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Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 2

Balduin Möllhausen: Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 2 - Kapitel 1
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authorBalduin Möllhausen
titleReisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 2
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Einundzwanzigstes Kapitel

Aufbruch der Landexpedition – Die indianischen Führer – Reise auf der Kiesebene – Charakter derselben – Nachtlager im Gebirge – Übergang über den ersten Gebirgszug – Beales Paß – Ruhetag an der Quelle – Ausflug ins Gebirge – Reise der Expedition durch das weite Tal – Charakter desselben – Lager im zweiten Gebirgszug – Formation desselben – Übergang über denselben – Das zweite Tal-Lager am Rande desselben – Wasser- und Futtermangel – Sturm, Regen und Schnee – Ruhetag – Erzählung der ältesten Geschichte von St. Louis

Am 23. März begannen wir also unsere Landexpedition auf dem linken Ufer des Colorado. Die fröhlich lärmenden Haufen der Mohave-Indianer hatten wir verlassen, und kaum dreihundert Schritt vom Fluß befanden wir uns schon auf der Kiesebene, auf der wir dem von Lieutenant Beale und seiner Kamelexpedition gebrochenen Pfad in nordöstlicher Richtung folgten. Unsere Gesellschaft bestand aus Lieutenant Ives, Dr. Newberry, Herrn von Egloffstein, Mr. Peacock und mir nebst zwei Köchen, zwei Dienern und sechs mexikanischen Packknechten; begleitet wurden wir von vierundzwanzig Soldaten mit fünf Packknechten unter dem Befehl des Lieutenant Tipton, was unsere ganze Gesellschaft auf fünfundvierzig Mann brachte. Die Zahl der Maultiere betrug ungefähr hundertfünfzig Stück, von denen etwa achtzig unsere Lebensmittel, Instrumente, Zelte und sonstige Lagerequipage trugen, und wenn die Tiere sich nur in einem etwas besseren Zustand befunden hätten, so wäre es eine zwar kleine, aber doch eine stattliche Expedition gewesen, die in langer Reihe auf der leicht ansteigenden Ebene dahinzog.

Mein erstes Gefühl war, trotz der Schwerfälligkeit, mit der mein Maultier dem Zügel und den Sporen Folge leistete, das einer großen Behaglichkeit; wir waren ja von nun an Herr unserer eigenen Bewegungen und brauchten Sandbänke und verborgene Klippen nicht mehr zu fürchten. Es ist wahr, wenn wir oft unsere darbenden Tiere, um ihnen die Arbeit zu erleichtern, am Zügel führten, so wurden wir lebhaft an das Winden der »Explorer« über Untiefen hinweg erinnert, doch der Gedanke, nicht auf bestimmte Räumlichkeiten beschränkt zu sein, sowie auch die gesunde Bewegung verursachten, daß wir nur die Lichtseiten unserer Expedition im Auge behielten und von einem so frischen Mut beseelt wurden, als ob wir eben erst die Heimat verlassen hätten. Geführt von Iretéba und seinen Kameraden Colhokorao, Hamotamaque und Juckeye entfernten wir uns immer weiter vom Colorado; die Eingeborenen schienen im allgemeinen eine gewisse Abneigung gegen die dürre, steinige Ebene zu hegen, denn rückwärts schauend erblickte ich hin und wieder die obere Hälfte von dunklen Gestalten, die mit den Augen neugierig unsere Bewegungen verfolgten, und hinter ihnen dehnten sich wie ein grünendes Feld die Kronen der Cottonwood-Bäume aus, fast gänzlich den sonnigen Spiegel des Stroms verbergend. Schmale Rauchsäulen bezeichneten unser altes Lager, weit gegen Süden aber verriet eine dunkle Wolke, die wirbelnd dem Dickicht zu entsteigen schien, die Bewegungen des kleinen Dampfbootes.

In gemessenem Schritt ging es bald über weite Strecken des mosaikartig mit Kieseln bestreuten Bodens, bald hinab in sandige und felsige Schluchten, die allmählich durch den heftigen Sturz großer Wassermassen entstanden waren; doch immer höher hinauf gelangten wir in dem Grad, als wir uns dem östlichen Gebirgszug näherten.

Trotzdem wir uns in einer wirklichen Wüste befanden, gab es doch manches zu sehen und zu beobachten. Die Außenlinien der zackigen Gebirgszüge, besonders aber der Black Mountains, deren östlicher Verlängerung wir zuzogen, veränderten sich mit jeder Minute, und immer neue, phantastische Formen traten aus den verworrenen Felsmassen hervor. Buntes Gestein mancher Art, vorzugsweise aber Basalt, Grünstein, vielfarbiger Porphyr, Quarz, Achat, Jaspis, Karneol, Kalzedon und Obsidian, bedeckte dicht den Boden, und zwischen diesem schlüpften zierliche Hornfrösche und schön gezeichnete Eidechsen umher. Auch die Kakteen erregten unsere Aufmerksamkeit; nicht durch kräftigen Wuchs oder durch gruppenweises Zusammendrängen, sondern durch die verschiedenen Arten, die wir bis dahin im Tal des Stroms noch nicht bemerkt hatten; unter diesen die strauchartige, furchtbar bewaffnete Opuntia Bigelowii, die breitblättrige, knospenreiche Opuntia basilaris, Opuntia erinacea und Echinocactus polycephalus. Dr. Newberry sowohl als ich stiegen vielfach ab, um Exemplare für unsere Sammlungen zu sichern.

Der Doktor erlebte bei dieser Gelegenheit einen neuen Unfall, der von den bösesten Folgen für ihn hätte sein können, glücklicherweise aber nur ein leichtes Unwohlsein für die nächsten Tage verursachte. Er war nämlich im Begriff, sein Tier zu besteigen, als dieses, vor der Botanisiermappe sich scheuend, ihn zu Boden warf, und zwar so, daß er noch mit dem Fuß im Bügel hängenblieb. Zufällig rannte das Tier gegen das meinige, wobei es mir gelang, es zum Stehen zu bringen, nachdem es den Doktor nur einige Schritte weit geschleift hatte. Ich weiß nicht, wer von uns beiden den größten Schrecken empfunden hatte; für mich war es jedenfalls ein gräßlicher Anblick, als ich meinen Freund in dieser Gefahr schweben sah; und ich hatte schon als einziges Rettungsmittel meine Büchse gehoben, um den tückischen Maulesel mittels einer Kugel durch den Kopf am Entlaufen zu hindern, als er gegen mich anrannte.

Ungefähr neun Meilen hatten wir zurückgelegt, als wir das breite, aber trockene Bett eines Gießbachs erreichten und Iretéba uns meldete, daß wir in diesem Wasser finden würden. Wir folgten daher dieser natürlichen Straße aufwärts und befanden uns nach kurzer Zeit zwischen vulkanischen Felsmassen, die sich bald als runde Hügel, bald in Zuckerhutform aus der Ebene erhoben und diese endlich ganz verdrängten. Blumen und kleine Grasflächen, die unter dornigen Mesquitebäumen hervorlugten, deuteten auf die im sandigen Boden enthaltene Feuchtigkeit, und als wir zwei Meilen in der sich verengenden Schlucht aufwärts geritten waren, stießen wir zu unserer Überraschung auf eine Reihe verkrüppelter Weiden und Cottonwood-Bäume. Iretéba bezeichnete uns die Stelle, wo wir Wasser finden würden; es war eine Aushöhlung im Boden, in der wir noch etwas Feuchtigkeit entdeckten, die aber, nachdem sie gereinigt war, so viel Wasser lieferte, daß wir nicht nur zu unserem eigenen Bedarf einen hinreichenden Vorrat erhielten, sondern auch am folgenden Morgen jedem unserer Tiere einen halben Eimer voll reichen konnten. Mit viel Mühe erstieg ich kurz vor Abend noch die nächste Anhöhe, von wo aus ich die Umgebung zu übersehen vermochte, und war erstaunt, als ich meine Blicke auf die chaotisch übereinandergestürzten Felsmassen richtete, die nicht mit einem Gebirge, sondern mit den Trümmern eines Gebirges Ähnlichkeit hatten.

Über mächtigen Anhäufungen von vulkanischem Geröll erhoben sich die Formen von Burgen, Wällen und langen Mauern; manche regelmäßig und senkrecht, wie um Jahrtausenden zu trotzen, andere wieder gespalten und überhängend, als ob die geringste Erschütterung sie hinabzustürzen vermöchte. Die dunkle, schwarze und rötliche Färbung des Gesteins hob den wilden Charakter dieser vegetationslosen Felsenwüste, aber über diese hin wölbte sich der reine, prächtige Abendhimmel; in duftigem Blau schwammen die fernen Gebirgszüge; wie ein leichter Nebel lagerte sich der Rauch der Feuer vor mir in der Schlucht, und friedlich schaute die bleiche Scheibe des Mondes auf diese leblose Wildnis.

Ich befand mich bald wieder im Lager bei meinen Gefährten; der Abend war mild, und so vermißten wir weniger die lodernden Scheiterhaufen, an die wir uns im Tal des Colorado gewöhnt hatten, zu denen aber hier das trockene Holz fehlte. Wir blieben indessen bis in die tiefe Nacht hinein vor einem Häufchen glimmender Kohlen sitzen und ergötzten uns an der wunderbaren Mondbeleuchtung, die zwischen Felsen und Klüften spielte. Tot und starr erschien unsere Umgebung am Tag, gehüllt in nächtliches Dunkel aber war es, als sei die Natur einem tiefen Schlummer in die Arme gesunken; murmelnde Stimmen ertönten in unserer Schlucht; an den Abhängen der Hügel, auf dem harten Gestein, klapperten die bewaffneten Hufe der nach kärglicher Nahrung umherspürenden Maultiere; die Glocken der Leitpferde summten in kurzen Absätzen; auf zwei gegenüberliegenden Hügeln aber hielten die berittenen mexikanischen Hüter, der Lasso ruhte in der Faust, ihre Zigarillos glimmten, und wechselweise sangen sie mit melodischer, fröhlicher Stimme in die Nacht hinaus. Sie waren unerschöpflich in ihren Liedern und besangen alles, was zur Glückseligkeit eines Mexikaners gehört; sie priesen die schönen und liebeglühenden Señoritas, den perlenden kalifornischen Wein, die zauberische Wirkung klingender Gitarren und Tambourins, die anmutigen Verschlingungen im wilden Fandango; aber auch des roten Goldes und der südlichen Palmen gedachten sie, und gleichsam höhnisch klang es, wenn das Echo zwischen den nackten Felsen antwortete: »Gold und Palmen.«

Da am Morgen des 24. März das Tränken der Herde mehrere Stunden in Anspruch nahm, so benutzte ich die Zeit, um den Vögeln nachzustellen, die aus weiter Ferne dorthin kamen, um ihren Frühtrunk zu nehmen. Vorsichtig schonte ich von den armen kleinen Tieren, die sich gleich mir des sonnigen Morgens freuten, soviel wie möglich und nahm nur, was mir von Wichtigkeit für meine Zwecke erschien. Ein reizender Kolibri hatte sich in diese Wildnis verirrt, und ich erhielt außer diesem einen Finken mit weißem Scheitel nebst mehreren anderen Finkenarten.

Wir brachen endlich auf; vor uns lag ein Gebirgszug, der sich von Norden nach Süden erstreckte, und wir mußten daher suchen, in nächster Richtung an geeigneter Stelle über diesen hinüberzugelangen. Iretéba befand sich an der Spitze unseres Zuges, und demselben folgend, ritten wir noch gegen vier Meilen in dem Bett des Gießbachs weiter, wo dasselbe dann in zahlreichen Spalten und stufenförmigen Auswaschungen im Gestein endete. Der Weg, der durch tiefen Sand und losen Kies führte, blieb auf dieser Strecke gleichmäßig stark ansteigend, und immer verworrener drängten sich die vulkanischen Felsmassen um uns zusammen. Einzelne Agaven und Kakteen schmückten das schwarze Gestein, das hauptsächlich aus Trachyt und lavaartigem Basalt bestand; auf dem Sand in der Schlucht dagegen erblickte ich die verkümmerte Strauchvegetation, welche diese wüsten Regionen charakterisiert.

Wie wir so in der wenig ansprechenden Umgebung dahinritten und die Blicke mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit über dürre Sandstrecken und starre Felsgebilde hinglitten, wurden wir plötzlich durch den Anblick üppig blühender Agaven erfreut, deren reichgeschmückter Blütenstock hoch über die steife, scharf bewaffnete Blätterkrone emporragte. Die Farbe der großen Blüten war gelblichbraun, und so schön waren sie gezeichnet, und in einer solchen Fülle drängten sie sich um ihren gemeinsamen Träger, daß man dadurch lebhaft an einen wohlgeordneten Blumenstrauß erinnert wurde. Wir schnitten uns einige der prachtvollen Blüten ab, befestigten sie an unseren Sätteln und ergötzten uns so lange an denselben, bis die sterbenden Kelche sich schlossen und die schönen Farben erbleichten. Vielfach habe ich diese Agave von Reisenden als die indianische Maguei erwähnt gefunden, und vorzugsweise in den Beschreibungen über die Gebirgsindianer Neu-Mexikos, denen diese Pflanze die Hauptnahrung liefert; doch vergebens suchte ich nach einem derselben beigelegten wissenschaftlichen Namen. Die Maguei Neu-Mexikos ist natürlich eine Spezies der Agave Americana und wird größtenteils fälschlicherweise mit dieser verwechselt, weil zu der äußeren Ähnlichkeit auch die gleiche Eigenschaft als Nahrungsstoff tritt; doch wird sich bei einem genauen Vergleich unzweifelhaft ein Unterschied zwischen der mexikanischen Agave und der weiter nördlich vorkommenden Maguei herausstellen, ein Unterschied, der mir bei oberflächlicher Beobachtung an Ort und Stelle auffiel.

Wir gelangten endlich bis dahin, wo der gewundene Pfad an den steilen Abhängen des schwarzen Bergrückens hinaufführte und wo unsere matten Tiere nur mit der größten Anstrengung ihre schweren Lasten zu tragen vermochten. Die Reiter stiegen alle ab, doch war der schmale Pfad, der vielfach an tiefen Abgründen hinführte, so schwierig, daß wir oft halten mußten, um frischen Atem zu schöpfen. Nach mühevoller Arbeit erreichten wir endlich die Wasserscheide dieses Gebirgszuges, und es eröffnete sich uns dort eine weite Aussicht über einen Teil des Landes, das sich zu beiden Seiten der Höhe erstreckte. Wir befanden uns etwa 2500 Fuß über dem Spiegel des Colorado, dessen Lauf wir noch in nebliger Ferne zu unterscheiden vermochten.

Vor uns führte eine wilde Schlucht, sich allmählich erweiternd, wieder abwärts, öffnete sich in der Entfernung von sechs Meilen in ein breites Tal, das sich nach der Mitte zu kesselförmig senkte, und das östliche Ende dieser Niederung wurde von einer Gebirgskette begrenzt, welche der ähnlich war, auf der wir hielten.

Der Ansicht, die Lieutenant Ives zu jener Zeit aussprach, daß wir uns in dem Paß befänden, der im Jahre 1851 von Captain Sitgreaves entdeckt wurde, kann ich nach einem Vergleich mit Captain Sitgreaves' Report nicht beipflichten. Zwar lag eine Ebene vor uns, die der von Captain Sitgreaves beschriebenen im allgemeinen entsprach, doch reichten die westlichen Abhänge der Gebirgskette, durch die der Paß führte, nicht unmittelbar bis an das Ufer des Colorado, wie in jenem Report ausdrücklich bemerkt ist. Ich bin daher geneigt, zu glauben, daß wir uns nördlich – wenn auch nur in geringer Entfernung – von Sitgreaves' Paß befanden, und ich halte deshalb die Bezeichnung »Beales Paß« angemessener, zumal wir in dem von Lieutenant Beale gebrochenen Pfad reisten. Inwieweit nun dieser Gebirgszug als zusammenhängend mit den in Whipple's Report beschriebenen Cerbat Mountains angesehen werden kann, wage ich nicht zu entscheiden, jedenfalls glaube ich behaupten zu dürfen, daß er zu deren System gehört und eine gedachte südliche Verlängerung desselben entweder auf das nördliche Ende der Cerbat-Bergkette stoßen oder, was mir wahrscheinlicher vorkommt, sich westlich, aber parallel mit derselben hinschieben würde. Die Richtung der meisten Gebirgszüge zwischen den Bill Williams Mountains und dem Colorado weicht nämlich nur sehr wenig voneinander ab und kann als von Norden nach Süden laufend bezeichnet werden.

Anfänglich war das Niedersteigen in die Schlucht mit bedeutenden Schwierigkeiten verbunden, doch bald wurde unser Weg verhältnismäßig bequem, und am Rande eines trockenen Gießbachs hinreitend, blieben wir beständig von einer malerischen Felsszenerie umgeben, der zahlreiche dunkelgrüne Zedernbüsche einen eigentümlichen Reiz verliehen. Die schwarzen Trachyt- und Basaltmassen blieben hinter uns zurück, schöne rot- und weißfarbige Porphyrwände nahmen deren Stelle ein, doch auch diese wurden bei unserem weiteren Niedersteigen von anderen Formationen verdrängt, und kahle Felsenhügel, bedeckt mit vulkanischen Trümmern, erhoben sich endlich wieder von allen Seiten. Sieben Meilen hatten wir im ganzen zurückgelegt, als Iretéba bei einer Biegung der Schlucht uns auf eine Quelle aufmerksam machte, die in starkem, kristallklarem Strahl aus dem Boden rieselte. Etwas Gras befand sich in der Nähe; wir hatten also das Notwendigste für unsere Herde gefunden, und obgleich es noch früh am Tag war, wurde jene Stelle doch zum Lager bestimmt. Es war ein reizendes Plätzchen; schattiges Strauchwerk umgab unsere Zelte, hörbar murmelte das Wasser über glattgewaschene Kiesel, erwachende Frösche prüften ihre heiseren Stimmen, und Gesang von Vögeln erfüllte die Luft, die in dem Bergkessel von den Strahlen der Sonne und dadurch von dem erhitzten Gestein aufs angenehmste erwärmt wurde. Nur im Mangel lernt man den Wert der geringsten Gaben schätzen, welche die Natur uns liebreich spendet – so auch hier; wir streckten uns, nachdem die Lagerordnung hergestellt war, gemächlich im Schatten hin und waren zufrieden mit uns und mit der ganzen Welt.

Obgleich die Quelle als ein kleiner Bach dem felsigen Boden enteilte, so bewässerte sie doch nur auf eine kurze Strecke die talähnliche Erweiterung der Schlucht, denn schon in der Entfernung von fünfhundert Schritten versiegten die letzten Tropfen in dem durstigen Sand, und als staubige Straße senkte sich das Bett des Gießbachs der östlichen Ebene zu.

Niedriges Gestrüpp bedeckte die Ufer der Quelle, und unter diesem hatten die kleinen Rebhühner ihre versteckten Pfade, auf denen sie, gegen die Angriffe der Habichte geschützt, am Wasser hinauf- und hinuntereilten. Als die Dämmerung sich in unsere Schlucht senkte, wurde das nahe Gebüsch tausendfach von diesen zierlichen Vögeln belebt, die, aus dem Gebirge heimkehrend, ihr friedliches Tal von fremden Gästen eingenommen fanden und ihre Unruhe darüber bis tief in die Nacht hinein durch ängstliches Locken zu erkennen gaben.

Der 25. März wurde zur Rast bestimmt, und ich kann wohl sagen, daß ein Ruhetag uns ebenso willkommen war wie den Lasttieren. Auch die Führer zeigten sich mit dem Aufenthalt einverstanden, und zwar hauptsächlich, weil ihnen dadurch Gelegenheit geboten wurde, einige tiefer im Gebirge lebende Familien der Apachen zu besuchen und Nachrichten über die benachbarten Ländereien einzuziehen. Das Wetter war klar und sehr warm, und am frühen Morgen schon unternahm ich daher einen kurzen Jagdausflug in die nahen Schluchten. In meiner Hoffnung, auf Wild zu stoßen, fand ich mich getäuscht, denn so weit ich auch umherstreifte, entdeckte ich weder die Spuren von Hirschen noch von Bären, und nur auf meiner Rückkehr ins Lager gelang es mir, noch einige interessante Exemplare für meine Sammlung sowie auch einige Rebhühner für unsere Küche zu erbeuten. Auch mehrere Taubenhabichte beobachtete ich, doch gelang es mir nicht, eins dieser scheuen Tiere zu erlegen. Einige Eidechsen und Frösche sammelte ich ebenfalls sowie eine winzige, aber prachtvoll rot, schwarz und weiß geringelte Schlange, die im westlichen Amerika unter dem Namen Königsschlange bekannt ist. Dr. Newberry hatte unterdessen fleißig zwischen dem Gestein umhergehämmert und zeigte mir außer den oben angeführten Felsproben einzelne Bruchstücke von Kalzedon und Achat in den schönsten Farben.

Unsere Indianer trafen gegen Abend wieder bei uns ein, und daher stand am 26. März einem zeitigen Aufbruch nichts entgegen. Wir verließen die freundliche Quelle und gelangten, zwischen Trachyt-, Trapp-, Porphyr- und Konglomerathügeln hindurch, bald in das breite Tal. Wir verließen am Rande desselben die von Beales Expedition zurückgelassenen Spuren und schlugen eine mehr nördliche Richtung ein, die uns nach Iretébas Angabe gegen Abend an eine Quelle im gegenüberliegenden Gebirge führen sollte. Das Tal, das wir durchzogen, erhielt durch den fast gänzlichen Mangel an Vegetation einen überaus wüsten und öden Charakter. Der Boden war größtenteils lehmig und fest, und nur auf der östlichen Hälfte wurde er von sandigen Streifen durchzogen. Die Breite der ganzen Fläche betrug gegen zwölf Meilen, doch auf Grund der klaren Atmosphäre und der Senkung des Bodens nach der Mitte zu war man geneigt, die Entfernung für kaum halb so weit zu halten. Die Senkung von der eigentlichen Basis der Berge bis nach der Mitte des Tales betrug gegen achthundert Fuß, und wir glaubten anfänglich eines der vielen abgeschlossenen Becken vor uns zu haben, an denen die Territorien nordwestlich von Neu-Mexiko bis nach der Südsee hin so reich sind. Im Süden und Norden begrenzte der Horizont die Ebene, und nur einzelne Bergkuppen, welche abgesondert daraus auftauchten, verrieten die in weiter Ferne liegenden Gebirgszüge.

In der Mitte des Tales stießen wir auf ein trockenes Flußbett, und nicht ohne Mühe vermochten wir zu erkennen, daß darin zeitweise Wasser nördlich geströmt war. Einen eigentümlichen Anblick gewährte der große Flächenraum, den wir von jedem Punkt der Ebene aus bequem zu übersehen vermochten: alles war tot und starr, nicht das geringste Leben zeigte sich in dem wüsten Tal; zwar erblickten wir eine feine Rauchsäule am Fuße der gegenüberliegenden Gebirge, doch auch sie verschwand, nachdem uns die scharfen Augen der dort hausenden scheuen Gebirgsbewohner entdeckt hatten, und durch nichts mehr wurde die Einsamkeit unserer Umgebung unterbrochen.

Stunde auf Stunde verrann; die zackigen Gebirgsmassen schienen dicht vor uns, gleichen Schritt mit uns haltend, sich ebenfalls östlich zu bewegen, und der Abend war nicht mehr fern, als wir endlich eine breite Schlucht erreichten, die tief in das Gebirge führte. Nach einem Tagesmarsch von achtzehn Meilen fanden wir endlich in einem versteckten Winkel die von unseren Führern versprochene Quelle, an der wir zu übernachten beabsichtigten. Wir waren übrigens nicht die ersten Weißen, die dort lagerten, denn wir gewahrten hier die untrüglichsten Zeichen, daß auch Lieutenant Beale jene Stelle mit seinen Kamelen besucht hatte. Mühselig mußten sich die Tiere dort ihr kärgliches Gras zusammensuchen, das in Büscheln zwischen vulkanischen Trümmern an den Abhängen der Berge zerstreut umherstand. Auch zum Wasser gelangten sie nicht ohne Schwierigkeit, und ebendies war Ursache, daß am 27. März unser Aufbruch etwas verzögert wurde. Die Umgebung dort war übrigens nicht ohne Interesse für uns, denn die felsigen Berge, die sich verworren und dicht zusammendrängten, erschienen als Plateaus, die durch Schluchten und Spalten voneinander getrennt wurden. Mächtige Granitblöcke lagen in den Schluchten umher oder ragten teilweise aus dem Boden und am Fuße der Berge hervor, doch bestanden die abgeflachten Felsen, die sich dort kaum vierhundert bis sechshundert Fuß hoch über ihren Basen erhoben, aus starken Lagen von rotem Sandstein und Konglomerat, die eine Schicht Basalt deckte – eine Formation, der ich schon bei der Beschreibung der Mündung von Bill Williams Fork gedachte. Nachdem wir die enge Schlucht verlassen hatten, wurden wir von einem Weg begünstigt, der sich sogar für Wagen geeignet hätte. Dieser führte ununterbrochen zwischen Felsmassen eben beschriebener Art hin, und an diesen konnten wir deutlich wahrnehmen, in welchem Grad wir anstiegen, denn immer näher rückten wir der Basaltlage, die säulenähnlich wie Mauerwerk auf den regelmäßigen, an den Seiten aber phantastisch ausgewaschenen Sandsteinschichten ruhte.

Wir erreichten endlich die Wasserscheide, und an geeigneter Stelle nach der Basaltschicht hinauflenkend, gewannen wir eine Aussicht auf die Ostseite des zweiten Bergrückens, der uns nunmehr schon vom Colorado trennte.

Die Höhe, auf die wir gelangt waren (annähernd 3000 Fuß), war keineswegs so gleichmäßig und eben, wie ich zu finden erwartet hatte; zwar erschienen weite Flächen, wenn man über die Schluchten hinwegblickte, als wellenförmige Ebenen, doch erhoben sich über diese vielfach trachytische Kuppen, die sich in nördlicher Richtung zu einem Gebirgszug aneinanderreihten. Gegen Osten hatten wir abermals ein Tal vor uns, das in seiner Ausdehnung sowie im Charakter dem zuletzt beschriebenen ähnlich war. Die Richtung desselben war gleichfalls von Norden nach Süden, und die Ebene verschwamm im Süden mit dem Horizont, während nördlich eine blaue, niedrige Gebirgskette die Grenze bildete. Auf der Ostseite des Tales, in der Entfernung von ungefähr vierzehn Meilen, parallel mit dem Gebirge, das wir eben überschritten hatten, erstreckte sich ein anderes Joch, dessen Gipfel in frisch gefallenem Schnee und dessen Abhänge und Schluchten im Schmuck dunkelgrüner Tannen und Zedern prangten. Bei dem Anblick dieses Gebirges wurde ich lebhaft an die Aquarius Mountains und den Kaktuspaß erinnert, doch überzeugte ich mich einige Tage später, daß erst die darauffolgende Bergkette diejenige war, welche ich im Jahre 1853 überschritt und an deren Fuß in südlicher Richtung Bill Williams Fork zu zog.

Das Tal an diesem Tag noch zu durchreisen, erschien uns nicht ratsam, wir verließen daher Beales Spuren, wandten uns gegen Norden und hielten uns in geringer Entfernung von dem rauhen Gebirge oder, des besseren Weges halber, am Rand des Tales, in welcher Richtung Iretéba uns an eine verborgene Gebirgsquelle zu führen versprach. Auffallend erschien es mir, daß der Boden, an dessen Zeugungsfähigkeit ich nicht zweifeln konnte, dennoch so wenig mit Gras- und Pflanzenvegetation bedeckt war, und ich kann mir dies nur durch den Mangel an Regen in jenen Breiten erklären. Hierzu gesellt sich noch der Umstand, daß jede dort niederschlagende Feuchtigkeit auf dem sich stark nach der Mitte zu senkenden Talboden verlorengeht und, ohne bedeutende Spuren zurückzulassen, den Niederungen zueilt, dieselben versandet und in den zahlreichen Betten alter Gießbäche dem zu einer Wüste bestimmten Tal entflieht. Auch hier vermißten wir fast jedes Leben, und sogar nach Spuren von Wild schauten wir vergeblich aus. Nur der große Hase schien sich hier heimisch zu fühlen, denn mehrfach wurden einzelne dieser verschlafenen Tiere von den Hufen der Maulesel unter vertrockneten Stauden hervorgeschreckt. Wir waren glücklich genug, mehrere derselben zu erlegen, die eine äußerst willkommene Zugabe zu unserem salzigen Schweinefleisch bildeten. Der klare Himmel, der uns in den Frühstunden erfreut hatte, bewölkte sich gegen die Mitte des Tages, ein rauher Nordwestwind sprang auf, und die angenehme Temperatur, die so lange geherrscht hatte, verwandelte sich schnell in eine empfindliche Kälte. Iretéba mit seinen beiden Mohave-Burschen schritt in einiger Entfernung vor dem langgezogenen Zug, die Tiere begannen zu ermüden, die Leute sehnten sich nach dem Lager und richteten ihre Blicke auf den zuverlässigen Führer, der unbekümmert, aber auch unverdrossen die eingeschlagene Richtung verfolgte. In jede Schlucht, an der Iretéba uns vorbeiführte, hofften wir ihn einbiegen zu sehen, doch obgleich diese einander so ähnlich waren, daß man sie nur bei genauer Beobachtung voneinander zu unterscheiden vermochte, so wandte der Indianer doch kaum seine Blicke nach ihnen hin, und nur gegen Abend erst begann er die Berge genauer mit den Augen zu prüfen und, zuweilen stehenbleibend, seine Blicke fest auf die Öffnungen zwischen ihnen zu richten. Unser getreuer Iretéba war aber seiner Sache gewiß, denn noch ehe es zu dunkeln begann, befanden wir uns in einer sandigen, talförmigen Erweiterung einer Gebirgsschlucht, und dieser zwei Meilen aufwärts folgend, erreichten wir deren Ende und zugleich die versteckte Quelle.

Wir begannen sogleich damit, die Lagerordnung herzustellen, was zwischen den niedrigen, verkrüppelten Mesquitebäumen und den Talgholzbüschen nicht ohne Schwierigkeit war, und durchstreiften dann, der Sicherheit wegen, die nächste Umgebung. Durch einen Blick überzeugten wir uns, daß die Tiere dort wieder durch Futtermangel zu leiden hatten; doch das nicht allein – auch das Wasser reichte, selbst nachdem das kleine, natürliche Felsenbassin gesäubert war, nicht viel weiter, als um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. So hatten wir denn das traurige Schauspiel vor Augen, wie die verstreuten Tiere suchend an den Abhängen der Felsen umherkletterten, die trockene Zunge am Gestein kühlten und mechanisch an dürrem Strauchwerk nagten. Ich ging der Herde weit aus dem Weg, um die bittenden, gleichsam vorwurfsvollen Blicke nicht zu sehen, welche die armen Tiere auf jeden richteten, der sich ihnen nahte. Oftmals trennte sich eins oder mehrere von der Herde und kamen schnurstracks ins Lager, wo sie sich betrübt umschauten und den Kopf nach den gefüllten Mehl- und Maissäcken reckten; doch statt des erbetenen Bissens wurden ihnen Scheltworte zuteil, und mit Schlägen trieb man sie zu ihren Leidensgefährten zurück.

Zwei alte Spuren von beschlagenen Pferden, die wir auf den lehmigen Stellen in jenem Winkel entdeckten, erregten unsere Aufmerksamkeit, und zwar um so mehr, weil die Tiere, von denen sie herrührten, dem Anschein nach von Weißen geritten worden waren. Die Spuren hatten sich noch zu gut erhalten, als daß wir sie unbedingt einigen umherstreifenden Mitgliedern der ein halbes Jahr früher dort vorbeigereisten Expeditionen des Lieutenant Beale hätten zuschreiben mögen, und für Trapper war die Gegend wieder nicht anlockend genug. Unsere Forschungen fortsetzend, gelangten wir auch an eine kleine Hütte, die von einem der vielen Nebenstämme der Apachen-Indianer herrührte. Diese war so klein, daß man sie eher für den Aufbewahrungsort von Lebensmitteln als für das Obdach von Menschen halten konnte. Sehr haltbar aus Pfählen und Strauchwerk backofenförmig errichtet und mit einer dicken Sandlage bedeckt, hatte sie ungefähr im Durchmesser vier Fuß, in der Höhe dagegen kaum drei Fuß. Der Umstand, daß sich die Hütte nahe einer größeren Wasserrinne befand, brachte mich auf den Gedanken, daß ich vielleicht die einfache Vorrichtung zu einem Dampfbad vor mir hatte, das freilich nur in nassen Jahreszeiten und nach heftigen Regengüssen, wenn das Wasser sich in den Gebirgen zu schäumenden Bächen vereinigte, von den Eingeborenen dortiger Gegend benutzt werden konnte.

Die Nacht war kalt und stürmisch, Regen schlug auf die straffen Zeltwände, und als wir am Morgen ins Freie traten, erblickten wir zu unserer Überraschung die ganze Landschaft in eine leichte Schneedecke gehüllt. Der Himmel war mit schwerem Gewölk überzogen, Schneeflocken wirbelten in der trüben Luft, und gemeinsam mit feinem Regen durchnäßten sie alles, was nicht unter ein künstlich hergestelltes Dach gebracht werden konnte. Trotz der sichtbaren Not, die unsere Tiere litten, blieben wir an jener Stelle liegen. Nicht daß wir selbst oder unsere Leute gegen das Wetter zu empfindlich gewesen wären, aber eine alte Erfahrung hat gelehrt, daß Pferde oder Maultiere, denen der Packsattel nebst schwerer Last auf den vorn Regen durchnäßten Rücken gelegt wird, leicht unbrauchbar werden, indem die Haut dann sehr schnell durchgerieben wird und diese Wunden sich gewöhnlich bösartig entzünden. Das im trockenen Zustand bepackte Tier, das während des ganzen Tages im Regen marschiert und dessen Rückenhaut von Schweiß trieft, ist bei weitem nicht so sehr diesem Übel unterworfen. Sowenig Rücksicht man auch im gewöhnlichen Leben auf dergleichen Erfahrungen nimmt, so ist es doch anders bei Expeditionen, deren Existenz gleichsam von dem Zustand der Tiere abhängt, und mit einer gewissen Pietät läßt man selbst die unscheinbarsten Vorsichtsmaßregeln nicht außer acht, um dadurch größere Übel zu verhüten. Bei dem Mangel an trockenem Brennholz war es keine leichte Aufgabe für uns, eine erträgliche Temperatur in den Zelten herzustellen, doch der Gedanke an eigene Unannehmlichkeiten wurde durch den Anblick der armen Maultiere verdrängt, die, den beschneiten Rücken dem Wetter zukehrend, zitternd vor Kälte an den Abhängen der nahen Felsenhügel umherstanden und gelegentlich von dem frisch gefallenem Schnee leckten.

Nachdem wir unser Frühmahl beendet hatten, wickelten wir uns daher wieder in unsere Decken, und während Regen und schmelzender Schnee in einschläfernder Weise auf die Wände des Zeltes rasselten, befanden wir uns in einer Stimmung, die der von Gefangenen nicht ganz unähnlich war. Wir versuchten zu schlafen, wir rauchten, und lange dauerte es, ehe wir eine Unterhaltung in Gang brachten, der wir alle mehr oder weniger unsere Aufmerksamkeit zuwandten. – Wir sprachen zuerst von den Annehmlichkeiten, die ein wohleingerichteter Gasthof bei schlechtem Wetter gewährt, und gingen über zu den westlichen Ansiedlungen sowie zu dem schnellen Aufschwung von Städten, die durch ihre Lage begünstigt werden. Allmählich befaßten wir uns mit der Geschichte der Weltstadt St. Louis nahe der Mündung des Missouri, und sowohl Peacock als früherer Bewohner des Staates Missouri wie auch Egloffstein, der mehrere Jahre in St. Louis verlebt hatte, wußten uns manche interessante Mitteilungen über jenen Ort zu machen.

Wer nun geneigt ist, seiner Phantasie einigen Spielraum zu gewähren, dem wird es nicht schwer werden, in Gedanken sich zu uns ins Zelt zu verfügen; ein Kohlenbecken steht zwischen uns; dasselbe hat einen doppelten Zweck: es erwärmt die Luft in dem engen Raum, und dann zünden wir uns auch das unentbehrliche ewige Pfeifchen bei diesem an; der Rauch hindert nicht, ebensowenig die Wassertropfen, welche an den schadhaften Stellen der Zeltleinwand durchschwitzen und uns mitunter auf den Kopf fallen; und während es draußen stürmt, regnet und schneit, erzähle ich im Zusammenhang etwas von der Geschichte der Weltstadt St. Louis.

»Vor hundert Jahren war das Tal des Mississippi Eigentum der französischen Krone und weit und breit bekannt unter dem Namen Louisiana und Oberlouisiana oder Illinois. Der Sitz der Regierung über diesen ausgedehnten Landstrich befand sich in New Orleans, und dorthin hatten sich alle diejenigen zu wenden, die das Vorrecht, mit den Indianern Tauschhandel treiben zu dürfen, für sich in Anspruch nehmen wollten.

D'Abadie war im Jahre 1762 Gouverneur von Louisiana, und dieser erteilte einem gewissen Pierre Liguste La Clède und seinen Genossen das Privileg, unter dem Namen ›Louisiana-Pelzkompanie‹ auf der Westseite des Mississippi und am Missouri hinauf bei den Eingeborenen Tauschverkehr einzuleiten und zu diesem Zweck überall, wo es ihnen förderlich und angemessen erscheinen sollte, Handelsposten anzulegen. La Clède trat im folgenden Jahr mit seiner Kompanie, in der sich die beiden Brüder Auguste und Pierre Chouteau befanden, deren Geschichte so eng mit der von St. Louis verflochten ist, seine Reise stromaufwärts an. Sorgfältig untersuchten die Abenteurer jeden hervorragenden Punkt des mächtigen Stroms, vermieden manche zu ihren Zwecken scheinbar geeignete Stelle, und erst als sie an den südlichen, von Missouri und Mississippi gebildeten Winkel gelangten, überzeugten sie sich, daß gerade dort der Punkt sei, an dem der Handel des Missouri vorteilhaft mit dem des oberen Mississippi vereinigt werden könne. Da, wo jetzt St. Louis blüht, stieg also La Clède ans Ufer. Eine schöne, wellenförmige Prärie dehnte sich nach allen Richtungen hin aus, Gruppen stattlicher Bäume belebten die weite Fläche, und ebensosehr eingenommen von der anmutigen Umgebung als auch von der vorteilhaften Lage jenes Punktes, beschloß er dort die Hauptstation für seine Handelsunternehmungen zu gründen.

Es war im Jahre 1764, als La Clède Besitz von diesen Ländereien nahm, die ersten Bäume zu den Palisaden und Blockhäusern fällen ließ, und den Posten ›St. Louis‹ taufte. Er erhielt indessen nie eine Ahnung davon, zu welcher Wichtigkeit sich die von ihm auserwählte Scholle emporschwingen würde, denn er starb schon im Jahre 1778 auf der Reise von St. Louis nach New Orleans, also zu einer Zeit, als St. Louis erst ein blühender Handelsposten war. La Clèdes Gebeine ruhen in der Nähe der Mündung des Arkansas; die Stelle, wo man ihn in die Erde senkte, ist in Vergessenheit geraten; der Name des Gründers der großen Weltstadt aber lebt fort und wird von deren Einwohnern nur mit den Gefühlen der Dankbarkeit und Verehrung genannt. Die Gründung von St. Louis fällt mit dem Vertrag von Paris vom Jahre 1764 zusammen, kraft dessen Frankreich alle seine Besitzungen östlich vom Mississippi – mit Ausnahme von New Orleans – an England, dagegen die westlich von diesem Strom, zusammen mit New Orleans, an Spanien abtrat. Zu jener Zeit lebten auf der Ostseite des Mississippi oder im Illinois-Territorium schon mehrere tausend Franzosen, die mit der neuen britischen Regierung so unzufrieden waren, daß viele von ihnen ihre Zuflucht auf der Westseite suchten und in der Nähe von St. Louis kleine Niederlassungen gründeten, die jetzt teilweise zu nicht unbedeutenden Städten herangewachsen sind.

Der Hervorragendste unter den Neuzuziehenden war ein gewisser St. Ange de Belleville, früherer Kommandant des französischen Militärpostens Fort Chartres. Dieser wurde gleich nach seiner Ankunft im Jahre 1765 von den Bewohnern der Provinz Oberlouisiana mit der Macht eines Gouverneurs bekleidet, und obgleich ihn die spanische Regierung nicht eingesetzt hatte, so wurde er doch von derselben gewissermaßen anerkannt. Erst im Jahre 1770 folgte auf St. Ange de Belleville der erste gesetzliche spanische Gouverneur, und diese Regierungsform wurde unter verschiedenen Gouverneuren bis zum Jahre 1804 beibehalten, wo dann das Territorium an die Vereinigten Staaten von Nordamerika fiel.

Obgleich der kleine Ort als die Hauptstadt von umfangreichen Territorien betrachtet wurde, so bietet die erste Geschichte von St. Louis nur wenig hervorragende und erwähnenswerte Punkte. Die Einwohner, lauter Franzosen oder Abkömmlinge derselben, verleugneten nicht ihren Nationalcharakter, das heißt, sie bildeten eine fröhliche, gesellige, leichtherzige Gemeinde, die, zufrieden mit geringem Gewinn, in Vergnügungen jeglicher Art den höchsten Lebensgenuß fand.

So wie die Handelsartikel auf die beschwerlichste Weise in Booten von New Orleans stromaufwärts bis St. Louis gebracht wurden, so zogen von hier aus die Kompanien der kühnen Pelzjäger alljährlich den Quellen des Missouri und des Mississippi zu, um dort unter Entbehrungen, Gefahren und den merkwürdigsten Abenteuern Felle und Pelzwerk von den Indianern einzutauschen. Hatten sie dann den Herbst und den Winter auf ihren gefährlichen Reisen hingebracht, so kehrten sie im Sommer auf ihren ausgehöhlten Baumstämmen und Rindenkanus mit den gewonnenen Schätzen heim, um während des Sommers jeder Mann seinen Anteil am Gewinn im fröhlichen, geselligen Zusammensein zu verjubeln.

Zu einer gewissen Annehmlichkeit dieser sorglosen Menschen gehörte, daß sie, entgegengesetzt von ihren britischen Nachbarn, stets im freundschaftlichsten Verkehr mit den Eingeborenen lebten und also nie deren Raub- und Mordüberfällen ausgesetzt waren. Dieser Unterschied zwischen den beiden Nationen hat sich übrigens bis auf den heutigen Tag erhalten, und noch immer sehen wir, wie der französische Abkömmling, ohne sich oder seinem Wesen irgendwie Zwang anzutun, das vollste Vertrauen der Eingeborenen gewinnt, während die Engländer und ihre Nachkommen, die Amerikaner – nur mit wenigen Ausnahmen –, unfähig sind, das Herz der verschlossenen Indianer für sich zu gewinnen.

Dieses Zusammenhalten der Franzosen mit ihren eingeborenen Freunden gab den ersten Anlaß zu einem Zwischenfall ernsterer Art, der die Ruhe der kleinen Ansiedlung zu untergraben drohte. St. Ange, der innig befreundet war mit Pontiac, dem berühmten Ottawa-Häuptling, erhielt im Jahre 1769 Besuch von diesem. Während Pontiac nun in St. Louis die aufrichtigste Gastfreundschaft genoß, erging an ihn eine Einladung von den Illinois- und Cahokia-Indianern auf dem östlichen Ufer des Mississippi, einem großen Fest beizuwohnen. Pontiac, der keine Ahnung von Feinden unter diesen Stämmen hatte, leistete der Einladung Folge, und dieser große, weithin berühmte Krieger verlor bei jener Gelegenheit durch verräterische Hand sein Leben. Nach einem Gerücht wurde die schändliche Tat durch einen Kaskaskia-Indianer vollbracht, der von einem englischen Pelztauscher dazu gedungen war. Pontiac hatte nämlich seinen weitreichenden Einfluß unter den Missouri-Stämmen immer dazu benutzt, den ganzen indianischen Verkehr seinen Freunden in St. Louis zuzuwenden, und sein Untergang war deshalb schon längst von den Bewohnern von Illinois herbeigewünscht worden.

Die Achtung und Liebe, die der große Häuptling sowohl unter der indianischen Bevölkerung als auch unter den Einwohnern von St. Louis genossen hatte, rief eine furchtbare Erbitterung am Missouri hervor, und in vieler Beziehung unterstützt von den Franzosen, hielten die Ottawas ein schreckliches Strafgericht auf der anderen Seite des Mississippi, und ihrer Rache fielen fast alle Illinois-Indianer zum Opfer. Die Leiche Pontiacs wurde von seinen Freunden nach St. Louis gebracht und in der Nähe des einen Forts feierlich bestattet. Eine Straße führt jetzt über das Grab des großen Kriegshäuptlings.

Lange Zeit verging, ohne daß die Ruhe in der sehr langsam wachsenden Ansiedlung St. Louis wieder gestört worden wäre. Das Jahr 1779 rückte heran, die junge Republik von Nordamerika befand sich inmitten des Kampfes um ihre Unabhängigkeit, in den bis dahin die spanischen Besitzungen und mit diesen auch St. Louis noch nicht verwickelt gewesen waren – da erreichte plötzlich die Bewohner von St. Louis die Nachricht, daß der englische Kommandant von der Insel Mackinaw im Michigansee einen Überfall beabsichtige, und der Flecken wurde infolgedessen mit Befestigungen umgeben. Die Befestigungen nun waren der einfachsten Art: eine doppelte Palisadenreihe wurde um den Ort herumgeführt, der Zwischenraum zwischen dem Pfahlwerk mit Erde ausgefüllt, und nur drei Öffnungen wurden als Tore in diesem Wall gelassen. An den äußersten Enden ihres Städtchens, von wo aus sie imstande waren, die Tore mit einigen Kanonen vollkommen zu beherrschen, errichteten die vorsichtigen Leute sodann zwei kleine Forts.

Fast ein Jahr war seit den ersten beunruhigenden Nachrichten verflossen, als plötzlich 1400 Indianer, angeführt von 140 britischen Soldaten, in jener Gegend, aber auf der britischen Seite des Stroms, erschienen und sich auf dem Ufer gegenüber von St. Louis in Hinterhalt legten. Der Überfall der Ansiedlung war auf den 26. Mai verabredet worden; und zum Glück auf diesen Tag, denn da am 25. Mai das Corpus-Christi-Fest gefeiert wurde, wo sich alle Einwohner zum Erdbeerpflücken hinausbegeben hatten, würde es dem Feind ein leichtes gewesen sein, die Ansiedlung samt ihren Bewohnern gänzlich zu vernichten.

Der unvorhergesehene Angriff erfolgte also am 26. Mai; es fielen als erstes Opfer gegen zwanzig Menschen, die mit Feldarbeiten außerhalb der Palisaden beschäftigt waren, und die Leichen derselben wurden noch zum Überfluß auf die scheußlichste Art zerhackt und zerschnitten. Nach diesem Vorspiel stürzten sich die blutdürstigen Angreifer auf die Befestigungen, doch stießen sie dort auf einen so heftigen Widerstand, daß sie nach großem Verlust und nach manchem erfolglosen Versuch, die Tore zu stürmen, zum Rückzug gezwungen wurden. Innerhalb der Palisaden befanden sich nur gegen hundertfünfzig kampffähige Männer, denn die spanischen Soldaten, die den Franzosen zur Seite stehen sollten, verbargen sich feige, und da sogar Beweise gegen den damaligen Gouverneur Leiba vorlagen, daß er durch den Verkauf von Munition sich des Verrats schuldig gemacht hätte, so erforderte es die äußerste Anstrengung des kleinen Häufchens der tapferen Jäger, um nicht in diesem ungleichen Kampf zu unterliegen.

Wie die Feinde gekommen waren, so zogen sie sich auch, und zwar wider alles Erwarten, gänzlich zurück, was der Nähe eines Haufens von fünfhundert Amerikanern zugeschrieben wurde, die den im Kampf gegen die Engländer verbündeten und hart bedrängten Franzosen zu Hilfe eilten. Der mißglückte Überfall hatte zur Folge, daß der Nachfolger des verräterischen Leiba St. Louis stärker befestigte; Bastionen entstanden, ein Turm wurde errichtet, Forts wurden angelegt und mit Kriegsmaterial versehen, doch hatten die Einwohner nie wieder Gelegenheit, zur Verteidigung ihrer Stadt aufzutreten.

Der Rest der Geschichte von St. Louis unter spanischer Oberherrschaft, die nur noch bis zum Jahre 1800 reichte, ist arm an besonders hervorragenden Ereignissen; die Bevölkerung lebte patriarchalisch, nach gewohnter Weise, und merkwürdige Zwischenfälle und außergewöhnliche Ereignisse brachte sie gleichsam kalendarisch in ihre Jahrbücher.

So ist zum Beispiel das Jahr 1785 infolge der Überschwemmungen des Mississippi ›L'année des grandes eaux‹ genannt worden; 1788 erhielt den Namen ›L'année des dix bateaux‹, weil zehn kleine Boote zu gleicher Zeit von New Orleans heraufgekommen waren – ein Umstand, der zu damaliger Zeit wichtig genug war, als ein Ereignis betrachtet zu werden. Die zehn Schiffe waren übrigens gegen die Flußpiraten ausgerüstet worden, gegen die die langsam stromaufwärts reisenden Handelsboote beständig auf ihrer Hut sein mußten. Die reiche Honigernte, die 1792 die wilden Bienen lieferten, wurde ebenfalls in den Annalen vermerkt; ferner der kalte Winter von 1799, in dem das Thermometer bis auf 32° unter Null fiel. Auch das Jahr 1798 war nicht ohne ein Ereignis geblieben, das ihm einen Namen verschaffte: einige Galeeren hatten nämlich Truppen von New Orleans heraufgebracht, und es entstand deshalb die Bezeichnung ›L'anéee des galères‹. 1801 war das Jahr der Blattern, und von dort ab erhielt die Geschichte von St. Louis einen ganz anderen und ernsteren Charakter.

Nachdem St. Louis als zu Louisiana gehörend im Jahre 1800 an Frankreich zurückgefallen war, wurde dieser Staat im Jahre 1803 durch Vertrag an die Vereinigten Staaten für den Preis von 15 Millionen Dollar abgetreten und von letzteren am 10. März 1804 mit allen Förmlichkeiten übernommen.

Im Jahre 1800 zählte St. Louis gegen 150 Häuser mit 925 Einwohnern. Im Jahre 1804 befanden sich dort erst zwei angloamerikanische Familien, doch zogen immer mehr Mitglieder der angelsächsischen Rasse zu, und mit diesen fand auch deren eigentümlicher Unternehmungsgeist seinen Weg in die damals noch abgelegenen Regionen, und es begann sich zu zeigen, daß St. Louis zu etwas anderem als zu einer bloßen Pelztauscherstation bestimmt sei. Im Jahre 1817 gelangte das erste Dampfboot, das in dem weiter südlich gelegenen Louisville erbaut worden war – zum Erstaunen der weißen Bevölkerung und zum Entsetzen der Eingeborenen ohne Segel oder Ruderstangen gegen die heftige Strömung arbeitend – nach St. Louis, dem im Jahre 1819 andere von New Orleans aus nachfolgten. Mit dem vergrößerten Verkehr auf dem Mississippi durch die unglaublich schnell wachsende Zahl der Dampfboote wurde auch die Wichtigkeit der Lage von St. Louis mehr hervortretend, und man kann in diesem Fall wohl mit Recht annehmen, daß Kolonisation und Zivilisation fast ausschließlich mittels Dampfkraft nach den Ufern des Mississippi und des Missouri befördert wurden.

Wohl selten steigerte sich die Zunahme der Einwohnerzahl, und mit dieser auch der Wert des Grundbesitzes, einer Stadt in so verhältnismäßig kurzer Zeit in einem so hohen Grade und zugleich auf so nachhaltige Weise wie in St. Louis. Diese Stadt zählte im Jahre 1800, wie oben bemerkt, nur 925 Einwohner, zehn Jahre später erst 1400; im Jahre 1815 schon 2000; im Jahre 1820 4598 und im Jahre 1833 6000 Einwohner. Von nun ab begann aber die Einwohnerzahl sich alle fünf Jahre zu verdoppeln, und zwar belief sich die Seelenzahl im Jahre 1838 auf 13 000; im Jahre 1843 auf 25 000; 1848 auf 50 000 Einwohner, und im Jahre 1853 hatte St. Louis eine Bevölkerung von 100 000 Seelen. Schienenwege verbanden die Stadt mit den bedeutendsten Orten auf dem Kontinent, und 266 dorthin gehörende oder verkehrende Dampfboote, von denen keins unter sechzig Tonnen Last, einige aber mehr als 700 Tonnen trugen, wandelten diese gleichsam in eine Hafenstadt um.

Wo also vor hundert Jahren der schnellfüßige Ottawa-Indianer den zottigen Bison und den schwarzen Bären jagte, da erhebt sich jetzt die stolze Weltstadt. Noch keine hundert Jahre sind seit deren Gründung verflossen, doch weit über hunderttausend Menschen drängen sich dort zusammen, und wenn auch in vielfachem Hader unter sich über Regierungsform und Sklavenhandel, genießen sie doch ungestört die Früchte, die ihnen aus einem rastlos tätigen Leben des Handels, des Verkehrs und nie endender Spekulationen ersprießen.«

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