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Reise um die Welt

Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
booktitleReise um die Welt
authorAdelbert von Chamisso
year2001
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-6093-9
titleReise um die Welt
pages3
created20010624
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Von Chile nach Kamtschatka

Salas y Gomez. Die Oster-Insel. Die Zweifelhafte Insel. Romanzow. Spiridow. Die Ruriks-Kette. Die Deans-Kette. Die Krusensterns-Inseln. Die Penrhyn-Inseln. Die nördlichsten Gruppen von Radack

Hier beginnt die Entdeckungsreise des »Ruriks«. – Wir fuhren am 8. März 1816 aus der Bucht von Concepción aus, am 19. Juni in die Bucht von Awatscha ein und hatten während drei Monaten und elf Tagen nur einmal die Anker auf kurze Momente vor der Oster-Insel fallen lassen, nur zweimal, auf dieser und auf der Romanzows-Insel, den Fuß flüchtig auf die Erde gesetzt, nur mit den Bewohnern der Oster-Insel, der Penrhyn-Inseln und den Radackern flüchtig verkehrt und nur die oben verzeichneten Landpunkte gesehen. Unsere Blicke hatten auf keinem europäischen Segel geruht; wir sahen erst am 18. Juni abends, in Ansicht der Küste von Kamtschatka und im Begriff, in die Bucht von Awatscha einzufahren, das erste Schiff, dessen Anblick uns mit den Menschen unserer Gesittung vereinigte.

Spärlicher als im Atlantischen Ozean sind die Fahrstraßen befahren, welche dieses weite Meerbecken durchkreuzen, und es begrenzt sie kein Ufer, woran der Seefahrer mit dem Gedanken lehnen könnte; aber der Flug der Seevögel und andere Zeichen lassen ihn oft Land, Inseln, die er nicht sieht und nicht sucht, ahnen, und noch findet er sich nicht in unbegrenztem Raume verloren. Schiffe begegnen in der Regel einander nur in der Nähe der Häfen, die ihnen zum Sammelplatz dienen, der Sandwich-Inseln und anderer. Wir aber vermieden auf dieser langen Fahrt alle Wege des Handels und suchten auf der verlorenen Spur älterer Seefahrer zweifelhafte Punkte der Hydrographie aufzuklären. Dieser Abschnitt unserer Reise, der, in Hinsicht der Leistungen des Herrn von Kotzebue einer der Wichtigsten, in seiner Beschreibung ziemlich viel Raum einnimmt, wird hier auf wenige Blätter zusammenschwinden. Was ich über die Inseln, die wir gesehen, und die Menschen, mit denen wir verkehrt, zu sagen hatte, habe ich in meinen »Bemerkungen und Ansichten« gesagt und habe namentlich dort in den Hauptstücken »Überblick« und »Radack« von der geognostischen Beschaffenheit der Niedern oder Korallen-Inseln, zu denen, die Oster-Insel und Salas y Gomez ausgenommen, alle hier zu erwähnende Landpunkte zu rechnen sind, ausführlich abgehandelt. Was das Nautische und Geographische anbetrifft, muß ich auf Otto von Kotzebue und auf Krusenstern verweisen, der in der Reisebeschreibung selbst und sodann in anderen Werken die Entdeckungen des »Ruriks« in der Südsee kritisch beleuchtet hat.

Es ist zu bedauern, daß die deutsche Originalausgabe der Reisebeschreibung des Herrn von Kotzebue sich dergestalt inkorrekt erweist, daß die im Texte angegebenen Zahlen aller Zuverlässigkeit ermangeln. Vergleicht man die Breiten- und Längenbestimmungen, wie sie in der Erzählung und wiederholt in den meteorologischen Tabellen verzeichnet sind, so findet man, daß in der Erzählung nicht bloß die Sekunden zum öftesten ausgelassen sind, sondern die Zahlen abweichen. Die Tabelle »Aerometer-Beobachtungen«, III, p. 221, die korrekter als der Text zu sein scheint, wird die Mittagsbestimmungen vom 18. Juli 1816 bis zum 13. April 1818, von Kamtschatka bis vor Santa Helena, zu berichtigen dienen und namentlich für einen späteren Abschnitt der Reise, vom 5. bis zum 24. November 1817, auf der Fahrt zwischen Radack und den Marianen durch das Meer der Karolinen, Wichtigkeit erlangen. Hier steht zum Beispiel im Texte, II, p. 125, die Breite vom 20. November 1817 10°42', was offenbar fehlerhaft ist, und in der Tabelle p. 226 11°42'29", was das richtige zu sein scheint. Man wird für den Abschnitt der Reise, der uns beschäftigt, der Beihülfe einer solchen Tabelle entbehren. Es ist zu bedauern, daß Herr von Kotzebue seiner Reisebeschreibung keinen Auszug seines Schiffjournals beigegeben hat. Es ist zu bedauern, daß er in derselben, wo man sie sucht, viele Karten und Pläne nicht mitgeteilt, die ihm die Hydrographie verdankt und von denen Krusenstern, II, Seite 160, den Plan der Häfen Hana-ruru auf O-Wahu und La Calderona de Apura auf Guajan namentlich anführt. Es ist zu bedauern, daß er die ihm auf seine Reise erteilten Instruktionen, worauf er selbst und Krusenstern an verschiedenen Stellen sich beziehend verweisen, nicht bekanntgemacht hat. Es ist endlich zu bedauern, daß er die zur See während einer längeren Zeit zu verschiedenen Stunden des Tages beobachteten Barometerstände aufzubewahren verschmäht hat.

Die mir während der Reise vom Kapitän mitgeteilten Zahlen – Breiten und Längen, Bergeshöhen usw. – stimmen nie mit denen, die ich in seinem Werke verzeichnet finde. Ich bin hier den letzteren gefolgt, wo ich keinen Grund gefunden habe, einen Druck- oder Schreibfehler zu argwöhnen.

Ich bitte diese Abschweifung zu entschuldigen. Ich werde mit flüchtigem Finger den vom »Rurik« gehaltenen Kurs auf der Karte zeigen und sodann ein weniges von den Ereignissen der Fahrt hinzufügen.

Wir segelten nordwärts, die Insel Juan Fernandez unter dem Winde, das ist im Westen, lassend, bis wir den siebenundzwanzigsten Grad südlicher Breite erreicht, den wir sodann westwärts verfolgten. Wir sahen am 25. den nackten Felsen Salas y Gomez, 26°36'15" südlicher Breite, 105°34'28" westlicher Länge, und berührten am 28. die Oster-Insel. Wir steuerten von da etwas mehr nach Norden und erreichten am 13. April den fünfzehnten Grad südlicher Breite, beiläufig im 134. Grad westlicher Länge. Wir verfolgten westwärts diese Parallele, auf der Spur von Lemaire und Schouten, durch ein sehr gefährliches Meer, das mit niedren Inseln und Bänken angefüllt ist, worauf man zu stranden Gefahr läuft, bevor man sie gesehen hat. Wir lavierten öfters die Nacht hindurch, ohne fortzuschreiten, teils um Gefahr zu vermeiden, teils um kein Land in unsrem Gesichtskreise ungesehen zu lassen. Wir ließen auf dieser Fahrt die Marquesas im Norden und westlicher die Gesellschafts-Inseln im Süden liegen. Es ist bemerkenswert, daß wir seit der Oster-Insel und diesen Teil der Reise hindurch bis zu dem Äquator meist Nord- und Nordostwind hatten, wo wir im Gebiete des Südostpassats auf Südostwind zu rechnen hatten. Wir hatten öfters Windstöße, Regen und Wetterleuchten.

Am 16. und 17. April. Die Zweifelhafte Insel in 14°50'11" südlicher Breite, 138°47'7" westlicher Länge.

Am 20. April die Romanzows-Insel entdeckt und am 21. auf derselben gelandet. 14°57'20" südlicher Breite, 144°28'30" westlicher Länge. Sie ist die einzige der hier aufgezählten Inseln, auf welcher der Kokosbaum wächst; die anderen sind nur spärlich bewachsen. Alle haben mit breitem, weißem Strande das Ansehen von Sandbänken, wofür sie ältere Seefahrer hielten, verwundert, in deren nächster Nähe keinen Grund mit dem Senkblei zu finden; ein Umstand, den sie anzuführen nie ermangeln.

Am 22. April die Spiridow-Insel 14°51'00" südlicher Breite, 144°59'20" westlicher Länge.

Am 23. in der Nähe der Pallisers von Cook die Ruriks-Kette, von welcher wir südlich fuhren. Wir sahen sie zwischen 15°10'00" und 15°30'00" südlicher Breite, 146°31'00" und 146°46'00" westliche Länge. Ihre größere Ausdehnung nach Norden wurde nicht erforscht. – Im Südsüdosten ward Land gesehen, aber nicht untersucht.

Am 24. und 25. April die Deans-Kette, deren südlicher Rand in der Richtung Nordwest sechsundsiebzig Grad und Südost sechsundsiebzig Grad, zwischen 15°22'30" und 15°00'00" südlicher Breite und 147°19'00" und 148°22'00" westlicher Länge aufgenommen wurde.


Die Krusenstern-Inseln

Am 25. die Krusensterns-Inseln; Mitte der Gruppe 15°00'00" südlicher Breite, 148°41'00" westlicher Länge.

Wir bogen von da den Kurs mehr nach Norden, verschiedene zweifelhafte Inseln aufsuchend, die wir nicht fanden. Wir steuerten sodann nach den Penrhyn-Inseln, die wir am 30. April sahen und mit deren Bewohnern wir am 1. Mai zur See verkehrten. Die Mitte der Gruppe liegt nach der Bestimmung des Kapitäns 9°1'35" südlicher Breite, 157°34'32" westlicher Länge. Ein starkes Gewitter entladete sich über diese Inseln, als wir sie verließen.

Wir hatten nun häufige Windstillen und Windstöße, die oft von Regenschauern begleitet waren. Wir durchkreuzten zum zweitenmal den Äquator am 11. Mai in 175°27'55" westlicher Länge.

Wir suchten am 19. und 20. Mai die nördlichen Gruppen der Mulgraves-Inseln auf und hatten bereits diese Untersuchung aufgegeben, als uns, nordwärts steuernd, am 21. Mai die erste Ansicht der nördlichen Gruppen der Inselkette Radack, Udirick und Tegi erfreute. Diese Inseln, deren liebliche Bewohner wir hier zum erstenmal gewahrten, werden uns später beschäftigen. Der Kanal zwischen beiden Gruppen liegt 11°11'20" nördlicher Breite, 190°9'23" westlicher Länge.

Wir richteten von Radack aus unsern Kurs fast nordwärts nach Kamtschatka. Wir traten unter dem dreiunddreißigsten Grad nördlicher Breite in die Region der nordischen Nebel, und der Himmel und das Meer verloren ihre Bläue. Wir hatten am 13. Juni unter dem siebenundvierzigsten Grad nördlicher Breite Sturm und Eis. Am 18. nachmittags um vier Uhr zerteilte sich der Nebel, und der Eingang der Bucht von Awatscha lag vor uns.

Von Chile aus übertrug der Kapitän dem Doktor Eschscholtz die Beobachtung der physischen und meteorologischen Instrumente.

Vor dem Einlaufen in die Bucht von Concepción war uns bereits einmal das Meer stellen- und strichweise schwach rötlich gefärbt erschienen. Dieses Phänomen wiederholte sich deutlicher in den ersten Tagen unserer Fahrt nordwärts längs der Küste. Das Färbende muß auf jeden Fall sehr fein und zerteilt sein und nicht so zu erkennen wie die Alge und das Infusorium des Atlantischen Ozeans. Ich konnte in dem auf das Verdeck heraufgebrachten Wasser nichts unterscheiden und zweifelte, ob es auch wirklich aus den gefärbten Meerstellen herrühre.

Am 9. März, dem Tage obiger Beobachtung, trieb ein toter Walfisch an uns vorüber, auf welchem unzählige Scharen von Vögeln (eine kleine Art Procellaria?) ihre Nahrung hatten. War vielleicht von dieser verwesenden Fleischmasse die Färbung des Meeres herzuleiten?

Die Walfische, die in der Bucht von Concepción häufig gesehen werden, wo ihnen damals nur die Amerikaner nachstellten, begleiteten uns noch eine Zeit. Erst nachdem die Walfische des Nordens gehörig untersucht und beschrieben sein werden, wird es an der Zeit sein, den Wunsch zu äußern, auch die des Südens mit ihnen zu vergleichen.

Am 10. nachmittags um sechs Uhr glaubte der Kapitän eine eigentümliche Erschütterung in der Luft zu verspüren, wobei das Schiff ihm ein wenig zu erzittern schien. Das Geräusch, das er fernem Donner vergleicht, erneuerte sich nach ungefähr drei Minuten; nach einer Stunde merkte er nichts mehr. – Andere glauben, in der Nacht zum 11. und noch am 11. selbst dieselbe Erschütterung wiederholt empfunden zu haben. Ein Zweifel stieg in uns auf, ob vielleicht jetzt das uns so gastliche Land, von einem Erdbeben durchwühlt, ein Schauplatz des Schreckens und der Zerstörung sei. Unsere Befürchtung hat sich übrigens nicht bestätigt.

Wir hatten in Chile Flöhe in fast bedrohlicher Menge an Bord genommen; , hätten sie sich vermehrt, so hätten wir viel zu leiden gehabt. Aber wie wir sonnenwärts fuhren, verloren sie sich mehr und mehr, und wir waren bald gänzlich davon befreit. Wir machten in der nördlichen Halbkugel – auf der Fahrt von Kalifornien nach den Sandwich-Inseln – unter ähnlichen Umständen dieselbe Erfahrung.

Dagegen zeigte sich ein anderes Ungeziefer, das wir bis jetzt nicht gekannt, und vermehrte sich auf dieser Fahrt zwischen den Wendekreisen schon merklich: ich meine die bei den Russen sich heiligen Gastrechts erfreuenden Tarakanen (Blatta germanica, Licht- und Bäckerschaben). Später wurden sie uns zu einer entsetzlichen Plage; sie zehren nicht nur den Zwieback ganz auf, sondern nagen alles und selbst die Menschen im Schlafe an. In das Ohr eines Schlafenden gedrungen, verursachen sie ihm unsägliche Schmerzen. Der Doktor, dem der Fall öfters vorgekommen, ließ mit gutem Erfolg Öl in das befährdete Ohr gießen.

Am 16. März, in einer Entfernung von mehr als siebzehn Grad (beiläufig 1 000 Meilen) von dem nächsten bekannten Lande, der amerikanischen Küste, ward ein Vogel im Fluge beobachtet, der für eine Schnepfe gehalten wurde.

Wir sahen am 24. die ersten Tropenvögel, diese herrlichen Hochsegler der Lüfte, die ich mich fast nicht erwehren kann Paradiesvögel zu nennen.

Am Morgen des 25. verkündigten uns über dem Winde von Salas y Gomez Seevögel in großer Anzahl, Pelikane und Fregatten, diesen ihren Brüteplatz, an welchem wir mittags vorüberfuhren.

Der 28. März 1816 war der Tag der Freude. die erste Bekanntschaft zu stiften mit Menschen dieses reizvollen Stammes und die erste schöne Verheißung der Reise sich erfüllen zu sehen! – Als mit breiter, schön begrünter Kuppe die Oster-Insel sich aus dem Meere erhob, die verschiedenfarbigen Feldereinteilungen an den Abhängen von ihrem Kulturzustande zeugten, Rauch von den Hügeln stieg; als näher kommend wir am Strande der Cooks-Bai die Menschen sich versammeln sahen; als zwei Boote – mehr schienen sie nicht zu besitzen – vom Strande stießen und uns entgegenkamen – da freute ich mich wie ein Kind; alt nur darin, daß ich zugleich mich auch darüber freute, mich noch so freuen zu können. Die flüchtigen Augenblicke unserer versuchten Landung vergingen uns, umtaumelt von diesen lärmenden kindergleichen Menschen, wie im Rausch. Ich hatte alles, Eisen, Messer, Scheren, alles, was ich mitgenommen hatte, eher verschenkt als vertauscht und nur, ich weiß nicht wie, ein schönes, feines Fischernetz erhandelt.


Die Oster-Insel

Ich habe den verdächtigen Empfang, der uns ward , in den »Bemerkungen und Ansichten« zu beschreiben versucht, und mit dem, was ich davon gesagt, können die Berichte von Kotzebue und Choris verglichen werden. Ich habe die vermutliche Veranlassung der halb bedrohlichen Stimmung der Insulaner nur angedeutet. Herr von Kotzebue selber hatte die Geschichte aufgezeichnet, und ihm gebührte es, sie bekanntzumachen. Ich setze sie ergänzend hieher in seinen urkundlichen Worten. Sie stehet im ersten Bande, Seite 116, seiner Reisebeschreibung.

»Eine Nachricht, die das feindselige Betragen der Insulaner gegen mich erklärt und welche ich erst später auf den Sandwich-Inseln durch Alexander Adams erhielt, glaube ich dem Leser hier mitteilen zu müssen. Dieser Adams, von Geburt ein Engländer, kommandierte im Jahre 1816 die dem Könige der Sandwich-Inseln gehörige Brigg ›Kahumanu‹ und hatte vorher auf der nämlichen Brigg, als sie den Namen ›Forester of London‹ führte und dem Könige noch nicht verkauft war, unter Kapitän Piccort als zweiter Offizier gedient. Der Kapitän des Scunner ›Nancy‹ aus Neu-London/Amerika, seinen Namen hat mir Adams nicht genannt, beschäftigte sich im Jahr 1805 auf der Insel Mas a fuero mit dem Fange einer Gattung von Seehunden, welche den Russen unter dem Namen Kotik (Seekatzen) bekannt ist. Die Felle dieser Tiere werden auf dem Markte von China teuer verkauft, und daher suchen die Amerikaner in allen Teilen der Welt ihren Aufenthalt ausfindig zu machen. Auf der bis jetzt noch unbewohnten Insel Mas a fuero, welche westlich von Juan Fernandez liegt und wohin sie aus Chile die Verbrecher schicken, ward dieses Tier zufällig entdeckt und gleich Jagd darauf gemacht. Da aber die Insel keinen sichern Ankerplatz gewährte, weshalb das Schiff unter Segel bleiben mußte, und er nicht Mannschaft genug besaß, um einen Teil derselben zur Jagd gebrauchen zu können, so beschloß er, nach der Oster-Insel zu segeln, dort Männer und Weiber zu stehlen, seinen Raub nach Mas a fuero zu bringen und dort eine Kolonie zu errichten, welche den Kotikfang regelmäßig betreiben sollte. Diesen grausamen Vorsatz führte er im Jahr 1800 ausEin hier oder weiter oben zu vermutender Druckfehler in der Jahreszahl benimmt der Geschichte nichts von ihrer Glaubwürdigkeit. und landete in Cooks-Bai, wo er sich einer Anzahl Einwohner zu bemächtigen suchte. Die Schlacht soll blutig gewesen sein, da die tapfern Insulaner sich mit Unerschrockenheit verteidigten; sie mußten dennoch den furchtbaren europäischen Waffen unterliegen, und zwölf Männer mit zehn Weibern fielen lebendig in die Hände der herzlosen Amerikaner. Nach vollbrachter Tat wurden die Unglücklichen an Bord gebracht, während der ersten drei Tage gefesselt und erst, als kein Land mehr sichtbar war, von ihren Banden erlöst. Der erste Gebrauch, den sie von ihrer Freiheit machten, war, daß die Männer über Bord sprangen und die Weiber, welche ihnen folgen wollten, nur mit Gewalt zurückgehalten wurden. Der Kapitän ließ sogleich das Schiff beilegen, in der Hoffnung, daß sie doch wieder an Bord Rettung suchen würden, wenn die Wellen sie zu verschlingen drohten; er bemerkte aber bald, wie sehr er sich geirrt, denn diesen mit dem Elemente vertrauten Wilden schien es nicht unmöglich, trotz der Entfernung von drei Tagreisen ihr Vaterland zu erreichen, und auf jeden Fall zogen sie den Tod in den Wellen einem qualvollen Leben in der Gefangenschaft vor. Nachdem sie einige Zeit über die Richtung, die sie zu nehmen hatten, gestritten, teilte sich die Gesellschaft, einige schlugen den geraden Weg nach der Oster-Insel ein, und die übrigen wandten sich nach Norden. Der Kapitän, äußerst entrüstet über diesen unerwarteten Heldenmut, schickte ihnen ein Boot nach, das aber nach vielen fruchtlosen Versuchen wieder zurückkehrte; denn sie tauchten allemal bei seiner Annäherung unter, und die See nahm sie mitleidig in ihren Schutz. Endlich überließ der Kapitän die Männer ihrem Schicksale, brachte die Weiber nach Mas a fuero und soll noch öftere Versuche gemacht haben, Menschen von der Oster-Insel zu rauben. Adams, welcher diese Geschichte von ihm selbst hatte und ihn deshalb wahrscheinlich nicht nennen wollte, versicherte mir, 1806 an der Oster-Insel gewesen zu sein, wo er aber wegen des feindseligen Empfangs der Einwohner nicht landen konnte; ein gleiches Schicksal hatte nach seiner Aussage das Schiff ›Albatros‹ unter Kommando des Kapitän Windship im Jahr 1809.«

Ich ergreife diese Gelegenheit, auch hier gegen die Benennung »Wilde« in ihrer Anwendung auf die Südsee-Insulaner feierlichen Protest einzulegen. Ich verbinde gern, soviel ich kann, bestimmte Begriffe mit den Wörtern, die ich gebrauche. Ein Wilder ist für mich der Mensch, der, ohne festen Wohnsitz, Feldbau und gezähmte Tiere, keinen andern Besitz kennt als seine Waffen, mit denen er sich von der Jagd ernährt. Wo den Südsee-Insulanern Verderbtheit der Sitten schuld gegeben werden kann, scheint mir solche nicht von der Wildheit, sondern vielmehr von der Übergesittung zu zeugen. Die verschiedenen Erfindungen, die Münze, die Schrift usw., welche die verschiedenen Stufen der Gesittung abzumessen geeignet sind, auf denen Völker unseres Kontinentes sich befinden, hören unter so veränderten Bedingungen auf, einen Maßstab abzugeben für diese insularisch abgesonderten Menschenfamilien, die unter diesem wonnigen Himmel ohne Gestern und Morgen dem Momente leben und dem Genusse.

Die Fliegenden Fische, von denen wenigstens zwei Arten in dem Großen Ozean vorkommen, scheinen in der Nähe des Landes häufiger zu sein. Wir sahen deren viele in der Nähe der Oster-Insel.

Wir durchschritten in der Nacht zum 1. April den südlichen Wendekreis, sahen am 3. eine Fregatte und hatten am 7. und wiederholt am 13. Windstille. Hier war es, wo, mit der Beobachtung des Meeresgewürmes beschäftigt, die Entdeckung des ersten wahren Meerinsektes den Doktor Eschscholtz erfreute. Es ist unserer gemeinen Wasserwanze (Hydrometra rivulorum F.) zu vergleichen, schreitet und springt auf dieselbe Weise auf der Oberfläche des Wassers und kommt zwischen den Wendekreisen in allen Meeren vor.

Wir sahen am 15. viele Seevögel, Fregatten und Pelikane, erduldeten etliche Windstöße und segelten während der Nacht nicht weiter. Der Himmel war dunkel umwölkt, es regnete heftig, und es blitzte in allen Richtungen.

Der Ruf »Land!« regte uns am 16. mittags freudig an. Die Erwartung ist gespannt, wann freiwillig, möchte ich sagen, und nicht auf das Gebot des Seemanns ein Land der Spiegelfläche enttaucht und sich allmählich vor uns gestaltet. Der Blick sucht begierig nach Rauch, der wehenden Flagge, die den Menschen dem Menschen, der ihn sucht, verkündigt. Steigt Rauch auf, dann pocht einem seltsam das Herz. Aber diese traurigen Riffe haben bald, bis auf eine eitele Neugier, alles Interesse verloren.

Es war doch ein großes Fest, als am 20. beschlossen ward, eine Landung auf der kleinen palmenreichen Insel Romanzow zu versuchen. Der Kapitän beorderte den Leutnant Sacharin, den Landungsplatz zu erkunden, und mich, ihn zu begleiten. Ich stieg freude- und hoffnungsvoll in das Boot; wir stießen ab. Wir ruderten ganz nahe der Insel, vom Ufer nur durch die schäumende Brandung getrennt. Ein mutiger Matrose schwamm mit einer Leine ans Land. Er schritt längs dem Ufer, entdeckte Menschenspuren, Kokosschalen, betretene Pfade, er lauschte durch das Gebüsch, pflückte grüne Zweige und kam zu der Leine zurück. – Sacharin deutete mit der Hand nach der Insel und sprach zu mir: »Adelbert Loginowitsch, wollen Sie?« – Ich glaube nicht, daß mich noch einmal in meinem Leben solch peinliches Gefühl durchbohrt. Ich schreibe es zu meiner Demütigung nieder. Was der Matrose getan, war ich nicht imstande zu tun. – Jener schwamm zu uns wieder her, und wir ruderten zum Schiffe. Auf den erstatteten Bericht ward ein Prahm aus allem beweglichen Holze am Bord verfertigt, und wir fuhren am andern Tage in zwei Booten der Insel zu. Die Boote ankerten in großer Wassertiefe zunächst der Brandung; der Matrose schwamm mit der Leine ans Land, und mit Hülfe des Prahms konnten wir einzeln das Ufer erreichen, wo uns die schäumende Welle übergoß. Wir durchwandelten nun fröhlich den Wald und durchforschten die Insel. Wir lasen alle Spuren der Menschen auf, folgten ihren gebahnten Wegen, sahen uns in den verlassenen Hütten um, die ihnen zum Obdach gedient. Ich möchte das Gefühl vergleichen mit dem, das wir in der Wohnung eines uns persönlich unbekannten, teuren Menschen haben würden; so hätte ich Goethes Landhaus betreten, mich in seinem Arbeitszimmer umgesehen. – Daß diese Insel keine festen Wohnsitze hat und nur von andern uns unbekannten Inseln her besucht zu werden scheint, habe ich in den »Bemerkungen« gesagt.

Der Tag, der ohnehin das Osterfest der Russen war, wurde festlich und auf dem »Rurik« mit Kanonenfeuer begangen. Die Mannschaft erhielt doppelte Portion. Wir brachten den auf dem Schiffe Zurückgebliebenen etliche Kokosnüsse mit. Sie zu erhalten, war die Axt an den Baum gelegt worden, ein Verfahren, das mir in die Seele schnitt; zur Sühne hatte man die Axt daselbst gelassen.

In der Nähe der Niedern Inseln, deren Aufnahme uns in den folgenden Tagen bis zum 25. April beschäftigte, ließen sich die Seevögel nur sparsam sehen; dagegen waren die Fliegenden Fische häufig. Hier sah ich auch einmal eine Wasserschlange im Meere schwimmen.

Wir entbehrten schon lange aller frischen Nahrung; das Wasser ward uns am 28. April zum erstenmal zugemessen. Die Portion war aber vollkommen hinreichend, und ich verbrauchte von der meinen nur einen Teil. Ich hätte mich im Notfall mit Seewasser auch begnügt. Ich habe oft auf Exkursionen Seewasser getrunken, ohne Widerwillen und ohne Nachteil; ob es mir aber den Durst löschte wie süßes Wasser, könnte noch gefragt werden. Die häufigen Regengüsse, die besonders in der südlichen Halbkugel uns erfrischten, gaben uns eine erwünschte Gelegenheit, frisches Wasser einzusammeln, wozu unser Zelt eingerichtet war. Solches frisches, gesundes Wasser ist eine wahre Erquickung; denn leider fehlen dem des Vorrats »die nahrhaften Teile« niemals ganz und sind manchmal in unerwünschtem Überflusse vorhanden. – Am 4. Mai regnete es so stark, daß zwölf Fässer Wasser gesammelt wurden.


Begegnung mit den Bewohnern der Penrhyn-Inseln

Ich habe eigentlich zu dem nichts hinzuzufügen, was ich in den »Bemerkungen und Ansichten« über die Penrhyn-Inseln gesagt habe, die wir am 30. April sahen und mit deren Einwohnern wir am andern Morgen verkehrten. Ein solcher Tag mit seinen Ereignissen ist im einförmigen Schiffsleben ein Lichtpunkt, der dessen eintöniges Einerlei belebend durchbricht. Wollte ich wiederholt die empfundene Freude beschreiben, so würde ich in dem Leser eben die Langeweile erzeugen, die sie für uns zu unterbrechen kam. – Wir verhielten uns übrigens dieses Mal leidend, und es war nicht mehr der erste Eindruck. – Ich habe nirgends den Palmenwald schöner als auf den Penrhyn gesehen. Zwischen dem hoch getragenen, windbewegten Baldachin der Kronen und dem Boden sah man zwischen den Stämmen hindurch den Himmel und die Ferne. Es schienen, wenigstens stellenweise, das niedere Gebüsch und der Damm zu fehlen, welche die Inseln dieser Bildung nach außen zu umzäunen und zu beschützen pflegen. Verhältnismäßig zahlreich, stark und wohlgenährt, friedlich und dennoch vertrauend seinen Waffen, unbekannt mit den unsern, war das Volk, das uns umringte; jegliche Familie, so schien es, unter Führung des Alten im eigenen Boote. Sie erhandelten Eisen von uns, das köstliche Metall, und als wir unsern Lauf weiter nahmen, waren sie kaum zu bewegen, von uns zu lassen.

Wir hatten in den nächsten Tagen häufige Windstillen, mit Windstößen abwechselnd, und erreichten am 4. Mai, beiläufig unter 7°30' südlicher Breite, den wirklichen Nordostpassat. Wir sahen in den folgenden Tagen viele Seevögel morgens dem Wind entgegen, bei Sonnenuntergang mit dem Winde fliegen. Die kleine Seeschwalbe (Sterna stolida) ließ sich wiederholt auf dem Schiffe fangen, und wir entließen etliche, denen wir auf pergamentnem Halsbande den Namen des Schiffes und das Datum mitgaben. Es möchte für ein Schiff eine Freude sein, einen solchen Boten in diesem weiten Meerbecken wieder aufzufangen; ließ sich doch in der Chinesischen See ein Pelikan am Bord des »Ruriks« greifen, der von unserer Konserve, der »Eglantine«, kam, wo er sich schon in die Gefangenschaft begeben hatte.

Wir durchkreuzten am 11. den Äquator. Am 12. zeigten sich viele Seevögel. Auch ein Landvogel soll gesehen worden sein. Ein Delphin wurde harpuniert, der erste, dessen wir habhaft wurden. – Er diente uns zu einer willkommenen Speise. Es ist ein schwarzes, blutvolles Fleisch, erdig und unschmackhaft, aber nicht eben tranig. Ich möchte, wie die Haifische, so auch die Delphine für den Tisch loben; sie kommen zu Zeiten, wo sie nicht zu tadeln sind.

Am 19. Mai, da wir die Mulgraves-Inseln aufsuchten, blies unversehens ein Windstoß dem herrschenden Winde entgegen, brachte die Segel in Verwirrung und zerriß manches Tauwerk. Der Kapitän ward von einem geschleuderten Tau am Vorderhaupte getroffen und sank betäubt nieder. Dieser Vorfall, der Schrecken unter uns verbreitete, hatte glücklicherweise keine Folgen.

Wir entdeckten am 21. ein nur an wenigen Punkten spärlich begrüntes Riff, auf dem nur wenige Kokosbäume sich erhoben. Am 22. kamen uns zwei Boote zierlichen Baues, geschickt gegen den Wind zu lavieren, aus diesem Riffe entgegen. Die Menschen, geschmückt und anmutig, luden uns auf ihre Erde ein, aber im Gefühl ihrer Schwäche und unserer Kraft vermaßen sie sich nicht, uns näher zu kommen. Ein Boot ward in die See gelassen, worauf ich mit Gleb Simonowitsch und Login Andrewitsch Platz nahm, und wir ruderten ihnen entgegen. Aber auch so vermochten wir nicht, ihnen Zutrauen einzuflößen. Sie warfen uns Geschenke zu, eine zierliche Matte und eine Frucht des Pandanus, und entfernten sich schnell der Insel zu, uns einladend, ihnen zu folgen. Das waren die Radacker. Sie beschenkten uns zuerst und schieden bei dieser ersten Begegnung unbeschenkt von uns.

Wir hatten, nach Norden steuernd, den 27. die Sonne im Zenit und durchschnitten am 28. den nördlichen Wendekreis, nachdem wir zweiundvierzig Tage südlich vom Äquator und zwölf Tage nördlich von demselben in der heißen Zone zugebracht. Wir wallten unsern heimischen Sternen zu; vor uns erhob sich der Große Bär, und hinter uns senkte sich das Kreuz.

Wir hatten am 2. und 3. Juni, etwas südlicher, als gewöhnlich die Inseln Rica de Plata und Rica de Oro angegeben werden, ungefähr in derselben Breite wie Mearn, Landzeichen. – Am Morgen des 3. ließ sich ein kleiner Vogel vom Geschlechte der Schnepfen auf das Schiff nieder und ward mit Schaben gefüttert. – Treibholz und Tange schwammen im Meer, das Wasser war außerordentlich trübe, doch fand das Senkblei mit 100 Faden Leine keinen Grund.

Die Kälte nahm zu. Wir waren in dem nordischen Nebel, der sich oft an unserm Tauwerke niederschlug und als pechbittere Quellen längs den Wänden herabfloß. Wir fingen in den ersten Tagen des Juni unter der Breite von Gibraltar zu heizen an und hatten gegen die Mitte desselben Monats, bevor wir die Breite von Paris erreicht, Eis am Bord. Das Meer, in diesem selben Meerbecken zwischen den Tropen dunkel ultramarinblau, ist hier schwarzgrün gefärbt und undurchsichtig. Die Wassertiefe, worin ein weißer Gegenstand sichtbar bleibt, hat sich von sechzehn Faden auf zwei Faden vermindert. Das Treibholz ward nordwärts immer häufiger.

Am 4. ward ein zweiter Delphin von einer andern Art harpuniert. Die Arten dieser uns sehr mangelhaft bekannten Gattung möchten sehr zahlreich sein. Scheint doch fast jegliche Herde, die das Schiff umschwärmt, sich von allen andern durch Farbe, Zeichnung und Größe zu unterscheiden.

Am 6. erschienen rote Flecken im Meer; sie rührten von einem kleinen Krebse her, womit das Wasser angefüllt war.

Seitdem wir nach Norden steuerten, eilten Wünsche und Gedanken dem Schiffe voran der Küste zu, wo wir die Hoffnung hatten, Briefe von der Heimat vorzufinden. Wir selber fingen an, unsre Journale durchzusehen, unsre Papiere zur Absendung zu ordnen und Briefe an unsre Lieben zu schreiben. Ich habe, durch einen Scherz des Kapitäns dazu ermuntert, vom Norden des Großen Ozeans eine nach Breiten- und Längengrad datierte Order ausgestellt, einen Korb Champagnerwein an den Staatsrat von Kotzebue zu expedieren, und der Wein ist expediert worden und angekommen.

Ein kleiner Landvogel (eine Fringilla) sagte uns am 17. das Land an, das sich uns am 18. entschleierte. Ein hohes Land mit zackigen Zinnen, über welche sich aus dem Innern hohe vulkanische Kegel erheben. Der Schnee bedeckt nicht gleichmäßig die Höhen wie in unsern Alpen, sondern liegt fleck- und streifenweise an den Abhängen des zerrissenen Gebürges und steigt an denselben tief zu Tale. Am 18. Juni noch so viel Schnee!


Die Awatscha-Bucht in Kamtschatka

Wir fuhren am 19. in das schöne weite Becken, die Awatscha-Bucht, hinein. Wir wurden von der Berghöhe, die den Nordpfeiler des äußern Tores bildet, telegraphisch nach Sankt Peter und Paul angemeldet; ein Hülfsboot kam uns entgegen. Wir waren durch den schmalen Kanal des Einganges mit günstigem Winde eingefahren, der uns, sobald wir im Innern angelangt, plötzlich gebrach. Es war Nacht, als wir in den Hafen hineinbugsiert wurden. Ein unleidlicher Fischgestank verkündigte uns die Nähe des Ortes. – Die Anstalt zum Trocknen der Fische, das tägliche Brot dieser nordischen Lande, liegt auf einer Landzunge, die den inneren Hafen abschließt.

Hier, zu Sankt Peter und Paul, betrat ich zuerst den russischen Boden; hier sollte ich meine erste Bekanntschaft mit Rußland machen.

Wir waren hier angemeldet und wurden erwartet; wir waren alle namentlich bekannt, die Zeitungen hatten unsre Namen ausposaunt, und was hat man in Sankt Peter und Paul anderes zu tun, als die Zeitung zu studieren! Wir wurden empfangen, wie sich's erwarten ließ. Wir brachten Bewegung in das stockende Leben, und es schien ein Tag über diesen Winkel der Erde, der nicht wie alle übrigen Tage war. Es waren Landsleute, die einander als Wirte und Gäste an diesem abgelegenen Orte, so fern vom eigentlichen Vaterlande, begegneten.

Der Gouverneur, Leutnant Rudokow, sorgte für alle Bedürfnisse des Schiffes, dessen Kupfer besonders schadhaft befunden ward. Er half uns mit den noch brauchbaren Kupferplatten der »Diana« aus, des Schiffes, das Golownin nach seiner Fahrt nach Japan als untauglich, die See zu halten, im hiesigen Hafen zurücklassen mußte. Der Kapitän zog ans Land, und es folgten aufeinander Gast- und Festmähler, wie sie nur in Kamtschatka zu beschaffen waren. Wir erfreuten uns in Kamtschatka der russischen Bäder. Es ist das Erste und vielleicht das Erquicklichste, was die russische Gastfreundschaft anzubieten weiß. Unsere Matrosen wußten sich selbst, wo es erwünscht war, ihr Badezelt einzurichten, und nur unter einem glücklicheren, wärmeren Himmel unterblieb es als entbehrlich.

Am 22. Juni ward auf dem »Rurik« ein Dankfest gefeiert und bei dem Gouverneur zu Abend gespeist. Sonntag den 23. ward nach der Kirche bei uns getafelt. Am 30. war Festmahl beim Kommandanten, wo beim Kanonendonner pokuliert wurde. – Der Wein war nicht eben der vorzüglichste, aber die Gäste, aus allen nur zeigbaren Russen bestehend, waren zahlreich; und nach englischer Sitte, die mehr oder minder überall beobachtet wird, wo salziges Wasser das Land bespült, wollte jeder mit jedem von uns ein Glas Wein trinken, welche Höflichkeit erwidert werden mußte, so daß der Gläser Weines sehr viele wurden. Nach Tische sollten wir das landesübliche Fuhrwerk kennenlernen und zu Schlitten mit Hundegespann auf grünem Rasen, weil schon der Schnee im Tale geschmolzen war, den Abhang des Hügels hinabfahren. Es konnte keiner von uns den Sitz behaupten, was allerdings einige Übung erfordert; abgeworfen, verkrochen wir uns in das Gebüsch, und jeder suchte einen stillen Platz, das Fest für sich allein zu beschließen.

Am 4. Juli speisten wir bei Herrn Clark, einem Amerikaner, der hier, wohin er verschlagen worden, neue Verhältnisse angeknüpft hat. Er hatte das Kap Hoorn nur einmal umfahren, war aber sechsmal, und zum letztenmal vor sechs Jahren, auf den Sandwich-Inseln gewesen. Ich habe die Nachrichten, die er mir von diesen Inseln gab, und das Bild, das er mir von denselben entwarf, vollkommen wahr und treu befunden. Ich sah zuerst bei Herrn Clark ein Bild, das ich seither oftmals auf amerikanischen Schiffen und, durch ihren Handel verbreitet, auf den Inseln und an den Küsten des Großen Ozeans wiedergesehen habe: das von chinesischer Hand zierlich auf Glas gemalte Porträt von Madame Récamier, der liebenswürdigen Freundin der Frau von Staël, bei der ich lange Zeit ihres vertrauten Umgangs mich erfreut. Wie ich hier dieses Bild betrachtete, schien mir unsre ganze Reise eine lustige Anekdote zu sein, nur manchmal langweilig erzählt, und weiter nichts.

Am 11. Juli war das Kirchenfest von Sankt Peter und Paul. Wir steuerten zu einer Kollekte bei, die für den Bau einer Kirche gesammelt wurde. Der erste Beamte der Russisch-Amerikanischen Kompanie bewirtete uns an diesem Tage.

Am 12. ward das Fest von Gleb Simonowitsch bei uns gefeiert und besonders von den Matrosen mit ausgelassener Freudigkeit begangen, denn Gleb Simonowitsch war allgemein geliebt. Dieses Fest gibt mir Veranlassung, über eine russische Sitte zu berichten, die bei der strengen Mannszucht und der unbedingten Unterwürfigkeit des Untergebenen gegen seinen Vorgesetzten seltsam erscheinen dürfte. Aber mir scheint der gemeine Russe sich gegen seinen Herrn, gleichviel ob Kapitän, Herr oder Kaiser, in ein mehr kindliches als bloß knechtisches Verhältnis zu stellen, und unterwirft er sich der Rute, so behauptet er auch seine Kindesfreiheiten. Die Matrosen ergriffen zuerst Otto Astawitsch, und in zwei Reihen gestellt, welche Front gegeneinander machten und sich bei den Händen anfaßten, ließen sie ihn schonungslos über ihre Arme schwimmen; eine Art des Prellens, die unter uns für keine Ehren- oder Freundschaftsbezeugung gelten würde. Nach Otto Astawitsch kam Gleb Simonowitsch an die Reihe und nach diesem wir alle, sowie sie unser habhaft werden konnten. Die am höchsten in ihrer Gunst standen, wurden am höchsten geschnellt und am unbarmherzigsten behandelt. Ich erfuhr nachher, daß solches Tun ein Gegengeschenk verdiene, welches der Geprellte an die prellende Mannschaft zu entrichten pflege.

Am 13. waren wir segelfertig, aber die erwartete Post aus Sankt Petersburg war nicht angekommen, und wir mußten unserer getäuschten Hoffnung bis zu der Rückkehr nach Kamtschatka, die uns auf den Herbst 1817 verheißen war, Geduld gebieten. – Auch von dieser Hoffnung wurden wir enttäuscht. Wir haben während dieser drei Jahre keine direkt an uns gerichtete Nachricht von der Heimat und keine Briefe von unsern Angehörigen erhalten. Ich hätte vielleicht, wenn mich die Sehnsucht nach der Post nicht hier gebannt gehalten, eine Exkursion in das Innere unternommen; dazu war es jedoch noch zu früh, da in diesem Jahre der Winter nicht weichen zu wollen schien. Schnee lag noch um Sankt Peter und Paul, als wir ankamen, und jetzt erst begann der Frühling zu blühen. Wie ich von hier aus in die Heimat schrieb, auf das Papier die toten Buchstaben fallen ließ, die kein Widerhall waren und keinen Widerhall gaben, schnürte ein peinliches Gefühl das Herz mir zu.

Ich muß einiges nachholen. Bücher, so von Berings Zeiten her Reisende hier oder in Hintersibirien zurückgelassen, haben sich in Sankt Peter und Paul zu einer Bibliothek angesammelt, in welcher wir verwundert und erfreut Werke fanden, deren Mangel wir schmerzlich empfunden hatten. Bosc konnte uns für das so reizende Studium der Seegewürme zu einem Leitfaden dienen, dessen wir ganz entbehrten; und wie erwünscht uns im Norden Pallas' »Reisen« und Gmelins »Flora sibirica« sein mochten, brauche ich nicht erst zu sagen. Dem Herrn Gouverneur schien es die natürlichste Bestimmung dieser Bücher zu sein, bei einer wissenschaftlichen Expedition wie die unsrige gebraucht zu werden, und er ließ mich aus der Bibliothek die Werke, die ich begehrte, nehmen, unter der heilig von mir erfüllten Bedingung, sie nach der Heimkehr der Petersburger Akademie zurückzustellen. In dieser Bibliothek waren auch unter anderen etliche von Julius Klaproth einst an der chinesischen Grenze zurückgelassene Bücher, die mit seinem chinesischen Siegel, dem Spruch von Konfuzius: »Die Gelehrten sind das Licht der Finsternis«, gestempelt waren. Dieses selbe Siegel, das besaß ich; ein Geschenk von Julius Klaproth im Jahre 1804 oder 1805, wo ich in Berlin vertraulich mit ihm lebte und von ihm Chinesisch lernen wollte. Ich hatte dieses Siegel zufällig auf diese Reise mitgenommen; ich hatte es bei mir und hätte, es vorweisend, die Bücher als mein Eigentum ansprechen können.

Von einem Naturforscher und Sammler, von Redowsky, der in diesem Winkel der Erde ein unglückliches Ende nahm, rührten ein paar kleine Kisten her, die getrocknete Pflanzen und Löschpapier enthielten und womit Herr Rudokow mir ein Geschenk machte. Auch das Papier war mir sehr erwünscht. Wie karg benutzte ich damals jedes Schnitzel; unsere Transparentgemälde aus Chile verbrauchte ich zu Samenkapseln, und ich finde in einem aus Sankt Peter und Paul geschriebenen Briefe von mir dankbarlichst eines Bundes Fidibus erwähnt, das mir die Kinder eines Freundes in Kopenhagen geschenkt, als ich im Begriffe war, zu Schiffe zu steigen.

Ich hatte mir in England eine gute Doppelflinte angeschafft. Der Kapitän selbst hatte uns damals die Weisung gegeben, uns mit Waffen zu versorgen. Ich hatte sie auf der Reise sehr wenig gebraucht, doch war ein Schloß nicht in gutem Stande, und sie war schmutzig, weil ich der Gerätschaften entblößt war, ein Gewehr instand und rein zu erhalten. Es borgte sie in Sankt Peter und Paul jemand von mir, und ich war dessen unmaßen froh, erwartend, es würde ihr nun ihr Recht geschehen und sie würde wie neu aussehen, wann sie in meine Hände wieder käme. Darin hatte ich mich nun geirrt; ich bekam sie ungeputzt zurück, und die Not war größer als zuvor. Der Gouverneur hatte meine Flinte gesehen und wünschte sie zu besitzen; er beauftragte den Kapitän, mit mir über den Preis, den ich darauf setzen wollte, zu unterhandeln. Nachdem ich mich vergewissert, daß Herr von Kotzebue, der sich Herrn Rudokow gefällig zu erweisen trachtete, selber wünschte, den Handel zustande zu bringen, sagte ich zu ihm, daß, insofern die Flinte, wie er anzunehmen scheine, mir als Notwehrwaffe entbehrlich sei, ich sie gern Herrn Rudokow überlassen wollte; ich wisse aber nicht, sie in Geld abzuschätzen, und sei auch kein Handelsmann. Er möge nur die Tiere und Vögel, die er damit bis zur Zeit unserer Rückkunft schießen würde, von seinen Leuten ausbalgen lassen und mir die Häute verwahren; das solle der Preis sein. Diese Wendung des Handels schien allen Teilen gleich erfreulich und würde auch den Berliner Museen trefflich zustatten gekommen sein, wenn wir nicht unterlassen hätten, nach Kamtschatka zurückzukehren.

Der Leutnant Wormskiold blieb in Sankt Peter und Paul. Er wollte sein am Bord des »Rurik« nach den Instrumenten der Expedition geführtes meteorologisches Journal nur unter Bedingungen mitteilen, auf die sich Herr von Kotzebue nicht einlassen mochte. Dieser, zu dessen Verfügung ich für den eingetroffenen Fall meine Barschaft gestellt hatte, gab mir, ohne von jener Gebrauch gemacht zu haben, mein Wort zurück. Auch der kranke Leutnant Sacharin mußte, obgleich ungern, hier von der Expedition scheiden. Wir drückten uns herzlich die Hände. Er hätte wirklich nicht unternehmen sollen, was auszuführen er körperlich nicht imstande war; denn der Dienst des Seeoffiziers hat Beschwerden, denen der Passagier fremd bleibt.

Unsern lustigen Gesellen, den Affen, schenkte der Kapitän dem Gouverneur. Man möchte meinen, wenn Affen, wie auf Schiffen geschieht, auf vertraulichem Fuße mit den Menschen leben, daß sie, geschickt, neu und wißbegierig, wie sie sind, es weit in der Bildung bringen könnten, wenn sie nur hätten, was zu einem Gelehrten gehört und was ihnen die Natur vorenthalten hat: Sitzfleisch. Sie haben keine Geduld. Das alles gilt vielleicht mehr noch von den ostindischen Affen, die wir später an Bord nahmen, als von diesem Brasilianer.

Der Kapitän erhielt zur Verstärkung der Mannschaft des »Rurik« sechs Matrosen von dem hiesigen Kommando und einen Aleuten von der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie. Dieser war ein vielerfahrener, sehr verständiger Mann. – Diese sieben Mann sollte Herr von Kotzebue bei seiner Rückkunft in Kamtschatka im andern Jahre wieder abgeben. Er nahm außerdem eine Baidare an Bord, die er hier verfertigen lassen: ein offenes, flaches Boot, das aus einem leicht gezimmerten, mit Robbenhäuten überzogenen hölzernen Gerippe besteht und beim Übernachten auf dem Lande als Zelt oder Schutzwehr gegen den Wind gebraucht wird.

Wir alle hatten uns mit Parken versehen, und mehrere hatten sich Bärenhäute zum Lager angeschafft. Die Parke ist das gewöhnliche Pelzkleid dieser Nordvölker, ein langes, aus Rentierfell verfertigtes Hemd ohne Schlitzen, mit daran hängender Haube oder Kapuze. Manche sind zwiefältig mit Rauchwerk nach innen und außen.

Wir verließen am 14. Juli 1816 den Hafen von Sankt Peter und Paul und konnten erst am 17. aus der Bucht von Awatscha auslaufen.

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