sich die Stille.
Aber von den Unergründlichkeiten
Murmelt irgendwo eine lautgewordne Quelle.
Denn die tiefgebornen Quellen
Sprechen gerne mit den Nächten,
Nur am Tage spricht die Quelle mit sich selbst.

Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten
Und schwer zufrieden mit den reichen Bäumen.
Derselbe Mond, der all die großen Bäume klein gesehen,
Vor dem die dunkeln Blätter staunend glauben,
Unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen.

Der dunkle Garten, draus ein kalter Atem weht,
Sehr kühl vom kaltgewordnen Schweiß der Erde.
Und immer kommt und geht darin der Mond
Und wird nicht müde, nie, und kommt und geht.
Doch auszudenken, daß wir müde einst
Für immer gehen, unwissend mit uns selbst.

Ich sehe den Berg, den breit schwebenden.
Er zieht an den Himmel edel,
Einfach und sich selbst genug.

Das starke purpurne Meer,
Die blaue erhabene Wolke kommen zu ihm,'
Sein Schnee ist weißer als der Schriee.
Nur der Reise nahe dem Edlen!
Jahrtausende begegnen dir auf dem Wege,
Und dem Leiblosen alles Leid,
Den starken Wissenden prüfen starke Tote.

Sorgengeruch des Verbrannten begleitet dich,
Urasche, und ihre Dunkelheit vergißt du nie.

Blumen und Früchte stehen am Fuß,
Grün, aber dunkelgrundig.
Du lachst und fürchtest die schwelgenden Gärten.
Und reiche, düstere Dörfer,
Ihr Reichtum ist ärmer als alle Armut.

Der Tag lebt dort nur am Himmel,
Auf Erden Mauern und Häuser zeigen hartnäckige Nacht.
Und furchtbar lachen dort alle Menschen,
Sie verlachen grimmig sich selbst.

Dann auf den finstern Feldern,
Die Sonne verachten,
Mußt du schattenlos gehen;
Dir schwinden Knochen und Schwere
Auf der gewichtlosen Kohle.

Oben wartet die unergründliche Höhe, schmucklos.
Du verwirfst Gehör und Gesicht.
Dein Lachen geht unter, spurlos.
Dann wirst du sehend,
Das wirst du erfahren,
Niemandem willst du dich nennen,
Ob auch den Boden die Flüche der Bettler erschüttern.

Ich gehe durch verwirrte, lärmgefüllte Gassen
Ratlos hin, zurück, und trete in ein unbekanntes Haus.
Durch Korridore, Türen, Zimmer finde öden Weg
Und komme in den alten, hohen Büchersaal,
Still, weltfern lebte hier nur sanfter Staub,
Geistesabwesend schien das Saalgesicht.
An allen Wänden standen weiße Schränke.
Ich will die Bücher sehen,
Ich öffne von den stillen Schränken einen,
Es stehen große dunkle Herzen in Regalen,
Herzen wie Menschen groß und mumienhaft gedorrt.
Ich wußte nur noch, daß ich lesen wollte,
Ich lege mir ein Herz auf einen Tisch, und es bricht auf.
Es war verstaubtes, altes Blut darin.
Älter und stiller wurde es im Saal.
Es ist aus jenem Herzen jemand eingetreten.
Die Schränke an den Wänden stehen alle offen,
Und vor mir dichte Reihen dunkler Herzen.
Die Luft wuchs eng, unsichtbar füllen Menschen dicht den Saal.
Ich sehne mich hinaus, dort an der Türe sitzt ein Mensch, gelb und verdorrt,

Ohne Iris und Pupillen sieht er mich wartend an.
Vergrämt und einsam sieht er aus
Und war Jahrhunderte allein.
Er sieht mich wartend an mit leeren Augen.
Ich komme fast erwürgt an ihm vorbei.
Dann, als ich Haus und Straße längst verlor,
Erst weit fort, wußte ich, das war der Mensch,
Des Herz ich brach.
Er wollte einzig eine Träne nur, und alle Herren wollten eine Träne,
Sie alle warten seit Jahrhunderten.

Allein in hoher Wohnung lebte ich mit meiner Laute,
Und wie die freien Töne trug ich frei mein Haupt.

Ein kühler Abend war im kühlen Haus,
Sehr fern vom Erdreich lagen meine Räume,
Ich spielte selbstzufrieden meine Laute
Und wußte, daß es keine Menschen gab.
Ich ging durch meine Zimmer, lauschte auf mein Lied,
Und meine Lieder sprachen stets von mir.
Es klopfte an die Scheiben meiner Tür,
Ich wußte: vor der Flurtür stand ein Mensch,
Als Freund klopfte der letzte Mensch au meine Tür.
Es klopfte heftig wieder, und es rief.
Ich öffne nicht, mein Lautenlied sprach eben sehr be
friedigend von mir.

Am Türglas sehe ich des Freundes Hand.
Ich öffne, endlich, steht ein Dunkel groß vor mir.
Weit von mir eine Stimme, die zur Erde fällt.
Ich biege mich zur Treppe, lausche tief,
Im Hause unten sinkt es in den Stein.
Vom tiefsten Grundstein ruft es meinen Namen noch.
Dann bleibt es leer. Die Angst scheint rot aus mir.
Ein Dunkel wird zu einem lauten Seufzen,
Sehr qualvoll, weltverlassen, seufzt es auch in mir.
Meine Laute finde ich nicht mehr,
Die Zimmer schwinden finster, finster Flur und Tür,
Das Dunkel tritt auf alle Schwellen, drängt,
Um mich brennt rot die Angst als letzter Schein,
Ich seufze körperlos und weiß es unabänderlich:
So soll ich seufzen müssen eine Ewigkeit,
Nie mehr ist Welt, und nie ein Körper mehr.

Von den Dunkelheiten und den Nöten
Blasen Knochenflöten allen Winden.

In den Gassen bei den schwarzen Scheiben
Stiert Totgeborne, hassen selig.

Atemlos zum Himmel ragen Galgen,
Ihre Arme schlagen an die Wolken.
Balgen sich dort Fäuste um das Fleisch?

Schatten, ihre alten Menschen starben,
Sichert zu dem schweren Riesenschädel.
Steht ein Schädel leergebrannt allein.
In dem kalten Stirngewölbe knieen
Steinern die Fluren der Gedanken,
Kleine Kerzen wollen Tote wärmen,
Draußen um die Berge rollen Sonnen.

Das Geisterhaus

Das Geisterhaus, das aus Gerüchen aufgebaut,
Oft nah, daß ich neu wohne in längst Altem.

Dort wusch man einst die Leiche meiner Mutter,
Im Garten lernten mich die Blumen kennen,
Die Gartenblumen, die besonnen blühen.
Und draußen stand behaglich Korn und Klee
Und duftete Begehr, und heute weiß ich,
Daß alle Düfte über Feld und Gärten
Die Liebeslieder all der Blumen sind.
Doch damals unverstanden gingen Frühlingsnächte,
Noch kindlich schlief der Mond im weißen Baum,
Nur reich entsinn' ich körperlose Freuden,
Wenn dumpfe Wolken au den Himmel stiegen,
Ein Augenblick schoß aus den Ewigkeiten,
Er zeigte klein die Menschen, groß den Himmel.

Im Winter, wenn die Tage blind geworden,
Wuchsen die Menschen breit im sichern Hause,
Das bilderreiche Feuer wärmte Träume,
Und Träume wurden Sonnen langen Nächten.
Und viel noch weiß ich von Geheimnisdingen,
Denn mehr verwandter als die Menschenherzen
Waren die Herzen mir der Tiere und der Pflanzen.
In Sommernächten, wenn die Grillen spuken,
Wenn ganze Heere eine Nacht besangen . ..
... Die furchtbar stummen Katzen in verlassnen Kammern,
Die durch verschlossne Türen jäh verschwinden,
Mit Augen, die entsetzlich Fremdes wissen,
Sie haben mehr erspäht als alle Menschen.
Und Schmetterlinge, die im Himmel wohnen,
Sie, die verargt gewesen in den Puppen,
Sie kamen oft zu mir dicht auf die Erde
Und legten lichtbestaubt die Baldachine
Flach in die Sonne, sprechend zu der Sonne.
Die Tage wurden so unirdisch lang,
Mit tausend Fibeln sangen die Insekten.
Ich lebte mit der flinken Eintagfliege
Die sechzig Jahre zu der einen Stunde.
Doch später kürzten sich im Haus die Jahre,
Die Falten der Gesichter lehrten zählen,
Sie kamen näher, näher und verwandter,
Doch sehe ich auf sie, die abgeerntet haben,
Ungläubig noch, mit jenen unerschöpften Augen,
Die voll Unsterblichkeit heiliger Jugend.








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