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Reisen in Europa

Stefan Zweig: Reisen in Europa - Kapitel 10
Quellenangabe
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typereport
authorStefan Zweig
booktitleLänder, Städte, Landschaften
titleReisen in Europa
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1981
isbn3-596-22286-9
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Gärten im Kriege

1939

Unter den vielen in Europa, die das triste Privileg haben, nun schon den Zweiten Weltkrieg mit wachen Sinnen mitzumachen, ist mir noch das Besondere vorbehalten gewesen, jeden dieser Kriege von einer anderen Front zu sehen. Den Ersten sah ich von Deutschland, von Österreich aus, den Zweiten von England. Darum wird mir Beobachten unwillkürlich zum ständigen Vergleich, einem Vergleich nicht nur der Konstellation beider Kriege, sondern auch der beiden Völker im Kriege.

Die immense Verschiedenheit empfand ich schon am ersten Tage. 1914 war die Kriegserklärung in Wien ein Rausch, eine Ekstase. Man hatte den Krieg nur aus Büchern gekannt, man hatte ihn nie mehr für möglich gehalten in einer zivilisierten Zeit. Nun war er plötzlich da, und weil man nicht wußte, wie grausam, wie mörderisch er sein würde, erregte sich die jäh aufgepeitschte Phantasie kindlich-neugierig daran wie an einem romantischen Abenteuer. Ungeheure Massen strömten aus den Häusern, den Geschäften auf die Straßen, formten sich zu begeisterten Kolonnen; plötzlich waren Fahnen da, man wußte nicht woher, und Musik, man sang in Chören, man jauchzte und jubelte, ohne recht zu wissen, warum. Die jungen Leute stauten sich vor den Ämtern, um sich zu melden; sie hatten nur die eine Angst, sie könnten zu spät aufgerufen werden und das große Abenteuer versäumen. Und vor allem: jeder hatte das Bedürfnis zu sprechen, über das zu sprechen, was alle gemeinsam erregte. Fremde redeten sich an auf den Straßen, in den Ämtern vergaß man das Amt, in den Geschäften das Geschäft, man telephonierte sich ununterbrochen, von Haus zu Haus, um die innere Spannung im Wort zu entladen, die Restaurants, die Kaffeehäuser Wiens waren wochenlang voll bis tief in die Nacht von diskutierenden, von exaltierten, nervösen, aber immer schwätzenden und schwätzenden Menschen, jeder einzelne ein Stratege, ein Nationalökonom, ein Prophet.

Dies blieb mir als Bild, als unvergeßliches, von Wien 1914. Und dann 1939 England, ein ebenso unvergeßlicher Kontrast. 1939 war der Krieg keine plötzliche Überraschung, sondern nur eine Wirklichkeit gewordene Befürchtung. In allen Ländern hatte man ihn seit Hitlers Machtübernahme kommen sehen, näher und näher, man hatte alles getan, um ihn wegzuhalten, weil man sein Grauen kannte. Man wußte aus Erfahrung, aus Beobachtung, daß er kein romantisches Fabeltier war, sondern eine gigantische, mit allen Teufelskünsten der Technik ausgerüstete Maschine, die in ihrem langen Umlauf tagtäglich ungeheure Massen an Menschen und Geld verbraucht. Man gab sich keinen Illusionen hin. Niemand jubelte, jeder erschrak, jeder wußte, daß für sein Land, für die Welt jetzt Jahre der Verdüsterung kommen würden. Man nahm den Krieg hin, weil man ihn hinnehmen mußte als etwas Unvermeidliches.

Das war 1939. Aber obwohl ich das wußte, ja diese stoische Haltung als die einzig natürliche erwartete, wurde mir England zur Überraschung, und ich lernte in den Tagen des Krieges mehr über dieses Volk als vordem in Jahren. Die erste Erfahrung war der erste Tag. Ich hatte zufällig in einem Amte zu tun, der Beamte stellte ein Dokument für mich aus, als die Tür sich öffnete und ein anderer Beamter eintrat und meldete: »Deutschland ist in Polen eingerückt. Das ist der Krieg. I have to leave at once.« Er sagte es mit völlig ruhiger Stimme, als machte er eine kleine amtliche Mitteilung. Und während mir das Herz stille stand und ich (warum mich schämen?) meine Finger zittern fühlte, schrieb der Beamte vor mir ruhig das Dokument zu Ende, reichte es mir mit dem leichten freundlichen englischen Lächeln. Hatte er nicht verstanden? Glaubte er es nicht? Aber ich trat auf die Straße. Sie war völlig still, die Menschen gingen weder schneller noch erregter. Sie wissen es noch nicht, dachte ich abermals. Sonst könnten sie nicht so ruhig, so gefaßt jeder seiner Beschäftigung nachgehen. Aber schon kamen die Zeitungen weiß flackernd herangeweht. Die Leute kauften sie, lasen sie und gingen weiter. Keine erregten Gruppen, selbst in den Geschäften kein nervöses Beieinanderstehen. Und so dann die ganzen Wochen hindurch, jeder still, gelassen seinen Dienst tuend, keiner sichtbar erregt, jeder ruhig entschlossen und schweigsam: wären nicht gewisse äußere Sichtbarkeiten wie der black-out oder die in England ungewohnte Häufigkeit der Uniformen, niemand könnte nach der bloßen Haltung der Menschen hier vermuten, dieses Land kämpfe einen der schwierigsten und entscheidendsten Kriege seiner Geschichte.

Diese Unerschütterlichkeit gerade in Augenblicken, wo Erregung, Leidenschaft, Nervosität bei allen anderen Nationen unaufhaltsam durchbricht, bleibt für uns Nichtengländer das Geheimnisvolle am englischen Charakter. Man hat es so oft versucht, dies An-sich-Halten psychologisch zu erklären: durch eine angeborene Straffheit der Nerven oder durch die Systematik der Erziehung, die schon das Kind daran gewöhnt, Gefühle oder zumindest ihren sichtlichen Ausdruck zu verbergen. Aber ich glaube, man unterschätzt ein tieferes Element: die ständige Verbundenheit mit der Natur, die etwas von ihrer großen Gelassenheit unsichtbar auf jeden Menschen überträgt, der in dauernder Zwiesprache mit ihr lebt. Lange glaubte ich – wie die meisten – des Engländers Liebe und Vorliebe sei sein Haus. Aber in Wahrheit ist es sein Garten. Jemand hat in England jüngst gezählt, daß es hierzulande dreieinhalb Millionen Gärten gibt – fast jedes Haus, ja jedes Häuschen hat den seinen, und von den Großstädtern, die in den Flats Londons wohnen, besitzen viele ein Weekendhaus, in das sie sich die ganze Woche lang sehnen um des Gartens und seiner Blumen willen. So arbeiten Millionen von Engländern, diesen angeblich so unromantischen Engländern, im Weekend oder nach ihrer eigentlichen Arbeit in ihrem Garten oder Gärtchen: abends oder morgens nimmt der Arbeiter, der Beamte, der Minister, der Clerk und der Reverend sein Gartenwerkzeug zur Hand, gräbt die Erde um oder schneidet die Sträucher und pflegt seine Blumen. In dieser täglichen Beschäftigung des »gardening«, das nicht Sport ist und nicht Arbeit und nicht Spiel, sondern all dies in Übergängen ineinander schattiert, sind alle Engländer solidarisch, alle sozialen Unterschiede verschwunden, die Distanzen zwischen Arm und Reich aufgehoben: selbst der Earl und der Duke, der sein Dutzend Gärtner beschäftigt, ist seinem Garten nicht minder persönlich verbunden als der Lokomotivführer den armen paar Squares Grün hinter seinem Häuschen. Und diese eine Stunde täglich oder diese halbe Stunde mit Blumen, mit Bäumen, mit Früchten, mit den ewigen und naturhaften Dingen, diese Stunde oder halbe Stunde völliger Abgelöstheit von den Geschehnissen und Geschäften scheint mir durch ihre entspannende Kraft – ihr »relaxing« – jene wunderbare, uns unbegreifliche oder zumindest unerreichbare Ruhe der englischen Menschen zu bewirken. Inmitten einer veränderlichen und zerstörbaren Welt werden sie täglich daran erinnert, daß das Wesentliche unserer Erde, daß ihre Schönheit unberührbar bleibt von dem Wahnwitz der Kriege und den Torheiten der Politik; wenn sie den Tag beginnen oder den Tag enden, haben sie durch diese Berührung eine Festigung und Beruhigung erfahren, die, auf Millionen Menschen summiert, in einer ganzen Nation dann als Charakter in Erscheinung tritt; diese unzählbaren kleinen bescheidenen Gärtchen, die auch an das ärmlichste Haus sich anschmiegen mit ihren paar Sträuchern, ihrem Kranz von Blumen und ihrem nutzhaften Grün, sie sind das große Palliativ dieses Volkes gegen Nervosität, gegen Unsicherheit und laute Schwatzhaftigkeit. Aus ihnen erneuert sich Tag für Tag die für uns Nichtengländer fast unbegreiflich stetige Ruhe und Gelassenheit des Einzelnen wie die Kraft der ganzen Nation, und sie schaffen uns damit ein großartiges Schauspiel seelischer Beständigkeit, fast ebenso großartig wie jenes der Natur.

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