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Reisen vor der Sündfluth

Friedrich Maximilian Klinger: Reisen vor der Sündfluth - Kapitel 1
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authorFriedrich Maximilian Klinger
titleReisen vor der Sündfluth
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Einleitung des Herausgebers

nach Ben Hafi und den arabischen Traditionen.

Nach den strengen und thätigen Weisen und Eroberern, die dem großen Propheten in dem Khalifat nachfolgten, lebte nun einer, der vermöge seiner Erziehung und seines natürlichen Hanges zur Ruhe, das Geheimniß finden mußte, der Oberherrschaft über Asien in aller Gemächlichkeit zu genießen. Seine Vizire und Vertrauten bewiesen ihm klar, daß alle seine Vorfahren, nur um ihm, ihrem weisesten und glücklichsten Nachfolger, ruhige, selige Tage zu verschaffen, so viel Land erobert und so viele Hunderttausende während der Eroberungen aufgeopfert hätten. Es hält, wie man sagt, nicht schwer, einen Mann, der als Thronerbe geboren wird, von einer solchen Meinung zu überzeugen, und man soll sogar bei noch sonderbarem Meinungen auf seinen Beifall rechnen können, wozu aber Erfahrung und Geschichte die Beweise liefern mögen. Der Khalife wenigstens widersprach diesen edlen Männern selten, und wären die Kräfte seines Körpers, der Witz seiner reich besoldeten Märchenerzähler zu seinen physischen und geistigen Ergötzlichkeiten immer hinreichend gewesen, so wäre er, aller Wahrscheinlichkeit nach, ohne weitere Klage und Mißbehagen, von seiner Seite wenigstens, mit dem Ruhme zu seinen Vätern gewandelt, selbst nichts Gutes und nichts Böses gethan und weder das erste gehindert, noch das zweite befördert zu haben. Hofleute und Priester mögen es beweisen, daß dieses die besten Regierungen sind. Da aber nun des Khalifen Nerven durch Ruhe und Genuß etwas geschwächt waren, seine witzigen Köpfe sich in wunderbaren Märchen so erschöpft hatten, daß sie die alten wiederholen mußten, ein Ding, welches dem Herrscher ganz unerträglich vorkam, so waren plötzlich alle Personen, die in seinem heiligen und mächtigen Namen herrschten und als wohlverbundne Räuber gegen die Menschheit fest zusammen hielten, in der größten Verlegenheit. Was ihre Verlegenheit sehr ängstlich machte, war, daß der Khalife, der sich bisher um die Regierung gar nicht thätig bekümmert hatte, auf einmal anfing, sich nach Diesem und Jenem zu erkundigen, und für einen Mann von vierzig Jahren, der seit einigen zwanzigen regieren ließ, die sonderbarsten Fragen that. Es schien, er, der bisher ohne alle Sorge und Unruhe auf dem Thron gesessen hatte, wollte nun auf einmal wissen, warum er auf dem Throne säße und was ihm denn eigentlich für Geschäfte in dieser Welt zugetheilt wären. So weit kann sogar Abspannung und Mangel an die Phantasie kitzelnder Unterhaltung einen Khalifen selbst in Asien bringen.

Der Khalife war ein sehr frommer Mann, ein eifriger Verehrer Gottes und treuer Schüler des Propheten. Keiner seines großen Reichs war von dem Hauptgesetze der wahren Gottesfurcht, dem völligen Ergeben in den Willen des Höchsten ohne Murren und Fragen, dem Dulden unter dem Schicksale ohne Klage so tief durchdrungen, wie er. Er kannte kein andres Buch als den Koran, dessen Worte beständig im feierlichsten Tone von seinen Lippen flossen, weil der Geist derselben ganz in seinem Herzen wohnte. So leicht nun die Verbündeten, die von diesem Geiste weniger durchdrungen waren, dieses mißbrauchen konnten, so wußten sie doch, daß es ihrem Herrn, der so oft die naivsten, ja gar erhabene Dinge sagte und eben so oft die weisesten Entschlüsse faßte, weder an Verstand noch Witz, sondern bloß an Dem gebrach, was Diesem allem Gedeihen gibt – dem festen, ernsten Willen. Daß dieser ihnen so gefährliche Feind nicht rege würde, dafür hatten sie bisher weislich gesorgt, nun aber fürchtete Jeder des Bundes, es möchte wohl einer unter ihnen herrschsüchtig und treulos genug sein, diesen halberwachten Feind ganz aufzuwecken. Zwar fürchteten sie nicht, der Mann, der seinem Fleische so lange wohl gethan hatte, daß zu Zeiten sein Geist mit demselben Eins geworden zu sein schien, würde nun auf einmal ein thätiger Regent werden; Alles, was sie besorgten, war, einer von ihnen möchte sich, durch die Erfindung eines neuen Gaukelspiels, des Herrschers über Asien allein bemächtigen. Diese Sorge und Angst dauerte einen ganzen Monat lang; Einer beobachtete den Andern, Ruhe und Schlaf hatte Alle verlassen. Die Kabale, Intrike, Niederträchtigkeit, die Heuchelei und der Stolz, angefeuert von Furcht, Mißgunst und Neid, spielten eine so possierlich tragische Farce, daß des Khalifen Unterthanen, hätten sie in die Herzen ihrer Unterdrücker blicken und ihrem Spiel zusehen können, wenigstens einen kleinen Trost für ihre Leiden gefunden haben würden. Ach, die Lage eines Hofmanns, der nicht mit den vollen Segeln der Gunst schiffet, oder der in seiner stolzen Fahrt auf eine Klippe stößt, ist gar zu traurig, und gewiß, es beweiset die eingewurzelte Bosheit der Menschen, wenn sie sich eines so rührenden Schauspiels erfreuen! Zum Trost der Gutgesinnten befreite indessen der Zufall, das dunkelste und entscheidenste aller Wesen in menschlichen Ereignissen und Begebenheiten, unsre Bekümmerten aus ihrer Verlegenheit. Freilich nur auf eine kurze Zeit; da man aber nirgends mehr als an Höfen auf den gegenwärtigen Augenblick sieht, so schien schon Alles gewonnen.

In Bagdad trieb sich um diese Zeit ein gewisser Ben Hafi herum, den das Volk den weisen Narren nannte; zwei Gemüthsbeschaffenheiten, die, so widersprechend sie auch bei dem ersten Anblick erscheinen, sich doch sehr oft beisammen finden. Vielleicht nannten die Bagdader ihn auch darum den weisen Narren, weil er nicht weise auf ihre Art war, und gewiß hätte er nach der ihrigen mehr gewonnen, als nach der seinigen. Bis jetzt besaß er nichts an Werth und Schätzen, als eine seltene Handschrift, mit wunderbaren Zeichen geschrieben, des Inhalts: Reisen vor der Sündfluth, aus dem er bald Diesem, bald Jenem, für ein Mittagessen oder Nachtlager, etwas vorerzählte. Diese besondre Art, sein Brod zu erwerben, ward dem Ober-Kadi durch seine geheimen Aufseher hinterbracht, und dieser Umstand beweiset den Spruch des weisen Salomo, daß unter der Sonne nichts Neues mehr geschehen und erfunden werden kann. Der Herausgeber dieses Buchs bedauert es, daß er seine Zeitgenossen um den Ruhm dieser Erfindung der weisesten Polizei bringen muß, tröstet sich aber mit dem schmeichelhaftesten Gedanken, daß sie diese rohe Erfindung so zur Vollkommenheit gebracht haben, daß es unserm erleuchteten Zeitalter noch immer als charakteristisches Ehrenzeichen vorzüglich angehört. Auf was für Absprünge doch ein Mann, der heute ein Buch schreibt oder nur zusammenträgt, gebracht wird, und gleichwohl klagt man, daß wir nicht mehr so einfach schreiben, wie die Alten. Klagt die Veränderung der Umstände, die hohe Erleuchtung an, ihr beschwerlichen Mißvergnügten! Was kann der Schriftsteller dafür, daß Religion, Moral, Politik, Polizei, Finanzwesen und Regierung in ein so schönes, feines, rundes und vollendetes Ganze zusammengeflossen sind, daß man keinen Faden dieses so mannigfaltigen Gewebes berühren kann, ohne die unzähligen andern mit zu bewegen. Und warum darüber klagen, da wir daraus beweisen können, daß sie nicht allein uns glücklich machen, sondern auch durch den Reichthum unsrer Ideen den Vorrath unsrer Sprache so vermehrt haben, daß die Alten mit ihren so ausgebildeten Sprachen als arme Stümper erscheinen müßten, wenn sie mit unsern Moralisten, Kameralisten, Finanziers, Polizeiaufsehern oder gar mit einem Minister zu unterhandeln hätten.

Der Ober-Kadi, der, vermöge seines Berufs, natürlich gleich etwas Widriges gegen den Koran oder den Khalifen in dem Benehmen des weisen armen Narren finden mußte, ließ ihn ohne Weiteres vor der Hand gefänglich einziehen, und dies nach den Regeln der Klugheit; denn er war überzeugt: daß, wenn bei der Sache Gefahr wäre, so sei er ihr zuvorgekommen, und fände man den armen Narren unschuldig, so habe er ja noch immer Zeit genug, gegen ihn gerecht zu sein. Ein Mann, der in Bagdad vor grauer Zeit so schließen konnte, wäre auch noch heute in unsern feiner organisirten Staaten zu gebrauchen; doch maßen wir uns mit dieser Bemerkung gar nicht an, unsre Ober-Kadis belehren zu wollen, was in solchen Fällen ihre Pflicht sei.

Zum Glück des armen Ben Hafi sprach der Ober-Kadi zufällig von diesem besondern Vorfall mit dem Großvizir. Der Großvizir, der sich am meisten im Gedränge fühlte, hörte kaum die Worte: Reisen vor der Sündfluth, ein närrischer Weiser, als sein Geist ihm zuflüsterte: »Wer weiß, ob uns Dieser nicht aus der Verwirrung hilft; je seltsamer, je besser! Ist der Kerl ein Narr und doch weise dabei, so wird er ja wohl wissen, wie man einem etwas abgespannten Monarchen die Zeit vertreibt, ohne daß es nützet oder schadet!«

Der Großvizir sah und hörte Ben Hafi, durchblätterte seine wunderbare Handschrift, schüttelte den Kopf über die verworrenen, verzerrten Zeichen und blickte ihn lächelnd an, während dieser ihm ernst und kalt in die Stirne sah. Hierauf rollte der Großvizir die Handschrift zusammen, nahm sie unter den Arm, winkte Ben Hafi, ihm zu folgen, und sagte im Gehen: »Ben Hafi, närrische Weisheit, so viel du immer willst, nur keine ernste. Die erste erwirbt dir Gold und des Großvizirs Gunst, die zweite des Khalifen Unwillen, weil sie ihm Langeweile machen würde, und sein Diener müßte sie dir, vielleicht gezwungen, mit einem Strick belohnen.«

Nach diesem sehr verständlichen Fingerzeig führte ihn der Großvizir bei dem Khalifen ein, legte diesem die Handschrift vor, sagte ihm, was sie enthielte und was er von dem närrischen Weisen wußte. Während der Khalife, neugierig und erstaunt, die wunderbare Handschrift durchblätterte, hatte Ben Hafi Zeit, ihn zu beobachten. Sein freundlicher milder Blick, seine schöne, ehrwürdige Gestalt gewannen ihm Ben Hafis Herz, und es fuhren diesem so viele sonderbare Gedanken über den Herrn der Gläubigen durch den Kopf, in die sich zugleich so viele Kühnheit mischte, daß sie selbst die Gegenwart des strengen Großvizirs nicht niederschlagen konnte. – Bald that der Khalife eine Menge Fragen an ihn: »Woher er die Handschrift habe? In welcher Sprache sie geschrieben sei? Wer der Urheber davon sei? Wie sie der allgemeinen Fluth hätten entgehen können? Ob es nicht gar eine Erdichtung wäre? Scheue dich nicht, Ben Hafi,« setzte er hinzu, »mir dies zu gestehen, denn aus gewissen Ursachen wäre es mir noch lieber, wenn es eine Erdichtung wäre.«

Ben Hafi versicherte den Khalifen, die Handschrift enthielte Wahrheit und stellte ein treues Gemälde von der Erde und ihren Bewohnern in dem letzten Zeitraum vor der Sündfluth dar.

Khalife. So fürchte ich sehr, diese Gemälde werden so wenig lustig sein, wie die Gemälde von den Menschen nach der Sündfluth.

Ben Hafi. Nachfolger des Propheten, du hast viel mit wenig Worten gesagt, vielleicht noch mehr, als du sagen wolltest.

Khalife. Ich will weiter nichts sagen, als daß ich fürchte, deine Geschichte da wird für mich nicht unterhaltend sein.

Ben Hafi. Höre sie an und urtheile dann.

Großvizir. Du bist sehr kurz, Ben Hafi! Glaubst du, der Khalife habe weiter nichts zu thun, als das Wagestück mit dir einzugehen, seine kostbare Zeit aufs Spiel zu setzen?

Ben Hafi. So erspare sich und mir der Herr der Gläubigen die Zeit, denn ich stehe für nichts. Und beim Propheten, ich würde eine große Sünde begehen, wenn ich dem Nachfolger des Propheten Stunden raubte, die seinem Volke gehören. Noch mehr, meine Geschichten müßten erbärmlich flach sein, wenn man sie an einem Hofe immer unterhaltend finden sollte; oft erfordern sie etwas mehr, als das bloße Ohr. Laß mich darum immer wieder einpacken.

Khalife (fuhr hastig zu). Halt! beantworte erst meine Fragen, und dann will ich deine Geschichten hören.

Ben Hafi. Herr, wenn du mir befiehlst, daß ich dir die Zeichen der Handschrift verdolmetschen soll, so wirst du die Antworten auf deine Fragen nach und nach selber finden. Für jetzt so viel!

Diese wunderbare Handschrift fand viele Jahrhunderte nach der Sündfluth ein Weiser Indostans auf dem alten Gebirge, Da die Handschrift Ben Hafis weder dies alte Gebirge, noch den Khalifen namentlich bezeichnet, so hätte der Herausgeber eine schöne Gelegenheit, sich das Vergnügen zu machen, eine lange historische Abhandlung darüber zu schreiben und sie diesem Werke anzuhängen. Das Einzige, was ihn abhält, ist der Zweifel, ob sie dem Leser eben so viel Vergnügen machen würde. Ein Zweifel, der da beweiset, daß der Herausgeber gewiß kein Deutscher ist. tief unter einem Felsen vergraben. Durch Eingebung eines höhern Geistes lernte der Weise, die Handschrift zu entziffern, wenigstens sagte er so. Die Handschrift erbte in seiner Familie fort, und immer lehrte der Vater den Erstgeborenen den Sinn der wunderbaren Handschrift. Ich wanderte in Asien herum, kam nach Indostan, lernte den Besitzer der Handschrift kennen und stahl ihm, durch den Beistand meines natürlichen Geistes, den Schlüssel zur geheimen Sprache dieser Zeichen. Bald darauf verließ ich ihn und wunderte mich sehr, als ich in dem Sacke, worin ich meinen Vorrath auf der Reise trage, die seltene Handschrift fand. Vielleicht wollte mich der gute Weise mit dem Geschenke, nach dem er mich so lüstern sah, überraschen; vielleicht auch, daß das Schicksal wollte, sie sollte nicht fernerhin das zu eigennützige und beschränkte Eigenthum eines Einzigen bleiben; vielleicht wollte es gar, daß der arme, immer herumwandernde Ben Hafi an des Khalifen Hofe dadurch das Ende seiner mühseligen Wanderungen finden sollte. Die Zeichen nun, die du hier siehst, Beherrscher der Kinder des Propheten, sind Zeichen und keine Sprache, oder besser, sie sind Versinnlichung der Gegenstände. Und wer nun diese Zeichen zu deuten weiß und jedes derselben durch drei und sieben und sieben durch drei, und eins durch drei und drei durch eins, und neun durch drei und drei durch neun zu theilen und zu verbinden versteht, der versteht die Bedeutung und den Sinn der Zeichen, er sei Araber, Perser oder Indostaner. Die Wurzel liegt in dem Ungraden und der Geist der Wurzel in dem Einfachen.

Khalife. Genug! genug! Sage mir lieber, was die Handschrift enthält.

Ben Hafi. Wie schon gesagt: Reisen, Geschichten vor der Sündfluth. Mahals, Noahs des Propheten Schwähers, Reisen oder die Geschichte der Menschen und ihrer Herrscher vor der Sündfluth.

Khalife. Ich ließ dich schon merken, daß ich die Geschichten nicht leiden kann, die wahren meine ich. Märchen! Märchen müssen es sein! denn sieh, Ben Hafi, Märchen lehren Weisheit, ohne den Anschein davon zu haben; sie belehren den Zuhörer, ohne daß sich der Erzähler dem Verdacht aussetzt, Höhere und Bessere, als er selbst ist, belehren zu wollen. Märchen kitzeln die Einbildungskraft und schläfern ein. Von Märchen glaubt der Zuhörer, was er will, und erzählst du etwas Schlechtes von Sultanen und ihren Dienern, so kann man denken, es sei Erfindung eines müßigen Thoren oder eines schwarzgallichten Mißvergnügten; aber der Geschichte muß man glauben. Darum mußt du mir deine Reisen da wie Märchen erzählen, wenn du willst, daß ich sie hören soll. Mißfällt mir etwas, so denk' ich oder sag' ich dann: ist's doch nur ein Märchen und keine Wahrheit!

Ben Hafi. Ich bewundere, was du sprichst! Springt doch immer da der tiefe Sinn hervor, wo du ihn nicht suchtest! Ach, gliche nur das Vermögen meines Geistes dem Willen, dir zu gefallen, so sollten dir Mahals Reisen vor der Sündfluth eine herrliche Erzählung werden, und ich wäre des reichen Lohns gewiß.

Khalife. So beginne!

Ben Hafi. Da nun meine Erzählungen wie Märchen klingen sollen, so erlaube, daß ich erst ihren Ton umstimme. Auch mußt du mir, bevor ich anfange, eine Bedingung gewähren. –

Khalife. Eine Bedingung! Wer macht die als ich? Vernimm die meine und schweige. Ich unterbreche dich, so oft es mir gefällt. Mache meine Anmerkungen über Das, was du erzählst, schlafe ein, wenn ich dazu geneigt bin, und wenn ich schlafe, so erzählst du fort; denn Derjenige, der unter dem Erzählen schläft – vorausgesetzt, daß der Erzähler keine schnarrende, rauhe, gellende Stimme hat – der glaubt, er schliefe unter dem sanften Gemurmel eines Baches, und erwacht er, so hat er den Vortheil, daß er gleich Gedanken vor sich findet, die ihm weiter keine Mühe kosten, als sie aufzunehmen.

Ben Hafi. Vortrefflich, Herr! doch ich kann von meiner Bedingung nicht abstehen, solltest du auch mir zürnen.

Khalife. Laß hören.

Ben Hafi. Du erlaubst mir, in diese Reisen oder Märchen so viel von meiner eigenen Weisheit und Thorheit, meinen Sprüchen und Bemerkungen einzumischen, als mir gefällt, und wenn sie auch nicht an ihrer Stelle ständen. Kein Philosoph hört sich lieber, als ich mich höre, und springt meine Ader einmal, so möcht' ich mich lieber erdrosseln lassen, als schweigen. Auch muß ich aufhören können, wenn ich es für gut finde, und meine Märchen nach mir gefälligem Maß zuschneiden dürfen. Ferner mußt du Mahals Reisen bis ans Ende anhören, und sollten sie dir auch noch so viele Langeweile machen; denn erst am Ende kommt das Lustige und Stechende. Bin ich mit Mahals Reisen fertig, so erzähle ich dir meine Wanderungen durch Asien und Afrika, die, obschon nach der Sündfluth gemacht, mit denen vor der Sündfluth sehr viel Aehnliches haben, nur daß sie etwas wunderbarer und lustiger sind. – Herr der Gläubigen, gefallen dir meine Bedingungen nicht, so rolle ich meine Handschrift zusammen, und du machst mit mir, was du willst.

Khalife. Und du fürchtest nichts von Dem, der hier über Leben und Tod gebietet?

Ben Hafi. Nichts, gar nichts, und dazu habe ich einen ganz eignen Grund.

Khalife. Wie lautet der?

Ben Hafi. Ich glaube, Herr, daß nur die Bösen nach diesem Leben sich fühlen und fortdauern, daß die Guten dort ohne Träume und Erinnern schlafen, und darum kann ich nicht geschwind genug dahin kommen, wo man nicht mehr erwacht, wo man vergißt, daß man gewesen ist.

Khalife. Du sprichst Unsinn, Mensch, doch Gott ist groß! denn bei den Engeln, die Einigen die Seelen gewaltsam entreißen! bei den Engeln, die sie Einigen sanft ablösen! bei den Engeln, die mit den Befehlen Gottes schwimmend in der Luft hingleiten! bei den Engeln, die dem Gerechten in dem Paradiese vortreten und seinen Sitz bereiten! bei den Engeln, die die Ereignisse der Welt leiten! Nur ein Stoß in die Trompete wird ertönen, und die Gräber werden sich öffnen, und die Ungerechten werden rufen: Ach, Unglück über uns, der Tag des Gerichts ist da! Dann wird die Erde von ihrer Stelle beweget, die Gebirge in Stücke zerschlagen werden und in Staub zerfliegen. An diesem Tage soll die unvermeidliche Stunde des Gerichts kommen. Dann soll die Sonne zusammengefaltet werden, die glänzenden Gestirne erlöschen und die Himmel zerrissen werden. Das Meer wird kochen, die reißenden Thiere werden sich zu Haufen sammeln, des zehen Monden trächtigen Kameels wird man nicht achten, die Seelen werden mit den Leibern wieder vereinigt werden, die Gräber sich öffnen und die Todten lebend hervorgehen. Dann wird eines Jeden Buch geöffnet werden und Jedem geschehen, nach dem er gethan hat!« Aus dem Koran; wie alle übrigen so gedruckten Stellen, die in diesem Werke vorkommen.

Ben Hafi. Gott ist groß und gerecht und darum fürchte ich nichts. – Ohne diese Bedingungen rolle ich die Handschrift hier nicht auf.

Khalife (zum Großvizir.) Was für einen Menschen hast du mir da gebracht?

Großvizir. Ich bedeutete dir, Herr, daß ihn das Volk den närrischen Weisen nennt. Geh immer ein, was er verlangt; kannst du ihn doch durch einen Wink zum Stummen machen.

Khalife. Wohl weiß ich dies; aber du weißt auch, daß ich es eben darum nicht thue. Wie kann ich, der Aller Willen lenkt und bloß nach seinem Willen lebt, einem Sklaven Willen gegen mich verstatten?

Ben Hafi (der die letzten Worte vernahm). Herr der Gläubigen, dabei leidet dein hoher Wille nichts. Du kannst, wenn, was und wie du willst, und willst du, so willst du doch nur durch deinen Willen, da du Herr bist, zu wollen oder nicht zu wollen. Nur du gebietest dir; denn wer könnte dich wohl nöthigen, mir, dem armen Ben Hafi, eine Bedingung zu gestatten, wenn du nicht wolltest. Alles, was man sagen könnte (vorausgesetzt, man dürfte es wagen, von dir zu reden), wäre: der Herr der Gläubigen gehorchte dem edlen Triebe des Wissens, der, wie du weißt, die Mutter aller Kenntniß ist. –

Khalife. Genug! Ich gehe es ein. Vizir, laß ihn kleiden, daß er morgen Abend anständig vor mir erscheinen kann. – Bringe du die Handschrift mit den Fratzen mit. Wahrlich, man sollte sagen, die Hähne hätten sie im Kampfe darauf gezeichnet. – Doch noch Eins! Ich setze voraus, daß die Handschrift nichts enthält, was den Koran beleidigen kann. –

Ben Hafi. Sie kann ihn nur verherrlichen, wie du am Ende sehen wirst.

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